17.02.1992

DopingSchlecht gekühlt

Mit einem Trick, der schon 1988 in Kanada aufflog, hat Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe monatelang die Dopingfahnder getäuscht.
Ein Schriftstück, das letzte Woche aus Köln beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) eintraf, brachte den Beweis: Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe hat getrickst, um Doping zu vertuschen. Weitere Analysen des Kölner Doping-Fahnders Manfred Donike, der schon vor zwei Wochen Manipulationen an Krabbes Urinproben aus Südafrika nachgewiesen hatte (SPIEGEL 7/1992), ergaben zweifelsfrei, daß die Läuferin aus Neubrandenburg offensichtlich über ein Urin-Reservoir verfügen muß, dem sie bei Bedarf den Harn für die Kontrollen entnimmt.
Was Krabbe-Trainer Thomas Springstein noch am letzten Donnerstag mit einem "politisch motivierten Komplott gegen die unbedarften Ossis" erklären wollte, werteten plötzlich selbst wohlmeinende DLV-Funktionäre als "dreistes Betrugsmanöver, das zwangsläufig eine Sperre Krabbes nach sich ziehen muß".
War es schon verblüffend, daß die Harnproben der Weltmeisterin aus Südafrika identisch mit denen ihrer Trainingskolleginnen Grit Breuer und Silke Möller waren, so ergaben Donikes jüngste Untersuchungen: Exakt derselbe Urin war im letzten Jahr schon mal von der Springstein-Gruppe abgeliefert worden.
Dopingproben werden stets mit einer Zahl kodiert. Diesen Datenschutz, der eine anonyme Analyse garantiert, hatte der Vorsitzende der DLV-Dopingkommission, Rüdiger Nickel, jetzt für die Neubrandenburger Läuferinnen aufgehoben. So konnte Donike alle bisher abgelieferten Krabbe-Tests miteinander vergleichen - und wurde fündig.
Die Methoden, mit denen Springsteins Athletinnen sauberen Urin auf Abruf bereithalten konnten, wurden schon 1988 aufgedeckt. Damals hatten kanadische Gewichtheber die gelbe Flüssigkeit im Bierkühler eines Hotels in Vancouver deponiert, um für die Urinabgabe gewappnet zu sein. Bei niedrigen Temperaturen bleibt der Harn lange frisch - Dopingproben der Olympischen Spiele 1980 in Moskau wurden sogar noch Jahre später in Köln erneut analysiert.
Auch in Ostdeutschland, so vermuten Experten, erstellten weibliche Personen - es wurden auch Spuren von Antibabypillen gefunden - einen Urin-Mix und lagerten ihn kühl. Vor Kontrollen wurde eine Teilmenge in sogenannte Vaginal Bags abgefüllt, die Plastikbeutel dann in der Scheide der Sportlerin versteckt.
Die Kühlkette konnte jedoch vom Krabbe-Clan offensichtlich während der Mitnahme des Urins ins Trainingslager nach Südafrika nicht gewährleistet werden. Als die vermeintlich frischen Proben in Donikes Labor eintrafen, hatten sie bereits eine so auffällige Färbung, daß der Professor die Kontrollfläschchen zur Beweissicherung sofort mit einer Videokamera filmen ließ. Doch die Substanzen waren noch gut genug, um die altbewährten Tricks von Krabbe und Trainer Springstein zu beweisen.
Das im Kern stümperhafte Vorgehen der Ostdeutschen erklärt sich Donike mit der einstigen Hierarchie des DDR-Sports: Damals hätten clevere Sportführer "Trainern wie Springstein das Denken abgenommen". o

DER SPIEGEL 8/1992
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