16.11.1992

Die Juden leben

Im Umgang mit toten Juden haben die Repräsentanten der deutschen Nation Routine. Einträchtig betrauern Politiker, Kirchenleute, Gewerkschafter und Journalisten die Millionen "Opfer des Nationalsozialismus". Man zelebriert die "Reichspogromnacht", legt Kränze an Gedenkstätten in Deutschland, Polen und Israel nieder und hält anschließend reuige Reden.
Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten strahlen aus gegebenen Anlässen betreten machende Dokumentarfilme aus. Die privaten Fernsehsender können sich entsprechende Sendungen mangels Zuschauerinteresse nicht leisten.
Für jüdische Trauer, selbst für zornige Mahnungen, und waren sie gelegentlich penetrant wie die von Heinz Galinski oder Elie Wiesel, zeigt man genervtes Verständnis. Kriminelle Handlungen von Juden, beispielsweise die des Werner Nachmann, werden, so gut es geht, mit Schweigen übergangen - nichts soll die Friedhofsruhe des deutsch-jüdischen Verhältnisses stören.
Diesen tabuisierten Frieden gebrochen zu haben ist das Verdienst des Rostocker Kommunalpolitikers Karlheinz Schmidt, der Ignatz Bubis fragte, ob Israel seine Heimat sei. Damit hat sich endlich jemand mit lebenden Juden auseinandergesetzt und, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, die von Juden wie Nichtjuden sorgfältig unter den Teppich gekehrten Kernfragen ihres Verhältnisses berührt: Akzeptieren die Deutschen die Juden als ihresgleichen? Und: Begreifen sich die hiesigen Juden als Deutsche?
Ignatz Bubis ist Vorsitzender des "Zentralrats der Juden in Deutschland". Sich nicht als Deutsche, sondern als Juden in Deutschland zu begreifen ist für deutsche Juden modern - die neue Identität gilt erst seit Auschwitz.
Bis Ende der dreißiger Jahre war der "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" von 1893 der wichtigste jüdische Verband Deutschlands. Der Name machte das Selbstverständnis der deutschen Hebräer sichtbar: Man verstand sich zuvörderst als Deutsche. Das eigene Glaubensbekenntnis dagegen galt als Privatsache. Zweck des Vereins war, die Nichtjuden von dieser Weltsicht zu überzeugen.
Die deutschen Juden liebten ihr Vaterland. Anders als in anderen europäischen Ländern hatte man sie aufgrund der politischen Zersplitterung des deutsches Reiches nie vollständig aus ihrer Heimat vertrieben. Der ständig von Geldnöten geplagte Kaiser brauchte das Geld jüdischer Finanziers und war ihnen daher in der Regel gnädig gesonnen.
Die meisten Deutschen aber empfanden die Juden als Fremde. Daran änderte auch der begeisterte Einsatz der Juden für Kaiser und Vaterland im Ersten Weltkrieg nichts. Im Gegenteil, als der Waffengang verloren war, gaben Deutschlands Rechte, und nicht nur sie, den Juden die Schuld am "Dolchstoß", 12 000 jüdischen Gefallenen zum Trotz. Zu gut eigneten sich die Juden wieder einmal als Sündenböcke.
Nicht zuletzt antisemitischer Hetze hatte es Hitler zu verdanken, daß ihn Millionen Deutsche zu ihrem "Führer" wählten. Aber Hitler war keineswegs der Erfinder des Antisemitismus. Die Nazis beackerten vielmehr ein Feld, das von den christlichen Kirchen jahrhundertelang mit Judenhaß gedüngt worden war.
Sobald Hitlers Bande die Macht erobert hatte, machte sie sich an die "Lösung der Judenfrage". Die Juden wurden aus Staatsstellen geworfen, durch die Nürnberger Gesetze zu Menschen zweiter Klasse degradiert. 1939 endlich zwang man die verbliebenen jüdischen Verbände in die "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland". Dies entsprach brauner Logik: Ehe man sie ermordete, "entfernte" man die Juden aus dem deutschen "Volkskörper".
Der nazistische Judengenozid war erfolgreich, physisch und mehr noch psychologisch: Neun Zehntel der 1945 in Deutschland gestrandeten Juden verließen, sobald sie konnten, das Land der Mörder. Als die verbliebenen wenigen tausend Juden sich 1950 eine Dachorganisation schufen, nannten sie diese "Zentralrat der Juden in Deutschland".
Hitlers Triumph war insofern von Dauer. Das Angsttrauma hatte zur Folge, daß die Juden sich nicht länger als Deutsche fühlten. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Jüdische Funktionäre wie Ignatz Bubis können ihre Angst vor Deutschen nicht überwinden, die ihnen Konzentrationslager und Ghettos eingehämmert haben. Mancher von ihnen ist daher unfähig, sich als Deutscher zu empfinden. Damit repräsentieren sie die Gefühlslage der großen Mehrheit der Juden in Deutschland.
