09.11.1992

„Beim Sterben fehlt jedes Ziel“

Trägt Außenminister Klaus Kinkel, damals Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), eine Mitschuld am Tod des 1980 in der DDR hingerichteten Agenten Winfried Baumann? Der SPIEGEL enthüllt in zwei Folgen das Bild einer deutsch-deutschen Geheimdienstfarce mit hochkarätigen Dilettanten und tödlichem Ausgang.
Wenn es nicht so schwäbeln würde, könnte man denken, daß da Manfred Stolpe spricht. Klaus Kinkel bittet um faire Behandlung. Alles sei ja so lange her, über zehn Jahre. Die anderen Zeiten, der Kalte Krieg, das geteilte Deutschland, sei das denn wirklich noch von Interesse?
Der deutsche Außenminister und mutmaßlich nächste FDP-Chef ist ein ehrenwerter Mann. Der Genickschuß in der Leipziger Todeszelle am 18. Juli 1980 - das schreckliche Ereignis belaste ihn, sagt er, er leide darunter. Für das, was geschehen ist, übernehme er die politische Verantwortung.
Der Münchner Rechtsanwalt Werner Leitner findet, das genüge nicht. Ende Oktober erstattete der Anwalt Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung. Als Chef des Bundesnachrichtendienstes, meint der Anwalt, hätte Kinkel den Todesschuß verhindern können.
Eine alte Geschichte aus den Zeiten der deutsch-deutschen Teilung muß neu erzählt werden. Die Geschichte handelt vom Aufstieg und Fall der DDR, von der Liebe, von Geheimdiensten und vor allem vom "Roten Admiral" und seinem sinnlosen Ende in der Todeszelle.
Anfang 1979 weht frische Luft in den Bundesnachrichtendienst. Mit dem neuen jugendlichen Chef scheint auch Fortune in Pullach eingezogen zu sein. Mitte Januar flüchtet Werner Stiller aus Ost- nach West-Berlin. Der Offizier aus Markus Wolfs Hauptverwaltung Aufklärung versetzt die Agentenjäger in Hochstimmung. Endlich einmal dürfen die westdeutschen Schlapphüte, denen ihre Politiker oft hämisch Schlafmützigkeit vorwerfen, stolz sein.
Klaus Kinkel, gerade erst BND-Chef geworden, scheint wieder mal das Glück hinterherzulaufen. Während Stiller auspackt, bahnt sich die Verbindung zu einer neuen heißen Quelle in Ost-Berlin an. Ein hoher Marineoffizier, drüben in der Spionageabwehr der Armee beschäftigt, hat seine Fühler nach Westen ausgestreckt.
Stiller mag man noch seinem Vorgänger zurechnen, dieser neue Überläufer aber, der sich noch im Osten verborgen hält, ist Kinkels Morgengabe. Der neue Fall bekommt im BND den Aktennamen "Der rote Admiral". Der Chef des Amtes nimmt sich seiner persönlich an.
Der Wunsch ist der Vater des Aktenzeichens. Bis zum Admiral hat Winfried Baumann es nie geschafft. Und wenn Klaus Kinkel sehen könnte, wie sich sein neuer Starspion in der Mitropagaststätte am Bahnhof Jannowitzbrücke am Schnapsglas festhält, würde er weniger begeistert sein.
Aber ein bißchen "rot" ist Baumann, der in Wahrheit Winfried Zakrzowski heißt, immer noch. Er ist ein Kind der DDR. Kein kapitalistischer Staat hätte ihm, so glaubt er wenigstens, diese Chancen zum Aufstieg in der Militärhierarchie geboten - bei seiner Herkunft.
Er ist 1930 als unehelicher Sohn eines oberschlesischen Bergmanns in der Nähe von Kattowitz geboren. Seine Mutter arbeitet als Hausangestellte. Am Ende des Krieges verschlägt es Mutter und Sohn an die Ostseeküste nach Wismar.
Das blitzgescheite Proletarierkind macht in der DDR rasch Karriere. Nach einer Mechanikerlehre rufen ihn Partei und Staat zur Armee. "Da nach dem Kriege viele nicht geeignet waren", erklärt er später seinen Richtern, "hatte ich alle Möglichkeiten."
Inspiriert von einem väterlichen Freund und Altkommunisten, engagiert sich der junge Mann als Parteisekretär in seiner Grundorganisation. In der Armee steigt er im militärischen Geheimdienst am Ende bis zum Fregattenkapitän auf.
Zugleich heiratet Winfried Zakrzowski in die besseren Kreise der DDR. Seine Frau ist eine Schwägerin von Waldemar Verner, dem Politchef der DDR-Armee. Dessen Bruder, Paul Verner, bringt es sogar bis ins SED-Politbüro, den Olymp der DDR.
Winfried Zakrzowski ist stolz auf seinen Staat, der in gleichem Maße wie er selbst an Bedeutung zunimmt. Er redet viel mit Abgesandten des russischen KGB, die beim Aufbau der DDR-Armee und ihres Geheimdienstes behilflich sind. Mit den Russen kommt der Wodka. "Alkohol war vom ersten Tage meiner Tätigkeit ein Umgangs- und Arbeitsmittel", sagt er später.
Die Kameradschaftsbesäufnisse im Kreise der Großen, auch Erich Mielke ist manchmal dabei, gehören dazu. Man wird aufmerksam auf den wachen jungen Mann. Die Stasi-Oberen verdonnern den aufstrebenden Offizier zu einem journalistischen Fernstudium, das er neben seinem Dienst absolviert. Offenkundig hatte das MfS vor, Zakrzowski im Ausland als Agent einzusetzen. Er besteht die Prüfung mit "sehr gut".
Stolz schleppt er fortan seine Diplomarbeit überall mit sich herum. In einem Vergleich zwischen dem SPIEGEL und der Deutschen National- und Soldaten-Zeitung gibt er eine "differenzierte Darstellung der Kriegsdoktrin der BRD in der westdeutschen Presse".
So markig der Diplomjournalist und Fregattenkapitän die Welt auch in Worte bannt: In seinem Inneren nagt der Zweifel. Die Mauer mißfällt ihm. Warum hat sein Staat es nötig, sich mit "vier Meter hohen Drahtzäunen" zu umgeben?
In seinen Gesprächen mit den russischen Offizieren entwirft Zakrzowski die Idee einer kräftigen, konkurrenzfähigen DDR, die es dem protzigen Westen zeigen könnte. Was an dem deutsch-sowjetischen Stammtisch diskutiert wird, ist durchaus kein Wodka-Hirngespinst. Manche träumen in der DDR diesen Traum. Aus Ostpreußen, Pommern und Oberschlesien, aus der DDR und "den früheren deutschen Ostgebieten", sollte ein "ökonomisch starker, deutscher, sozialistischer Staat geschaffen werden".
Winfried Zakrzowskis Ehe geht schlecht. Seine Frau interessiert sich weder für seine kühnen Ideen noch für seine Freunde. Außerdem geht ihr auf die Nerven, daß er immer öfter betrunken nach Hause kommt. Ärger zu Hause, Frust in der Armee ("Ich sah keine Aufgabe, nichts, das einen packt") - die Besäufnisse häufen sich, die steile Karriere des Fregattenkapitäns bricht ab. 1970 wird er aus der Armee entlassen.
Es scheint, als habe das Schicksal Winfried Zakrzowski mit seinem Staat verknüpft. Von nun an geht's bergab. Wie die DDR lebt er fortan von der Substanz.
Zunächst bekommt Zakrzowski noch einen Job bei der Nationalen Front, dem Zusammenschluß aller Parteien und Massenorganisationen der DDR. Der gestrauchelte Offizier, der sich inzwischen für Literatur interessiert, soll ausländische Gäste in der DDR betreuen. Eben noch mit dem Wodkaglas in der Runde der Mächtigen und jetzt Fremdenführer?
Das ist unter Zakrzowskis Würde. Er vernachlässigt die Arbeit, kommt zu spät, geht früher.
Er säuft wieder und beginnt sich Geld zu pumpen. Der Ordensträger der Nationalen Volksarmee benimmt sich wie ein ordinärer Heiratsschwindler. Bald schuldet er mehreren Frauen Tausende von Mark. Das Gericht, das ihn schließlich wegen Betruges zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, moniert vor allem das "kleinbürgerliche Wohlstandsdenken" des Angeklagten. Den Frauen erzählt er, er brauche das Geld für ein Wochenendhaus.
Als er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, reicht die DDR ihrem ehemaligen Mustergenossen ein letztes Mal die Hand. Man bietet ihm einen Job bei der Gewerkschaftszeitung Tribüne an. Sein Privatleben regelt er aufs Notdürftigste, indem er bei seiner alten Bekannten Ruth Baumann unterschlüpft. Sie gibt ihm Geld, ihren Namen und ein Bett. Daraufhin läßt er die Arbeit bei der Tribüne sausen und trinkt sich wieder durch die Ost-Berliner Kneipen.
Winfried Zakrzowski, inzwischen verehelichter Baumann, ist "am Ende", wie er sagt, als er im Sommer 1977 die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Christa-Karin Schumann kennenlernt. Die beiden treffen sich anläßlich eines Wohnungstausches. Die Ärztin trennt sich gerade von ihrem Mann und sucht für sich und ihre beiden Kinder eine neue Bleibe.
Baumann ist 47 Jahre alt, Frau Schumann knapp 42. Der weiche Schwadroneur mit der proletarischen Herkunft, der die Welt und sein Leben nur noch im Suff erträgt, und die tatkräftige, vernunftgesteuerte Ärztin aus der sächsischen Medizinerfamilie, die sich mit ihren Kindern durchs Leben schlägt, verlieben sich.
Baumann flieht in diese Liebe. Zu jener Zeit denkt er öfter an Selbstmord; einen Versuch hat er schon hinter sich. Seine Tochter aus erster Ehe findet ihn in der abgedichteten Küche neben dem aufgedrehten Gasherd.
Von seiner Frau Ruth, die ein paar Jahre älter ist als er und linientreu in einem Ministerium arbeitet, hat er sich abgewendet. Er ist von "Christel, ihren Auffassungen, Haltungen und ihrem Milieu" begeistert. Der bürgerliche Hintergrund seiner neuen Freundin erinnert ihn an die Zeiten, als er noch oben war. Für Christa Schumann hingegen ist er "so was wie die große Liebe".
Noch im Herbst 1977 fragt er sie, ob sie mit ihm in den Westen will. Natürlich will sie. Sie hat mit der DDR, im Gegensatz zu ihm, nie etwas im Sinn gehabt. Ein Bruder, Wolf-Dieter Thomitzek, lebt schon seit ein paar Jahren als Arzt in Heidelberg. Er hat den Weg in den Westen mit Haft in der DDR bezahlt. Das kann sie nicht wegen der Kinder. Sie wäre schon lange weg, wenn sie nur wüßte wie.
Baumann erklärt ihr etwas verschwommen, er habe eine Idee. Beide sehen sich gemeinsam den DDR-Film "Die Flucht" an. Darin werden schmierige Fluchthelfer gezeigt, die geldgierig arme, verführte DDR-Flüchtlinge aufs Kreuz legen. So wollen sie es nicht machen. Baumann fragt sie, ob ihr Bruder in Heidelberg nicht die Verbindung zum BND herstellen könnte. Er habe etwas "zu verkaufen".
Sein Kalkül ist klar: Verrat gegen Fluchthilfe.
Mit einem Telefonanruf lockt Christa Schumann ihren Bruder nach Ost-Berlin. Sie erzählt ihm, daß sie Ärger mit ihrem geschiedenen Mann habe. Bruder und Schwester treffen sich in der leeren Wohnung von Freunden. Baumann soll später hinzukommen. Als er klingelt, ist er angetrunken. Er bringt es nicht fertig, Thomitzek zu sagen, was er von ihm will.
Der Bruder, mit dem Baumann Brüderschaft trinkt, wundert sich und fährt wieder ab. Baumann hat in letzter Minute Angst vor der eigenen Courage befallen. "Es eilt doch nicht", sagt er und hält seine Freundin mit Ausreden von der "ungünstigen politischen Lage" hin. Erst als Christa Schumann ihn ein halbes Jahr später fragt, ob er das Fluchtprojekt aufgegeben habe, kommt neuer Schwung in die Sache.
Wieder reist der Bruder aus Heidelberg an. Diesmal offenbart sich Baumann. Er erzählt von den Fluchtplänen. Einmal in Fahrt, fabuliert er drauflos, daß er "Leiter einer Hauptabteilung" im militärischen Geheimdienst sei. Seinen Dienstrang gibt er mit "Kapitän" an. Er verschweigt, daß er in den vergangenen acht Jahren abgestürzt ist.
Der Grund leuchtet ein. Baumann hat Angst, daß der BND für einen abgehalfterten Alkoholiker keinen Finger krumm macht. Da er aber seiner Freundin gegenüber mit großen Sprüchen im Wort ist, trägt er dick auf.
Kaum ist Thomitzek wieder weg, fällt Baumann in die nächste Depression. Wenn der BND rauskriegt, daß seine Geschichte uralt ist, wäre alles vorbei. Christa Schumann muß in Heidelberg anrufen und den Bruder vom Gang nach Pullach zurückhalten.
Schließlich aber ringt sich Baumann doch noch durch. In seiner Phantasie malt er sich zwar das "homerische Gelächter" im BND aus, wenn der West-Geheimdienst herausbekommt, daß er aus dem DDR-Geheimdienst längst herausgeflogen ist. Aber immerhin fällt ihm noch ein, seinen wahren Namen nach Pullach zu übermitteln. Einen Baumann gibt es nicht beim militärischen Geheimdienst der DDR, einen Zakrzowski gab es wenigstens mal.
Ende 1978 nimmt der Bundesnachrichtendienst, sozusagen offiziell, die Verbindung zu dem wankelmütigen Ex-Offizier auf: Der BND schickt einen ersten Kurier mit allerlei nachrichtendienstlichem Handwerkszeug.
Seltsamerweise bedienen sich die Pullacher Geheimdienstler nicht etwa eines Fachmannes. Vielmehr schicken sie wieder den Schumann-Bruder, den Heidelberger Medizinprofessor Thomitzek. Der überreicht seiner Schwester eine Geschenkpackung mit Kosmetika und 1000 Mark West und bittet sie, Baumann von dem Kontakt erst zu erzählen, wenn er wieder im Westen ist.
Als der Trunkenbold von der Vorsichtsmaßnahme erfährt, ist er beleidigt. Daß er, nach seiner Vorstellung der Chef in dieser komplizierten Operation, in heiklen Phasen herausgehalten wird, gefällt ihm nicht. Jedenfalls nimmt er seiner Freundin erst mal die 1000 Mark ab.
Dann begutachten die beiden das Kosmetika-Ensemble - und wissen nicht weiter. Baumann mutmaßt, daß "die doch noch jemand schicken" werden, wenigstens einen Brief.
Es dauert zwei Tage, bis das Duo aus der Verpackung der "Aramis"-Flasche schließlich diverse Papiere nestelt. Sie sollen sich ein Radio kaufen, steht dort geschrieben, und künftig zu bestimmten Tagen bestimmte Frequenzen abhören. Die Tabelle zur Entschlüsselung liegt bei.
Nachrichtentechnisch ist Baumann eine Null. Er verwechselt Nummern, Daten und Termine. Die Verbindung zum BND hält ausschließlich Christa Schumann. Sie hört das Radio ab, entschlüsselt die Texte. Als die Kommunikation per Brief aufgenommen wird, schreibt sie die Texte.
Baumann, der Pascha, sitzt derweil am Fernseher. Er sieht Ost- und Westsender, liest das Neue Deutschland und hört Radio. Er analysiert die politische Lage. Dabei sorgt er sich um den Militarismus im Westen und regt sich zugleich über das Bonzentum in Wandlitz auf.
Als das Jahr 1979 beginnt und in Pullach der neue Chef Klaus Kinkel einzieht, wird der arbeitslose Spion vom Ost-Berliner Leninplatz Nr. 3 öfter mit scharfen Fragen behelligt. Ob denn die Sowjetunion in den chinesisch-vietnamesischen Konflikt eingreife, will Radio Pullach mehr als einmal wissen. Ob DDR-Reservisten eingezogen worden sind? Da Baumann alias Zakrzowski bei der Armee beschäftigt ist, liegt auch die Frage nach der Zahl der Atomsprengköpfe nahe.
Winfried Baumann treiben derlei Fragen hinter die Wodkaflasche. Genau das hat er befürchtet. Die wollen von ihm Sachen wissen, von denen er keine Ahnung hat. Er fühlt sich krank und überfordert: "Ich habe an die ganze Geschichte im Grunde nicht geglaubt", sagt er später zu seinen Richtern.
Im Frühjahr 1979 bittet er seine Freundin, ihm Gift zu besorgen - für den Fall, daß etwas schiefgeht. Sie weigert sich. Er redet davon, daß er notfalls aus ihrer Wohnung springen kann, die in der Leipziger Straße im 20. Stock liegt.
Er wird krank. Der Herzrhythmus ist gestört. Seine Merkfähigkeit, stellt die Ärztin Christa Schumann fest, läßt stark nach. Er diktiert ihr eine Liste von über 20 Namen. Die Agenten der DDR in der Bundesrepublik sind die Eintrittskarte in das neue Leben im Westen. Das ist sein Kapital. Die Namen kennt er aus seiner Zeit als Abwehroffizier. Wenn er jetzt durchdreht - und er trinkt mehr denn je - , könnte sie dem BND die Liste präsentieren.
Dann will der BND, sozusagen zur Probe, schon mal drei Namen wissen. Baumann schickt sie. Insgesamt verrät er acht Agenten, die für die DDR in der Bundesrepublik arbeiten. "Patrioten" heißen sie im Sprachgebrauch der DDR.
Spätestens damit ist klar: Wenn Baumann je erwischt wird, ist er ein toter Mann.
Währenddessen laufen die Vorbereitungen für die Ausreise an. Ostern 1979 sollen Baumann, Frau Schumann und ihre beiden Kinder über Ungarn in die Bundesrepublik geschleust werden. Fotos für die falschen Pässe sind schon in den Westen geschickt worden. Größe, Gewicht und Konfektionsmaße sind in Pullach bekannt. Ein Kurier wird westliche Kleidung nach Ost-Berlin bringen. Wenn sie aus Budapest abreisen, werden sie das westdeutsche Ehepaar "Weeber" mit zwei Kindern sein.
Unterdessen ahnt die Stasi, daß vor ihrer Nase ein großes Ding läuft. Grund: der Leichtsinn des BND.
Während Christa Schumann die BND-Informationen aus dem Radio entschlüsselt, läuft die Kommunikation von Ost nach West per Brief. Dafür haben Kinkels Leute Frau Schumann per Kurier sogenannte Geheimschriftbriefe zugespielt.
Auf den Briefumschlägen stehen fiktive Adressen und Absender. Auch die Briefe sind bereits vorgeschrieben. Es sind belanglose Texte, nach dem Motto "Lieber Toni, in letzter Zeit hatte ich wieder einige Sorgen mit Mutter". Der Trick der "Geheimschriften" ist ihre Unsichtbarkeit. Frau Schumann schreibt ihre Botschaften mit einer Spezialflüssigkeit auf die Rückseite der Briefe oder zwischen die Textlinien.
Die Stasi fängt die Briefe ab. Der BND hat in seiner Bequemlichkeit Adressen rund um München - etwa in Wolfratshausen, Fürstenfeldbruck oder Altenerding - auf die Briefumschläge geschrieben. Zu allem Überfluß hatten Kinkels fahrlässige Jäger die Anschriften schon vorher benutzt. Die Stasi, die ihre Leute in jedem DDR-Postamt sitzen hat, kontrolliert die Post in den Münchner Raum mit besonderer Akribie und kennt die Adressen.
Da das MfS außerdem einen westlichen Agenten geschnappt hat, der jene Geheimflüssigkeit dabei hatte, die Frau Schumann benutzt, können die Spezialisten aus der Abteilung II der DDR-Spionageabwehr lesen, was die Ärztin schreibt. Aber sie wissen noch nicht, wer die Briefe abschickt. Als Kinkels Leute erstmals versuchen, Baumann und seine Freundin in den Westen zu schleusen, weiß die Stasi noch nicht, was gespielt wird.
Die Ausreise soll dort geschehen, wo zehn Jahre später der Ostblock zerbröselt, in Ungarn. Der BND bietet als Helfer eine jener Sumpfblüten auf, die offenkundig branchenüblich sind. Horst Hering, gebürtiger Leipziger und Schnellbootkommandant im Zweiten Weltkrieg, hat sich in den frühen Jahren der Bundesrepublik am Chiemsee als freier Journalist niedergelassen.
In Wahrheit ist er IM ("Alexander") der Stasi. Gleichzeitig arbeitet das CSU-Mitglied als BND-Agent ("Sissi"). Als Vertrauter der Staatssicherheit kann er sich im Ostblock frei bewegen. Der BND benutzt den Wanderer zwischen den Welten als Kurier und Ausreisehelfer.
Der BND hat Hering schon bei der Stiller-Flucht eingesetzt. Der geschmeidige Sachse hat Stillers Freundin und deren Kind via Warschau in den Westen gelotst. Jetzt bestellt ein führender BND-Mann, der unter dem Dienstnamen "Bierling" auftritt, den Doppelagenten auf einen Parkplatz an der Theresienwiese, um ihm seinen neuen Auftrag zu erläutern.
Hering ist ein Zukurzgekommener, der für ein paar Mark seine Haut im Spionage-Alltag zu Markte trägt. Etwas bitter merkt er später an, daß der BND-Mann in einem BMW sitzt, während er die Aufgabe erläutert. Er selbst steuert kurz darauf seinen klapprigen Opel Monza über Wien nach Budapest. Immerhin haben Kinkels Leute eine Belohnung versprochen, wenn alles klappt. Der Bayernkurier wolle Hering als freien Mitarbeiter beschäftigen.
Bierling ist mit dem CSU-Organ eng verbandelt. Zuweilen tritt er, zur Tarnung, als Verleger des Blattes auf. Der Agentenführer, der schon die Stiller-Aktion geleitet hat, ist der verlängerte Arm von Franz Josef Strauß in Pullach. Er begleitet den CSU-Chef auf dessen Auslandsreisen und organisiert die Sicherheit auf CSU-Parteitagen.
So merkwürdig die Fluchtvorbereitungen für den "Roten Admiral" in München ablaufen: Gemessen an dem Chaos in Ost-Berlin, läuft in Pullach eine generalstabsmäßige Planung.
Je näher der Tag X rückt, desto zerrissener ist Baumann. "Ich wußte nicht mehr, was ich wollte", sagt er später, "ich lebte doch nur noch von einem Tag auf den anderen."
Mehrmals fragt er Christa Schumann, ob sie nicht doch bleiben sollten. Die DDR ist doch sein Staat, kann er denn wirklich abhauen? Die SED hat ihn zwar nach seinen Eskapaden aus der Partei geschmissen. Aber er versucht immer wieder seine Tochter Liane, eine angehende Ärztin, zum Eintritt in die Partei zu überreden. Auch wenn er sich über die Verschwendung der Bonzen und die Mißwirtschaft aufregt, er hängt an der DDR. Er redet sich ein, daß er nicht aus politischen Gründen in die Bundesrepublik will, sondern lediglich, um ein neues Leben anzufangen.
Seiner "Christel" hat er gesagt, nur drüben könne er vom Alkohol loskommen. Wenn er sie fragt, ob sie wirklich abhauen sollen, hält sie ihm nur kühl entgegen, wie er es mit dem Schnaps halten wolle.
An ihm nagt außerdem die Angst, wie denn der BND auf seine Lügen reagiert, wenn er erst mal drüben ist. Wird nicht die Unehrlichkeit von vornherein jede neue Lebensplanung zunichte machen?
Und schließlich überfällt ihn der Gedanke an die "Patrioten", deren Namen er bereits verraten hat. Wenn er rübergeht, will er sich für die "armen Kerle" verwenden. Aber wird man denn auf ihn hören? Und was wird, wenn er überhaupt nicht rübergeht? Alles dreht sich in seinem Kopf. Die nächste Flasche Wodka ist fällig.
Christa Schumann hingegen ergreift die Chance ihres Lebens. Energisch treibt sie die Fluchtvorbereitungen voran. Sie besorgt für sich und ihre Kinder die nötigen Anlagen für den Personalausweis, um nach Ungarn fahren zu dürfen. Sie klappert diverse Offizielle ab, um einen Flug nach Budapest zu buchen. Sie schreibt und telext in die ungarische Hauptstadt, um für die Ostertage ein Hotelzimmer zu organisieren.
Für eine DDR-Bürgerin, auch für eine Ärztin, ist das keine Routine, sondern nervtötende Arbeit. Nichts klappt. Als die ungarischen Hotels nicht antworten, schaltet sich Baumann ein.
Einerseits beobachtet er die Bemühungen seiner Gefährtin mit starrer Lethargie. Andererseits achtet der Fregattenkapitän in ihm stets darauf, sich als Chef auf der Brücke zu fühlen. Ganz Weltmann empfiehlt er ihr, das Telex nach Budapest mit der Grußformel "höflichst" zu versehen. Ungarn, behauptet er, würden nur auf "höflichst" reagieren.
Er irrt. 1979 interessieren sich Budapester Hotelmanager nicht für private DDR-Bürger, selbst wenn sie höflich sind. Am Ende muß der BND das Hotel buchen. Die Flüge besorgt Frau Schumann über eine Freundin, die in einem Reisebüro arbeitet.
Am Vortag der Reise fragt sie Baumann beiläufig, ob denn noch irgend etwas fehle. Die Antwort will sie zunächst nicht glauben. Baumann hat sich um nichts gekümmert. Wie ein Stück Holz in der Brandung hat er dem Tag entgegengedämmert. Während Klaus Kinkel in München sehnsüchtig darauf wartet, daß der neue Stiller kommt, um ihm Strukturen und Details der militärischen DDR-Spionageabwehr zu erläutern und seinen Ruf als effektiver Geheimdienstmann zu mehren, weiß der weder ein noch aus.
Christa Schumann reagiert rasch. Sie schleppt Baumann zur Volkspolizei, schließlich sogar zum Polizeipräsidium, um seine Papiere für die Reise zu besorgen. Alle Mühe ist umsonst. Frühestens am Tag nach Ostern sind die Unterlagen fertig. Sie verabreden, daß sie mit den Kindern nach Budapest vorfährt und Baumann hinterherkommt.
Am nächsten Morgen, als sie abreisen will, ist Baumann betrunken. Er fleht sie an, nicht nach Budapest zu fahren. Plötzlich wallt seine latente Eifersucht auf. Er behauptet, sie habe ein Verhältnis mit dem Kurier des BND.
Sie wehrt ihn ab, packt die Kinder in ihr Auto und fährt nach Dresden, von wo der Flug nach Budapest geht. Mit im Gepäck sind der Gutschein für das Hilton-Hotel und die Westpässe, die ihr ein BND-Kurier zwei Tage vorher nach Ost-Berlin gebracht hat. Sie nimmt Baumanns Paß absichtlich mit, weil sie fürchtet, daß ihr Freund das Dokument im Suff vergessen könnte - ein Alptraum.
In Budapest trifft Christa Schumann den BND-Kurier Hering. Der ist einigermaßen verdutzt, daß Baumann nicht dabei ist. Statt dessen hat er es mit einer wildfremden Frau zu tun, die mit den Nerven völlig am Ende ist. Bis Budapest hat die Ärztin es geschafft; jetzt aber bricht sie fast zusammen, zittert und weint.
Hering entdeckt, daß in den Fluchtpässen der ungarische Einreisestempel fehlt. Der BND hat versäumt, Frau Schumann zu sagen, daß sie sich im Hotel als BRD-Bürgerin ausweisen soll. Nur wenn ein Einreisestempel in ihrem Westpaß ist, kann sie damit ausreisen.
Hering hat die Idee, an den Plattensee zu fahren und sich dort in einem Hotel einen Einreisestempel zu besorgen. Hier in Budapest hat Frau Schumann sich bereits als DDR-Bürgerin angemeldet. Sie kann schlecht ein zweites Mal an die Hilton-Rezeption gehen und einen BRD-Paß vorlegen.
Hering ruft von seinem Zimmertelefon im Duna-Intercontinental in Pullach beim BND an. Frau Schumann hat die Kinder im Hilton gelassen und versucht auf dem zweiten Bett etwas zu entspannen. Blumenreich verschlüsselt schildert Hering die Lage. Die Anweisungen aus Kinkels Amt sind knapp. Der Ausflug zum Plattensee ist gestrichen. Er soll auf Baumann warten. Falls etwas schiefgeht, soll er den deutschen Botschafter in Budapest, der eingeweiht ist, anrufen und nur drei Worte sagen: "Hering, BND, Bierling".
Bis Ostermontag passiert nichts mehr. Eigentlich wollte Baumann spätestens an diesem Tag in Budapest sein. Er ist nicht da. Hering sitzt mit Frau Schumann beim Mittagessen im Restaurant Szeged. Was die beiden dort besprechen, ist für Klaus Kinkel äußerst wichtig. Kinkel nämlich behauptet heute, daß ihn keine Schuld an Baumanns Erschießung treffe. Er habe alles getan, um den "Roten Admiral" zu retten.
Der Vorwurf gegen Kinkel lautet: Hätte sich der BND zu Baumann als seinem Agenten bekannt, hätte die DDR nicht gewagt, Baumann zu erschießen.
Kinkel wiederum argumentiert, man hätte sich nicht zu Baumann bekennen dürfen, um dessen Lage nicht zu verschlechtern.
Klar aber ist, daß ein Offizier der bewaffneten Dienste, der für die Bundesrepublik spionierte, nach DDR-Gesetzen zum Tode verurteilt wurde. Kinkel konnte also mit einem Bekenntnis zu Baumann nichts mehr verschlechtern. Und hier, an diesem Ostermontag des Jahres 1979, wird das auch deutlich.
Hering zieht einen postkartengroßen Zettel aus der Tasche. Es ist eine Botschaft des BND für "Frau Doktor".
Der Text weist Frau Schumann darauf hin, daß sie bitte nicht auf den Gedanken kommen solle, etwa allein mit ihren Kindern aus Budapest nach Westen zu fahren. Das würde Nachforschungen der Stasi in Ost-Berlin und letztlich die Verhaftung Winfried Baumanns bedeuten. Das wiederum wäre das Todesurteil für ihn. "Das Wort ,Todesurteil' blieb mir dabei noch genau in Erinnerung", erklärt Christa Schumann später.
Dieser Satz bedeutet, daß der BND sehr wohl wußte, daß Baumann vom Tode bedroht war - falls er erwischt würde. Der BND und Klaus Kinkel hätten also allen Grund gehabt, sich zu Baumann zu bekennen, um seine Hinrichtung zu verhindern. *HINWEIS: Im nächsten Heft Markus Wolf steigt ins Sonderflugzeug - "Werter Genosse Andropow" - Baumann bittet um "die Gnade sterben zu dürfen" - Hering und Schumann werden ausgetauscht - Kinkels hektische Aktensuche
Von Joachim Preuß und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 46/1992
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