16.11.1992

„Tja, neue Ziele setzen“

Neulich im Stadion - es dämmerte schon, und kalt war es auch - saß in Reihe 19 ein Fußballfreund im wattierten Trenchcoat, gespannt nach vorn gebeugt.
Plötzlich braust Musik auf, das Stadion tobt, der Fan springt auf: "Tooor!" Eine Minute später fällt das Gegentor, am Ende der Partie verliert der VfB Stuttgart mit 2:3 gegen den FC Bayern München.
Deprimiert steigt Gerhard Mayer-Vorfelder, 59, Präsident des Klubs und CDU-Finanzminister in Stuttgart, hinab in die Katakomben des Stadions, tröstet erst die Spieler in der Kabine und tritt dann vor die vieldutzendstarke Medien-Kamarilla: "Tja", sagt er mit gedämpfter Stimme, "man muß sich neue Ziele setzen." _(* Ende letzten Monats im Stuttgarter ) _(Neckarstadion mit VfB-Präsidiumsmitglied ) _(Richard Steimle, Bundestrainer Berti ) _(Vogts, Daimler-Benz-Sprecher Matthias ) _(Kleinert und Wirtschaftsminister Dieter ) _(Spöri. )
Das will er auch im politischen Feld, wo die Christenunion mit dem Abstieg kämpft und wo das Ballsport-Hobby des CDU-Rechtsaußen eher belächelt wird - zu Unrecht: Einen Großteil seiner Popularität bezieht Mayer-Vorfelder nicht aus seiner Rolle als Politiker, sondern als Sportfunktionär.
Jetzt schickt er sich an, seine Prominenz zu politischen Zwecken zu nutzen: Der konservative CDU-Flügelmann sieht sich als richtungweisenden "Leuchtturm" der Unionsrechten - er will die seit dem Ableben von Franz Josef Strauß verwaiste Position einer Leitfigur für rechtsgewirkte Wähler und Mitglieder der Christenpartei übernehmen.
Bei denen kommt er an: Für die rechten Zirkel und Grüppchen in der CDU, die sich seit dem Landtags-Wahlerfolg der Republikaner in Baden-Württemberg (10,9 Prozent) und der DVU in Schleswig-Holstein (6,3 Prozent) überall in Deutschland bilden, ist er das Idol Nummer eins.
Das "Deutschland-Forum" um Heinrich Lummer umwirbt ihn ebenso, wie es Gleichgesinnte aus allen Ecken der Republik tun. Mehr als 1000 Briefe und Anrufe hat Gerhard Heinze, 65, registriert, Geschäftsführer im Stuttgarter CDU-Kreisverband und Mitstreiter im "Konservativen Gesprächskreis" um Mayer-Vorfelder. Heinze: "Der könnte am laufenden Band als Redner durch die Lande ziehen."
Mayer-Vorfelders Ruhm in rechten Kreisen resultiert aus ähnlichen Qualitäten, wie einst der Bayer sie hatte: Wie Strauß betreibt er Politik "mit heißem Herzen", wie jener hat er ein "Gespür für die Grundschwingungen in der Bevölkerung", und wie der Polterer aus München präsentiert er sich gern als Mitglied im "Verein für deutliche Aussprache": "Ich brauche keinen Professor, der meine Reden interpretiert."
Er wettert gegen die multikulturelle Gesellschaft und predigt neues Nationalbewußtsein: "Wir müssen uns nicht pausenlos Asche aufs Haupt streuen, nur weil wir Deutsche sind." Er schimpft über die "schleichende Sozialdemokratisierung" der CDU und über die geplante Pflegeversicherung: "Das ist eine Prämie für das Abschieben der Oma ins Altersheim."
Wie kaum einer sonst polemisiert er gegen seine Bonner Parteifreunde von "Schäuble bis Waigel" und deren "Herumgegackere" bei der Finanzierung der deutschen Einheit. Er kritisiert die "Wohlverhaltensmentalität" der Unionspolitiker "gegenüber der veröffentlichten Meinung", und er weist Maßregelungsversuche durch CDU-Größen von Helmut Kohl bis Erwin Teufel brüsk zurück: "Ich lass'' mich doch nicht am Nasenring durchs Land führen."
Querulatorische Neigungen hatte er schon immer - und sie führten ihn meist zum Erfolg. Als Schüler kassierte er laufend Klassenbuch-Einträge, den Lehrern galt er als "frech und vorlaut", aber auch "blitzgescheit". Als Jurastudent legte er ein Einser-Examen hin.
Sein erster Chef im Stuttgarter Staatsministerium, der Ministerpräsident und vormalige Nazi-Marinerichter Hans Filbinger, verdonnerte den langhaarigen Nachwuchsministerialen zum Friseurbesuch. Doch bald schon beförderte er ihn zum Leiter seiner Grundsatzabteilung.
Als Kultusminister legte sich Mayer-Vorfelder gern mit den "Turnschuhlehrern" an, die aussähen, "als kämen sie aus dem Busch", und setzte lockeren Sitten ein Ende: Er bemühte sich um die Wiederkehr des Schulgebets, machte statt Gesamtschulen Dorfschulen auf und ließ wieder Gedichte aufsagen und Volkslieder absingen.
Die linken Lehrer jaulten auf - doch das Volk applaudierte: Zwei Drittel stimmten ihm laut Umfragen zu, für die Regionalpresse war er "der Superstar der Landes-CDU" (Badische Neueste Nachrichten).
Respekt indes genießt Mayer-Vorfelder selbst bei Andersdenkenden - auch außerhalb der Landesgrenzen, etwa in Bonn, wo er derzeit als stellvertretender Vorsitzender der Finanzministerkonferenz wirkt. Sein Kabinettskollege Dieter Spöri, SPD-Spitzenmann und Wirtschaftsminister, kommt "bestens" mit ihm aus, sowohl im Stadion als auch in der Haushaltspolitik.
Denn Mayer-Vorfelder paßt nicht ins Klischee vom vorgestrig-reaktionären Politrabauken, er entzieht sich "allzu einfachen Schubladisierungen", wie der Tagesspiegel beobachtete - er ist der Widerspruch in Person.
Mit Rolex-Uhr und Goldkettchen am Handgelenk kommt er daher wie manch ein Unterweltler. Aber er flicht, ganz Bildungsbürger, immer wieder ein Goethe-Zitat ins Gespräch. Und er schreibt mal für die Fußball-Postille Kicker, mal für das rechtsintellektuelle Monatsheftchen Mut.
Mit widersprüchlichem Gestaltungssinn hat er auch sein Büro im Stuttgarter Finanzministerium möbliert: Biedermeierliches Gestühl aus württembergischem "Krongut" wie auch die Bundes- und die Landesflagge stehen herum. Auf dem Schreibtisch leuchtet eine Halogenlampe. An der Wand hängen eine gotische Madonna und ein abstrakt-buntes Riesengemälde des amerikanischen Künstlers Paul Jenkins.
Eigenwillig und ohne Rücksicht auf hergebrachte Beamtensitten regiert er sein Haus. Einmal im Jahr versammelt der Minister seine Abteilungsleiter zur Klausursitzung im Hotel "Sonne-Post" zu Murrhardt im Schwäbischen Wald.
Abends, nach der Arbeit an Haushaltsplänen und mittelfristiger Finanzplanung, singen die höchsten Finanzbeamten des Landes ("Der Ministerialdirektor spielt gut Gitarre") in froher Runde mit ihrem Minister Lieder zur Klampfe: "Im Frühtau zu Berge", aber auch das "Ännchen von Tharau". Mayer-Vorfelder: "Das fördert ungemein das Wir-Gefühl."
Mit einer Mischung aus Intellekt und Emotion will Mayer-Vorfelder auch seine Partei auf Stimmenfang schicken - und, wie weiland Franz Josef, mit rechten Parolen. Wie Strauß weiß auch er, wo die Prozente zu holen sind - im Direktkontakt mit der Volksseele, bei jenen, die er immer im Stadion trifft und hinterher in der Wirtschaft.
"Wer die Lufthoheit über dem Stammtisch hat", kalkuliert Mayer-Vorfelder, "der hat die Mehrheit im Land."
* Ende letzten Monats im Stuttgarter Neckarstadion mit VfB-Präsidiumsmitglied Richard Steimle, Bundestrainer Berti Vogts, Daimler-Benz-Sprecher Matthias Kleinert und Wirtschaftsminister Dieter Spöri.

DER SPIEGEL 47/1992
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