03.05.1993

„Unser Traum wird früher Wirklichkeit“

In Begleitung einer 40köpfigen Mannschaft flog der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow am Dienstag, dem 11. Januar 1990, nach Vilnius. Vor der katholischen Kathedrale hatten sich mehr als 200 000 erboste Litauer versammelt und riefen immer wieder "Unabhängigkeit!" Auf einem Transparent hieß es: "Lenin erkannte Litauen an, Stalin raubte ihm die Unabhängigkeit - und Gorbatschow?"
Gorbatschow, der sich drei Tage in Litauen aufhielt, war der erste sowjetische Partei- und Staatschef, der jemals litauischen Boden betrat. Während er durch die Menge ging, rief er: "Unabhängigkeit? Ja, schaffen wir Unabhängigkeit - am Arbeitsplatz, in den Städten, in den Republiken, aber gemeinsam!"
In Moskau hatten zuvor auf einer Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU die Hardliner militärische Maßnahmen gegen Vilnius verlangt. Falls dies nicht geschehe, werde die Loslösung Litauens zur Auflösung der gesamten Sowjetunion führen. Doch Gorbatschow weigerte sich strikt, Gewalt anzuwenden: "Ich möchte meine Hände nicht mit Blut beflecken."
Jetzt warnte er die Litauer und ihren oppositionellen Wortführer Vytautas Landsbergis: "Provokationen" würden ein hartes Vorgehen des sowjetischen Militärs zur Folge haben, und das bedeute das Ende der Perestroika. _(y 1993, Econ Verlag GmbH, Düsseldorf. ) _(Der vollständige Text erscheint Anfang ) _(Mai als Buch im Econ Verlag unter dem ) _(Titel "Auf höchster Ebene. Das Ende des ) _(Kalten Krieges und die Geheimdiplomatie ) _(der Supermächte 1989 - 1991" (646 ) _(Seiten; 78 Mark). )
Diese Drohung, die Unabhängigkeitsbestrebungen mit militärischer Macht abzuwürgen, beunruhigte zwar US-Präsident George Bush. Doch er hielt sich an das Stillhalteversprechen, das er Gorbatschow bei dem vertraulichen Gespräch Anfang Dezember vor Malta gegeben hatte.
Mehrmals wies Bush seinen Sicherheitsberater Brent Scowcroft und Außenminister James Baker an, daß in offiziellen Verlautbarungen der Vereinigten Staaten zu den baltischen Staaten stets "Emotionen vermieden" werden sollten.
So erklärte Pressesprecher Marlin Fitzwater gegenüber Journalisten, die USA hätten zwar die Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjets niemals anerkannt, aber "wir wollen nicht eine Position beziehen, die keiner der beiden Seiten dienlich ist". Mitarbeiter des Außenministeriums verkündeten lapidar: "Die sowjetische Führung ist der Meinung, sie dürfe Litauen nicht aufgeben."
Kaum war Gorbatschow aus Vilnius nach Moskau zurückgekehrt, kam es im Kaukasus zu Unruhen, die noch weitaus gravierender waren. Die Republik Aserbaidschan lehnte sich gegen Moskau auf. Verschärft wurde der Konflikt noch dadurch, daß um das in Aserbaidschan gelegene und mehrheitlich von Armeniern bewohnte Gebiet Berg-Karabach der historische Zwist seit 1988 erneut ausgebrochen war.
In der Nacht zum 20. Januar 1990 überrannten in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku Einheiten der sowjetischen Armee und Spezialeinheiten des Moskauer Innenministeriums die von Aufrührern errichteten Barrikaden und stürmten die Stadt. Es kam zu Schießereien mit bewaffneten Demonstranten. Die offizielle Zahl der Toten belief sich auf 120. Mitglieder der Volksfront behaupteten, es seien an die 1000 Menschen umgekommen.
Im Juli des vorangegangenen Jahres hatte Baker in einem vertraulichen Gespräch seinem sowjetischen Kollegen Eduard Schewardnadse mitgeteilt, die USA hätten Verständnis dafür, wenn Gorbatschow Militär einsetze, um "unsinniges Blutvergießen und nationale Haßgefühle" zu unterbinden.
Aus Gorbatschows Sicht traf dies auf die Ereignisse in Baku sicherlich zu. Vor der Fernsehkamera verteidigte er das harte Durchgreifen damit, daß die Aufständischen "verantwortungslose Piraten und Schwarzmarkthändler" seien, die den ethnischen Konflikt für sich ausnutzten.
In einem Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin Newsweek in derselben Woche hielt Bush dem Kreml-Chef den Rücken frei. Gorbatschows "außerordentlich schwierige" Probleme würden "nicht dadurch leichter, daß Regierungschefs anderer Länder sich als oberste Autorität aufspielen".
Insgeheim befürchteten Bush und Baker nun, der sowjetische Staatschef werde nicht mehr lange im Amt bleiben.
Am Morgen des 31. Januar telefonierte Bush mit Gorbatschow. Es war fast genau ein Jahr her, daß der amerikanische Präsident - der damals gerade sein Amt angetreten hatte - erstmals den sowjetischen Staatschef angerufen hatte. Seither hoffte er immer wieder, brieflich Kontakt mit Gorbatschow halten zu können. Er erhielt jedoch immer nur kühle, allgemein gehaltene Antworten.
Am Telefon verzichtete Bush darauf, Gorbatschow unangenehme Fragen über die innenpolitischen Krisen zu stellen. Statt dessen versuchte er, seinen Gesprächspartner moralisch zu stärken.
Er erwäge, verriet Bush, einen neuen Vorschlag für die Reduzierung der amerikanischen und sowjetischen Truppen in Europa zu machen. Falls Gorbatschow einverstanden sei, werde er dies am nächsten Tag in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongreß in Washington verkünden. Der sowjetische Staatschef begrüßte diesen Gedanken.
Sieben Tage nach dem Telefonat auf höchster Ebene landete Außenminister Bakers Boeing 707 im dichten Nebel auf dem Moskauer Flughafen.
