24.08.1992

GeorgienMit Schwert und Feuer

Eduard Schewardnadse, der große Friedensstifter, eroberte mit Panzern die abtrünnige Provinz Abchasien zurück.
Die russischen Soldaten brachen ihren Urlaub unter Palmen ab, weil der Krieg zu ihnen kam.
Im Schwarzmeer-Kurort Suchumi, Hauptstadt von Abchasien, feuerten plötzlich georgische Gardisten und einheimische Polizisten aufeinander. Ein Fallschirmjägerregiment aus Aserbaidschan evakuierte schleunigst 4324 Kameraden und Familienangehörige.
Der Schießbefehl des georgischen Staatschefs Eduard Schewardnadse, 64, bisher weltweit als Friedensstifter gerühmt, traf vorige Woche den blühendsten Landesteil Georgiens, der - halb so groß wie Schleswig-Holstein - schon 1990 seine Souveränität proklamiert hatte.
Die Mehrheit der halben Million Bewohner sind Georgier, meist zugewandert in der Stalin-Zeit. Knapp 100 000 abchasische Ureinwohner islamischen oder christlichen Glaubens leben schon seit der Antike am Schwarzen Meer.
Als Vorwand für eine Intervention diente Schewardnadse die Entführung seines Innenministers durch Anhänger des ehemaligen georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdia, 53. Im Januar hatten Putschisten Gamsachurdia wegen diktatorischer Neigungen gestürzt.
Seit dem Staatsstreich ist das Regierungszentrum in Tiflis eine ausgebrannte Trümmerlandschaft. Die Anführer des Coups, der Schauspieler Tengis Kitowani mit seiner Nationalgarde und der Theaterprofessor Dschaba Iosseliani mit der Privatarmee Mchedroni ("Ritter"), riefen zur Verbesserung ihres Renommees den Ex-Außenminister Schewardnadse aus Moskau heim. Er übernahm den Vorsitz eines neuberufenen Staatsrats.
Schewardnadse, einst 13 Jahre lang Georgiens KP-Chef (damals ließ er den Dissidenten Gamsachurdia verhaften), versprach sanftmütig, er wolle die Einheit seiner Heimat keinesfalls mit "Schwert und Feuer" wahren. Doch zu den Osseten, die sich von Georgien trennen und mit ihren Landsleuten in Rußland zu einem Staat vereinigen wollten, schickte er 500 russische Fallschirmjäger.
Weniger leicht wurde er mit seinem alten Widersacher Gamsachurdia fertig. Die Taxifahrer von Tiflis klebten weiter Fotos des Vertriebenen, der in der benachbarten Tschetschenen-Republik Zuflucht gefunden hat, an die Windschutzscheibe. "Swiadisten", die sich nach dem Vornamen ihres Idols nennen, überfallen Polizeiposten, sprengen Brücken, dringen in die Hauptstadt ein - trotz Polizeikontrollen und nächtlichem Ausgangsverbot.
Iosselianis wilde Krieger plündern im Gegenzug Dörfer, verhaften, töten. Und gewöhnliche Banditen rauben die Personenzüge aus. Das Chaos im Lande bekämpfte Schewardnadse mit Härte. Fast alle widersetzlichen Parlamentsabgeordneten kamen in Haft, Demonstranten wurden beschossen, Oppositionelle gefoltert.
Mit Maschinenpistolen stürmten am 25. Juni fünf Staatsanwälte Verlag und Druckerei der letzten oppositionellen Zeitung Iwerija-Spektr, versiegelten die Räume und zerstörten die Matrizen. Chefredakteur Irakli Godsaridse kennt die Vergangenheit seines früheren Wohnungsnachbarn Iosseliani und nennt den wegen Raubes Vorbestraften einen Mörder und Vergewaltiger.
Am Tag zuvor hatten Gamsachurdia-Anhänger das Fernsehzentrum besetzt und einen Appell verlesen. Schewardnadse ließ räumen (2 Tote) und 29 Nationalgardisten inhaftieren, die zu den Swiadisten überlaufen wollten.
Anfang August hob Schewardnadse zwar den Notstand auf, verkündete eine Amnestie für politische Häftlinge und setzte für den 11. Oktober Wahlen an, um sich endlich zu legitimieren.
Doch gleich danach verlor er seine Großmütigkeit wieder und nannte die Liberalisierung "eine Niederlage, meine persönliche Niederlage, ich habe einen Fehler begangen". Anlaß für den Sinneswandel: Sein Innenminister und neun Polizisten hatten sich in die Stadt Gali begeben, um über die Freilassung des von Swiadisten entführten Vizepremiers Alexander Kawsadse zu verhandeln. Sie gerieten in einen Hinterhalt und wurden in Handschellen abgeführt.
Da erklärte Schewardnadse den "Kräften des Bösen", den "Verrätern Georgiens" zornig den Krieg. Der Innenminister kam wieder frei, doch Schewardnadse befahl nun den Einsatz von 3000 Gardisten in einer "weiträumigen Operation zur Liquidierung derjenigen, die mit der Waffe in der Hand gegen das eigene Volk kämpfen".
Er meinte die Separatisten in Abchasien - obwohl die mit dem georgischen Chauvinisten Gamsachurdia gar nichts im Sinn haben. Schon vor drei Jahren hatten die Abchasen einen Konvoi von 30 Bussen mit Georgiern, welche die "georgische" Erde küssen wollten, mit Steinwürfen gestoppt; nach dreitägigen Kämpfen intervenierten Sowjettruppen. Und Schewardnadse mußte auf einer Inspektionsreise vor den Schmährufen der Abchasen die Flucht ergreifen.
Im Juli setzte Abchasiens Parlament die alte Verfassung von 1925 wieder in Kraft: Die damals selbständige Sowjetrepublik hatte erst Stalin 1930 als "Autonome Republik" seiner georgischen Heimat zugeschlagen.
Jetzt war es Schewardnadse, der "jeden Fußbreit" seines Landes vor der wuchernden Selbstbestimmungssucht retten wollte. Der Friedfertige wandelte sich zum Panzerkommunisten. Hubschrauber beschossen den Flughafen von Suchumi mit Raketen, Panzer rollten vor das Parlament (100 Tote, 1000 Verwundete). Sie zogen sich vorletzten Sonntag hinter eine vereinbarte Pufferzone zurück. Die Iswestija frohlockte: "Zu einem neuen Sarajevo kommt es nicht."
Am Dienstag, nach Ablauf eines Ultimatums, das den Rücktritt des abchasischen Parlamentspräsidenten Wladislaw Ardsinba und die Auflösung des "illegalen" Parlaments erzwingen sollte, kamen die Panzer zurück. Schewardnadses Gardisten schossen das Parlamentsgebäude in Brand, besetzten Hafen, Flugplatz, öffentliche Gebäude und stellten Abchasien unter Militärverwaltung.
Ardsinba, von Beruf Ethnologe, tauchte mit 1500 Bewaffneten unter - er setzt auf den Beistand der renitenten Bergvölker des Kaukasus auf der anderen, russischen Seite von Abchasien: Dort ruft Tschetschenen-General Dschochar Dudajew mit 4000 Freiwilligen zum "Befreiungskampf gegen die georgischen Invasoren" auf.
Müssen dann doch die Russen eingreifen, die noch 70 000 Soldaten aus den alten Sowjetgarnisonen in Georgien stehen haben? Pensionär Gorbatschow sieht schon "Anzeichen für einen großen Krieg" auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Schewardnadse hofft auf Beistand alter Freunde im Westen: "Wenn russische Truppen hier sein können, warum nicht auch Nato-Truppen?"
[Grafiktext]
_153b Georgien und die abtrünnige Provinz Abchasien
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DER SPIEGEL 35/1992
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