24.08.1992

„Vito nickt mit dem Kopf“

Im Autohaus Rogge im bayerischen Sonthofen verschwand über Nacht ein Auto. Die Spur des Peugeot 205 führte nach Kempten. Dort wurde der Kleinwagen von einem Italiener bei der Firma Heinz und Marx für einen Volvo in Zahlung gegeben.
Der kleine Bruch ging in die Kriminalgeschichte des Allgäuer Städtchens ein, das bislang einen unbefleckten Ruf als Sitz der Süddeutschen Butter- und Käsebörse hatte. Seit der Kleinwagengeschichte gilt Kempten auch als Sitz der Mafia.
Fingerabdrücke an einer eingedrückten Fensterscheibe hatten die Diebstahlermittler auf die Spur des Kemptener Gemüsehändlers Salvatore Salamone geführt. Dessen Gesicht kann man sich leicht merken, weil der Mann am linken Auge eine auffällige Warze hat.
Das Gesicht mit der Warze aber hatte ein Allgäuer Polizeibeamter schon mal gesehen - in einem Stapel Fahndungsfotos von Interpol Rom: Der Mann auf dem Bild wurde in seiner Heimat als Doppelmörder gesucht. Der Mafioso gilt als Kopf des gefürchteten Santangelo-Clans aus dem sizilianischen Städtchen Adrano.
Der Gemüsehändler ist inzwischen an die italienische Justiz überstellt worden. Doch die Allgäuer Käsemetropole wird die Pest aus Sizilien nicht mehr los. "Das Städtchen Kempten steht inzwischen unter der Kontrolle von Mafia-Banden", schrieb die Zeitung La Sicilia, und daß das nur geringfügig übertrieben ist, bestätigen die Experten für das Organisierte Verbrechen beim bayerischen Landeskriminalamt (LKA).
Weitflächige Ermittlungen mit Telefonüberwachungen und V-Leuten, die der LKA-Fahnder Josef Geißdörfer nach der Entlarvung des Gemüsehändlers von München aus koordinierte, deckten ein mafioses Geflecht auf. Es hat im Allgäu sein Zentrum, und es reicht von Mailand _(* Fahndungsfoto; den halben Schnauzbart ) _(haben Polizeibeamte eingezeichnet. ) bis Amsterdam, Zürich, Berlin, Köln und Hannover.
Die Allgäuer Mafia betreibt das Standardgeschäft der Weltfirma: Kokain-Schmuggel mit Kilomengen, Handel mit 1,2 Millionen falschen Dollar, Autoverschiebungen en gros, Schutzgelderpressungen und Mordversuch zählen zum Gewerbe von 200 bis 300 bayerischen Sizilianern aus Adrano und der Nachbarschaft. Dabei kooperierten sie schon mit Venezolanern der Kokain-Kartelle wie mit deutschen Biedermännern.
30 der 1500 Italiener, die in Kempten und den Vororten leben, sollen Landsleuten seit Jahren Schutzgelder abgepreßt haben. Die Cousins Alfio und Giovanni Leanza aus Biancavilla bei Adrano hatten sich die Pizzeria "Da Tore" in Marktoberdorf ausgesucht. Sie gaben sich beim Wirt als Vertraute des "Mafia-Clans aus Kempten" aus und behaupteten, verhindern zu können, "daß die deiner Familie was antun".
Als der Wirt, der mal 400, mal 500 Mark gelöhnt hatte, beim vierten Besuch die Zahlung verweigerte, hörte er den einen Erpresser leise sagen: "Entweder er zahlt, oder ich hole das Maschinengewehr aus dem Auto." In Todesangst blätterte der Gastronom noch einmal zehn Blaue hin.
In Kempten, so das LKA in München in einem Lagebericht, sei bei der Schutzgelderpressung seit Jahren eine "überhöhte Dunkelziffer" festzustellen. Doch wenn bedrängte Wirte nach der Ursache von Prellungen und Platzwunden gefragt werden, finden sie dumme Ausreden oder sagen gar nichts. Ein sizilianisches Sprichwort sagt: "Wer taub und blind ist und den Mund hält, wird in Frieden 100."
Die Lücke, die Salamone als Respektsperson des Santangelo-Clans im Allgäu hinterlassen hatte, schloß im Frühjahr 1990 nach Ansicht der Kemptener Staatsanwaltschaft Vito di Stefano, 37, aus Adrano, Inhaber des Lokals "Da Francesca" in Memmingen. Der Gastronom wurde eines Tages mit falschen Dollar-Noten aus Mailand erwischt, die als Probestücke für einen Millionen-Deal nach Berlin gehen sollten. Verhaftet wurde er in Ulm, als er mit einem Begleiter aus Amsterdam kam; der hatte 200 Gramm Kokain in der Tasche. Den Vorwurf, er habe etwas mit der Mafia zu tun, weist di Stefano als "lächerlich" zurück.
Der Wirt, der in den achtziger Jahren im belgischen Namur Spaghetti servierte, kam damals schon gelegentlich ins bayerische Kempten gereist, um gesprächige Zeugen zu ermahnen. Als er, zeitweilig des Mordes verdächtigt, aus italienischer Haft freikam und sich darauf in Memmingen niederließ, füllte sich seine Kriminalakte. Die Polizei in Catania hält ihn, so LKA-Ermittler Josef Geißdörfer, für "einen wesentlichen Mafia-Mann". Die Polizei in Genua ortete Komplizen von ihm auf dem Kokain-Markt.
Ein Bruder di Stefanos sammelte bei wohlhabenden Italienern "Zuschüsse zu den Prozeßkosten" ein und erhielt mal 2000, mal 3000 Mark. Als ein Pizza-Bäcker sich weigerte zu zahlen, brannte sein Lokal. An einem Bus, der Arbeiter zu einer Baustelle transportierte, waren eines Morgens die Bremsleitungen zerschnitten; auch der Bauunternehmer hatte nichts für die Kollekte des Santangelo-Clans erübrigen wollen.
Vito di Stefano, berichtet Ermittler Geißdörfer, "kann jederzeit auf Mitglieder dieses Clans zurückgreifen und sie in Deutschland einsetzen". Und das kann er jetzt noch - vom Kemptener Knast aus: "Der Vito", warnt der LKA-Mann, "nickt bei jeder Geschichte mit dem Kopf, ehe sie läuft."
Unter der Regie des inhaftierten Gastronomen wird zur Zeit im Alpenvorland zwischen Iller und Lech, so die Staatsanwaltschaft, "eine neue Gruppierung" aufgebaut. 130 mutmaßliche Mafiosi haben die Kemptener Ermittler auf der Liste. Viele fragen sich, warum gerade das friedliche Städtchen mit dem zwiebelgetürmten Rathaus zur Residenz der Firma wurde.
Der Grund findet sich in den Akten des örtlichen Arbeitsamts. In den sechziger Jahren hatte das Amt eine Hundertschaft Gastarbeiter für die Textilmaschinenfabrik "Saurer-Allma" angeworben, ausgerechnet in der Gegend zwischen den Orten Adrano, Biancavilla und Paterno.
Die Region gilt heute wegen der regelmäßigen Schießereien zwischen den Anhängern des Santangelo-Clans und ihrer Konkurrenten als "Todesdreieck". Und die Herkunft hat sich im Alpenvorland herumgesprochen. "Manche glauben, jeder von uns sei ein Mafioso", klagte der Kemptener Sizilianer Rosario Terrazzano über die Stimmung gegen die Italiener in der Stadt. Und das sei "natürlich falsch".
Die guten Italiener haben nun einen Anti-Mafia-Verein gegründet, nach italienischem Vorbild: Unter dem Namen "La rete", das Netz, kämpfen sie um ihr Ansehen.
Die Mafia hat ein probates Mittel, ihre Gegner lahmzulegen: Sie unterwandert jede Organisation, die ihr gefährlich werden kann. Das mußte auch die Staatsanwaltschaft von Kempten schon erfahren.
Dort versuchte der Santangelo-Clan, eine Schreibkraft als Spionin einzuschleusen. Die Sache flog auf, als die Bewerbung der Mafia-Frau schon bearbeitet wurde.
Seitdem tippen die drei Kemptener Mafia-Ermittler ihre Briefe vorsichtshalber selbst.
[Grafiktext]
__33a Mafia: Kriminelle Kontakte der Gruppe Kempten
[GrafiktextEnde]
* Fahndungsfoto; den halben Schnauzbart haben Polizeibeamte eingezeichnet.

DER SPIEGEL 35/1992
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