Bakers Treffen mit Schewardnadse war für 19 Uhr geplant. Doch das Zentralkomitee der KPdSU, in dem Gorbatschow sich an diesem Tag nur mühsam gegen seine Widersacher durchsetzen konnte, tagte noch. Schewardnadses Mitarbeiter baten daher Baker, das geplante Gespräch um eine Stunde zu verschieben.
Baker fragte sich, ob Schewardnadse nicht allzusehr mit den innenpolitischen Problemen der Sowjetunion beschäftigt sei, um sich jetzt auf internationale Fragen konzentrieren zu können. Er ging davon aus, daß Schewardnadses Spielraum für Zugeständnisse eingeschränkt war.
Während der gesamten Plenumssitzung des Zentralkomitees hatte ein Redner nach dem anderen dem Außenminister und seinem Chef vorgeworfen, sie seien zu nachgiebig gegenüber Washington.
Als der US-Außenminister dann um 20 Uhr Schewardnadse gegenüberstand, war er überrascht, wie energiegeladen sein sowjetischer Kollege wirkte.
Baker begann das Gespräch mit einem Loblied auf den Wandel in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Dann ging er bewußt einen Schritt über seine früheren Äußerungen hinaus, er und Bush befürworteten eine Fortsetzung der Perestroika: "Wir glauben, daß ein Prozeß der Erneuerung in der Sowjetunion auch in unserem Interesse liegt. Er ist wichtig und positiv."
"Erneuerung" war ein Wort, das Gorbatschow und Schewardnadse zur Beschreibung ihrer Politik gebraucht hatten. Der amerikanische Außenminister hatte mit seinem Stab eine neue Begrifflichkeit entwickelt, die deutlich signalisieren sollte, daß die USA auf die Veränderungen in der Sowjetunion reagierten.
"Wir wünschen uns, daß Sie mit Ihrer Arbeit Erfolg haben", fuhr Baker fort. "Wir wissen, daß unsere Möglichkeiten, Ihnen zu helfen, begrenzt sind. Doch wie Generalsekretär Gorbatschow bereits gesagt hat, ist ein stabiles internationales Gefüge notwendig, wenn der Erneuerungsprozeß erfolgreich verlaufen soll."
Schewardnadse strahlte: "Wissen Sie, genau dieselben Worte habe ich vor dem Plenum des Zentralkomitees gebraucht. Offensichtlich haben wir in dieser Sache denselben Standpunkt."
Schewardnadse lud Baker für den Abend zu sich nach Hause ein. Baker war beim Gedankenaustausch in häuslicher Atmosphäre beunruhigt über Schewardnadses düstere Schilderung der Zukunftsaussichten für Gorbatschow: "Die Chancen für sein Überleben stehen schlecht, obwohl wir das natürlich nicht in der Öffentlichkeit sagen würden. Je mehr wir über die Hindernisse sprechen, die seinem Erfolg im Wege stehen, um so eher wird daraus eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die Gefahr, daß Gorbatschow einer Palastrevolte zum Opfer fällt, ist weniger groß als die Gefahr, die ihm von der Straße droht. Der Geist der Freiheit ist aus der Flasche entwichen."
Am nächsten Morgen ließ sich Baker mit Gorbatschow und Schewardnadse an dem langen, reich geschmückten Tisch im Katharinensaal des Kreml nieder. Dieses Mal verzichtete Gorbatschow auf jegliche Scherze und Späße. Im Gegensatz zu Schewardnadse wirkte er nach den Auseinandersetzungen der letzten Tage im Zentralkomitee völlig erschöpft.
Gewöhnlich setzte sich Gorbatschow bei einem derartigen Treffen zuerst mit Schewardnadse und Baker allein zusammen und zog erst später seine Mitarbeiter hinzu. Diesmal jedoch machte er eine Ausnahme.
Die Amerikaner begriffen auch schnell, warum. In der größeren Runde, zu der neben anderen auch Marschall Sergej Achromejew gehörte, versteifte sich Gorbatschow auf eine weitschweifige Erörterung der strategischen Rüstungsbegrenzung und sprach langatmig über die Regeln, die für die Zählung der luftgestützten Marschflugkörper zu gelten hätten.
Baker nahm an, daß dieser Monolog interne Zwecke verfolgte und die Rüstungskontrolle für Gorbatschow mittlerweile nur noch symbolischen Charakter hatte.
Dann entließ der Kreml-Chef Achromejew und die anderen Mitarbeiter. Jetzt fühlte er sich offenbar frei für das Thema, das ihn am meisten beschäftigte - die gegenwärtigen Veränderungen in der Welt, insbesondere in Deutschland. Die deutsche Wiedervereinigung, so warnte er, könnte Europa destabilisieren.
Möglicherweise werde sich Deutschland nicht für alle Zeiten mit seinen Grenzen zufriedengeben. Wenn sie erst einmal den östlichen Teil zurückgewonnen hätten, würden die westdeutschen Politiker die Zusicherungen, die sie heute machten, vielleicht nicht mehr einhalten. Gorbatschow bestand deshalb darauf, daß die deutsche Wiedervereinigung "geregelt" werden müsse. Und die "Geschichte" habe "gelehrt, daß die Sowjetunion bei diesem Prozeß eine aktive Rolle spielen" müsse.
Gorbatschows Bedenken hatten nicht nur politische, sondern auch emotionale Gründe. 1942 hatte die Hitlerarmee seine Heimat besetzt. Gorbatschows Vater hatte vier Jahre lang gegen die Deutschen gekämpft, und drei seiner Onkel waren im Krieg gefallen.
Als Baker mit Gorbatschow über Deutschland sprach, hatte er im Hinterkopf, daß die Sowjets in der Vergangenheit immer wieder versucht hatten, Washington und Bonn gegeneinander auszuspielen.
Daher wollte er den Sowjets keinerlei Anhaltspunkte geben, die darauf hindeuteten, daß die Vereinigten Staaten insgeheim Vorbehalte gegen eine rasche Wiedervereinigung hegten. Falls die Sowjets etwas in dieser Richtung gegenüber Helmut Kohl durchsickern ließen, würde der Bundeskanzler sicher den Eindruck gewinnen, daß man mit falschen Karten spielte.
