16.11.1992

„Die Bürger zahlen zuwenig“

Miegel ist Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG).
SPIEGEL: Sie haben vor der Gefahr einer Währungsreform gewarnt. Müssen die Deutschen wirklich um ihre Ersparnisse fürchten?
MIEGEL: Die Bundesrepublik hat inzwischen einen Schuldenberg von 1,5 Billionen Mark angehäuft. Wollte der Staat diese gewaltige Summe auf einen Schlag zurückzahlen, dürfte er ein Jahr lang nicht eine Mark für anderes ausgeben. Schon heute wird die Neuverschuldung des Bundes durch die Zinsen der bereits aufgelaufenen Kredite aufgefressen. Wenn der Staat sich aus dieser Schuldenfalle befreien will, muß er ans Ersparte seiner Bürger.
SPIEGEL: Wohl mit einer Währungsreform?
MIEGEL: Ein Währungsschnitt ist nur die Ultima ratio, das äußerste Mittel. Wenn der Staat von heute auf morgen sagt, zwei Mark sind jetzt nur noch eine Mark, dann hat er über Nacht auch seine eigenen Schulden halbiert. Allerdings schließe ich diesen Weg für die absehbare Zukunft aus. Wahrscheinlicher ist der weitere Anstieg der Inflationsrate. Auch so kann man, wie das Beispiel Italien gezeigt hat, die Leute um ihre Ersparnisse bringen. Die Lira hat in den zurückliegenden 25 Jahren aufgrund der hohen Inflation 90 Prozent ihres Wertes verloren.
SPIEGEL: Ist das die Alternative für Deutschland: Währungsreform oder italienische Verhältnisse?
MIEGEL: Der Staat könnte auch das Familiensilber verscherbeln. Wenn wir heute das gesamte marktfähige Vermögen der Öffentlichen Hand - Wälder, Grundstücke, Sparkassen und andere Staatsunternehmen - verkaufen, vermindern wir die Staatsverschuldung um vielleicht 10 bis 15 Prozent. Die beste Variante ist, daß der Staat in Zukunft mehr Geld einnimmt als ausgibt. Das wäre allerdings eine politische Meisterleistung - und schon deshalb ist dies wenig wahrscheinlich.
SPIEGEL: Die Inflation in Deutschland liegt trotz der Vereinigungskosten nur bei vier Prozent. Betreiben Sie nicht Schwarzmalerei?
MIEGEL: Unsere Inflationsrate ist viel zu hoch. Seit 1967 haben wir den Geldwert der D-Mark auf 40 Prozent heruntergewirtschaftet. Was damals 40 Pfennig gekostet hat, kostet heute eine Mark. Wenn das so weitergeht, fahren wir den Geldwert innerhalb einer Generation auf einen Bruchteil seines Ursprungswertes hinunter.
SPIEGEL: Deutschland steht doch noch vergleichsweise gut da.
MIEGEL: Wir haben uns in allen entwickelten Industrieländern in beängstigender Weise an Geldentwertungsraten gewöhnt, die nicht normal sind. Das eigentliche Problem, das dahinter steht, ist klar: Die Gemeinwesen werden durch ihre Bürger permanent überfordert.
SPIEGEL: Die Leute wollen zu viele Schwimmbäder, Umgehungsstraßen und Kindergärten?
MIEGEL: Sie wollen von allem zuviel. Andersherum gesagt: Für das, was die Bürger vom Staat verlangen, zahlen sie zuwenig Steuern. Und wenn der Staat diese Lücke zwischen Einnahmen und Aufgaben nicht durch Kredite schließt, dann revoltieren die Bürger. Dann suchen sie sich eine andere Regierung, die weiter Schulden macht. Und es gibt genug Politiker, die solche Wünsche bereitwillig erfüllen.
SPIEGEL: Hat sich das Problem mit der Vereinigung verschärft?
MIEGEL: Die Bürger im Osten stellen heute die gleichen Ansprüche wie die Bürger im Westen, ohne daß sie auch genauso viel in den gemeinsamen Topf einzahlen. Damit haben sich die Schwierigkeiten, die schon vorher da waren, noch einmal erhöht. Wir haben in den zurückliegenden zwei Jahren unsere Geld-Transfers von West nach Ost zu zwei Dritteln über Kredite finanziert. Doch bis heute, und dies ist das Heuchlerische an der gesamten Diskussion, ist völlig ungeklärt, wer für diese Kredite am Ende aufkommen soll.
SPIEGEL: Die wahren Verteilungskämpfe stehen erst noch bevor?
MIEGEL: Vollkommen richtig.
SPIEGEL: Warum steht die D-Mark auf den internationalen Finanzmärkten dann noch so glänzend da?
MIEGEL: Auf dem Weltmarkt sagen sich immer noch genügend Leute: Die Bundesrepublik wird das Geld, das wir ihr leihen, schon zurückzahlen - anders als viele lateinamerikanische oder asiatische Länder. Insofern hat die hohe Bonität Deutschlands auch mit den Wettbewerbern zu tun; die anderen stehen eben noch trauriger da als wir.
SPIEGEL: Ist die D-Mark vor einer Abwertung sicher?
MIEGEL: Es ist das Wesen dieser Finanzmärkte, daß sich Einschätzungen blitzschnell verändern können. Der Erosionsprozeß einer Währung vollzieht sich oft unsichtbar, bis die Sache plötzlich umkippt. Ich kann auch für die D-Mark nichts ausschließen.
Von Meinhard Miegel

DER SPIEGEL 47/1992
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