02.11.1992

ModeFrau ohne Gnade

Eine neue Chanel-Biographie zeigt die Modeschöpferin als geschickte Karrierefrau.
Die Taille eingeschnürt, den Hintern rausgewuchtet, die Brüste ausladend hochkorsettiert - ziemlich hühnerhaft tippelten die "grandes horizontales", wie die nichtehelichen Beischläferinnen der Bonvivants zu Zeiten der Belle Epoque genannt wurden, auf dem Rennplatz von Pau umher.
Ganz anders die schmale Mademoiselle mit dem dünnlippigen Mund, die in einem strengen, sichtlich selbstgeschneiderten Kostüm zwischen zwei befreundeten Männern stand: Der eine war Etienne Balsan, ein wohlhabender, pferdenärrischer Franzose, der sie seit ihrer Mädchenblüte aushielt; der andere Arthur Capel, ein englischer Bergwerksbesitzer, der sie ernst nahm.
Sein Charme, beider Schicksal: Mit einer Gewißheit, die keinen Widerspruch duldete, erwartete die 27jährige Putzmacherin den Engländer wenige Tage später am Bahnhof von Pau. Im Schlafwagen nach Paris bekam Capel eine neue Geliebte; die Dame wiederum erhielt die Bürgschaft für einen Banckredit, der ihr die Eröffnung eines Salons in Paris ermöglichte. "Ich habe damals mein Modehaus nur begründen können", so pflegte Gabrielle Bonheur Chanel viele Jahre später zu kokettieren, "weil zwei Männer hinter mir her waren."
Mit welchem Geschick sich die Chanel, 1883 unehelich und im Armenhaus geboren, die Männer nützlich machte, beschreibt der amerikanische Biograph Axel Madsen, dessen "Geschichte einer emanzipierten Frau" jetzt in Deutschland erschienen ist**.
Es ist die erste Chanel-Biographie, die Coco nicht nur als Hohepriesterin der Mode zeigt, sondern auch als skrupellose Karriere-Frau: erbarmungslos in ihrer Art, sich die Männer hörig zu machen; intrigant bis zur Vernichtung des ** Axel Madsen: "Chanel: Die _(Geschichte einer emanzipierten Frau". ) _(Kabel Verlag, Hamburg; 448 Seiten; 68 ) _(Mark. * 1926 als Heurtebise in "Orphee". ) Gegners, wenn sich ihr jemand in den Weg nach oben stellte; dann wieder mitfühlend und großzügig wie etwa gegenüber einigen abgestoßenen Liebhabern, die sie bis zu deren Tod finanziell unterstützte.
Als die kleine Gabrielle, die bis dahin ihrer Mutter beim Straßenverkauf von Wein und Kurzwaren geholfen hatte, mit zwölf Jahren ins Waisenhaus eines Klosters kam, war sie völlig verwahrlost. Die Nonnen hatten schon zu Abend gegessen und boten ihr zwei schnell gekochte Eier an. Doch obwohl das junge Mädchen vor Hunger kaum stehen konnte, schüttelte es nur den Kopf und zeterte: "Merde, ich mag keine Eier."
Mit 19 Jahren verkaufte sie Fischbeinkorsetts und Strumpfbänder im Garnisonsstädtchen Moulins. Abends, wenn die Leutnants in ihren scharlachroten Uniformen vom Ausritt zurückkamen, wartete sie häufig vor den Stallungen - vergebens: Ihre Schlankheit war wenig gefragt, die Kavaliere liebten das Üppige.
Aber sie ließ nicht locker. Es zog Gabrielle dorthin, wo zur Zeit der Jahrhundertwende Hoffnungen die mangelnde Mitgift ersetzten: in die "Rotonde", den Tingeltangel von Moulins. Dort sang sie mit dünner Stimme das Liedchen vom verlorenen Hündchen: "Wer hat Coco gesehen?" Seitdem war Gabrielle für das Publikum "la petite Coco".
Mit dem Industriellensohn Etienne Balsan kam die Wende. Der war fasziniert von der schlagfertigen Chanteuse, sie war angetan von seinem Geld und vor allem von Royallieu, seinem Schloß. Etienne wurde ihr erster Mann und sie umgehend schwanger von ihm. Die feine Provinzgesellschaft tuschelte von einer sehr komplizierten Abtreibung.
Von Etienne lernte Coco, wie man Melone in Riesling auf Eis ißt, wie man die Hand zum Kuß reicht und mit den Ränken der Gesellschaft umgeht. Durch ihn wurde sie mit Arthur ("Boy") Capel bekannt, der im Gegensatz zu seinem Freund Etienne mehr Zeit darauf verwendete, ein Vermögen zu verdienen, als es zu verschwenden. "Verdammt noch mal", pflegte er ihr während der morgendlichen Ausritte zu sagen, "du hast das Zeug zu einer Geschäftsfrau."
Sie hatte es. Alle Modesalons blieben während des Ersten Weltkrieges geschlossen - nur nicht der, den sich Coco in Paris eingerichtet hatte. Sie kaufte ballenweise Baumwolljersey und nähte daraus, was später die Welt der Mode revolutionieren sollte: schlichte geradlinige Kleider ohne Rüschen und dem damals allgegenwärtigen Korsett. Damals erfand sie das Sportkostüm und das kleine Schwarze, das Trägerkleid und die sogenannte A-Linie. Ihre Mode der ausgeklügelten Einfachheit, so befand Picasso, "ist die Armut des Luxus".
Nach dem Krieg hatte Coco Chanel es geschafft. Sie mietete sich Haus Nummer 25 in der Rue Cambon, die Häuser 27 bis 31 kamen im Laufe der Jahre hinzu. Coco fuhr nun einen blauen Rolls-Royce, rauchte öffentlich Zigaretten, am liebsten schwarze Gauloises, und machte sich die Männer der Boheme untertan: Dem Dramatiker Jean Cocteau bezahlte sie die Opiumentzüge, dem Ballettdirektor Serge Diaghilew schenkte sie Geld, der Komponist Igor Strawinski mußte ihren Hund ausführen.
Daneben gab es in Cocos Liebesreigen unter anderen den Künstler Paul Iribe, dem auf dem Tennisplatz hinter ihrer Villa das Herz stehenblieb; den Dichter Pierre Reverdy, der vor Coco ins Kloster floh; sowie immer mal wieder zwischendurch den unermüdlichen Arthur Capel, der dem Ganzen schließlich ein Ende machte, indem er mit seinem Auto gegen einen Felsen fuhr. "Sie ist", grämte sich elegisch der Regisseur Luchino Visconti, "eine schöne Frau ohne Gnade."
Für ein Stück von Cocteau, der zwar schwul, aber dennoch wie viele Männer der Chanel verfallen war, stattete Coco die Darsteller mit ihren Bademodellen aus. Der Herzog von Westminster, einer der reichsten Männer Englands, wollte sie daraufhin kennenlernen - und er lernte sie kennen: Als er ihr kurze Zeit später während einer gemeinsamen Mittelmeerkreuzfahrt ein sündhaft teures Halsgeschmeide schenkte, warf sie es in einer Zornesaufwallung über Bord. Doch der Herzog, der morgens grünen Chartreuse trank und sich von seinem Diener die Schnürsenkel bügeln ließ, war einer der wenigen Männer, die Coco Chanel wirklich geliebt hat.
Als er sich von ihr einen Stammhalter wünschte, exerzierte die mittlerweile 41jährige all die ausgefallenen Stellungen, die eine Hebamme ihr als besonders empfängnisfördernd beschrieben hatte. Doch trotz der "demütigenden Gymnastik", wie Coco das gemeinsame Bemühen nannte, blieb die erhoffte Schwangerschaft aus. Nach jahrelangem vergeblichem Bemühen reiste der Herzog zurück nach England und heiratete eine Jüngere.
Coco zog ins Ritz, auf dessen Dach schon bald die Hakenkreuzfahne wehte. Vor dem Salonkamin, bei frischem Kastanienpüree und einem Fingerhütchen Wodka, traf die Modemillionärin einen blonden, blendend aussehenden Mann, der ihr gefiel. Coco lächelte den sichtlich jüngeren Mann an, worauf dieser sagte: "Nennen Sie mich Spatz." Hans Günther von Dincklage, seit 1928 als zwielichtiger Diplomat in Paris, war dem SS-Obersturmbandführer Walter Schellenberg zugeordnet und hatte sich mit der Kontrolle der französischen Textilindustrie zu befassen.
Coco und er, inzwischen ein Liebespaar, kamen Ende 1943 auf die skurrile Idee, Winston Churchill in der britischen Botschaft in Madrid zu treffen, um ihm mitzuteilen, das deutsche Oberkommando sei zu geheimen Gesprächen mit den westlichen Alliierten bereit, notfalls ohne Hitler. Mit einem deutschen Paß fuhr Coco nach Spanien, doch das so sorgsam geplante "Unternehmen Modellhut" scheiterte, weil Churchill nie erfuhr, daß eine Modeschöpferin das Abendland retten wollte.
Während des Krieges war das Haus Chanel geschlossen. Ihren Wiederaufstieg danach verdankt Coco Chanel dem schlechten Geschmack der jungen Baronesse Marie-Helene Rothschild, die Coco Chanel 1953 ihr neuestes Ballkleid vorführte. "Wie schrecklich", stöhnte die Chanel, riß den Vorhang aus tiefrotem Taft herunter und improvisierte aus dem Fetzen ein Ersatzkleid - worauf die Baronesse auf dem Ball fortwährend gefragt wurde, woher sie denn diese wunderbare Robe habe.
Am 5. Februar 1954 war es dann soweit: Coco Chanel zeigte, nach 15jähriger Pause, wieder eine Kollektion. Die Kritiker waren enttäuscht, da ihre Linie unverändert elegant und schlicht war. Doch die weibliche Kundschaft blieb begeistert.
Im Alter blieb sie zunehmend allein, nachts mußte ein Mann neben ihr sitzen und ihren Schlaf bewachen. Der letzte, der für diesen Dienst bezahlt wurde, kauerte am Abend des 10. Januar 1971 auf dem Stuhl neben ihrem Bett, als er die Chanel beim Einschlafen sagen hörte: "Sehen Sie, so ist das, wenn man stirbt."
** Axel Madsen: "Chanel: Die Geschichte einer emanzipierten Frau". Kabel Verlag, Hamburg; 448 Seiten; 68 Mark. * 1926 als Heurtebise in "Orphee".

DER SPIEGEL 45/1992
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