Baker teilte Gorbatschow daher mit, daß die USA "großes Verständnis" für die sowjetischen Befürchtungen hätten. Eine Wiedervereinigung Deutschlands indes sei "unvermeidlich".
Aber auch wenn die Deutschen allein über das Schicksal ihres Landes bestimmen könnten, sagte Baker, stünden die "außenpolitischen Aspekte" der Wiedervereinigung doch auf einem ganz anderen Blatt. Schließlich sei die Sicherheit anderer Nationen betroffen. Daher könne die Sowjetunion mit Recht erwarten, an der Gestaltung einer neuen Ordnung in Europa aktiv mitzuwirken.
In den Wochen nach dem Fall der Mauer hatten Gorbatschow und Schewardnadse immer wieder eingeräumt, die Wiedervereinigung Deutschlands sei zwar eines Tages möglich, allerdings nicht in naher Zukunft und außerdem nur unter der Bedingung, daß dieses vereinte Deutschland nicht Mitglied der Nato sein dürfe.
Bush und Baker hatten angenommen, sie könnten dieses komplizierte Problem auf einen späteren Zeitpunkt vertagen. Doch inzwischen strömten die Ostdeutschen in den Westen - 75 000 allein im Januar 1990. Die Wahlen in Ostdeutschland wurden auf Mitte März vorgezogen. Bush ging davon aus, daß die Befürworter der Wiedervereinigung die Wahlen gewinnen würden, und meinte, seine Mitarbeiter täten gut daran, für diesen Fall einen Plan auszuarbeiten.
Robert Zoellick, ein Mitarbeiter des Außenministeriums, hatte Baker über die Situation in Deutschland informiert. Er und sein Kollege Dennis Ross meinten, ein Vierertreffen im Stil von Jalta sei nicht mehr zeitgemäß und die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit ihren 35 Mitgliedstaaten zu schwerfällig. So war die Idee der "Zwei-plus-Vier-Gespräche" entstanden.
Mit diesem Kunstgriff sollte die rechtliche, politische und wirtschaftliche Zukunft Deutschlands von den Regierungschefs der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs entschieden werden.
Zunächst jedoch sollten sich die Regierungschefs der Bundesrepublik und der DDR treffen, um interne Probleme des neuen Staatsgebildes zu lösen - wahrscheinlich schon unmittelbar nach den Wahlen in Ostdeutschland. Dann erst sollten die "Großen Vier" dazustoßen, um die außenpolitischen Fragen der Wiedervereinigung zu erörtern.
Zoellick hatte darauf hingewiesen, daß diese Gespräche "unsere Zusammenarbeit mit den Deutschen" während des gesamten Wiedervereinigungsprozesses garantieren würden. Und gleichzeitig, so Ross, konnte Gorbatschow damit den Beweis antreten, daß die Sowjets ein integraler Bestandteil dieses Prozesses waren.
Gorbatschow gab nun bei seinem Gespräch mit Baker in Moskau zu, dieser Vorschlag sei "im Augenblick wohl der beste", lehnte es jedoch ab, sich selbst darauf festzulegen. Doch schon kurze Zeit später willigte er ein.
Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher gefiel später dieser Zwei-plus-Vier-Gedanke. Bei einem Treffen mit Baker in Washington erklärte er, allerdings würde er gern sicherstellen, daß es sich tatsächlich um Zwei-plus-Vier- und nicht um Vier-plus-Zwei-Gespräche handele.
Baker machte am Konferenztisch im Kreml deutlich, die USA sähen es lieber, wenn "das wiedervereinte Deutschland Mitglied der Nato bleibt" und "nicht neutral" werde. Bonn vertrete diese Auffassung ebenfalls. Die Sowjetunion könne die Logik dieses Gedankens nicht von der Hand weisen.
Es sei "unrealistisch", davon auszugehen, hielt Baker seinem Gesprächspartner entgegen, daß eine Wirtschaftsmacht von der Größe des vereinten Deutschland neutral bleiben könne. Er müsse die Sowjets sogar davor warnen, denn das bedeute, daß sich das Land dann selbst um seine Sicherheit kümmern werde.
Baker räumte die Möglichkeit ein, daß Deutschland am Ende vielleicht nicht Vollmitglied der Nato sein werde, sondern nach dem Vorbild Frankreichs in einer loseren Bindung zum Bündnis stehen könne.
Der Außenminister wußte, daß die größte Sorge Gorbatschows und seiner Genossen einem möglichen Wiederaufleben der deutschen Gelüste auf die Ostgebiete galt. Daher wählte er seine Worte genau, als er Gorbatschow fragte: "Würden Sie ein wiedervereintes Deutschland außerhalb der Nato und ohne US-Streitkräfte, dafür aber vielleicht mit eigenen Atomwaffen, lieber sehen? Oder ziehen Sie ein vereintes Deutschland vor, das in die Nato eingebunden ist, während gleichzeitig gewährleistet ist, daß die Nato ihr Territorium um keinen Zentimeter in Richtung Osten ausweitet?"
"Natürlich könnten wir keinerlei Ausdehnung des Nato-Bereichs akzeptieren", erwiderte Gorbatschow und sprach dann über die tiefsitzende Angst der Sowjets vor den Deutschen. "Nun, ich werde über das Thema Deutschland intensiv nachdenken", meinte Gorbatschow.
Baker ahnte nicht, wie erbittert sich Gorbatschow und Schewardnadse mit ihren Widersachern in Partei, Bürokratie und Generalstab über Deutschland auseinandersetzten. Jegor Ligatschow und andere Konservative im Politbüro waren immer noch aufgebracht darüber, daß Gorbatschow Ostdeutschland hatte fallenlassen. Die Vorstellung eines wiedervereinten Deutschland als Vollmitglied der Nato war Salz in ihren Wunden.
Georgij Kornijenko, der ehemalige Stellvertreter des langjährigen Außenministers Andrej Gromyko sowie die Deutschlandexperten Walentin Falin und Nikolai Portugalow forderten, Gorbatschows Berater müßten den Präsidenten und seinen Außenminister "daran hindern", Deutschland den Amerikanern auszuhändigen.
Gegenüber Journalisten warnte Falin: "Wenn das westliche Bündnis auf einer Nato-Mitgliedschaft für ganz Deutschland besteht, wird es überhaupt keine Wiedervereinigung geben."
Am 10. Februar 1990, einen Tag nach Bakers Gespräch im Kreml, flogen der Bundeskanzler und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher nach Moskau.
Baker verzichtete demonstrativ auf ein Treffen mit den beiden Deutschen. Er wollte in der Öffentlichkeit auf keinen Fall den Eindruck erwecken, die USA, die Sowjetunion und Westdeutschland träfen ohne die Einbeziehung der Briten und Franzosen Entscheidungen über die Zukunft Deutschlands.
Um Kohl Hilfestellung bei seiner Vorbereitung auf das Treffen mit Gorbatschow zu geben, hatte Baker beim westdeutschen Botschafter in Moskau einen dreiseitigen, für den Kanzler persönlich bestimmten Brief hinterlegt.
Planungschef Dennis Ross, der dieses Schreiben abgefaßt hatte, erwähnte darin, daß Gorbatschow möglicherweise _(* Später ließ Kohl Baker ein herzliches ) _(Dankschreiben zukommen. Er habe den ) _(Brief während seines Gesprächs mit ) _(Gorbatschow als Gedankenstütze benutzt. ) gegenüber Zwei-plus-Vier-Verhandlungen nicht abgeneigt wäre*. Der Brief wies aber auch auf Gorbatschows Bedenken hin. Man müsse den Sowjets unbedingt zusichern, daß die Grenzen Deutschlands dauerhaft und unverrückbar seien.
Baker hatte Bush darüber in Kenntnis gesetzt, daß Kohl wegen der vertraulichen amerikanisch-sowjetischen Gespräche zur deutschen Frage "besorgt und ausgesprochen mißtrauisch" sei. Man müsse Kohl glaubhaft versichern, daß es keinerlei Absprachen hinter seinem Rücken gebe.
Um den deutschen Kanzler zu beruhigen und um ihm zu zeigen, daß die Interessen der USA sich mit dem leidenschaftlichen Eintreten Kohls für eine rasche Wiedervereinigung deckten, schrieb Bush ihm einen überschwenglichen Brief.
Der amerikanische Präsident ließ Kohl wissen, er werde in Gedanken bei ihm weilen, wenn dieses "wichtigste Treffen der letzten Jahrzehnte" zwischen einem deutschen Kanzler und einem sowjetischen Staatschef stattfinde. Falls dabei herauskomme, daß die deutsche Wiedervereinigung rascher vollzogen werden könne, so bedeute dies, "daß unser Traum um so eher Wirklichkeit wird". Er müsse Kohl aber inständig bitten, darauf zu bestehen, daß Deutschland Mitglied der Nato bleibe.
Natürlich war Kohl überglücklich angesichts dieses Briefes von Bush. Gegenüber Mitarbeitern meinte er, es sei "eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen".
Bush und Baker waren besorgt über die Vorstellung, daß Kohl, vor die Wahl gestellt, entweder in der Nato zu bleiben oder mit Volldampf auf die Wiedervereinigung zu steuern, der Nato den Rücken zukehren könnte.
Daher bemühten sich der Präsident und Baker, einen - wie sich Robert Blackwill vom Nationalen Sicherheitsrat in vertraulichen Gesprächen ausdrückte - "westlichen Kokon" um Kohl zu spinnen:
"Immer wenn Kohl vor der Wahl steht, die Nato zu verlassen oder einen Bruch mit den Russen zu riskieren", so formulierte es Blackwill, "werden die westlichen Nationen einen Ring um ihn bilden. Wie ein einmütiger Chor wird der Westen hinter ihm stehen und ihm einflüstern: ,Wir stehen zu dir.'' Wir werden ihm in Erinnerung rufen, daß die Deutschen ihn auf die gleiche Stufe mit Bismarck und Adenauer stellen werden, was immer auch in diesem Jahr mit Deutschland geschieht."
Am 11. März 1990 stimmte das neugewählte litauische Parlament einmütig für die formelle "Wiederherstellung" der Unabhängigkeit, die das Land 50 Jahre zuvor verloren hatte. Neuer Staatschef wurde Vytautas Landsbergis, der erklärte: "Wir bitten niemanden um Erlaubnis für diesen Schritt."
Bush wußte, daß die Situation in Litauen sein gutes Verhältnis zu Gorbatschow empfindlich stören könnte. Er bat daher seine Berater und die Mitarbeiter im Außenministerium, geeignete Formulierungen zu finden, die einerseits deutlich machten, daß Washington weiterhin nicht bereit war, die Annexion Litauens durch die UdSSR anzuerkennen, andererseits aber dem Wunsch des amerikanischen Präsidenten gerecht wurden, Gorbatschow nicht in Schwierigkeiten zu bringen.
Marlin Fitzwater teilte der Presse mit, die USA hätten nicht die Absicht, Vilnius die offizielle diplomatische Anerkennung zu gewähren. Landsbergis warnte er: Die USA seien nicht bereit, den Kampf für ihn auszufechten. Statt dessen, so ließ er durchblicken, solle Landsbergis lieber versuchen, mit dem Kreml das Bestmögliche auszuhandeln. Der äußerte, die Bush-Administration habe "uns verraten und verkauft".
Gorbatschow erhielt einander widersprechende Ratschläge. Sein konservativer Rivale Jegor Ligatschow meinte: "Wir müssen das mit politischen Mitteln lösen. Panzer sind hier fehl am Platze." Die Militärs dagegen drängten, mit Waffengewalt einzuschreiten.
Bei einem privaten Treffen in Moskau machte Verteidigungsminister Dmitrij Jasow dem ehemaligen Vorsitzenden des Führungsstabes der US-Streitkräfte, Admiral William Crowe, das Dilemma Gorbatschows deutlich. "Wenn sich erst einmal eine Republik abspaltet, ist er am Ende. Und wenn er Gewalt anwenden muß, um eine Republik davon abzuhalten, ist es ebenfalls aus mit ihm."
Und der sowjetische Staatschef durfte auch sein Versprechen nicht vergessen, das er Bush in Malta gegeben hatte: daß er alles tun wolle, was in seinen Kräften stand, um ein Blutvergießen in den Straßen von Vilnius zu vermeiden. So erinnerte Baker seinen Moskauer Kollegen daran: "Wenn Sie Zwang oder Gewalt anwenden, müssen Sie mit allem rechnen. Dann können auch wir für nichts garantieren."
Schewardnadse verwies darauf, daß nicht nur viele Generale, sondern auch der Geheimdienst KGB und ** Mit einem Wirtschafts- _(embargo verschärfte Moskau in der Folge ) _(den Druck auf Litauen. Am 30. Juni 1990 ) _(hob Gorbatschow die Wirtschaftsblockade ) _(wieder auf. Am 13. Januar 1991 kam es zu ) _(Gewalttätigkeiten sowjetischer Truppen ) _(in Vilnius. Am 6. September 1991 ) _(erkannte Moskau die Unabhängigkeit ) _(Litauens, im selben Monat auch die ) _(Lettlands und Estlands an. * Nach einer ) _(Pressekonferenz am 10. Februar 1990. ) Funktionäre der Parteispitze, die sich bei den Entscheidungen über Deutschland und Osteuropa übergangen fühlten, nun "mit größerem Nachdruck" forderten, im Baltikum keine Zugeständnisse zu machen.
In Washington drohte Scowcroft gegenüber dem sowjetischen Botschafter Jurij Dubinin, falls der Kreml gegen Litauen Gewalt anwende, werde der Präsident das für den Sommer ins Auge gefaßte Gipfeltreffen mit Gorbatschow platzen lassen. "Alles, was die Spannungen vergrößern oder zur Einschüchterung beitragen könnte, gefährdet die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf allen Ebenen."
Nach außen hin allerdings reagierte die Bush-Administration gemäßigt und versöhnlich. Am 22. März wiederholte Bush bei einer Pressekonferenz, die USA hätten die Annexion Litauens durch die Sowjetunion niemals anerkannt: "Jedoch hat eine Medaille immer zwei Seiten . . . die Litauer wissen das ganz genau . . . und deshalb sollten sie mit der sowjetischen Führung über ihre Differenzen sprechen."
Am nächsten Tag besetzten sowjetiche Fallschirmspringer das Gebäude der KP in Vilnius, und ein Konvoi sowjetischer Panzer und Schützenpanzer rollte am Parlament vorbei in Richtung auf eine Kaserne am anderen Ende der litauischen Hauptstadt**.
Für Sicherheitsberater Scowcroft stand außer Frage, daß der "emotionale" Aspekt der Unabhängigkeit des Baltikums der "nüchternen Realität" der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen untergeordnet werden müsse. Es wäre der "Gipfel der Provokation", wenn die USA den Eindruck erweckten, sich aktiv für den Zusammenbruch der Sowjetunion einzusetzen, sagte er in vertraulichem Kreis.
Dem pflichtete Bush uneingeschränkt bei. "Ich möchte nicht, daß man in 20 oder 40 Jahren zurückblickt und sagt: ,Von da an ging alles schief. Von da an gab es keine Fortschritte mehr.''"
Das Bemühen der Bush-Administration, die Krise im Baltikum nicht gegen die Interessen der Sowjetunion auszunutzen, beeindruckte die Militärs in Moskau keineswegs. Marschall Sergej Achromejew beklagte sich darüber, daß die Amerikaner die Sowjets "über den Tisch ziehen" würden. Die Zeit "arbeitet für sie". Er habe allmählich "von den Amerikanern die Nase gestrichen voll".
Gegenüber seinem amerikanischen Kollegen Crowe äußerte Achromejew, das Militär sei von der Politik Gorbatschows "sehr enttäuscht": "Ich hatte keine Vorstellung davon, daß Glasnost im sowjetischen Volk eine solche Unzufriedenheit schüren würde. Für Glasnost gibt es in unserer Gesellschaft keine Grundlage. Es zeigt sich, daß unser Volk weder reif noch diszipliniert genug ist."
Als Schewardnadse und Baker Anfang April in Washington über die Rüstungskontrolle sprachen, wurde deutlich, daß das sowjetische Militär gegen die politische Führung den Aufstand probte. Der sowjetische Außenminister war gezwungen, mehrere wichtige Zugeständnisse bei der Rüstungskontrolle für Marschflugkörper, die beide Seiten schon ausgehandelt hatten, wieder zurückzunehmen.
Baker wurde kreidebleich. Er sagte: "Ich bin mir nicht sicher, daß es viel Sinn macht, wenn wir Vereinbarungen ausarbeiten, damit Ihre Militärs dann alles wieder umwerfen, und Sie sagen, die Vereinbarungen gelten nun nicht mehr."
Am Mittwoch, dem 30. Mai 1990, um 18.50 Uhr landete Gorbatschows blau-weißer Jet auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington. Der sowjetische Präsident wirkte bedrückt, als er, seine Frau Raissa zu seiner Rechten, die Gangway hinabstieg.
Am Morgen darauf fuhr seine gepanzerte Limousine am südlichen Säulengang des Weißen Hauses vor. Bush schlenderte mit Gorbatschow über das Gelände des Weißen Hauses, dann zum Oval Office. Dort führten sie zunächst ein Gespräch unter vier Augen.
Michail Gorbatschow schilderte die Krise der sowjetischen Wirtschaft in düsteren Farben und erklärte, westliche Hilfe sei "dringend notwendig". Ihm sei klar, daß ein Handelsabkommen dem sowjetischen Volk unmittelbar nur wenig praktische Verbesserungen bringe. Dennoch habe es einen hohen symbolischen Wert, denn es mache deutlich, daß eine Politik der Zusammenarbeit mit dem Westen zu positiven Ergebnissen führe: "Das brauche ich."
Baker und Schewardnadse trafen sich zu Gesprächen unter vier Augen. Schewardnadse machte einen resignierten Eindruck. Beinahe flehend sagte er: "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wichtig es für uns ist, daß das Handelsabkommen bei diesem Gipfel unterzeichnet wird. Wenn dies nicht geschieht, was sollen wir unserem Volk sagen, wenn wir nach Hause zurückkommen?"
Baker zeigte sich nach außen hin unbeeindruckt und entgegnete trocken: "Ich verstehe nicht, weshalb Sie nicht einfach erklären, daß die USA in Anbetracht der Lage in Litauen dieses Abkommen nicht unterzeichnen können."
Schewardnadse erwiderte, Gorbatschow brauche etwas, womit er zu Hause sein hohes Ansehen im Westen unter Beweis stellen könne: "Ich habe in dieser Art und Weise nie mit Ihnen gesprochen, aber es ist einfach äußerst wichtig, daß dieses Abkommen unterzeichnet wird."
Niemals zuvor hatte Schewardnadse Baker so eindringlich geschildert, wie sehr Gorbatschow von Bushs Unterstützung abhängig war.
Im reich geschmückten Ballsaal der sowjetischen Botschaft gab Gorbatschow am Mittag ein Essen für 60 amerikanische Intellektuelle und Meinungsführer. Auf Wunsch Raissas waren auch Filmstars und andere bekannte Künstler eingeladen worden.
Henry Kissinger, der sich unter die sowjetischen Gäste mischte, stellte erstaunt fest, daß Gorbatschows Mitarbeiter über ihren Vorgesetzten herzogen, sobald dieser außer Hörweite war. Kissinger fragte Gorbatschows Berater Jewgenij Primakow, ob den Sowjets klar gewesen sei, welche Konsequenzen der Fall der Berliner Mauer habe. Primakow bekannte, sie hätten "keine Ahnung" gehabt, fügte hinzu, es sei ganz und gar nicht "unsere" Entscheidung gewesen. Er zeigte auf Gorbatschow: "Er hat es gewollt."
Nach dem Gala-Essen trafen Gorbatschow und seine Berater wieder mit ihren amerikanischen Verhandlungspartnern zusammen. Bush überreichte eine Liste mit Sicherheitsgarantien, die es den Sowjets leichter machen sollten, eine Mitgliedschaft des vereinten Deutschland in der Nato zu akzeptieren.
Gorbatschow schlug dagegen vor, Deutschland solle Mitglied sowohl in der Nato als auch im Warschauer Pakt sein. Auf die Vergangenheit des Präsidenten bei der U. S. Navy anspielend, meinte er: "Sie sind doch Seemann. Da werden Sie sicher verstehen, was ich meine, wenn ich sage: Ein Anker ist gut, zwei sind besser." Bush erwiderte, er verstehe nicht, "wie zwei Anker funktionieren _(* Ankunft Gorbatschows vor dem Weißen ) _(Haus am 31. Mai. ) sollen". Er halte eine ausschließliche Mitgliedschaft der Deutschen in der Nato für die bessere Idee.
"Wir wissen, weshalb es die Nato gibt. Sie ist eine Organisation des Kalten Krieges", gab Gorbatschow zurück. Dennoch frage er sich, "ob nicht das deutsche Volk selbst über eine Mitgliedschaft in der Nato entscheiden soll".
Gorbatschow fuhr fort, auch für ein vereintes Deutschland gelte der Grundsatz, daß ein Volk das Recht habe, "seine Bündnisse selbst zu wählen". Die "äußeren Beziehungen" des deutschen Volkes "sollten Sache des deutschen Volkes sein".
Als Bush ihn dann drängte, Einzelheiten über ein solches Referendum zu nennen, erhielt er keine Antwort. Schließlich fragte er den sowjetischen Staatschef, ob er bereit sei, das eben Gesagte in einer offiziellen Erklärung zu wiederholen. Gorbatschow nickte.
Mitglieder der sowjetischen Delegation zeigten sich sichtlich entsetzt - allen voran Walentin Falin, der langjährige führende Deutschlandexperte des Kreml. Falin versuchte nun, das Ganze zu zerreden und Gorbatschows Vorhaben zu hintertreiben.
Als Gorbatschow dann offiziell seinen Standpunkt darlegte, rückte er tatsächlich schrittweise von seinen vorher gemachten Aussagen ab. Robert Gates vom Nationalen Sicherheitsrat folgerte daraus, Gorbatschow sei "über die intern vereinbarten Positionen hinausgegangen".
Offensichtlich hatte Gorbatschow Schwierigkeiten mit den eigenen Genossen und versuchte nun, die Aufgabe an Schewardnadse zu delegieren. Dreimal bat er ihn, sich mit Baker über die deutsche Frage auseinanderzusetzen.
Zuerst lehnte Schewardnadse schroff ab: "Dieses Problem muß von den Regierungschefs selbst gelöst werden . . . Wir brauchen hier eine politische Zielvorgabe." Schließlich gab er aber dann doch nach.
Die Amerikaner waren verblüfft. Niemals zuvor hatte ein sowjetischer Außenminister es gewagt, sich in ihrer Anwesenheit seinem Vorgesetzten so entschieden zu widersetzen. Sie gewannen den Eindruck, Gorbatschow wolle Schewardnadse die Last der Verantwortung für die ungewissen Entwicklungen in Deutschland aufbürden und der Außenminister wehre sich dagegen.
Am späten Nachmittag des folgenden Tages rief Baker, noch immer bewegt von Schewardnadses Appell am Vortag, den Präsidenten an und empfahl ihm, das Handelsabkommen mit der Sowjetunion nun doch zu unterzeichnen. Bush stimmte zu, allerdings nur unter der Bedingung, daß Gorbatschow sein Versprechen wiederhole, die Krise in den baltischen Republiken friedlich zu lösen.
Um 18 Uhr nahmen die beiden Verhandlungsdelegationen, Kongreßabgeordnete, Senatoren und weitere Gäste ihre Plätze im East Room des Weißen Hauses ein. Dort sollten, vom Fernsehen direkt übertragen, Bush und Gorbatschow eine Reihe von Abkommen unterzeichnen.
Bevor Gorbatschow hinter Bush den Saal betrat, fragte er ihn: "Unterschreiben wir jetzt auch das Handelsabkommen?" "Ja", erwiderte Bush. Mit einem breiten Lächeln sagte Gorbatschow: "Das ist wirklich von Bedeutung."
Bush und Gorbatschow sollten am Sonntag morgen um zehn Uhr im East Room eine gemeinsame Abschlußpressekonferenz abhalten. Am Tag zuvor überreichte Robert Blackwill dem neuen sowjetischen Botschafter in Washington, Alexander Bessmertnych, als Zeichen der nunmehr engeren amerikanisch-sowjetischen Beziehungen vorab eine Kopie der geplanten einleitenden Rede von George Bush. Gorbatschow konnte also seine eigenen Worte auf die Erklärungen des amerikanischen Präsidenten abstimmen.
Blackwill meinte zu Bessmertnych: "Nicht, daß wir von Ihnen verlangen, diese Erklärung zu billigen, aber wir zeigen unseren Freunden so etwas immer vorher."
Die Rede enthielt einen entscheidenden Satz: Die beiden Staatschefs seien sich "vollkommen einig" darüber, daß die Bündniszugehörigkeit der Deutschen "von ihnen selbst entschieden werden muß".
Am Samstag abend hatte im Außenministerium Condoleezza Rice bis spät in die Nacht darauf gewartet, daß die Sowjets sie anrufen und eine Streichung dieses Satzes fordern würden. Eine Stunde nach Mitternacht rief sie Blackwill an: "Bei mir haben sie sich nicht gemeldet. Bei Ihnen vielleicht?"
Schließlich hatte Bessmertnych angerufen und mitgeteilt, er habe keine Einwände gegen Bushs Erklärung.
Wie groß die Uneinigkeit zu diesem Thema in ihren eigenen Reihen auch war, die sowjetische Führung hatte sich stillschweigend damit abgefunden, daß Deutschland auch nach der Wiedervereinigung in der Nato bleiben würde.
Am Dienstag, dem 5. Juni, traf Baker in Kopenhagen mit Schewardnadse während einer Sitzung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zusammen.
Um sowjetische Ängste wegen einer Mitgliedschaft des vereinten Deutschland in der Nato zu zerstreuen, schlug Baker vor, bei den KSZE-Verhandlungen die Zahl der deutschen Soldaten zu begrenzen und die Zukunft der sowjetischen Truppen in Ostdeutschland zu regeln. Dies seien Erweiterungen jener Sicherheitsgarantien, die er und Bush im Kabinettssaal in Washington präsentiert hätten.
Ohne jenes Zögern, das Gorbatschow noch in Washington an den Tag gelegt hatte, machte Schewardnadse einen weiteren Riesenschritt: Wenn die amerikanischen Garantien kodifiziert würden, könne sich die Sowjetunion auf eine Wiedervereinigung Deutschlands bis zum Ende des Jahres 1990 einlassen. Ein solcher Staat würde selbstverständlich über seine Bündniszugehörigkeit frei entscheiden können.
Baker konnte seine Freude nur mühsam verbergen. Noch am selben Abend rief er Bush in Washington an und sagte: "Die Sowjets ziehen jetzt in der Deutschlandfrage mit."
Anschließend telefonierte Baker auch mit Hans-Dietrich Genscher, der ebenfalls in Kopenhagen weilte. Als er erfuhr, daß der deutsche Außenminister sich schon zur Nachtruhe zurückgezogen hatte, bestand Baker darauf, ihn zu wecken, um ihm die gute Nachricht zu übermitteln: Die UdSSR sei endlich "startklar".
Am 12. Juni erklärte Gorbatschow vor dem Obersten Sowjet seine Bereitschaft, ein vereintes Deutschland in der Nato zu akzeptieren.
Voraussetzung dafür sei allerdings, daß die Streitkräfte der DDR während einer Übergangsperiode weiterhin dem Warschauer Pakt als "assoziiertes Mitglied" angehörten. Dann fügte er noch hinzu, falls die Nato-Führer sich entschließen sollten, aus dem militärischen Bündnis ein eher politisches zu machen, wäre das Problem der deutschen Wiedervereinigung weitaus leichter zu lösen.
Während der Zwei-plus-Vier-Gespräche in Ost-Berlin machte Schewardnadse zehn Tage später deutlich: "Gorbatschow ist äußerst besorgt darüber, auf welche Position der (für Anfang Juli geplante) Londoner Nato-Gipfel die Allianz im Rahmen eines neuen Europa festlegen wird."
Als im Weißen Haus die Vorbereitungen zum Londoner Gipfel getroffen wurden, hatte Robert Blackwill Scowcroft einen Entwurf zu der Frage überreicht, "wie eine neue Nato aussehen sollte".
Der erste Satz lautete: "Der Kalte Krieg ist vorbei." Es folgten Vorschläge, die beim Londoner Gipfel präsentiert werden sollten. Dazu gehörte unter anderem: Osteuropa solle ständige Vertreter in die Nato entsenden und Gorbatschow einer Sitzung des Nato-Rates beiwohnen. Der KSZE sollten mehr politische Handlungsmöglichkeiten eingeräumt werden.
Blackwill hoffte, derartige Vorschläge würden "den neuen Demokratien in Osteuropa die Aussicht auf einen sicheren Hafen im bevorstehenden Sturm" verschaffen.
Außerdem sollten sie "Gorbatschow jede nur erdenkliche Rechtfertigung an die Hand geben, sich mit der Nato-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschland abzufinden". Und nicht zuletzt sollten die Vorschläge "die Führungsrolle der USA in einer Zeit demonstrieren, in der jeder vom Niedergang der Vereinigten Staaten spricht".
Bush billigte Blackwills Vorstellungen. In einem dreiseitigen Brief informierte er Kohl, Thatcher, Mitterrand, den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti und den Generalsekretär der Nato, Manfred Wörner.
