02.11.1992

Stalin erhob sein Glas

zum Toast, in Teheran 1943. Gerade hatte er eine Fälscher-Kommission beauftragt, den vom Politbüro befohlenen Massenmord in Katyn an polnischen Offizieren den Deutschen anzulasten. Nun empfahl er seinen Gästen Roosevelt und Churchill, nach dem Sieg "sollten 50 000 deutsche Offiziere und Spezialisten zusammengetrieben und erschossen werden".
Churchill war bestürzt, Roosevelt witzelte: "Nur 49 000." Doch Stalin machte Ernst. Aus dem Millionenheer deutscher Kriegsgefangener ließ er bis zu 50 000 "Kriegsverbrecher" aussortieren - nicht nur wegen persönlicher Schuld, sondern vor allem kraft Zugehörigkeit zur SS, Feldgendarmerie oder Einheiten, die gegen Partisanen gekämpft hatten.
Die meisten wurden von Scheingerichten zum Tode oder zu bis zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Selbst die Zugehörigkeit zum "Nationalkomitee Freies Deutschland", den Antifaschisten im Gefangenenlager, war kein Freibrief: Der Vizepräsident des Komitees, General Walther von Seydlitz, wurde zum Tode verurteilt, dann zu 25 Jahren Lagerhaft begnadigt.
Es gab sogar zehn Schauprozesse, an denen oft auch ausländische Korrespondenten aus Moskau teilnahmen - nur die Geständnisse, nicht die Widerrufe wurden übersetzt: den ersten im September 1943 in Mariupol am Asowschen Meer (vier Todesurteile), dann gegen einen Major, einen SS-Untersturmführer und einen Polizeiwachtmeister in Charkow 1943, gegen zehn Mann eines Wachbataillons (wegen Gefangenenmißhandlung) in Smolensk, gegen 15 Angeklagte in Kiew 1945. Nach dem Krieg ging es weiter in Minsk, Leningrad, Riga, Brjansk, Nikolajew, Welikije Luki.
85 Angeklagte, meist Offiziere - 18 Generäle darunter -, starben am Tag nach dem Urteil auf einem zentralen Platz vor Zehntausenden, per Plakat eingeladenen Zuschauern am Galgen. Die Leichen blieben zur Abschreckung wochenlang hängen. Filmaufnahmen sowjetischer Kameraleute von Prozeß und Exekution hat der Berliner Zeithistoriker Bengt von zur Mühlen ("Chronos-Film") in Moskauer Archiven gefunden.
In den Prozessen von Leningrad (acht Todesurteile) und Smolensk (sieben) wurden die deutschen Angeklagten auch unter dem Vorwurf verurteilt, das Katyn-Massaker begangen zu haben. In Leningrad war der Angeklagte Arno Dührer zu der Aussage gebracht worden, im Wald von Katyn seien 15 000 bis 20 000 Russen, Juden und polnische Offiziere erschossen und begraben worden; er kam mit einer Lagerstrafe davon. Der russische Militärstaatsanwalt Anissimow ermittelte jetzt aus den alten Prozeßakten, einer der Verurteilten - wohl Dührer - habe Tribunal und Lager überstanden, er lebe heute in Deutschland.
Die Prozeßserie endete 1946, als russische Rache nicht mehr opportun war, und wurde 1949 wieder aufgenommen.

DER SPIEGEL 45/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Stalin erhob sein Glas

  • Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg
  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen