17.08.1992

ÖsterreichFröhliche Fux-Jagd

Eine Stadt zerstört sich. Der Mann, der dagegen ankämpft, wird verleumdet: Salzburger Sommertheater.
Nur in Superlativen rühmten Bewunderer seit jeher die Stadt. Als "die schönste der Erde" neben Neapel und Konstantinopel pries der Weltenbummler des 19. Jahrhunderts, Alexander von Humboldt, Salzburg und seine Umgebung.
Franz Schubert schwärmte von einem "himmlischen Thal". "Wenn du einmal Salzburg kennst, werden es andere Städte schwer haben mit dir!", urteilte der Wiener Kritikerpapst Hans Weigel über den Festspielort. Und Hugo von Hofmannsthal befand schlicht: "Die Schönheit dieser Stadt steht unantastbar da."
Denkste, ärgert sich ein zorniger Bürger, der die vielgepriesene Idylle für "eine der am schlimmsten verbauten Gegenden der Welt" hält. Herbert Fux, 65, Schauspieler und traditionelles Enfant terrible der Mozartstadt, wehrt sich an der Spitze einer grünen Bürgerliste dagegen, daß "ein europäisches Juwel wie in einem Drittweltland zerstört und vermarktet" wird, seine Bewohner zu "Alpennegern" degradiert werden.
Fux sieht den schlimmsten Feind seiner Heimat in einer "überdimensionierten und übermächtigen Baumafia", die wie ein Moloch die Salzach-Metropole verschlingt, beim "Ausbeinen" der Altstadt nur die Fassaden als "Potemkinsches Dorf für die depperten Touristen" stehenläßt. Die Salzburger, so der fanatische Altstadtverteidiger, zerstörten mutwillig selbst das, wovon sie leben.
In seinem Kampf um Salzburg will Fux, wie er sich selbst rühmt, schon "drei Bürgermeister, einen Landtagspräsidenten und einen SPÖ-Chef" geschafft haben - was Wunder, daß dem Störenfried gedroht wurde, er werde "die Macht noch kennenlernen".
Schon 1983, als der Film-Bösewicht erstmals auf einer Grünen-Liste fürs Wiener Parlament kandidierte, machte die Zeitschrift Basta den Kandidaten als rüden Weiberhelden nieder, der angeblich damit geprahlt hätte, schon "5000 Hasen" geschossen zu haben, "oba jetzt buder i nur mehr drei Hasen pro Tag, weil i mi auf die Politik einlassen hab'".
Die Geschichte war erfunden, das Blatt wurde verurteilt, aber der Kandidat war erledigt, und die Grünen kamen erst einmal nicht ins Parlament. Fux wollte danach "nie mehr" etwas mit Politik zu tun haben, wurde 1986 aber doch noch Abgeordneter und machte vor allem im heimatlichen Salzburg weiter, wo seine Bürgerliste vier Sitze im Gemeinderat besetzt.
Für die Neuwahl im Oktober standen die Chancen der Bürgerliste und ihres Spitzenkandidaten, der mit einem Bekanntheitsgrad von 86 Prozent den des Bürgermeisters übertrifft, noch besser. Umfragen sagten einen zweiten Platz nach den Sozialdemokraten voraus.
Da platzte in die Augustschwüle der Festspielstadt eine neue Stinkbombe gegen den lästigen Stänkerer. Fux, polterte ein Funktionär der in Salzburg heillos zerstrittenen und deshalb in der Wählergunst abdriftenden rechten FPÖ, sei für ein öffentliches Amt untragbar: Der Mime habe in einem "Pornofilm mit Kindern" mitgespielt. Die FPÖ werde alle rechtlichen Mittel nutzen, um dem Unhold das Handwerk zu legen.