Kohl war begeistert von Bushs Neuerungsplänen für die Nato. Und Wörner schickte dem amerikanischen Präsidenten ein persönliches Schreiben: "Normalerweise trinke ich um 8.30 Uhr morgens Kaffee. Als ich jedoch Ihre Botschaft las, George, griff ich zum Champagner."
Am 14. Juli flog Bundeskanzler Helmut Kohl nach Moskau. Am folgenden Tag trafen der Bundeskanzler und Gorbatschow in einem Gästehaus der sowjetischen Regierung zusammen. "Wir haben ein paar kleine Nüsse zu knacken, aber schließlich haben wir gute Zähne", meinte Gorbatschow.
Am Nachmittag flogen die beiden Regierungschefs in den Erholungsort Archys im Kaukasus. Dort verhandelten sie bis tief in die Nacht. Gorbatschow meinte, der jüngste Wandel in der Nato habe es ihm leichter gemacht, ein wiedervereintes Deutschland hinzunehmen, das über seine Bündniszugehörigkeit selbst entscheide.
Am nächsten Tag erklärte Gorbatschow bei einer gemeinsamen Pressekonferenz: "Ob wir es wollen oder nicht, die Zeit wird kommen, da ein vereintes Deutschland, falls es dies will, Mitglied der Nato sein wird."
Kohl schwärmte: "Ein Durchbruch, ein phantastisches Ergebnis." Wenn es einen datierbaren Zeitpunkt gab, an dem der Kalte Krieg zu Ende war, so war es vermutlich dieser Augenblick.
Der US-Außenminister erhielt die Nachricht von Gorbatschows Einwilligung _(* Rast bei einem Spaziergang am 16. ) _(Juli. ) auf dem Flug nach Europa. Baker war überrascht. Er war davon ausgegangen, daß der sowjetische Staatschef aufgrund seiner Schwierigkeiten mit den Hardlinern im Politbüro frühestens im August nachgeben würde. Nach der Lektüre eines Memos über das Treffen zwischen Gorbatschow und Kohl hatte er noch an den Rand geschrieben: "Das ist ein Nicht-Ereignis."
Im Weißen Haus in Washington zeigte sich Präsident Bush gegenüber seinen Vertrauten verstimmt darüber, daß Kohl und Gorbatschow letztlich die Sache unter sich ausgemacht hatten.
Am Morgen des 17. Juli telefonierte Bush 45 Minuten lang mit Gorbatschow. Er gab vor, den Kreml-Chef über die Ergebnisse des Londoner Nato-Gipfels informieren zu wollen. Eigentlich aber wollte er damit vor allem verhindern, daß die sowjetischdeutsche Zusammenarbeit unter Umgehung Washingtons in Zukunft zu einer ständigen Einrichtung werden könnte.
Leicht eingeschnappt erinnerte Bush am Telefon den Kreml-Chef daran: Der "Architekt" sei der Präsident der Vereinigten Staaten gewesen. *HINWEIS: Ende
Die wiedervereinten Deutschen sollten über die Bündniszugehörigkeit selbst entscheiden
"Die schwierigen Probleme werden nicht dadurch leichter, daß sich die Regierungschefs anderer Länder als oberste Autorität aufspielen"
Baker behielt im Hinterkopf, daß die Sowjets immer versucht hatten, Washington und Bonn gegeneinander auszuspielen
Weder Amerikaner noch Sowjets hatten damit gerechnet, daß es so schnell zur Wiedervereinigung kommen könnte
"Sie müssen Gorbatschow unbedingt daran hindern, Deutschland den Amerikanern auszuhändigen"
"Wenn er gegen eine Republik, die sich abspalten will, Gewalt anwenden muß, ist es aus mit Gorbatschow"
Mit breitem Lächeln freute sich der Kreml-Chef darüber, daß die Amerikaner das von ihm benötigte Handelsabkommen doch noch unterzeichneten
Die Amerikaner warteten bis in die tiefe Nacht auf einen Anruf aus der sowjetischen Botschaft
Im fernen Washington war US-Präsident Bush verstimmt darüber, daß es so aussah, als hätten Kohl und Gorbatschow die Sache unter sich ausgemacht
*VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Die Maueröffnung *
hatte US-Präsident George Bush verblüfft: "Die Sowjets meinen es ernster, als ich geglaubt habe." Wenige Wochen später waren sich Bush und der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow beim Gipfel von Malta politisch nahe gekommen. Nach monatelangem diplomatischen Ringen im Anschluß an den Gipfel gelang es der Bush-Regierung dann, Gorbatschow zu einem Riesenschritt zu bewegen. Der Kreml-Chef willigte in eine Nato-Mitgliedschaft auch des wiedervereinten Deutschland ein. Was Kohl später im Kaukasus als sein Werk ausgab, war von Amerikanern und Sowjets in Kleinarbeit vorbereitet worden.
y 1993, Econ Verlag GmbH, Düsseldorf. Der vollständige Text erscheint Anfang Mai als Buch im Econ Verlag unter dem Titel "Auf höchster Ebene. Das Ende des Kalten Krieges und die Geheimdiplomatie der Supermächte 1989 - 1991" (646 Seiten; 78 Mark). * Später ließ Kohl Baker ein herzliches Dankschreiben zukommen. Er habe den Brief während seines Gesprächs mit Gorbatschow als Gedankenstütze benutzt. ** Mit einem Wirtschaftsembargo verschärfte Moskau in der Folge den Druck auf Litauen. Am 30. Juni 1990 hob Gorbatschow die Wirtschaftsblockade wieder auf. Am 13. Januar 1991 kam es zu Gewalttätigkeiten sowjetischer Truppen in Vilnius. Am 6. September 1991 erkannte Moskau die Unabhängigkeit Litauens, im selben Monat auch die Lettlands und Estlands an. * Nach einer Pressekonferenz am 10. Februar 1990. * Ankunft Gorbatschows vor dem Weißen Haus am 31. Mai. * Rast bei einem Spaziergang am 16. Juli.
Von M. R. Beschloss und S. Talbott

DER SPIEGEL 18/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Unser Traum wird früher Wirklichkeit“