02.08.1993

In grauenvollen Details

In der Nähe des polnischen Ortes Lomazy gab es nirgendwo einen Bahnhof, so daß man die Juden, die im Juni 1942 dort konzentriert worden waren, nicht einfach deportieren konnte - den deutschen Polizeioffizieren Grund genug für das Massaker vom 17. August, bei dem die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 dort an einem Tag mehr als 1700 Juden erschossen. Die meisten Juden im nördlichen Abschnitt des Distrikts Lublin wohnten jedoch in Orten, die in der Nähe von Bahngleisen lagen. So bestand der Beitrag, den die Hamburger Reservepolizisten zur "Endlösung" leisteten, nach diesem Blutbad vor allem in der Räumung von Ghettos und der Deportation der Juden in das Vernichtungslager von Treblinka, das sich rund 110 Kilometer nördlich von Radzyn, dem Bataillonshauptquartier, befand.
Genau wie einige Ortschaften im Süden des Lubliner Distrikts sollte auch das nördlich von Lublin gelegene Miedzyrzec zum "Durchgangsghetto" werden, in dem die Juden aus dem Umland gesammelt und dann nach Treblinka geschickt wurden. Damit Juden aus anderen Orten aufgenommen werden konnten, mußte das Ghetto von Miedzyrzec regelmäßig _(y 1993, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek. ) _(Der vollständige Text erscheint am 13. ) _(August unter dem Titel "Ganz normale ) _(Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 ) _(und die Endlösung in Polen" (übersetzt ) _(von Jürgen Peter Krause, 280 Seiten, 42 ) _(Mark). ) geräumt werden. Die umfangreichste dieser Räumungen wurde am 25. und 26. August 1942 von Teilen des Reserve-Polizeibataillons 101 sowie einer Einheit von ukrainischen, lettischen und litauischen "Hilfswilligen" aus dem SS-Ausbildungslager in Trawniki vorgenommen. Ebenfalls beteiligt waren deutsche Sicherheitspolizisten aus Radzyn.
Fünf Züge des Bataillons wurden am frühen Morgen des 25. August für die "Aktion" in Miedzyrzec in Marsch gesetzt. Ein Großteil der Polizisten sammelte sich in Radzyn.
Hauptmann Julius Wohlauf, der Kommandeur der 1. Kompanie und stellvertretende Bataillonskommandeur, war zunächst nicht dabei. Der Grund dafür wurde klar, als der Lastwagenkonvoi auf dem Weg aus der Stadt vor seiner Unterkunft anhielt. Begleitet von seiner jungen Frau, die im vierten Monat schwanger war und sich jetzt einen Uniformmantel über die Schultern gelegt und ein Käppi aufgesetzt hatte, trat Wohlauf aus dem Haus und setzte sich zusammen mit ihr in einen der Lastwagen.
Wohlauf hatte ursprünglich in Hamburg für den 22. Juni seine Hochzeit geplant, war dann jedoch von der plötzlichen Abreise des Bataillons nach Polen überrascht worden. Kaum im Distrikt Lublin angekommen, hatte er den Bataillonskommandeur, Wilhelm Trapp, gebeten, ihn für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehren zu lassen, damit er seine schwangere Freundin heiraten könne. Trapp lehnte das zuerst ab, gewährte ihm dann aber doch einige Tage Sonderurlaub. Wohlauf heiratete am 29. Juni. Kurz vor dem Massaker von Jozefow, wo das Bataillon am 13. Juli 1942 die erste seiner Massenerschießungen durchführte, war er wieder bei seiner Truppe. Sobald seine Kompanie in Radzyn stationiert war, hatte er seine junge Frau für die gemeinsamen Flitterwochen dorthin nachkommen lassen.
Es ist möglich, daß Wohlauf seine Frau zur "Aussiedlungsaktion" von Miedzyrzec mitnahm, weil er von ihr mitten in den Flitterwochen unter keinen Umständen getrennt sein mochte. Andererseits wollte der von sich eingenommene, angeberisch veranlagte Hauptmann vielleicht auch nur seiner jungen Frau demonstrieren, daß er Herr über Leben und Tod der polnischen Juden war. Seine Untergebenen waren eindeutig von letzterem überzeugt und reagierten mit Entrüstung und Empörung darauf, daß eine Frau ihre schrecklichen Taten mit ansehen sollte.
Als der Konvoi mit Wohlauf, seiner Frau und dem größten Teil der 1. Kompanie in Miedzyrzec, knapp 30 Kilometer nördlich von Radzyn, eintraf, war die "Aktion" bereits im Gange. Schüsse und Schreie waren zu hören; die Hilfswilligen und die Sicherheitspolizei hatten begonnen, die Juden zusammenzutreiben. Während Wohlauf genauere Instruktionen einholen ging, mußten seine Männer warten. Nach 20 bis 30 Minuten kam er zurück und erteilte seinen Untergebenen verschiedene Aufträge.
Einige schickte er zum Wachdienst an der äußeren Absperrung, die meisten aber teilte er zur Räumungsaktion ein, die gemeinsam mit den Hilfswilligen durchgeführt werden sollte. Sie erhielten Befehl, alle Juden zu erschießen, die für den Marsch zur Bahnstation vor der Stadt zu krank, zu alt oder zu schwach waren.
Während die Männer noch auf Wohlauf warteten, begegnete ihnen ein Führer der Sicherheitspolizei, der bereits am frühen Morgen ziemlich stark betrunken war. Und schon bald wurde deutlich, daß dies auch auf die Hilfswilligen aus Trawniki zutraf. Sie schossen so unkontrolliert, daß die Polizisten wiederholt in Deckung gehen mußten, um nicht von Kugeln getroffen zu werden. Überall in den Straßen und Häusern waren die Leichen erschossener Juden zu sehen.
