25.05.1992

PresseAuf der Rasierklinge

Weil die Auflage der Bild-Zeitung abgesackt ist, feuerte der Springer-Verlag den Chefredakteur - viel helfen wird's wohl nicht.
Aufgekratzt rief Hans-Hermann Tiedje, 43, Chefredakteur der Bild-Zeitung in Hamburg, am Montag vergangener Woche einen alten Bekannten an. Dem Kollegen Martin Miersch, stellvertretender Chefredakteur der umstrittenen Super-Zeitung im Ostteil Berlins, machte Tiedje das Angebot, sein Stellvertreter bei Bild zu werden. Er verspreche sich mit Miersch, so Tiedje am Telefon, "eine gute Zukunft".
Schon einen Tag später war die Zukunft vorbei. Die Konzernchefs des Axel Springer Verlags, dem Bild gehört, schlugen Tiedje vor, doch mal ganz etwas anderes zu machen.
Der Zwei-Zentner-Mann, seit knapp drei Jahren Redaktionschef der größten Boulevardzeitung Europas, wollte gar nicht mehr hören, woran Vorstandschef Günter Wille, 49, und sein Stellvertreter Günter Prinz, 62, bei ihrem Vorschlag gedacht hatten. Tiedje schmiß sofort hin.
Nun möchte er erst mal zum Bootfahren auf die Elbe, um zu seinem Sportbootführerschein auch noch die Erlaubnis für die Küstenschiffahrt zu erwerben. Sein Münchner Anwalt verhandelt mit Springer über eine Abfindung von mindestens zwei Millionen Mark netto, die ihm, so ungefähr, auch bei Erfüllung der beiden Restjahre seines Fünfjahresvertrages zugestanden hätten.
Am Mittwoch nach dem Trennungsgespräch räumte der Chefredakteur, der neunte binnen 40 Bild-Jahren, seinen Schreibtisch und beendete den "täglichen Handstand auf der Rasierklinge", wie er den Job beschrieben hat. Das von den ARD-Tagesthemen kolportierte Gerücht, Tiedje werde den Stern übernehmen, entbehre "jeder Grundlage", ließ der Verlag Gruner + Jahr in einer Gegendarstellung erklären.
Tiedjes Nachfolge soll im August Claus Larass, 47, antreten, Chef der derzeit erfolgreichen Berliner Springer-Zeitung B.Z. Der gebürtige Brandenburger machte mit einer schillernden Mischung von Feinsinn und Robustheit Karriere - mal mit literarischen Kolumnen in der Welt am Sonntag, mal mit Schlagzeilen wie "Sex-Folter in S-Bahn", "Sex-Krieg im TV", "Sex-Gangster quält Lehrerin im Auto".
Larass ist ein eher leiser Antityp zu Schnell- und Lautsprecher Tiedje. "Man will ja", sagt er vorsichtig über seine Bild-Pläne, "nicht mit Kraftmeierei da reinbrechen." Doch Kraftmeier Tiedje war 1989 gerade deshalb von der Bunten geholt worden, weil die Springer-Manager seinem Vorgänger, dem journalistischen Softie Werner Rudi, 41, den nötigen Schwung zur Bild-Führung nicht mehr zugetraut hatten.
Das Hin und Her an der Redaktionsspitze zeigt die Ratlosigkeit im größten deutschen Zeitungskonzern, wie den teilweise dramatischen Auflageverlusten zu begegnen ist, die ähnlich wie die Bild-Zeitung auch andere Springer-Blätter trafen.
Dabei hatte es zwischendurch geradezu glänzend für Bild ausgesehen. Das Blatt profitierte von seinen schwarz-rotgoldenen Jubelzeilen zur Wiedervereinigung ("Betet! Morgen machen sie Deutschland") und von der Saddam-Phobie im Golfkrieg: "Was macht der Irre jetzt?" Im Juni 1990 meldete Bild einen Auflagegipfel von "jetzt 5,5 Millionen" Exemplaren, davon gut eine Million in der damals noch existierenden DDR.
Ausgerechnet in der Erfolgsphase zerstritten sich Tiedje und sein Mit-Chefredakteur Peter Bartels, 48, zwei Egomanen, deren Fähigkeiten sich gut ergänzt hatten. Tiedje galt als umtriebiger Themenaufreißer, Bartels als populistischer Schlagzeilenmacher. Fortan bestimmte Tiedje die Headlines allein, Bartels ging als Chefredakteur zu Super - Abfindung: knapp 4,5 Millionen Mark.
Im Ergebnis ist Tiedje der Verlierer. Denn Bartels kassierte bei Super von den Verlegern Hubert Burda und Rupert Murdoch gleich weiter: rund 900 000 Mark im Jahr. Zugleich bedrängte er - mit der aggressiv konkurrierenden Super-Zeitung - die Ostauflage von Bild, die nach Springer-Angaben noch deutlich über 400 000 Exemplaren liegt, nach Behauptung von Bartels schon deutlich darunter.
