01.11.1993

Georgien„Kampf bis zum Schluß“

Die Georgierin Rusudan Pardschikia, 37, kostete der Bürgerkrieg das Leben. Im September sperrte sie ihre Wohnung in Tiflis zu, fuhr nach Westen und kämpfte für die Rückkehr des Ex-Präsidenten Swiad Gamsachurdia an die Macht. Nun liegt sie tot unter einem Haselnußbaum im westgeorgischen Marani, erschossen von Regierungstruppen.
Bauer Nodar Twaltwadse hat kein Mitleid mit der Frau, die seine Tochter sein könnte. "Diese Schweine haben nichts anderes verdient", schäumt der Alte. Derb wirft er den Soldatenmantel auf das verstümmelte Gesicht, den Paß dazu - Hühner und Fliegen übernehmen wieder die Totenwache. Beim Marsch auf die Hauptstadt hatten sich die "Swiadisten" in der Bauernkate verschanzt: Vom Haus steht nur noch der verrußte Schornstein, beide Kühe sind tot, das Maisfeld ist von Panzerketten zerwühlt.
Verzweiflung und Wut auch beim Nachbarn. Doch für Michail Bogutschawa hat der Feind ein anderes Gesicht. Bei ihm hausten die Sieger: "Mchedrioni" (Ritter) aus der Privatarmee des Dschaba Iosseliani, derzeit wichtigste Stütze des georgischen Staatschefs Eduard Schewardnadse im Kampf gegen seinen Erzfeind Gamsachurdia.
Seit sie wieder Krieg im Vorwärtsgang führen, sind die schießwütigen Freischärler kaum noch zu halten: Bogutschawas Haus haben sie gefleddert, das Auto geklaut, die Obstbäume umgehauen. "Was, Söhnchen, hab' ich noch zu verlieren", klagt der Heimgesuchte: "Faschisten die einen wie die anderen. Wofür eigentlich bringen wir uns gegenseitig um?"
Solche Botschaften sind nicht die Sache von Dschaba Iosseliani, Berufsverbrecher mit 20jähriger Knasterfahrung und Theaterprofessor, später enger Gamsachurdia-Vertrauter und heute als Chef des "Provisorischen Komitees zur Durchsetzung des Ausnahmezustandes" stärkster Mann im Land. Für ihn heiligt das Ziel sämtliche Mittel: den "Psychopathen Gamsachurdia" endgültig zur Strecke zu bringen, den er Anfang 1992 ins Exil verjagen half.
Mit 2000 bewaffneten Anhängern betreibt der Gestürzte seit September von seiner westgeorgischen Heimat Mingrelien aus die Rückkehr ins Präsidentenamt - mit zunächst überraschendem Erfolg. Gamsachurdia-Truppen rückten bis an Georgiens zweitgrößte Stadt Kutaissi heran. Drei Wochen brauchten die Iosseliani-Leute, um gemeinsam mit der Nationalgarde den Rebellen an die abchasische Grenze zurückzutreiben. Nun sollte Sugdidi, die letzte Bastion des Gegners, fallen.
Mit Tennisschuhen und Mütze der Marke Reebok angetan, doppelte Goldkette um den Hals, MPi über der Schulter, schlendert Freikorps-Chef Iosseliani durch seinen Stab im gerade zurückeroberten Eisenbahnknotenpunkt Samtredia. Ultimaten an den Feind werden diktiert: Kapitulieren soll er - "wir sind die Verteidiger der einzig legitimen Macht".
Gamsachurdia antwortet mit einem Durchhaltetelegramm: "Wir kämpfen bis zum Schluß - für ein stabiles, geeintes Georgien." Höhnisch lachend deutet Iosseliani geheimnisvolle Abgründe des georgischen Bruderkrieges an: "Wenn wir ihn nicht kriegen, bringen ihn seine Auftraggeber um." Niemand in Georgien unterstütze den wahnsinnigen Ex-Präsidenten mehr.
Draußen vor der Stadt toben Bürgerkriegsscharmützel - ohne Regeln, ohne Taktik. Die Regierungstreuen, oftmals bar jeder Kampferfahrung, tragen weiße Bänder am Arm. "Als Erkennungszeichen", erklärt ein General, als spiele man Räuber und Gendarm: "Die anderen haben die gleichen Uniformen und sehen aus wie wir." Pardon soll nicht gegeben werden, weil der Feind, "der Swiadismus", Georgien zerstückeln wolle.
Über welchen Anhang der einst wegen seiner Unabhängigkeitspolitik gefeierte Outlaw Swiad Gamsachurdia noch verfügt, weiß niemand. In Mingrelien soll es noch jeder Fünfte sein, doch offen bekennt sich keiner mehr. Als es um die Souveränität ging, "waren wir alle für ihn", sagt Lela Katschali, die Bahnhofsvorsteherin von Samtredia, "doch jetzt hat er uns den Krieg gebracht."
Die Schlacht um die Macht spült täglich Tausende Flüchtlinge auf die Bahnsteige. Mit Kindern und Federvieh warten sie auf einen Zug in Richtung Tiflis. Doch die Strecke vom Schwarzmeerhafen Batumi nach Osten ist noch immer lahmgelegt. Russische Schutztruppen seien im Anmarsch, macht ein Gerücht die Runde. Sie sollen die Züge sichern, wenn die Gleise wieder frei sind, sagt ein Greis: So habe es Staatschef Schewardnadse in Moskau mit Präsident Jelzin ausgemacht.
Die ins Elend Gestoßenen murren nicht über den politischen Preis: Beitritt zu Rußlands neuem Satellitengürtel im UdSSR-Nachfolgeverbund GUS, den mitzuschnüren Georgien sich lange vehement geweigert hatte. Die Russen hätten dafür Geld und die Rückgabe des eben verlorenen Abchasien versprochen, sagt einer - und alle möchten gern glauben, daß Moskau nicht nur nehmen, sondern auch geben kann.
Doch trotz eines sieben Tage alten Versprechens ist von den Rettern Georgiens nichts zu sehen. "Die Russen schlafen", grollt Iosseliani. Auch die versprochene Rüstungstechnik bleibt aus: Von 5 gelieferten T-72-Panzern waren 2 kaputt, 200 dringend benötigte Kalaschnikows trafen nicht ein. Der Gegenseite gehe es besser, beschwert sich der Warlord: Gamsachurdias Truppen verfügten nicht nur über drei Dutzend moderner Panzerwagen, sondern auch über Haubitzen, Raketensysteme und Hubschrauber, alles jüngste russische Produktion.
Iosseliani glaubt den wahren Grund Moskauer Zurückhaltung zu kennen. "Dunkle Kräfte", sagt er vage, hätten Gamsachurdia für ihre eigenen Ziele ausgenutzt, um das abtrünnige Georgien in die Arme Rußlands zurückzutreiben.
Auch andere stehen in diesem schmutzigen Krieg in Verdacht, mit verdeckten Karten zu spielen. Nicht nur die Rechte im georgischen Parteienspektrum ist überzeugt, daß Eduard Schewardnadse selbst das Morden eskalieren half.
Georgij Tschanturia, Chef der Nationaldemokraten im Parlament von Tiflis, hält die Kriegspsychose um den Rebellen Gamsachurdia für trickreiches Spiel: Sie habe Schewardnadse geholfen, die ohnehin geplante Wiederannäherung an die frühere Besatzungsmacht Rußland zu rechtfertigen.