Von den Hilfswilligen und den Polizisten getrieben, strömten Tausende von Juden auf den Marktplatz. Hier mußten sie sich hinsetzen und durften weder aufstehen noch sonst sich bewegen. Es war an diesem Augusttag so heiß, daß während des stundenlangen Wartens viele Juden einen Kreislaufkollaps erlitten und ohnmächtig wurden. Außerdem wurde auch auf dem Marktplatz weiter geprügelt und geschossen. Wegen der steigenden Temperaturen hatte Frau Wohlauf, die die Vorgänge aus nächster Nähe beobachtete, inzwischen den Uniformmantel abgelegt. Sie war in ihrem Kleid auf dem Marktplatz deutlich auszumachen.
Gegen 14 Uhr wurden die äußeren Wachposten zum Marktplatz beordert, und ein bis zwei Stunden später begann der Marsch zur Bahnstation. Sämtliche Hilfswilligen- und Polizeikräfte waren im Einsatz, um die Tausenden von Juden dort hinzutreiben. Die "Fußkranken", die nicht mehr weiter konnten, wurden erschossen und am Straßenrand liegengelassen.
Auf der Bahnstation stand zum Abschluß noch ein schrecklicher Vorgang bevor: die Beladung der Waggons. Während die Hilfswilligen und die Sicherheitspolizisten jeweils 120 bis 140 Juden in die einzelnen Waggons trieben, standen die Reservepolizisten Wache und schauten zu. Bei den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in den sechziger Jahren berichtete ein Augenzeuge: _____" Wenn es nicht klappen wollte, wurde mit Reitpeitschen " _____" und Schußwaffen nachgeholfen. Die Verladung war einfach " _____" fürchterlich. Es gab ein unheimliches Geschrei der armen " _____" Menschen, da diese in 10 bis 20 Waggons gleichzeitig " _____" verladen wurden. Der ganze Güterzug war unheimlich lang. " _____" Er war nicht zu übersehen. Es mögen 50 bis 60 Waggons " _____" gewesen sein. Sobald ein Waggon beladen war, wurden die " _____" Türen vernagelt. "
Noch vor der Abfahrt des Zuges rückten die Reservepolizisten des Bataillons 101 eilig ab.
Rund 11 000 Juden waren in Miedzyrzec von der Deportation betroffen. Nur 1000 hatten eine vorläufige Arbeitserlaubnis erhalten, mit der man sie so lange im Ghetto zu halten gedachte, bis sie durch Polen ersetzt werden konnten. Nahezu 1000 Juden wurden im Lauf der "Aktion" erschossen.
Diese Zahl läßt erkennen, wie brutal die Deportation von Miedzyrzec selbst nach damaligen nationalsozialistischen Maßstäben durchgeführt worden war. Zwischen dem 22. Juli und dem 21. September 1942 etwa wurden 300 000 Juden aus Warschau deportiert. In diesen zwei Monaten wurden den Berichten des Warschauer Judenrats zufolge insgesamt 6687 Juden erschossen. In Warschau war demnach das Verhältnis von sofort getöteten zu deportierten Juden ungefähr 2 zu 100, während es in Miedzyrzec 9 zu 100 betrug. Die Juden von Miedzyrzec gingen nicht "wie die Schafe zur Schlachtbank", sondern wurden mit einer solchen Brutalität hingetrieben, daß diese Vorgänge selbst in der Erinnerung der zunehmend abgestumpften und gefühllosen Männer vom Bataillon 101 einen unauslöschlichen Eindruck hinterließen.
Am 25. September 1942, drei Tage nach einem Massaker in dem Dorf Serokomla, bei dem Angehörige des Bataillons unter dem Kommando von Hauptmann Wohlauf 200 bis 300 Juden erschossen hatten, machte sich Hauptwachtmeister Jobst* von der 1. Kompanie in Zivilkleidung, und nur von einem polnischen Dolmetscher begleitet, von der Ortschaft Kock aus zu einem arrangierten Treffen auf den Weg. Er hoffte, einen polnischen Partisanen zu fangen, der sich in der Gegend zwischen den Dörfern Serokomla und Talczyn versteckt hielt. Jobst hatte Erfolg und nahm den Mann fest. Auf dem Rückweg geriet der Hauptwachtmeister jedoch in Talczyn in einen Hinterhalt und wurde getötet. Der polnische Dolmetscher konnte entkommen, er traf in Kock lange nach Einbruch der Dunkelheit mit der Nachricht von Jobsts Tod ein.
Um Mitternacht meldete Hauptwachtmeister Jurich dem Bataillonshauptquartier in Radzyn telefonisch den Vorfall. Wenig später rief Major Trapp, der Kommandeur des Reserve-Polizeibataillons 101, aus Radzyn an und sagte, daß von Lublin angeordnet worden sei, zur Vergeltung 200 Personen zu erschießen.
Dieselben Einheiten, die vier Tage zuvor über Serokomla hergefallen waren, trafen am frühen Morgen des 26. September wieder an derselben Straßenkreuzung nordwestlich von Kock zusammen. Befehlshaber war diesmal nicht Hauptmann Wohlauf, der mit seiner Frau schon auf dem Weg nach Deutschland war. Statt dessen leitete Major Trapp, der in Begleitung seines Adjutanten Oberleutnant Hagen und des Bataillonsstabs erschienen war, selbst den Einsatz.
Bei ihrer Ankunft in Talczyn wurde der gesamten 1. Kompanie der Leichnam von Hauptwachtmeister Jobst gezeigt, der am Ortsrand auf der Straße lag. Dann riegelten die deutschen Polizisten die Ortschaft ab, holten die polnischen Einwohner aus ihren Häusern und brachten sie in die Schule, wo Trapp sie einer Selektion unterzog.