Der Politiker bezog sich auf Vorabinformationen aus einer Geschichte, die dann in der Zeitgeist-Postille Wiener über "Die Jugendsünde des Grünen Fux" erschien. Demnach sei der Wiener im "Besitz eines Pornofilms, in dem Herbert Fux einen mehr als brutalen Zuhälter verkörpert. Damit nicht genug. Wesentlicher Bestandteil der Handlung sind ein Mädchen und ein Bub, beide minderjährig, die einem Lüstling ihren Körper verkaufen".
Obwohl Darsteller in "dem widerlichen Pornostreifen", habe Fux auf Anfrage Kinderpornos als "Ungeheuerlichkeiten" bezeichnet, meinte die Zeitschrift den Politschauspieler als Heuchler entlarven zu können.
Fux war fassungslos, daß man ihn wieder einmal knapp vor einer Wahl mit einem Tritt in den Unterleib "fertigmachen" wollte. Er ließ den Wiener beschlagnahmen. Denn der Mitwirkende in "über hundert Filmen" zweifellos umstrittener Qualität war sich sicher, nie in einem Pornostreifen gespielt zu haben. Das angeführte Machwerk "Laß jucken Kumpel - Blasmusik im Hinterhof" des Regisseurs Franz Marischka aus dem Jahr 1974, "in dem ich eine kleine Rolle spielte, da ich zu dieser Zeit ein bekannter und gesuchter Bösewichtdarsteller des deutschen Films war", sei von der Freiwilligen Selbstkontrolle als unbedenklich freigegeben worden.
Des Rätsels Lösung: Der Film war mit zusätzlichen Sexszenen verschnitten zehn Jahre danach in den Videoverleih gebracht worden. Davon wußten aber weder Fux noch der Regisseur etwas, wie sie eidesstattlich versicherten - und der Wiener angeblich auch nicht.
Für Fux sind Kalkül der "Schmeißfliegen" und das politische Komplott dahinter klar, zumal Österreichs Exekutive bei der Beschlagnahme des Wiener so schlampig vorging, daß ein großer Teil der Hefte das Publikum erreichte. Schon vor Beginn des Wahlkampfs sei die Bürgerliste von politischen Gegnern gewarnt worden: "Paßt's nur auf, es passiert noch was." Die SPÖ-Abgeordnete Gabrielle Traxler forderte den Mimen auch noch nach Bekanntwerden der Filmmanipulation auf, er solle auf seine Kandidatur verzichten.
Denn in Salzburg ist die Betonierer-Fraktion zum Endspurt angetreten - vor allem im Hinblick auf den geplanten EG-Beitritt des Landes.
Ist Österreich erst im gemeinsamen Markt, wird Salzburg dank seiner "europäischen Naht- und Schnittstelle" zu einem Standort ersten Ranges, spekulieren seine Vermarkter.
Am Stadtrand, wo das einstige Barockjuwel ohnedies streckenweise schon aussieht wie das von sozialistischer Ödnis entstellte Minsk, schießen Zehntausende Quadratmeter Büroflächen und Gewerbebauten hoch. Ein "höllisches Airport Center" (Wiens Neue Kronen-Zeitung) entsteht, sogar eine superteure U-Bahn für die 144 000-Einwohner-Stadt ist im Gespräch, ebenso eine riesige Park-Gruft unter der Salzach.
"Die Kapazitäten der Baumafia sind mindest doppelt so groß wie für die Stadt nötig, daher müssen auf Teufel komm raus Milliardenaufträge her", so Fux, der sich und seinen Mitstreitern zugute hält, schon die Schlösser Leopoldskron und Hellbrunn gerettet, eine Stadtautobahn sowie weitere Abbrüche in der Altstadt verhindert zu haben.
Die Bürgerliste rief den Marburger Stadtplaner Diethelm Fichtner, einen international anerkannten Experten, zu Hilfe, der Salzburg in einem Gutachten zahlreiche Versäumnisse, eine "langjährige Zerstörung der Stadt und des Stadtraums" bescheinigte und "möglichst rasches" Handeln forderte.
