26.04.1993

TheaterSpiel ohne Grenzen

Der Kino-Provokateur Christoph Schlingensief versucht sich erstmals auf dem Theater: In Berlin präsentiert er sein grelles Zerrbild „100 Jahre CDU“.
Auf den Mann kann man sich blind verlassen. Im deutschen Film ist er der Provokateur vom Dienst, der Elefant terrible mit der Handkamera: blutrünstig, blasphemisch, barbarisch.
Mit Filmen wie "Terror 2000", "100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker" und "Das deutsche Kettensägenmassaker" ist es Christoph Schlingensief, 32, dem adretten Apothekersohn aus Oberhausen, immerhin gelungen, die Cineasten endlich wieder in zwei Lager zu spalten: Die einen halten ihn für ein Genie des Grauens, den anderen ist er bloß ein Graus. Dem breiten Kinopublikum allerdings ist er egal.
Jetzt hat der Kettensäger von der Ruhr sein künstlerisches Kahlschlag-Terrain erweitert. An der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hatte am vergangenen Freitag seine erste, im voraus zum Skandalon aufgepustete Theaterarbeit Premiere: "100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen".
Und wieder sind sie da, die Geister, die Schlingensief nie rief und trotzdem nicht los wird: die katholische Kirche, die verblödende TV-Banalität, das Elend deutscher Diktaturen, Spießers Betroffenheitsgelaber, schäbige Politik, schmierige Pornographie - und die deutsche Filmförderung. Überall ist Krieg, und Schlingensief schaut hin.
Mit beängstigender Perfektion erbricht Schlingensief das Bildmaterial seiner Obsessionen - ein präzise choreographiertes Chaos für Kulinariker des Ekels. Wirklichkeit als Vomitiv.
Die gnadenlose Abrechnung mit einer nicht mehr faßbaren Welt ist auf der Bühne als perfide Game-Show getarnt, die sich unverzüglich in ein Inferno aus Gewalt und Leidenschaft verwandelt. Ein just aus Bosnien eingeflogener Nato-General (Alfred Edel) wettet beispielsweise, in zehn Minuten einen "Judenstern" auf die Schaufensterscheibe eines türkischen Gemüsehändlers malen zu können. Zwei Kandidaten aus Mölln, deren Haus abgebrannt ist, besingen ein "Herz für Kinder", und der Gekreuzigte schwebt als Skelett vom Bühnenboden.
Das ist in einem durch Reality-TV abgestumpften Gemeinwesen leicht als nachgeholte Pubertät abzubuchen. Doch was sich Schlingensief mit dem Herrn Bundespräsidenten "aus dem Schlößchen Bellevue" und dessen Heimat-Partei erlaubt, stellt Staatsoberhaupt und CDU auf eine harte Probe.
In der beklemmend echten Maske des guten Mannes von Rhein und Spree marschiert der Schauspieler Joachim Tomaschewsky auf die Bühne, einen deutschen Schäferhund an der Leine und Knobelbecher an den Füßen. Der weißhaarige Epauletten-Träger faselt von "der Würde des Menschen", lädt einen _(* Mit Irmgard von Berswordt-Wallrabe, ) _(Alfred Edel, Miklos Königer, Karin ) _(Ugowski, Charlotte Siebenrock. ) verlogenen Bischof (katholisch), einen Pastor und Pornographen (evangelisch) zu Tische und stimmt ein Schlagerliedchen an.
Am Ende des gottlob nur gut einstündigen Alptraums läßt Schlingensief auf der Filmleinwand, seiner zweiten Spielfläche, den gelben Davidstern auf der Schaufensterscheibe mit den drei Buchstaben CDU übermalen. Ein weites Feld für Assoziationen, womöglich gar für Advokaten.
Von Wolfgang Schäubles geplantem Spiel-Auftritt hingegen blieben nur ein leerer Rollstuhl und ein - inzwischen gestrichenes - Textzitat in der aktuellen Programmvorschau: "Ich habe nichts dagegen, wenn Richard einen dicken fetten Türkenschwanz zum Erguß bringt, aber daß er das hier in der Kantine macht, finde ich geschmacklos und eine billige Provokation aus den Siebzigern."
Doch daß es nichts mehr zu provozieren gibt und Geschmack nur noch ein Argument der Werbung für genmanipulierte Lebensmittel ist, hat auch Schlingensief eingesehen. Er will statt dessen nur "Bilder machen" und "die Dinge aufeinanderprallen" lassen, verzerrte Bilder aus "der Welt, in der wir leben". Theater als Wiederaufarbeitungsanlage der Wirklichkeit, kühl kalkulierte Kernschmelze inklusive. Argumente, gar Debatten gibt es nicht. Denn der ehemalige Meßdiener mit der "glücklichen Jugend" sieht sich ja als "Moralist".
Seine brutalen Kunst-Bilder vom Elend der Welt und Zerfall aller Werte nutzen sich genauso ab wie die Bilder im Fernsehen, die er unverdrossen bekämpft.
Wirklich bedrohlich kann Schlingensiefs Bilder-Bataille eigentlich nur für die Volksbühne selbst werden. Für sie käme Ärger mit der CDU im Moment höchst ungelegen. Weil Intendant Frank Castorf bis an den Rand seiner Kraft Stück um Stück inszeniert und deshalb - zur eigenen Entlastung und weil es so schön stimmig wäre - den abwanderungswilligen Bremer Tanztheaterchef Johann Kresnik samt Truppe engagieren will, braucht er die Unterstützung der Berliner CDU.
So hofft das Haus, daß die Christdemokraten nicht so einfältig sind, die Invektiven eines wildgewordenen Herrn Schlingensief ernst zu nehmen.
Joachim Kronsbein
* Mit Irmgard von Berswordt-Wallrabe, Alfred Edel, Miklos Königer, Karin Ugowski, Charlotte Siebenrock.

DER SPIEGEL 17/1993
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