Der Bataillonskommandeur und sein Adjutant waren offensichtlich darauf bedacht, die örtliche Bevölkerung möglichst wenig gegen sich aufzubringen, und so führten sie die Selektion in Absprache mit dem polnischen Bürgermeister durch. Es waren nur zwei Kategorien von Polen betroffen: Fremde beziehungsweise Leute, die nur vorübergehend in Talczyn wohnten, _(* Nur Bataillonskommandeur Wilhelm Trapp ) _(und die drei Kompanieführer Wolfgang ) _(Hoffmann, Julius Wohlauf und Hartwig ) _(Gnade sind mit ihrem richtigen Namen ) _(genannt. Bei allen anderen ) _(Bataillonsangehörigen verwendet der ) _(Autor Pseudonyme. ) und Personen "ohne ausreichende Existenzgrundlage". Trapp schickte einen Polizisten zu den Klassenzimmern nebenan, um die dort festgehaltenen Frauen zu beruhigen, die vor Verzweiflung schrien und weinten. 87 polnische Männer wurden auf diese Weise ausgesondert, aus dem Dorf geführt und in der Nähe erschossen. Einer der deutschen Polizisten sagte bei den Vernehmungen nach dem Krieg aus, man habe nur "die Ärmsten der Armen" getötet.
Leutnant Buchmann fuhr mit einigen Männern direkt ins Bataillonshauptquartier nach Radzyn zurück, während der Rest der Kompanie in Kock eine Mittagsrast einlegte. Beim Essen erfuhren die Polizisten, daß es mit dem Töten an diesem Tag noch nicht zu Ende war. Die festgelegte Vergeltungsquote von 200 Personen war längst nicht erfüllt. So hatte Trapp sich etwas scheinbar Geniales einfallen lassen, um seinem Auftrag zu genügen, ohne das Verhältnis zur örtlichen Bevölkerung weiter zu belasten. Anstatt in Talczyn noch mehr Polen zu erschießen, sollten seine Polizisten nun Juden aus dem Ghetto von Kock erschießen.
Suchtrupps drangen kurz darauf ins Ghetto ein und ergriffen ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht jeden, den sie finden konnten. Ältere Juden, die nicht zum Exekutionsplatz laufen konnten, wurden auf der Stelle erschossen.
Die Juden, die den Polizisten ins Netz gingen, wurden aus dem Ghetto zu einem großen Haus getrieben, an dessen Rückseite sich ein ummauerter Hof befand. In Gruppen von je 30 Personen wurden sie in den Hof geführt und gezwungen, sich entlang der Mauer hinzulegen. Auf ein Kommando von Leutnant Brand hin wurden die Juden dann von Unterführern mit Maschinenpistolen erschossen. Ihre Leichen ließ man liegen, bis sie am nächsten Tag von "Arbeitsjuden" aus dem Ghetto in einem Massengrab beigesetzt wurden.
Major Trapp meldete unverzüglich nach Lublin, daß zur Vergeltung für den Überfall auf Hauptwachtmeister Jobst insgesamt 286 "Banditen", polnische "Helfershelfer" und Juden exekutiert worden seien. Offenbar hatte der Bataillonschef, der beim Massaker von Jozefow noch geweint hatte und vor einer wahllosen Ermordung von Polen zurückschreckte, keine Hemmungen mehr, zur Erfüllung der vorgegebenen Vergeltungsquote mehr als genug Juden erschießen zu lassen.
Anders als der Bataillonskommandeur schien sich Leutnant Buchmann, einer von Trapps Untergebenen, nicht mit der Ermordung der polnischen Juden abzufinden. Nach den Vorfällen von Jozefow hatte er Trapp davon in Kenntnis gesetzt, daß er sich ohne direkten, persönlichen Befehl nicht an "Judenaktionen" beteiligen würde. Er hatte außerdem um Versetzung gebeten. Gegenüber seinen Kameraden war Buchmann dabei insofern im Vorteil, als er 1939 - vor seiner Teilnahme am Offizierslehrgang und vor der Ernennung zum Reserveleutnant - beim ersten Einsatz des Bataillons in Polen unter Trapp als Fahrer gedient hatte. Von daher kannte er den Bataillonskommandeur persönlich und meinte später, daß der für seine Lage Verständnis gehabt habe und über die von ihm vertretene Position "keineswegs empört" gewesen sei.
Trapp setzte für Buchmann zwar keine sofortige Versetzung nach Deutschland durch, schützte ihn aber und kam seiner Bitte nach, ihn aus "Judenaktionen" herauszuhalten. Buchmann war in Radzyn im selben Gebäude wie der Bataillonsstab untergebracht, und so war es nicht schwer, ein Verfahren zu finden, bei dem eine "Befehlsverweigerung" vermieden wurde. Jedesmal, wenn ein Einsatz gegen Juden geplant war, wurden die Befehle vom Hauptquartier des Bataillons direkt Buchmanns Stellvertreter, Hauptwachtmeister Grund, übermittelt. Wenn Buchmann dann von diesem gefragt wurde, ob er den Zug bei dem bevorstehenden Einsatz begleiten wolle, wußte er, daß es sich um eine "Judenaktion" handelte und lehnte ab. So war er weder in Miedzyrzec noch in Serokomla dabeigewesen.
In Talczyn jedoch, wo zunächst keine "Judenaktion" geplant war, befand sich Buchmann im Schulgebäude, als Trapp die Selektion der Polen vornahm. Es war aber kein Zufall, daß der Major ihn dann direkt ins Bataillonshauptquartier nach Radzyn zurückschickte, bevor er den Befehl zur Ermordung der Juden aus dem Ghetto von Kock erteilte.
Buchmann hatte sich in Radzyn keine Mühe gegeben, seine Gefühle zu verbergen. Er "war über die Art der Judenbehandlung empört und brachte diese Einstellung auch bei jeder Gelegenheit offen zum Ausdruck". Seinen Kollegen erschien er als ein sehr "zurückhaltender", "vornehmer" Mann und als "typischer Zivilist", der kein Verlangen danach hatte, Soldat zu sein.
Die Erschießungen in Talczyn waren für Leutnant Buchmann der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Bei seiner Ankunft in Radzyn versuchte der wachhabende Polizist ihm Meldung zu machen, doch Buchmann zog sich sofort in seine Unterkunft zurück und schloß sich ein. "Auch in den folgenden Tagen", so der Polizist, "hat der Leutnant zu mir nichts gesagt, obwohl wir uns persönlich gut kannten. Er war lediglich sehr aufgebracht und schimpfte fürchterlich, wobei er etwa sinngemäß äußerte: ,Nun mache ich aber die Scheiße nicht mehr mit. Ich habe die Nase voll.''" Doch Buchmann beklagte sich nicht nur. Ende September schrieb er direkt nach Hamburg und drängte auf seine Versetzung, da er die seiner Einheit in Polen übertragenen "polizeifremden" Aufgaben nicht erfüllen könne.
Während sein Verhalten von Trapp toleriert wurde, stieß es bei den ihm unterstellten Polizisten auf unterschiedliche Reaktionen. "Von meinen Untergebenen hat zwar mancher mein Verhalten verstanden, andere machten allerdings auch abfällige Bemerkungen über mich und sahen mich über die Schulter an." Von den Mannschaftsgraden folgten einige seinem Beispiel und erklärten dem "Spieß" der Kompanie, Hauptwachtmeister Kammer, daß "sie nicht in der Lage und auch nicht gewillt seien, derartige Einsätze weiter mitzumachen".
Kammer erstattete darüber keine Meldung, sondern schrie sie an und bezeichnete sie als "Scheißkerle", die "zu nichts zu gebrauchen seien". In den meisten Fällen sorgte er aber dafür, daß diese Männer bei Einsätzen gegen Juden nicht mitzumachen brauchten. Damit folgte Kammer dem Beispiel, das Trapp von Anfang an gegeben hatte. Solange es nicht an Polizisten mangelte, die bereit waren, den jeweils anstehenden Mordauftrag zu erfüllen, war es viel leichter, wenn man Männern wie Buchmann entgegenkam, anstatt sich ihretwegen Ärger einzuhandeln.
Anfang September hatte Oberleutnant Hartwig Gnade das neue Hauptquartier seiner Kompanie in Miedzyrzec eingerichtet. Da dieser polnische Name für die Männer der 2. Kompanie schwer auszusprechen war, tauften sie den Ort "Menschenschreck".
Gnades Fahrer Alfred Heilmann berichtete bei den Vernehmungen nach dem Krieg, er habe Gnade eines Abends zu einem Gebäude im Zentrum von Miedzyrzec fahren müssen, das der deutschen Sicherheitspolizei als Hauptquartier und Gefängnis diente. Während der fünfstündigen Zusammenkunft waren aus dem Keller auf einmal entsetzliche Schreie zu hören, wie Heilmann weiter erzählte. Daraufhin kamen zwei oder drei SS-Führer aus dem Gebäude und schossen mit ihren Maschinenpistolen durch die Fenster in den Keller hinein. Als sie wieder ins Gebäude gingen, sagte einer von ihnen: "So, jetzt haben wir Ruhe."
Heilmann näherte sich dann vorsichtig einem der Kellerfenster, doch ihm schlug ein solcher Gestank entgegen, daß er wieder umkehrte. Oben im Haus ging es mit der Zeit immer lauter zu, bis Gnade schließlich gegen Mitternacht ziemlich betrunken auftauchte und seinem Fahrer mitteilte, daß das Ghetto am nächsten Morgen geräumt würde.
Die in Miedzyrzec stationierte 2. Kompanie wurde gegen 5 Uhr früh geweckt. Zu ihr stieß ein ziemlich großer Trupp Hilfswilliger. Ein Teil der Polizisten sorgte für die Abriegelung des Ghettos, während die Hilfswilligen und die übrigen Ordnungspolizisten die Juden auf den größten Platz des Ortes trieben. Der Kompanieführer Gnade und andere Polizisten setzten ihre Peitschen ein, um die Zusammengetriebenen zur Ruhe zu zwingen. Einige der Juden starben an den Schlägen.
Gnades Fahrer Heilmann beobachtete, wie die Insassen des Sicherheitspolizeigefängnisses aus dem Keller herausgezerrt und weggeschafft wurden. Sie waren mit Exkrementen besudelt und hatten offensichtlich seit Tagen nichts zu essen bekommen. Als die Opfer in der festgelegten Zahl zusammengetrieben waren, mußten sie zur Bahnstation laufen. Wer dazu nicht in der Lage war, wurde an Ort und Stelle erschossen. Die Wachen feuerten außerdem rücksichtslos in die Kolonne, sobald die Juden langsamer wurden.
Ein kleiner Trupp von Polizisten befand sich bereits an der Bahnstation, um schaulustige Polen fernzuhalten. Gnade beaufsichtigte das Beladen des Zuges, bei dem wiederum hemmungslos Schußwaffen und Knüppel eingesetzt wurden, um in jeden Viehwaggon möglichst viele Juden hineinzuzwängen. Aber selbst die brutalste Gewalt konnte nichts daran ändern, daß die verfügbare Transportkapazität nicht ausreichte: Am Ende standen immer noch 150 Juden - in der Mehrzahl Frauen und Kinder, aber auch einige Männer - vor den mit Mühe geschlossenen Waggontüren.
Gnade rief Leutnant Drucker zu sich und beauftragte ihn, diese Juden auf den Friedhof zu schaffen. Am Friedhofseingang verscheuchten die Polizisten die "Schaulustigen" und warteten dann, bis Polizeimeister Ostmann mit einem Lastwagen Wodka für die Schützen brachte. Einen seiner Untergebenen namens Pfeiffer, der sich einer Beteiligung an den Erschießungen bisher erfolgreich entzogen hatte, forderte Ostmann auf: "Nun trinken Sie man, Pfeiffer, die Jüdinnen müssen erschossen werden. Sie haben sich bisher gedrückt, aber jetzt müssen Sie sich ranmachen."
Ein etwa 20 Mann starkes Exekutionskommando wurde auf den Friedhof beordert. Diesem Trupp wurden dann die Juden in Gruppen von jeweils 20 Personen zugeführt - zuerst die Männer, anschließend die Frauen und Kinder. Sie mußten sich entlang der Friedhofsmauer mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen und wurden mit einem Genickschuß getötet.