Bis heute gibt es in Salzburg keinen gesamtverbindlichen Bebauungsplan, wird nach "Planungsvisiten" von Parzelle zu Parzelle entschieden - ein weites Feld für Spekulation und Korruption.
Baulöwen rühmen sich selbst ungeniert als "Spezialisten für Gesetzeslücken" - und haben dies auch schon drastisch bewiesen. Salzburg wurde bereits vor Jahren zur Stätte eines der größten Baubetrugsskandale der Alpenrepublik mit Milliardenschaden. Noch immer ist die Affäre juristisch nicht aufgearbeitet, die Täter wirken weiter munter bei der Stadtzerstörung mit.
Ihre Spekulationen führten dazu, daß Wohnungen in Salzburg für den Normalbürger nahezu unerschwinglich wurden. Zehntausende Einwohner wanderten ins Umland ab und drängen von dort täglich als Pendler in die längst am Verkehr erstickende Stadt. Anfang August mußten zum erstenmal alle Autos ohne Salzburger Nummer am Stadtrand abgewiesen werden.
In der Stadt selbst sind, so Fux, mehr als 30 Prozent der Wohnungen nur sporadisch belegte Zweitwohnsitze - einsamer Weltrekord. Der Dramatiker Thomas Bernhard urteilte einst: "Die Stadt ist von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftemachern und ihren Opfern."
Die Altstadt, knapp vier Prozent der bebauten Fläche von Salzburg, aber Hauptanziehungspunkt für die Masse der jährlich etwa zehn Millionen Touristen, wurde bis in die sechziger Jahre bedenkenlos zerstört.
Später, als nicht mehr abgerissen werden durfte, blieben meist nur die Fassaden stehen, hinter denen sich Warenhäuser oder Banken in großen Hallen mit Rolltreppen etablierten, aber auch eine McDonald's-Filiale inmitten der weltberühmten Getreidegasse, die dem Schriftsteller Peter Handke als "eine der schlimmsten Straßen der Welt" erschien.
Zwei ehemalige Bürgermeisterhäuser in der Straße waren so entkernt worden, daß sie einzustürzen drohten und nur mit Stahlbetonkorsetten gerettet werden konnten, auf denen nun gerade noch 20 Zentimeter Fassade kleben.
Die sogenannte Förderungspraxis für die Erhaltung der alten Bausubstanz führte laut Stadtplaner Fichtner zum genauen Gegenteil: "Spekulationen werden noch durch Geldmittel belohnt und im Extremfall stufenweise Abbrüche mit öffentlichen Mitteln gefördert."
Gegen all das wünscht sich Fux, der seit über anderthalb Jahrzehnten einen verbalradikalen Kampf um die Altstadt führt, in der er selbst wohnt, einen "Aufstand der Bürger", bislang vergebens.
Er hat nun seine Verleumder rundum verklagt, die weiter von einem "grausigen Film" voller "pornographischer Ekelhaftigkeit" tönten, will auch jenen Beamten an die Ärmelschoner, die eine Verbreitung der Schmähungen duldeten, hat einen offenen Brief an Kanzler Vranitzky geschrieben.
Aber in den Prozessen, die sich sicher bis über die Wahlen hinziehen werden, wird wohl weiter das Wort vom "Pornodarsteller" auftauchen, gegen den Salzburger FPÖ-Mannen schon "besorgte Mütter" mobilisiert haben.
Wie die Geschichte Fux gegen Salzburg - oder vielmehr für Salzburg, wie er es sieht - endet, ist noch offen. Schon einmal hatte Fux kundgetan, er sei es leid, sich für die "Dummheit der Salzburger" aufzuopfern.

DER SPIEGEL 34/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Österreich:
Fröhliche Fux-Jagd

  • Kokain: Lieblingsdroge der Leistungsgesellschaft
  • Texas: Polizeiauto wird von Frachtzug erfasst
  • Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?
  • Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor