17.08.1992

Im Fremden das Eigene hassen?

Auch nach einem guten Jahrhundert paläontologischer Forschung ist die Herkunft des Homo sapiens noch immer nicht zweifelsfrei geklärt. Man scheint sich aber darauf geeinigt zu haben, daß diese Spezies zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent aufgetreten ist und daß sie sich durch eine lange, in komplizierten und riskanten Schüben verlaufende Kette von Migrationen über den ganzen Planeten ausgebreitet hat. Seßhaftigkeit gehört nicht zu den genetisch fixierten Eigenschaften unserer Art; sie hat sich erst relativ spät ausgebildet, vermutlich im Zusammenhang mit der Erfindung des Ackerbaus. Unsere primäre Existenz ist die von Jägern, Sammlern und Hirten.
Aus dieser nomadischen Vergangenheit mögen sich gewisse atavistische Züge unseres Verhaltens erklären, die ansonsten rätselhaft anmuten, wie der Massentourismus oder die leidenschaftliche Liebe zum Automobil.
Im Mythos von Kain und Abel wird der Konflikt zwischen wandernden und seßhaften Stämmen faßbar. "Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann." Der territoriale Konflikt endet mit einem Mord. Die Pointe der Geschichte besteht darin, daß der Seßhafte, nachdem er den Nomaden getötet hat, seinerseits vertrieben wird: "Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden."
Die Geschichte der Menschheit läßt sich als Entfaltung dieser Parabel lesen. Über Jahrtausende hinweg bilden sich immer wieder stationäre Populationen. Aufs Ganze und auf die Dauer gesehen, bleiben sie jedoch die Ausnahme. Die Regel sind: Raub- und Eroberungszüge, Vertreibung und Exil, Sklavenhandel und Verschleppung, Kolonisation und Gefangenschaft.
Immer war ein erheblicher Teil der Menschheit in Bewegung, auf der Wanderung oder auf der Flucht, aus den verschiedensten Gründen, auf gewaltförmige oder friedliche Weise - eine Zirkulation, die zu fortwährenden Turbulenzen führen muß.
Zwei Passagiere in einem Eisenbahnabteil. Wir wissen nichts über ihre Vorgeschichte, ihre Herkunft oder ihr Ziel. Sie haben sich häuslich eingerichtet, Tischchen, Kleiderhaken, Gepäckablagen in Beschlag genommen. Auf den freien Sitzen liegen Zeitungen, Mäntel, Handtaschen herum. Die Tür öffnet sich, und zwei neue Reisende treten ein. Ihre Ankunft wird nicht begrüßt. Ein deutlicher Widerwille macht sich bemerkbar, zusammenzurücken, die freien Plätze zu räumen, den Stauraum über den Sitzen zu teilen. Dabei verhalten sich die ursprünglichen Fahrgäste, auch wenn sie einander gar nicht kennen, eigentümlich solidarisch. Sie treten, den neu Hinzukommenden gegenüber, als Gruppe auf. Es ist ihr Territorium, das zur Disposition steht. Jeden, der neu zusteigt, betrachten sie als Eindringling. Ihr Selbstverständnis ist das von Eingeborenen, die den ganzen Raum für sich in Anspruch nehmen. Diese Auffassung läßt sich rational nicht begründen. Um so tiefer scheint sie verwurzelt zu sein.
Dennoch kommt es so gut wie nie zu offenen Auseinandersetzungen. Das liegt daran, daß die Fahrgäste einem Regelsystem unterliegen, das nicht von ihnen abhängt. Ihr territorialer Instinkt wird einerseits durch den institutionellen Code der Bahn, andererseits durch ungeschriebene Verhaltensnormen wie die der Höflichkeit gebändigt. Also werden nur Blicke getauscht und Entschuldigungsformeln zwischen den Zähnen gemurmelt. Die neuen Fahrgäste werden geduldet. Man gewöhnt sich an sie. Doch bleiben sie, wenn auch in abnehmendem Grade, stigmatisiert.
Dieses harmlose Modell ist nicht frei von absurden Zügen. Das Eisenbahnabteil ist ein transitorischer Aufenthalt, ein Ort, der nur dem Ortswechsel dient. Die Fluktuation ist seine Bestimmung. Der Passagier ist die Negation des Seßhaften. Er hat ein reales Territorium gegen ein virtuelles eingetauscht. Trotzdem verteidigt er seine flüchtige Bleibe nicht ohne stille Erbitterung.
Nun öffnen zwei weitere Passagiere die Tür des Abteils. Von diesem Augenblick an verändert sich der Status der zuvor Eingetretenen. Eben noch waren sie Eindringlinge, Außenseiter; jetzt haben sie sich mit einem Mal in Eingeborene verwandelt. Sie gehören zum Clan der Seßhaften, der Abteilbesitzer und nehmen alle Privilegien für sich in Anspruch, von denen jene glauben, daß sie ihnen zustünden. Paradox wirkt dabei die Verteidigung eines "angestammten" Territoriums, das soeben erst besetzt wurde; bemerkenswert das Fehlen jeder Empathie mit den Neuankömmlingen, die mit denselben Widerständen zu kämpfen, dieselbe schwierige Initiation vor sich haben, der sich ihre Vorgänger unterziehen mußten; eigentümlich die rasche Vergeßlichkeit, mit der das eigene Herkommen verdeckt und verleugnet wird.
Ein Rettungsboot, das so viele Schiffbrüchige aufgenommen hat, daß seine Kapazitätsgrenze erreicht ist. Ringsum in stürmischer See schwimmen weitere Überlebende, denen der Untergang droht. Wie sollen sich die Insassen des Bootes verhalten? Die Hände des Nächsten, der sich an den Spülbord klammert, zurückstoßen oder abhacken? Das ist Mord. Ihn aufnehmen? Dann sinkt das Boot mit allen Überlebenden. Dieses Dilemma gehört zum Standard-Repertoire der Kasuistik. Den Moralphilosophen und allen andern, die darüber verhandeln, fällt der Umstand, daß sie auf dem Trockenen sitzen, gewöhnlich gar nicht weiter auf. Doch eben an diesem Als-ob scheitern alle abstrakten Überlegungen, gleichgültig, zu welchem Schluß sie kommen. An der Gemütlichkeit des Seminars wird der beste Vorsatz zuschanden, weil kein Mensch glaubhaft angeben kann, wie er sich im Ernstfall verhalten würde.
Die Parabel vom Rettungsboot erinnert an das Eisenbahn-Modell. Sie ist seine extreme Zuspitzung. Auch hier treten Reisende so auf, als wären sie Grundbesitzer, nur daß sich das angestammte Territorium, das sie verteidigen, in eine dahintreibende Nußschale verwandelt hat, und daß es nicht mehr um ein bißchen mehr Komfort, sondern um Leben und Tod geht.
Es ist natürlich kein Zufall, daß das Gleichnis vom Rettungsboot im politischen Diskurs über die Große Wanderung wieder auftaucht, und zwar in Form einer Tatsachenbehauptung: "Das Boot ist voll." Daß dieser Satz faktisch nicht zutrifft, ist noch das wenigste, was an ihm auszusetzen wäre. Ein Blick auf die Umgebung genügt, um ihn zu widerlegen. Das wissen auch alle, die ihn im Munde führen. Es kommt ihnen nicht auf seinen Wahrheitsgehalt an, sondern auf das Phantasma, das er ausdrückt, und das ist allerdings erstaunlich. Offenbar wähnen viele Westeuropäer, daß sie sich in Lebensgefahr befinden. Sie vergleichen ihre Lage mit der von Schiffbrüchigen. Die Metapher wird sozusagen auf den Kopf gestellt. Es sind die Eingesessenen, die sich einbilden, sie wären "boat people" auf der Flucht, Auswanderer vom Zwischendeck oder ausgehungerte Albaner auf einem überfüllten Geisterschiff. Die Seenot, die auf diese Weise halluziniert wird, soll vermutlich ein Verhalten rechtfertigen, das nur in extremen Situationen vorstellbar ist. Die abgehackten Hände aus der Parabel lassen grüßen.
Mit dem logischen Status von Wahnvorstellungen ist es so bestellt, daß zwei Phobien, die einander ausschließen, ohne weiteres in ein und demselben Gehirn Platz finden. So erklärt es sich, daß viele Anhänger des Rettungsboot-Modells zugleich von einem anderen Phantasma heimgesucht werden, das genau die umgekehrte Angst ausdrückt. Auch hier wird die Form einer Tatsachenbehauptung bevorzugt: "Die Deutschen (Franzosen, Schweden, Italiener usw.) sterben aus." Als schüttere Basis für solche Parolen müssen langfristige Extrapolationen der augenblicklichen Bevölkerungsentwicklung herhalten, obwohl sich solche Vorhersagen in der Vergangenheit immer wieder als falsch erwiesen haben. Das entsprechende Szenario malt die schrecklichen Folgen aus: Vergreisung, Dekadenz, Entvölkerung, nicht ohne besorgte Seitenblicke auf das Wirtschaftswachstum, das Steueraufkommen und das Rentensystem.
Panik verursacht somit die Vorstellung, es könnten auf ein und demselben Territorium gleichzeitig zu wenige und zu viele Menschen existieren - ein Leiden, für das ich die Bezeichnung "demographische Bulimie" vorschlagen möchte.
Deutschland bietet sich als Exempel an für ein Land, das seine heutige Population riesigen Wanderbewegungen verdankt. Seit den ältesten Zeiten ist es hier aus den verschiedensten Gründen zu einem fortwährenden Austausch von Bevölkerungsgruppen gekommen. Schon auf Grund ihrer geographischen Lage sind die Deutschen, ebenso wie die Österreicher, ein besonders bunt gemischtes Volk. Daß ausgerechnet hier Blut- und Rassenideologien zur politischen Herrschaft gelangt sind, läßt sich allenfalls kompensatorisch verstehen. Der Arier war nie etwas anderes als ein lächerliches Konstrukt. (Insofern unterscheidet sich der deutsche vom japanischen Rassismus, der sich auf die relativ hohe ethnische Homogenität der Inselbevölkerung beruft.) Ein flüchtiger Blick in den Geschichtsatlas, und man begreift, daß die Vorstellung, es gebe ein kompaktes deutsches Volk, höchst abwegig ist. Ihre Funktion kann nur darin bestehen, eine besonders fragile nationale Identität durch Fiktionen zu stützen.
Davon legt gerade die jüngste Geschichte des Landes Zeugnis ab. Der Zweite Weltkrieg hat die Deutschen in mehr als einem Sinn mobilisiert. Verglichen mit diesen katastrophalen Bewegungen wirken alle heutigen Turbulenzen harmlos. Nicht nur schwärmte der größte Teil der männlichen Bevölkerung bis zum Nordkap und bis in den Kaukasus aus (und in der Gefangenschaft bis nach Sibirien und Neuengland); nicht nur trieb der Faschismus wesentliche Teile der deutschen Eliten und die gesamte jüdische Bevölkerung in die Emigration und in den Tod; es wurden während des Krieges fast zehn Millionen Zwangsarbeiter aus ganz Europa nach Deutschland verschleppt, ein Drittel davon Frauen, so daß 30 Prozent aller Arbeitsplätze, in der Rüstung sogar über die Hälfte, von Ausländern besetzt waren.
Nach dem Krieg setzten weitere Migrationen großen Stils ein. Die Zahl der Flüchtlinge, die zwischen 1945 und 1950 aus dem Osten in die vier Besatzungszonen kamen, wird auf zwölf Millionen geschätzt; dazu kamen bis heute fast drei Millionen Um- und Aussiedler aus Osteuropa und der Sowjetunion, die als deutschstämmig galten. Aus der DDR gingen bis 1989 fünf Millionen in den Westen. Mitte der fünfziger Jahre begann die systematische Anwerbung von Arbeitsmigranten, der es in der Hauptsache zu verdanken ist, daß in Deutschland über fünf Millionen Ausländer ihren legalen Wohnsitz haben.
Das Asylrecht spielte bei diesen Wanderungsbewegungen bis in die achtziger Jahre hinein nur eine verschwindend geringe Rolle. Umgekehrt sind seit 1955 2,7 Millionen Deutsche ausgewandert, eine Tatsache, die in der politischen Diskussion bemerkenswerterweise mit Stillschweigen übergangen wird.
Es ist rätselhaft, daß eine Bevölkerung, die innerhalb ihrer eigenen Lebenszeit solche Erfahrungen gemacht hat, unter dem Wahn leiden kann, sie hätte es, angesichts heutiger Wanderungen, mit etwas noch nie Dagewesenem zu tun. Es ist, als wären die Deutschen einer Amnesie anheimgefallen, wie sie bei den Fahrgästen im Eisenbahn-Modell zu beobachten war. Selber zu einem erheblichen Teil Neuankömmlinge, pochen sie, kaum daß sie sich einen Platz gesichert haben, auf die Vorrechte jener, die schon ewig da waren. Die Folgen gehen über das widerwillige Platzrücken im Erster-Klasse-Abteil hinaus. Seit 1991 ist die Dimension der organisierten Menschenjagd erreicht.
Der Fremdenhaß - ein spezifisch deutsches Problem? Das wäre nicht zu häßlich, es wäre zu schön, um wahr zu sein. Die Lösung läge auf der Hand. Man bräuchte nur die Bundesrepublik zu isolieren, und der Rest der Welt könnte aufatmen. Es wäre leicht, auf einige Nachbarländer zu verweisen, die der Immigration mit erheblich rigoroseren Mitteln begegnen als die Deutschen und deren Aufnahmequoten weit unter den hiesigen liegen. Aber solche Vergleiche sind unfruchtbar. Natürlich ist die Xenophobie eine universelle Erscheinung. Auch die Irrationalität der Auseinandersetzung ist nicht spezifisch deutsch; das Thema scheint der Vernunft überall schwer zugänglich zu sein. Was ist also an den Deutschen so sonderbar? Warum zeichnet sich hier eine derart extreme Polarisierung ab?
Allein aus den historischen Schuldgefühlen der Deutschen, so wohl sie begründet sind, läßt sich das nicht erklären. Die Gründe reichen weiter zurück. Sie liegen im prekären Selbstverständnis dieser Nation. Es ist eine Tatsache, daß die Deutschen sich und einander nicht leiden können. Die Gefühle, die bei der deutschen Vereinigung zutage getreten sind, lassen daran keinen Zweifel. Wer sich selber nicht mag, dürfte sich aber mit der Fernstenliebe noch etwas schwerer tun als andere.
Das zeigt sich nicht nur an der Fremdenfeindschaft, die von der Leugnung offenkundiger Tatsachen ("Deutschland ist kein Einwanderungsland") bis zur Mobilisierung von Schlägerbanden ein trübes Kontinuum ausgebildet hat, sondern auch an ihrem Widerpart. Nirgends wird die universalistische Rhetorik höher geschätzt als hier. Die Verteidigung der Einwanderer tritt mit einem moralisierenden Gestus auf, der an Selbstgerechtigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Losungen wie "Ausländer, laßt uns nicht mit den Deutschen allein!" oder "Nie wieder Deutschland" zeugen von einer pharisäerhaften Umpolung. Das rassistische Klischee erscheint im Negativ.
Die Immigranten werden idealisiert, nach einem Schema, das an den Philosemitismus erinnert. Die Umkehrung des Vorurteils kann, weit genug getrieben, bis zur Diskriminierung der Mehrheit gehen. Der Selbsthaß wird auf die andern projiziert, etwa mit der lügenhaften Behauptung "Ich bin ein Ausländer", mit der sich zahlreiche Deutsche, die sich für prominent halten, hervorgetan haben.
Dabei kommt es zu einer merkwürdigen Allianz zwischen den Resten der Linken und dem Klerus. Ähnliche Bündnisse sind auch in Skandinavien zu beobachten. Das legt die Vermutung nahe, daß diese Haltung etwas mit der politischen Kultur des Protestantismus zu tun hat. Nun gehört die Verkündigung der Bergpredigt sicherlich zu den Aufgaben der Kirche. Ihre Wirkungslosigkeit kann im religiösen Kontext kein Einwand sein. Zu Scheinheiligkeit wird das Bekenntnis erst dann, wenn es sich als politische Lösung ausgibt.
Wer seine Landsleute auffordert, allen Mühseligen und Beladenen der Welt eine Zuflucht zu bieten, womöglich unter _(* Oben: 1991 in Köln; unten: 1991 in ) _(Hoyerswerda. ) Berufung auf kollektive Verbrechen, die von der Eroberung Amerikas bis zum Holocaust reichen, ohne Folgenkalkül, ohne politische und ökonomische Vermittlung, ohne Rücksicht auf die Realisierbarkeit eines solchen Vorhabens, macht sich unglaubwürdig und handlungsunfähig. Tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte können nicht durch Predigten abgeschafft werden.
Dem Köhlerglauben, daß das widerspenstige Sein dem richtigen Bewußtsein schon parieren werde, wenn man den Leuten nur genügend einheizt, hängt eine desorientierte Linke offenbar nach wie vor an, ihren eigenen Klassikern zum Hohn und ungeachtet der ungeheuren Pleite, die der Sozialismus damit erlebt hat, daß er sich jahrzehntelang in die eigene Tasche log. Daß sich eine selbsternannte Minderheit von Gerechten ein anderes Volk wünscht, mag ihrem erzieherischen Ehrgeiz entsprechen. Ein Sinneswandel wird sich aber durch moralische Erpressung kaum erzielen lassen. "Wäre es da nicht einfacher, die Prediger / Lösten das Volk auf und / Wählten ein anderes?"
Die Neigung zum Prinzipiellen gehört zu den sprichwörtlichen Traditionen der deutschen Intelligenz. Sie führt nicht nur zu einer fortwährenden ethischen Selbstüberforderung und zu einem wiederkehrenden Verlust an Glaubwürdigkeit; sie hat auch noch eine andere unerfreuliche Seite. Als fiele es den Deutschen nicht schon schwer genug, mit sich selber und mit ihren Nachbarn ins reine zu kommen, sollen nun die Bösewichter von gestern zum selbstlosen Vorbild für alle andern werden, auf daß am bußfertigen deutschen Wesen die Zweite und die Dritte Welt genese. Auch in diesem Fall blamiert sich die Idee, sobald sie mit einem Interesse zusammenstößt. Bei dieser Art, Politik zu treiben, ist allerdings die Peinlichkeit noch das geringste Risiko.
Zur Abwehr der Einwanderung taucht neuerdings ein Argument auf, das interessanterweise aus dem Arsenal des Antikolonialismus stammt. Algerien den Algeriern, Kuba den Kubanern, Tibet den Tibetern, Afrika den Afrikanern - solche Losungen, die vielen Befreiungskämpfen zum Sieg verholfen haben, werden nun auch von den Europäern in Anspruch genommen, was einer gewissen heimtückischen Logik nicht entbehrt.
Eine menschenfreundliche Variante dieser Idee kann man in dem Projekt einer "präventiven Migrationspolitik" sehen, das darauf abzielen soll, die Ursachen der Auswanderung zu beseitigen. Dazu wäre es nötig, das Niveaugefälle zwischen armen und reichen Ländern zu beseitigen oder zumindest erheblich zu reduzieren. Dieser Aufgabe dürfte das ökonomische Potential der Industrieländer nicht gewachsen sein, ganz abgesehen von den ökologischen Grenzen des Wachstums. Im übrigen ist der politische Wille zu einer globalen Umverteilung nirgends zu erkennen. Ein halbes Jahrhundert sogenannter Entwicklungspolitik läßt alle Hoffnungen auf eine solche Kehrtwendung utopisch erscheinen.
Imre Ferenczi, ein Mitarbeiter des Völkerbundes, hat sich schon im Jahre 1925 gefragt, wie es unter diesen Umständen jemals "zu einer gleichmäßigen Verteilung von Menschen auf der Erde kommen soll, die sich nach ihren Traditionen, ihrem Lebensstandard und ihrer Rasse stark voneinander unterscheiden, ohne den Frieden und den Fortschritt der Menschheit zu gefährden". Das weiß bis heute niemand.
Daß jedermann aussprechen kann, was er von der Macht im Staat oder vom lieben Gott hält, ohne gefoltert und mit dem Tod bedroht zu werden; daß Meinungsverschiedenheiten vor Gericht und nicht auf dem Weg der Blutrache ausgetragen werden; daß Frauen sich frei bewegen dürfen und nicht gezwungen sind, sich verkaufen oder beschneiden zu lassen; daß man die Straße überqueren kann, ohne in die MG-Garben einer wildgewordenen Soldateska zu geraten: All das ist nicht nur angenehm, es ist unerläßlich. Überall auf der Welt gibt es genügend Menschen, vermutlich die meisten, die sich solche Zustände wünschen und die dort, wo sie herrschen, bereit sind, sie zu verteidigen. Ohne die Emphase zu weit zu treiben, wird man sagen können, daß es sich um das zivilisatorische Minimum handelt.
In der Geschichte der Menschheit ist dieses Minimum immer nur ausnahmsweise und vorübergehend erreicht worden. Es ist fragil und leicht verwundbar. Wer es gegen Anfechtungen von außen schützen will, steht vor einem Dilemma. Je heftiger sich eine Zivilisation gegen eine äußere Bedrohung zur Wehr setzt, je mehr sie sich einmauert, desto weniger hat sie am Ende zu verteidigen. Was aber die Barbaren angeht, so brauchen wir sie nicht vor den Toren zu erwarten. Sie sind immer schon da.
* Oben: 1991 in Köln; unten: 1991 in Hoyerswerda.

DER SPIEGEL 34/1992
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