Einer der Juden ging am Friedhofseingang auf Drucker los, wurde aber rasch überwältigt. Die übrigen Juden saßen schicksalsergeben da und blieben auch dann ruhig, als die ersten Schüsse zu hören waren. "Sie waren abgezehrt und sahen halb verhungert aus", erinnerte sich einer der Wachposten später.
Wie viele Menschen dieser Deportation aus Miedzyrzec und einem weiteren Transport drei Tage später zum Opfer fielen, läßt sich nicht mehr genau feststellen. Die Zeugenaussagen hierzu unterscheiden sich erheblich. Auf jeden Fall wurde das Ghetto einige Tage später mit 2000 bis 3000 Juden wieder aufgefüllt. Insgesamt deportierte das Reserve-Polizeibataillon 101 von Ende August bis einschließlich 7. November 1942 mindestens 25 000 Juden aus der "Menschenschreck"-Stadt nach Treblinka.
Bis zum Herbst 1942 hatte die 3. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 101 unter Hauptmann und SS-Hauptsturmführer Wolfgang Hoffmann das Glück, daß ihr das Morden, das immer mehr zur Hauptbeschäftigung der übrigen Einheiten des Bataillons wurde, weitgehend erspart geblieben war. In Jozefow, wo im Juli 1500 Juden ihr Leben lassen mußten, waren zwar zwei Züge der 3. Kompanie anfangs der äußeren Absperrungskette zugeteilt, aber keiner der Männer war zu den Erschießungskommandos in die Wälder geschickt worden. Anfang Oktober änderte sich das, und auch die 3. Kompanie wurde zum Erschießen eingesetzt.
Die nordwestlich von Lublin gelegene Kleinstadt Konskowola mit ihren 1500 bis 2000 Juden sollte ebenso geräumt werden wie die Ghettos im benachbarten Radzyn, damit der nördliche Abschnitt des Lubliner Distrikts "judenfrei" sei.
Im Ghetto von Konskowola wütete zu der Zeit eine Ruhrepidemie, und viele der Juden waren nicht in der Lage, zum Marktplatz zu gehen oder auch nur das Bett zu verlassen. So waren bei der ersten Durchsuchung von überall her Schüsse zu hören. Ein Polizist erinnerte sich: "Ich selbst habe etwa sechs alte Leute in den Wohnungen erschossen; es waren bettlägerige Menschen, die mich darum ausdrücklich gebeten hatten."
Nachdem der erste Teil der Aktion beendet war und die Polizisten die meisten der überlebenden Juden auf dem Marktplatz zusammengetrieben hatten, wurden die Einheiten, die bis dahin zur Absperrung eingeteilt waren, mit der nochmaligen Durchsuchung des Ghettos beauftragt. Die ständigen Schüsse hatten sie auf ihren Posten schon gehört. Als sie nun das Ghetto durchkämmten, stießen sie überall auf Leichen.
Viele der später Vernommenen erinnerten sich vor allem an das Gebäude, das im Ghetto als Krankenhaus gedient hatte. Es war eigentlich nichts anderes als ein großer Saal voller drei- bis vierstöckiger Pritschenbetten, in dem es entsetzlich stank. Eine Gruppe von fünf oder sechs Polizisten hatte Befehl, in den Saal einzudringen und die 40 bis 50 Patienten zu erschießen, von denen die meisten offenbar an Ruhr litten. "Auf jeden Fall waren fast alle stark abgezehrt und völlig unterernährt. Man konnte sagen, sie bestanden nur noch aus Haut und Knochen."
Wohl in der Hoffnung, dem fürchterlichen Geruch so schnell wie möglich zu entkommen, begannen die Polizisten in dem Saal wild um sich zu schießen. Aus den oberen Pritschen stürzten die Opfer des Kugelhagels zu Boden. "Diese Handlungsweise hat mich derartig angeekelt, und ich habe mich derartig geschämt, daß ich mich sofort umdrehte und den Raum wieder verließ", berichtete später einer der Beteiligten.
Ein anderer erinnerte sich: "Bei dem Anblick der Kranken war es mir nicht möglich, einen der Juden wirklich zu erschießen. Ich habe absichtlich bei allen Schüssen danebengehalten." Seinem Gruppenführer fiel dieses Verhalten auf, denn "nach Abschluß der Aktion nahm er mich beiseite und beschimpfte mich mit ,Verräter'' und ,Feigling'' und drohte mir, den Fall Hauptmann Hoffmann zu melden. Dies hat er dann aber nicht getan."
Auf dem Marktplatz wurden die Juden nach Männern auf der einen und Frauen und Kindern auf der anderen Seite getrennt. Während man die als arbeitsfähig erachteten Juden aus der Stadt trieb, wurden die übrigen - etwa 800 bis 1000 Frauen und Kinder sowie eine große Anzahl älterer Männer - zum Erschießen in einen Wald geführt.
Als erstes wurden die jüdischen Männer gezwungen, sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen, und erschossen. Dann kamen die Frauen und Kinder an die Reihe. Einer der Polizisten unterhielt sich mit dem Vorsitzenden des Judenrats, der aus München stammte, bis auch dieser schließlich abgeführt wurde.
Als die Städte und Ghettos im nördlichen Abschnitt des Lubliner Distrikts von Juden geräumt waren, bekam das Bataillon den Auftrag, nun noch all jene Juden aufzuspüren und systematisch zu "eliminieren", die bei den vergangenen Einsätzen entkommen waren und sich versteckt hielten. Kurz gesagt, das Bataillon sollte dafür sorgen, daß die Region völlig "judenfrei" werde.
Nach offiziellem Sprachgebrauch suchte das Bataillon bei "Waldstreifen" nach "Verdächtigen". Da die noch überlebenden Juden jedoch wie Tiere aufgespürt und erschossen werden sollten, bezeichneten die Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 diese Phase der "Endlösung" als "Judenjagd".
Diese "Judenjagd" nahm verschiedene Formen an. Am aufsehenerregendsten waren zwei "Walddurchkämmungen" bei Parczew im Herbst 1942 und Frühjahr 1943, letztere zusammen mit Wehrmachtseinheiten. Dabei wurde nicht nur nach Juden gesucht, sondern auch nach Partisanen und entflohenen russischen Kriegsgefangenen, doch zumindest der ersten "Aktion" vom Oktober 1942 scheinen vor allem Juden zum Opfer gefallen zu sein.
Georg Leffler von der 3. Kompanie erinnerte sich: "Uns war gesagt worden, in dem Wald hätten sich mehrere Juden versteckt. Wir durchsuchten den Wald also in Schützenkette, konnten jedoch nichts feststellen, denn die Juden waren offensichtlich gut getarnt. Daraufhin durchkämmten wir das Waldstück ein zweites Mal. Hierbei konnten wir jetzt feststellen, daß aus der Erde einzelne Rauchabzugsrohre hervorstanden. Wir stellten dann weiter fest, daß sich hier Juden in Erdbunkern versteckt hatten. Sie wurden herausgeholt, wobei es lediglich bei einem Bunker Widerstand gab.
Es sind etwa 50 Juden erschossen worden, darunter alle Altersgruppen und beiderlei Geschlecht; denn dort hatten sich ganze Familien versteckt. Diese Erschießung fand in aller Öffentlichkeit statt. Es war überhaupt nicht für eine Absperrung gesorgt; unmittelbar neben dem Erschießungsplatz standen eine Anzahl Polen aus Parczew. Diese wurden dann aufgefordert, die erschossenen Juden in einem halbfertigen Bunker zu bestatten."
Andere Einheiten des Bataillons konnten sich ebenfalls daran erinnern, Erdhöhlen aufgespürt und Juden in Gruppen von 20 bis 50 Personen erschossen zu haben. Ein Polizist schätzte die Gesamtzahl der Opfer bei der Durchkämmungsaktion im Oktober auf 500.
Am häufigsten fand die "Judenjagd" in Form kleinerer Waldpatrouillen zur Liquidierung einzelner, von Informanten gemeldeter Bunker statt. Das Bataillon baute ein Netz von "Vertrauensmännern" und "Waldläufern" auf, die nach Verstecken von Juden suchten. Zahlreiche Polen informierten auch von sich aus die deutschen Stellen, wenn Juden bei ihrem verzweifelten Überlebenskampf Nahrungsmittel von in Waldnähe gelegenen Feldern, Höfen oder Dörfern gestohlen hatten.
Ging bei einer Ortspolizeikommandantur eine solche Meldung ein, dann wurde eine kleine Polizeistreife losgeschickt, um die versteckten Juden aufzuspüren.
Der Ablauf war dabei fast immer der gleiche: Die Polizisten ließen sich von den Polen direkt zu den Erdhöhlen führen und warfen Handgranaten hinein. Wer von den Juden diesen ersten Angriff überlebte und aus dem "Bunker" herauskam, mußte sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen und wurde mit einem Genickschuß getötet. Die Bestattung der Leichen wurde regelmäßig den Bewohnern des nächsten polnischen Dorfes überlassen.
Mit diesen Streifengängen zur "Judenjagd" schloß sich beinahe der Kreis: Die Männer vom Reserve-Polizeibataillon 101 erlebten ähnliches wie bei dem Massaker in Jozefow. Während der großen Deportationsaktionen waren praktisch alle Polizisten zumindest bei Absperrungsmaßnahmen eingesetzt. Sie hatten Massen von Menschen in die Züge getrieben, sich aber innerlich von deren Ermordung am anderen Ende der Bahnstrecke distanzieren können. Ihnen war das unerschütterliche Gefühl geblieben, nichts mit dem weiteren Schicksal der deportierten Juden zu tun zu haben.
Doch bei der "Judenjagd" war es anders. Da standen sie ihren Opfern wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und das Töten war kein unpersönlicher Akt. Außerdem - und das war noch wichtiger - hatte jeder einzelne Polizist wiederum ein beträchtliches Maß an Entscheidungsfreiheit.
In den Monaten, die seit der ersten Massenerschießung in Jozefow vergangen waren, hatten sich viele Bataillonsangehörige zu gefühllosen, gleichgültigen und in manchen Fällen auch sehr eifrigen Mördern entwickelt. Was diese Gruppe unter den Bataillonsangehörigen betrifft, konnte sich die Frau von Leutnant Brand nach dem Krieg lebhaft an einen Vorfall erinnern, den sie während eines Besuchs bei ihrem Mann in Polen erlebt hatte. _____" Ich saß eines Morgens mit meinem Manne im Garten " _____" seiner Unterkunft beim Frühstück, als ein einfacher Mann " _____" seines Zuges auf uns zukam, stramme Haltung annahm und " _____" erklärte: "Herr Leutnant, ich habe noch kein Frühstück " _____" gehabt!" Als mein Mann ihn fragend ansah, erklärte er " _____" weiter: "Ich habe noch keinen Juden umgelegt." Dieses " _____" Ganze klang so zynisch, daß ich den Mann mit harten " _____" Worten empört zurechtgewiesen und ihn, glaube ich, auch " _____" als Lumpen bezeichnet habe. Mein Mann hat diesen " _____" Polizisten wieder weggeschickt und mir dann Vorwürfe " _____" gemacht und erklärt, ich werde mich mit meinen Äußerungen " _____" noch um Kopf und Kragen bringen. "
Die wachsende Gefühllosigkeit zeigte sich auch im Verhalten der Polizisten nach Liquidierungsaktionen. Nach den ersten Erschießungen waren die Männer erschüttert und verbittert in ihre Quartiere zurückgekehrt, hatten keinen Hunger und keinerlei Bedürfnis verspürt, über das, was sie gerade getan hatten, zu sprechen. Doch durch das unaufhörliche Töten stumpften sie mit der Zeit gegenüber solchen Empfindungen ab: "Am Mittagstisch machten sich einige Kameraden über die Erlebnisse, die sie während einer Aktion gehabt hatten, lustig", entsann sich ein Polizist Jahre später bei der Vernehmung. "Aus ihren Erzählungen konnte ich entnehmen, daß sie eine Erschießungsaktion hinter sich gebracht hatten. So erinnere ich als besonders krassen Fall, daß einer der Männer zum besten gab, daß wir nun ,Judenbrägen'' (Brägen, ein norddeutscher Ausdruck für Hirn) äßen."
