16.11.1992

NiedersachsenEine Art Zumutung

Ein Nachwuchspolitiker soll die CDU in Niedersachsen wieder hochbringen. Die Partei hofft auf einen „Clinton-Effekt“.
Die ersten Reaktionen waren sehr gemischt. "Sie können das. Machen Sie das", bekam Christian Wulff von Bundesinnenminister Rudolf Seiters (CDU) zu hören. "Geben Sie den Plan auf", schrieb ihm ein "Vater und Familienvorstand", "Sie haben ja noch nicht mal Kinder."
Der Plan: Der Nachwuchspolitiker Wulff, 33, soll in zwei Jahren Landesvater in Niedersachsen werden. So jedenfalls möchte es der niedersächsische CDU-Vorstand, der Wulff am vorletzten Wochenende zum Spitzenkandidaten für die nächste Landtagswahl ausgerufen hat.
Die Nominierung Wulffs irritierte vor allem die Parteibasis. Der Emporkömmling aus Osnabrück, so fürchten viele gestandene Unionschristen, könne der Partei die Chance verderben, in Hannover bei der nächsten Wahl wieder an die Macht zu kommen. Dem jüngsten Bewerber für das Amt eines Ministerpräsidenten, den es in Deutschland je gab, mangelt es an handwerklichem Politrüstzeug: Wulff ist nicht einmal Abgeordneter im Landtag.
Auf einem Parteitag im Januar soll Wulff dennoch offiziell als Herausforderer von Gerhard Schröder nominiert werden; "da sieht der SPD-Enkel alt aus", spottet ein Unionschrist. Schröder ist 48.
Wulffs Nominierung war wochenlanges Gezänk in der niedersächsischen CDU-Führung vorausgegangen. Die Partei hat sich noch immer nicht von ihrer Niederlage vor zwei Jahren berappelt, als sie mit Ernst Albrecht an der Spitze die Macht an eine rot-grüne Koalition verlor. Mittlerweile ist die Union Umfragen zufolge auf 33 Prozent abgestürzt.
Seit Ex-Regierungschef Albrecht sich sang- und klanglos aus der Landespolitik verabschiedet hat und der knorrige Wilfried Hasselmann nicht mehr mitmischen mag, wirkt die CDU kopflos und müde. Bonner Unionsgrößen wie Bundesinnenminister Rudolf Seiters, ein Emsländer, und Rita Süssmuth, die ihren Wahlkreis in Göttingen hat, weigerten sich standhaft, die Niedersachsen-CDU aus ihrem Tief zu holen - Chance für Kandidaten aus der zweiten Reihe.
Ende Oktober präsentierte der Parteivorsitzende Josef Stock, 54, völlig überraschend den Osnabrücker Wulff - und löste damit offenen Krach aus.
Jürgen Gansäuer, 48, Chef der Landtagsfraktion, warf Stock "massiven Vertrauensbruch" vor, weil der die vereinbarten Spielregeln für die Kandidatenkür verletzt habe. In Wahrheit fürchtete der hannoversche Protestant Gansäuer die Überfremdung der weitgehend evangelischen Niedersachsen-Union durch eine katholische "Osnabrücker Hegemonie" (Gansäuer): Stock und Wulff kommen aus Osnabrück, der in der Landespartei sehr einflußreiche Seiters aus dem Emsland.
Gansäuer nominierte sich im Gegenzug selbst zum Kandidaten, Parteifreunde bedeuteten ihm jedoch rasch, er habe nicht das Zeug zum Regierungschef. Außerdem kam ihm zu Ohren, daß Rudolf Seiters in Bonn sich beim Parteioberen Helmut Kohl für Gansäuers Widersacher stark machte.
Nach einer turbulenten Sitzung des CDU-Landesvorstandes in Hannover verzichtete Gansäuer. Ihm sei seine Bewerbung, sagt er heute, ohnehin "irgendwie komisch" vorgekommen, weil "Wulff und ich in etwa das gleiche Programm draufhaben".
Die beiden unterscheiden sich tatsächlich kaum. Beide gehören zum Mitte-Links-Lager in der Union. Gansäuer, ein Freund des Kohl-Kritikers Heiner Geißler, tritt für liberale Abtreibungsregelungen ein und warnt vor Ausländerfeindlichkeit.
Rechtsanwalt Wulff, der dem CDU-Bezirk Emsland vorsteht und die Osnabrücker Ratsfraktion leitet, denkt da ähnlich. Er hat für die Landespartei ein liberales Asylpapier erarbeitet und verkündet als sein politisches Bekenntnis, "daß keine Position ganz richtig ist und keine ganz falsch".
Von Wulff erhofft sich vor allem die Junge Union "einen Bill-Clinton-Effekt" und Zulauf von parteiverdrossenen Jungwählern. Bei denen könnte Wulff mit Sprüchen wie diesem ankommen: Er habe, sagt er, seinen Karrieredrang bezähmt, um "erst mal einen ordentlichen Beruf zu lernen" und um nicht "auf Gedeih und Verderb auf Parteigeld und Diäten angewiesen zu sein".
Mit dem Kandidaten hat sich die stark überalterte Niedersachsen-CDU eine Radikalkur verordnet. Die Wulff-Kür liegt auf einer Linie, die der Landesvorstand vor wenigen Wochen mit einem Beschluß vorgezeichnet hat, der schon an grünen Radikalismus gemahnt: Ein Drittel aller CDU-Abgeordneten soll in Zukunft regelmäßig aus dem Landtag herausrotieren, einen Vorstandsposten soll ein CDU-Mitglied künftig nicht länger als acht Jahre behalten, mehr als zwei bedeutende Parteiämter zugleich soll niemand bekleiden.
Ob die erzkonservative Basis der Niedersachsen-Union dem neuen Führer tatsächlich folgt, scheint dem selbst zweifelhaft. Wulff nennt seine Kandidatur "eine Art Zumutung" für die CDU. Er findet "Frauenfragen wichtig", will den Wohnungsmarkt "staatlich ankurbeln" und verkündet sogar öffentlich, "daß sich unser Wohlstand auf der Ausbeutung anderer Leute gründet".
Alles Worte und Ideen, mit denen er in den eigenen Reihen nicht überall Beifall finden dürfte. Da ist Wulff Realist.

DER SPIEGEL 47/1992
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