03.05.1993

PopWilde Späße

Attwenger, ein pop-avantgardistisches Schrammelduo aus Linz, verwirrt die Musikkritik. Nun kommen die beiden Wilden auf Deutschland-Tour.
Die Österreicher, so befand der britische Gast, sind ein unhöfliches Volk.
John Peel, legendärer Radio-Diskjockey der Londoner BBC, reist seit 30 Jahren durch die Welt, um für seine Sendung "The John Peel Show" unerhörte Popklänge zu sammeln. Als er im vergangenen Herbst nach Österreich kam, empfingen ihn in Linz zwei "höchst merkwürdige, nicht besonders sympathische" Gesellen, ein Gespann, mit dem ein gepflegter Gedankenaustausch "so gut wie unmöglich" war.
"Aber was soll's", bezähmte Peel seinen Verdruß, "letztlich ist es nur die Musik, die zählt - und in diesem Fall habe ich zwar keinen Schimmer, worum es dabei wirklich geht, doch ich mag die Machart dieses Lärms."
Peel war mit den beiden Linzer Klangkünstlern Hans-Peter Falkner, 26, und Markus Binder, 30, zusammengerumpelt. Der britische Rundfunkmann hatte im Oberösterreichischen ein interessantes Fundstück zeitgenössischer Popmusik-Avantgarde ausgemacht: "Attwenger" nennt sich das Duo der Musiker Binder (Schlagzeug) und Falkner (elektrische Knopfharmonika), und unter diesem Namen sind die beiden meist verwegen dreinblickenden Burschen seit gut zwei Jahren in der deutschsprachigen Musikszene ein Begriff: Als "Alpenpunker" und "Erneuerer der Volksmusik" werden sie tituliert, als "Österreichs Beitrag zur Weltmusik" und eigenwillige Erfinder des "Mostschädel-Rap".
Tatsächlich haben sich die beiden sturköpfigen Musikanten mit ihrer Mischung aus traditionellen Polkas und "Zwiefachen", schroffen Punkrhythmen und Rap-Breaks, kühnen Lautmalereien und Dialekttexten nicht bloß die Achtung der Kritiker, sondern auch eine erstaunliche Publikumsresonanz erspielt: In Österreich, der Schweiz und Süddeutschland treten sie regelmäßig in überfüllten Sälen auf, und eine Jury ausgewählter Journalisten kürte das Attwenger-Werk "Pflug" zur Platte des Jahres 1992. Skeptisch reimen die Geehrten in einem Song: "Niemand kennt sich wirklich aus / aber es gibt viel Applaus."
Für Verwirrung unter den Attwenger-Begeisterten sorgt vor allem die Frage, wie man die ebenso komischen wie tiefsinnigen, mal melodieseligen, mal lärmenden Produktionen des Linzer Duos nun einzuordnen habe. Die einen feiern die Künstler, die beide bereits seit frühen Kindertagen Volksmusikalisches im Familienkreis musizierten, als Vertreter zeitgenössischer Volksmusik. Professionellen Brauchtumspflegern, seit jeher auf die Konservierung der alpenländischen Idylle fixiert, zieht es dagegen bei jeder Attwenger-Hörprobe die Haferlschuhe aus.
Denn es ist eine wüste, schmutzige Musik, die da in irrwitzigem Tempo heruntergeklopft wird: Ein auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigtes Schlagzeug treibt wilde Späße mit altehrwürdigen Landler-Rhythmen, die Harmonika zerreißt bekannte Melodien in sonderbare Klangfetzen, dazu erklingen Reime von ordinärster Deutlichkeit. "Wer koa Stimm ned hod, der kau ned singa / wer koan foan loßt, der kau ned stinga", ist da zu hören - ins Hochdeutsche übertragen etwa: Wer keine Stimme hat, kann nicht singen; wer keinen Furz läßt, kann nicht stinken.
Auch auf ihrer jüngsten, dritten Platte, "Luft", beschäftigen sich die Attwenger-Helden mit derlei existentiellen Alltags-Problemen und verhandeln so wahrhaft wichtige Fragen wie die nach dem korrekten Genuß von Bier ("jo Bier, i kenn di scho") oder nach Zweifelsfällen der Anatomie: "Wo is da Oasch, wo is des Gsicht?" Musikalisch aber ist das Werk "Luft" näher am Hip Hop als am Heuboden, wo das genialische Geschrammel der "Landler-Guerrilleros" (so das Wiener Nachrichtenmagazin Profil) herkommt.
Falkner und Binder, beide dem Dunstkreis des Linzer "Stadtwerkstatt"-Kulturzentrums entwachsen, fechten die Versuche, ihrem musikalischen Schaffen eine Entwicklung abzulesen, wenig an. Wenn sie von Interviewern mit Schlagworten wie "Alpenpogo" und "Volksmusik-Hip-Hop" konfrontiert werden, antworten sie mit Verweigerung ("lächerliche Frage"). Auch leugnen sie jede Wesensverwandtschaft mit anderen Profiteuren des Ethno-Booms im Popgeschäft, der so unterschiedliche Bands wie die französischen "Les Negresses Vertes" und die irischen "Pogues" populär gemacht hat. Binder: "Wir machen keine provinzielle Musik. Provinziell ist eher der Irrglaube, daß es eine globale Kultur gibt."
Meist folgt dann das Bekenntnis, "daß wir im Dialekt singen, weil wir im Dialekt denken - das ist nicht bloß eine Sache des Stils, sondern auch der Substanz". Ähnlich Erhellendes ist zur Frage zu erfahren, warum die auf Versatzstücken hergebrachten Musikguts basierende Attwenger-Mixtur ausgerechnet von einem jugendlichen Publikum angenommen wird, das die Volksmusik ansonsten allenfalls vom Abschalten kennt: "Wenn ich wüßte, warum unsere Musik ankommt, tät' es mich nicht wundern", sagt Binder, "aber es wundert mich auch so nicht besonders."
Dem von landesüblichem Chauvinismus gefärbten Jubel österreichischer Journalisten, die eine "Abkopplung von angloamerikanischen Vorbildern" und die "Besinnung auf eigene Traditionszusammenhänge" preisen, begegnen die Attwenger-Schrate mit stoischem Gleichmut - und verraten ihr Erfolgsrezept: "Bei uns in Österreich regiert doch eh' nur der Schwachsinn."

DER SPIEGEL 18/1993
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