Der drahtige Philologe Nodar Natadse, Vorsitzender der Volksfront, glaubt sogar mit handfesten Beweisen aufwarten zu können. "Auf eigene Faust" will der Chef der Parlamentskommission für Verteidigung und nationale Sicherheit in den letzten Tagen viermal mit dem Rebellenführer in Sugdidi ("Ich habe die schlechteste Meinung von ihm") telefoniert haben. Einen "offenen Dialog" zwischen beiden Lagern habe er anbahnen wollen. Doch weder Gamsachurdia noch Schewardnadse zeigten sich interessiert. Für Natadse steht fest: Die Losung "GUS oder Bürgerkrieg" ist das "Verbrechen des Jahrhunderts". Wer für die Wiederannäherung an Rußland sei, gehöre deshalb "vor Gericht".
Im zweiten Stock des ehemaligen Instituts für Marxismus-Leninismus am Tifliser Rustaweli-Prospekt sitzt ein müder Schewardnadse. "In unserer jetzigen Lage", macht er sich Mut, "kommen wir an Rußland gar nicht vorbei." Nach jahrelangen Grabenkämpfen und wirtschaftlichem Zerfall will er Georgien vor der Selbstzerstörung retten - durch geschicktes "Balancieren" am Rande der abgründigen Großmacht, die ihrerseits das strategische Kaukasus-Juwel zurückgewinnen möchte.
Einer von Schewardnadses engsten Vertrauten hält jeden Widerstand gegen den GUS-Beitritt für "Idiotie" und Ausfluß derselben "weltfernen Schwärmerei", die einst dem Nationalisten Gamsachurdia ins Präsidentenamt verhalf.
Tiflis, die geschundene Stadt, ist nur noch versteinerte Trostlosigkeit. Flüchtlingswäsche weht auf den Hotelbalkons, die leeren Brotläden sind selbst zu nächtlicher Sperrstunde von dichten Menschentrauben umringt. MP-Salven hallen durch die Stadt.
Die wenigen Busse fahren mit sperrholzblinden Fenstern, nur einige Betriebe arbeiten noch. Der durchschnittliche Monatslohn (30 000 Kupons) reicht gerade, um auf dem Bauernmarkt am Bahnhof sechs Kilo Kartoffeln zu kaufen. An jeder Kreuzung bestimmen Kalaschnikow-bewehrte Männer undefinierbarer Loyalität das Bild und die Richtung: Ende der zivilen Gesellschaft.
Schewardnadse will nun hervorkehren, was seine Landsleute mit dem Macho-Gehabe bislang an ihm so vermißten: Härte und Unnachgiebigkeit.
Wie zu Gamsachurdias Zeiten ist das Fernsehen nur noch präsidiales Verlautbarungsorgan, oppositionelle Zeitungen bekommen kaum Papier. Als sich auf einem Treffen von Schewardnadse-Anhängern in Tiflis ein junger Jurist gegen den GUS-Beitritt Georgiens ausspricht, wird er aus dem Saal geprügelt - vor den Augen Schewardnadses.
Mit einer eigenen Partei will der Staatschef eine Art politische Alleinherrschaft absichern. "80 Prozent des Volkes stehen hinter mir", sagt er. Nicht nur ausländische Diplomaten in Tiflis bezweifeln das. Für Volksfrontler Natadse ist Schewardnadses Scheitern sogar programmiert: "Das wird eine völlige Restauration der roten Macht, die aber will hier niemand mehr." Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
In Georgien *
kämpft der gewählte, von Putschisten voriges Jahr gestürzte Präsident Swiad Gamsachurdia, 54, mit Freischärlern um die Rückkehr an die Macht - gegen Eduard Schewardnadse, 65, von den Putschisten zum Staatschef erhoben. Der frühere KP-Chef und UdSSR-Außenminister stützt sich auf die Truppe des Putschistenführers Dschaba Iosseliani und genießt neuerdings russischen Beistand. Gamsachurdia fand Hilfe bei den Separatisten in Abchasien, womöglich insgeheim auch bei den Russen: Moskau betrachtet den Kaukasus als seine traditionelle Interessenzone.
[Grafiktext]
_172_ Georgien: Umkämpfte Gebiete
[GrafiktextEnde]
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 44/1993
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