In einer solchen Atmosphäre war es für die Polizeiführer nicht schwer, Erschießungskommandos oder Streifen für die "Judenjagd" in den Wäldern zusammenzustellen: Sie brauchten nur nach Freiwilligen zu fragen.
Wer sich nicht beteiligen wollte, konnte seiner Abkommandierung zu Streifen oder Erschießungskommandos dagegen durchaus entgehen. Manche, wie Otto-Julius Schimke, der am Morgen vor der Massenerschießung in Jozefow als erster um eine Entbindung vom Einsatz gebeten hatte, wurden einfach deshalb nie zu Exekutionen herangezogen, weil ihre Einstellung a llgemein bekannt war.
Auch Adolf Bittner führte den Umstand, von weiteren Einsätzen dieser Art verschont geblieben zu sein, darauf zurück, daß er frühzeitig und offen seine ablehnende Haltung gegenüber den "Judenaktionen" zum Ausdruck gebracht hatte. _____" Ich möchte betonen, daß ich vom ersten Tag an " _____" innerhalb meines Kameradenkreises keinen Zweifel daran " _____" gelassen habe, daß ich alle diese Maßnahmen mißbillige " _____" und mich niemals freiwillig dazu hergegeben habe. So habe " _____" ich gleich bei einer der ersten Durchsuchungen nach Juden " _____" einem Kameraden, der in meiner Gegenwart eine Jüdin mit " _____" dem Gewehrkolben niederschlug, einen Faustschlag ins " _____" Gesicht versetzt. Hierüber wurde eine Meldung " _____" geschrieben. Dadurch wurde meine Einstellung bei meinen " _____" Vorgesetzten bekannt. Offiziell bin ich deshalb nie " _____" bestraft worden. Jeder, der den Kommißbetrieb kennt, weiß " _____" aber, daß es auch außerhalb einer offiziellen Bestrafung " _____" Möglichkeiten der Schikane gibt. So wurde ich zu " _____" Sonntagsdienst und Sonderwachen eingesetzt. "
Gustav Michaelson, der sich in Jozefow trotz der Sticheleien seiner Kameraden zu den Lastwagen "verdrückt" hatte, wurde aufgrund seines Rufes mit solchen Einsätzen schon bald nicht mehr behelligt: "An mich ist man wegen dieser Unternehmen nicht herangetreten", erklärte er. "Die Führer nahmen zu diesen Einsätzen ,Männer'' mit, und ich war in ihren Augen kein ,Mann''. Auch andere Kameraden, die meine Einstellung und mein Verhalten zeigten, blieben von solchen Einsätzen verschont."
Von den Polizisten, die am ersten Massaker in Jozefow teilgenommen hatten, war aufgrund der hohen Fluktuation und zahlreicher Versetzungen im November 1943 nur noch ein Teil beim Bataillon, als dessen Beteiligung an der "Endlösung" im großen Massaker des sogenannten Erntefests gipfelte.
Spätestens im Herbst 1943 waren für den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, zwei Dinge offensichtlich geworden: Um seine "Mission" zum Abschluß zu bringen, mußten auch die im Distrikt Lublin lebenden und bisher verschont gebliebenen 45 000 "Arbeitsjuden" in den Lagern umgebracht werden. Zweitens hatten Juden in den letzten sechs Monaten in Warschau (im April), Treblinka (im Juli), Bialystok (im August) und Sobibor (im Oktober) begonnen, Widerstand zu leisten, als ihnen klar wurde, daß keine Hoffnung auf ein Überleben bestand.
Himmler konnte nicht davon ausgehen, die Lubliner Arbeitslager allmählich oder eines nach dem anderen auflösen zu können, ohne daß es zu weiteren verzweifelten Widerstandsaktionen der Juden käme. So entstand der Gedanke, die Insassen der Lubliner Arbeitslager bei einem einzigen, überraschenden Großeinsatz umzubringen, der "Aktion Erntefest". An praktisch jeder Phase dieser Aktion waren auch die Männer des Reserve-Polizeibataillons 101 beteiligt.
Das Bataillon traf am 2. November in Lublin ein und übernachtete dort. Am frühen Morgen des 3. November bezogen die Polizisten dann ihre Posten. Eine Gruppe von ihnen half, Juden aus mehreren um Lublin herum gelegenen kleinen Arbeitslagern in das Konzentrationslager von Majdanek zu schaffen, das sich einige Kilometer vom Lubliner Stadtzentrum entfernt an der Ausfallstraße nach Südosten befand.
Die Bataillonsangehörigen nahmen jeweils im Abstand von fünf Metern zu beiden Seiten der Straße Aufstellung, die in vielen Windungen von der Hauptstraße - am Haus des Lagerkommandanten vorbei - zum Eingang des inneren Lagers führte. An ihnen zogen im Laufe des Tages Tausende von Juden aus den verschiedenen Lubliner Arbeitslagern vorbei.
Die Gefangenen wurden zur hintersten Barackenreihe geführt und dort gezwungen, sich auszuziehen. Dann mußten sie völlig nackt und mit erhobenen Armen, die Hände im Nacken verschränkt, gruppenweise durch eine Öffnung im Zaun zu den Gruben gehen, die hinter dem Lager ausgehoben worden waren. Auch dieser Weg von den Baracken zu den Gruben wurde von Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 bewacht.
Einer der Wachposten, Heinrich Bocholt von der 1. Kompanie, sah aus nur zehn Meter Entfernung, was sich an den Gruben abspielte: _____" Von meinem Standpunkt konnte ich beobachten, wie von " _____" anderen Angehörigen unseres Bataillons die Juden nackend " _____" aus den Baracken herausgetrieben wurden. Die Schützen des " _____" Exekutionskommandos, die unmittelbar vor mir am " _____" Grubenrand saßen, waren SD-Angehörige. Hinter jedem " _____" Schützen standen in einigen Abständen einige weitere " _____" SD-Angehörige, die laufend die Magazine für die " _____" Maschinenpistolen füllten und sie dem Schützen " _____" zureichten. An jeder Grube waren mehrere solcher Schützen " _____" eingesetzt. " _____" Mit Sicherheit erinnere ich, daß die nackten Juden direkt " _____" auf die Gruben zugetrieben wurden und sich dann " _____" regelrecht auf die bereits erschossenen Vorgänger legen " _____" mußten. Auf diese liegenden Opfer schoß der Schütze dann " _____" jeweils eine Salve ab. Wie lange die Aktion dauerte, kann " _____" ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Sie muß aber " _____" vermutlich den ganzen Tag gedauert haben, denn ich " _____" erinnere mich, daß ich auf meinem Posten einmal abgelöst " _____" wurde. Über die Zahl der Opfer kann ich keine Angaben " _____" machen, es waren aber unheimlich viele. "
Am Ende der Aktion "Erntefest" war der Distrikt Lublin praktisch "judenfrei". Addiert man die 6500 Juden, die bei früheren Einsätzen der Hamburger Reservepolizisten etwa in Jozefow und Lomazy umgebracht worden waren, die 1000, die bei den "Judenjagden" in den Wäldern den Tod fanden, und die mindestens 30 500 Juden, die bei der Aktion "Erntefest" erschossen wurden, so war das Bataillon an der Exekution von mindestens 38 000 Juden direkt beteiligt.
Dazu kamen die 45 000 Menschen, die von dem Bataillon in die Züge zum Todeslager Treblinka getrieben worden waren. Bei einer Einheit, die knapp 500 Mann zählte, belief sich die Gesamtzahl der Opfer somit auf mindestens 83 000 Juden.
Viele der Bataillonsangehörigen kehrten nach dem Ende des Krieges in ihre alten Berufe zurück. Für die beiden SS-Hauptsturmführer Hoffmann und Wohlauf sowie für 12 der 32 Unterführer bedeutete dies eine Fortsetzung des Polizeidienstes.
Paradoxerweise waren es nicht die eingefleischten SS-Leute Hoffmann und Wohlauf, die nach dem Krieg wegen der Einsätze des Reserve-Polizeibataillons 101 in Polen zur Verantwortung gezogen wurden, sondern Major Trapp und Leutnant Buchmann. Ein Polizist, der in Talczyn zum Exekutionskommando gehört hatte, wurde von seiner Frau aus privaten Motiven angezeigt. Bei seiner Vernehmung nannte er die Namen seiner Vorgesetzten: Bataillonskommandeur Trapp, Leutnant Buchmann und Hauptwachtmeister Kammer.
Alle vier wurden im Oktober 1947 an Polen ausgeliefert. Ihr Prozeß fand am 6. Juli 1948 in Siedlce statt und dauerte nur einen Tag. In der Verhandlung ging es ausschließlich um die in Talczyn als "Vergeltung" vorgenommene Exekution von 87 Polen und nicht um die viel zahlreicheren Mordeinsätze gegen polnische Juden. Trapp und der von seiner Frau angezeigte Polizist wurden zum Tode verurteilt und im Dezember 1948 hingerichtet. Buchmann erhielt acht Jahre Gefängnis, Kammer drei.
Erst in den sechziger Jahren war das Reserve-Polizeibataillon 101 dann wieder Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen. Zwischen Ende 1962 und Anfang 1967 wurden 210 ehemalige Bataillonsangehörige vernommen. Angeklagt wurden schließlich 14 von ihnen.
Die ehemaligen SS-Hauptsturmführer Hoffmann und Wohlauf sowie ein dritter Angehöriger des Bataillons wurden zu je acht Jahren Gefängnis verurteilt. In zwei weiteren Fällen lauteten die Strafen auf sechs und fünf Jahre. Sechs Angeklagte wurden zwar für schuldig befunden, aber aufgrund richterlichen Ermessens nicht bestraft. Auf die übrigen drei ging der Urteilsspruch nicht ein, da ihre Verfahren im Laufe des Prozesses aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes abgetrennt worden waren.
1972 kam schließlich das langwierige Rechtsmittelverfahren zum Abschluß. Für die beiden zu sechs und fünf Jahren Gefängnis verurteilten ehemaligen Polizisten wurde der Schuldspruch zwar bestätigt, dabei aber auch gegen sie keine Strafe verhängt. Hoffmanns Haftstrafe reduzierte sich auf vier Jahre. Das gegen andere Bataillonsangehörige anhängige Verfahren wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft eingestellt. *HINWEIS: Ende
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
In grauenvollen Details *
beschreibt der amerikanische Holocaust-Forscher Christopher R. Browning in einer Fallstudie über das Reserve-Polizeibataillon 101, wie aus ganz normalen deutschen Männern Massenmörder und "Vollstrecker der Endlösung" wurden. Mit "Befriedungsaktionen" im besetzten Polen beauftragt, erschossen sie zwischen Juli 1942 und November 1943 mehr als 38 000 Juden. Browning widerlegt auch die Legende vom "Befehlsnotstand": Einige der 500 Bataillonsangehörigen entzogen sich dem Morden, ohne schwerwiegende Folgen in Kauf nehmen zu müssen.
[Grafiktext]
_128_ Operationsgebiet des Polizeibataillons 101 (1942/43)
[GrafiktextEnde]
y 1993, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek. Der vollständige Text erscheint am 13. August unter dem Titel "Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die Endlösung in Polen" (übersetzt von Jürgen Peter Krause, 280 Seiten, 42 Mark). * Nur Bataillonskommandeur Wilhelm Trapp und die drei Kompanieführer Wolfgang Hoffmann, Julius Wohlauf und Hartwig Gnade sind mit ihrem richtigen Namen genannt. Bei allen anderen Bataillonsangehörigen verwendet der Autor Pseudonyme.
Von Christopher R. Browning

DER SPIEGEL 31/1993
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