Im Westen beträgt die Tagesauflage laut Springer knapp über 4 Millionen. Bartels "kann darüber nur lachen", wenn auch "bitter": Tiedje habe das Blatt "an den Abgrund" geführt. Noch nie, soviel sagt auch Prinz, habe ein Bild-Chefredakteur "in so kurzer Zeit soviel Auflage verloren".
Doch auch Tiedje-Kritiker räumen ein, daß die gewandelte Stimmung im Land, vom Frust über die Einheitslasten bis zur Politikverdrossenheit, auf den Zeitungsabsatz drückt. Das bekam auch Bartels bei Super zu spüren. Das zunächst erfolgreiche Boulevardblatt für Ostdeutschland, das sich mit Bild dort die Waage hält, fiel zeitweise zurück und kostet die Verleger kräftig Geld.
Die Auflagenverluste bei Springer haben aber auch damit zu tun, daß sich in dem konservativen Haus offenbar die altbewährten Blattrezepte abgenutzt haben. Die Bild-Superlative kommen nicht mehr an.
Schlagartig wurde das am Tag nach Tiedjes Abgang deutlich, als der Erotik-Thriller "Basic Instinct" in einer Bild-Schlagzeile als "der schweinischste Film aller Zeiten" verkauft wurde. Im Zeitalter harter Pornofilme kostet so durchsichtiger Dummenfang Kredit bei den Lesern.
Zudem fällt unabhängig-kritische Berichterstattung, Bedingung für breite Publikumserfolge vor allem bei jüngeren Lesern, rechtsorientierten Blättermachern immer noch schwer. Kohl-Anhänger Tiedje nahm sich zwar die journalistische Freiheit, den Kanzler auch mal zu beuteln: "Braucht Kohl ein Auto für 420 000 Mark?" Der unverhohlene Zorn des CDU-Chefs kam dann allerdings auch über viele Flüsterkanäle ins Haus zurück.
Am sichtbarsten wird der Tendenzschaden bei der Welt. Eine beherzte Liberalisierung der vermufften Zeitung wäre die wirksamste Blattreform. Statt dessen dokterten die meist betagten Erneuerer zunächst am Design herum (SPIEGEL 4/1992). Binnen Monatsfrist soll nun ein neues Konzept fertig sein. Die Welt (Auflage: 212 000) liegt weit hinter der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung zurück. Jahresverlust: 43,5 Millionen Mark.
Nicht einmal bei den Programmzeitschriften, früher eine unbestrittene Springer-Domäne, hat der Verlag seine Stellung bewahrt. Die einst beispiellos erfolgreiche Hör zu, die immerhin noch 3,25 Millionen Exemplare verkauft, wurde im ersten Quartal von der freilich billigeren Programmzeitschrift Auf einen Blick (Auflage: 3,27 Millionen) des Heinrich Bauer Verlags überholt. Dem spektakulären Erfolg des Neulings TV Spielfilm und Bauers Antwort TV Movie, die beide zügig die Millionengrenze überschritten, hatte Springer nichts entgegenzusetzen.
Statt dessen wurden Stimmung und Tatkraft der Springer-Mitarbeiter durch eine monatelange, quälende Spar-Analyse der Unternehmensberatung Roland Berger gelähmt; Kosten: rund 5 Millionen Mark. Während bis zu 1800 der 12 600 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren werden, soll das Ausscheiden von fünf Vorständlern nicht, wie bisher vermutet, mit 20 Millionen, sondern sogar mit fast 30 Millionen Mark vergoldet worden sein.
Die Aktionäre mußten zwar auf eine Dividende verzichten, doch die Ertragskraft des Konzerns habe, so behaupten Experten, immer noch für hohe Investitionen in Ostdeutschland und für Rückstellungen von knapp 100 Millionen Mark gereicht. Nebenbei fielen drei statt bisher ein gepanzerter Pkw für die Verlagsführung und zwei Millionen Mark für die Renovierung der Chefzimmer ab.
Um seinen eigenen Mangel an publizistischer Erfahrung auszugleichen, holte Vorstandschef Wille, zuvor Zigarettenmanager beim Marlboro-Produzenten Philip Morris, letztes Jahr den Bunte-Herausgeber und früheren Bild-Chef Prinz als seinen Stellvertreter ins Haus zurück.
Es war kein Glücksfall für Bild-Chef Tiedje. Denn Prinz, der selber den Verleger Burda mit dem Projekt der von ihm erfundenen Super-Zeitung hatte sitzenlassen, trägt Tiedje noch immer dessen abrupten Weggang von der Bunten zu Bild nach - gekränkt wie ein verschmähter Ziehvater.
Die Verstimmung muß das Miteinander der beiden kapriziösen Herren belastet haben. Denn seltsam, sagt Prinz, "immer gab es Übereinstimmung über das, was bei Bild geschehen mußte. Es geschah nur nicht".

DER SPIEGEL 22/1992
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