Seit Anfang der achtziger Jahre bemühen sich jüngere Juden, denen der Schrecken des Holocaust erspart geblieben war, zumindest Angehörige ihrer Generation wieder an eine deutsche Identität zu gewöhnen. Historiker wie Michael Wolffsohn und Julius Schoeps wurden deswegen ebenso wie der Autor dieses Essays in ihren jüdischen Gemeinden als "Antisemiten", "Hetzer" und "Opportunisten" oder schlicht als "Deutsche" beschimpft. Als "unser Land" preisen dagegen die meisten Juden Israel, etwa der Münchner Gemeinderabbiner Itzchak Ehrenberg am jüdischen Neujahrsfest.
Sind dafür ausschließlich die während des Holocaust erlittenen Ängste verantwortlich? Wird diese Furcht durch die deutsche Wirklichkeit nach Auschwitz gemildert oder verstärkt?
Deutschland 1992. Laut SPIEGEL-Umfrage bejahen 36 Prozent der Befragten die Feststellung "Juden haben auf der Welt zuviel Einfluß". Es bleibt nicht bei antijüdischen Vorurteilen. In immer kürzeren Abständen besudeln Deutsche jüdische Friedhöfe mit antisemitischen Parolen, stoßen jüdische Grabsteine um, zerstören die Gräber. Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet.
Im heutigen Deutschland gibt es zumindest ebenso viele jüdische Friedhöfe wie lebende Juden. Das Schänden eines jüdischen Friedhofs ist, bislang, gefahrloser als ein Anschlag auf einen lebenden Juden. Da erscheint rechten Banditen die Menschenhatz auf Asylsuchende "lohnender": Die Zielgruppe ist größer, das Risiko geringer.
Täglich werden Asylsuchende und Ausländer gedemütigt, bedroht, geschlagen, und gelegentlich wird einer ermordet. Die Republik nimmt es meist gelassen zur Kenntnis. Demokratische Politiker - von den Schönhubers ganz zu schweigen - finden es vielfach überflüssig, gegen jede Ausschreitung zu protestieren. Sie sind unfähig oder unwillens, diese Anschläge wirksam zu unterbinden.
Anders als die Asylsuchenden sind die Juden vorerst noch nicht unmittelbar bedroht. Dennoch haben viele von ihnen Angst. Ein Drittel fürchtet nach einer Studie der Kölner Soziologen Alphons Silbermann und Herbert Sallen, daß sich der Antisemitismus in Deutschland noch verschärfen wird. Fast die Hälfte sieht die Demokratie gefährdet, drei Viertel meinen, die Bundesregierung tue nicht genug gegen den Rechtsextremismus.
Auffällig sei, so Silbermann, daß sich vor allem jüngere Juden bedroht fühlten, eine Stimmung, die auch die Organisation jüdischer Ärzte und Psychologen in Berlin wahrgenommen hat. Nach ihrer Beobachtung reagieren KZ-Überlebende und ihre Kinder auf die ausländerfeindlichen Exzesse in Deutschland vielfach "mit erneuter Traumatisierung und Angst".
Ist diese Angst berechtigt? Vor einer realen Bedrohung der "jüdischen Mitbürger" stehen doch die deutschen "Philosemiten". Vorsicht! Diejenigen, die Juden allein aufgrund ihrer Abstammung oder ihres erlittenen Leidens "lieben", sind zumindest psychologisch verwandt mit jenen, die Juden wegen ihrer Abstammung und ihrer vermeintlichen Macht hassen. Die Kraft, mit der manche "Freunde" die Juden umarmen, raubt diesen bisweilen den seelischen Atem.
Denn einen Judenfeind zu hassen ist einfach. Einen erklärten "Judenfreund" dagegen zu enttäuschen ist ungleich schwerer. Welcher Hebräer glaubt, es sich erlauben zu können, die wenigen "Freunde" zu enttäuschen? So lassen sich viele Juden in Deutschland allzu bereitwillig ins verlogene Klischee des weisen Nathan zwängen.
Kümmern sich die Judenfreunde von eigenen Gnaden tatsächlich um die Seelennöte ihrer Schutzbefohlenen? Oder gleichen sie nicht vielmehr Schmetterlingssammlern, die lebhaftes Interesse für Objekte zeigen, eine Menge über sie wissen und am besten mit ihnen umgehen können, wenn diese bereits konserviert, also tot sind?
Selbst mit dem entsprechenden Wissen ist es nicht allzuweit her, nimmt man beispielsweise die Rezeption jüdischer Nachkriegsliteratur zum Maßstab der Beschäftigung mit Juden. Denn seit 1945 ist es in Deutschland allemal leichter, ein Buch über oder von Juden zu erwerben, als einen leibhaftigen Israeli persönlich zu kennen.
Zahllose Bücher jüdischer Autoren aus Deutschland wurden im Nachkriegsdeutschland publiziert. Diese Schriften haben eine auffällige Gemeinsamkeit: Sie sind allesamt haßsteril. Fast jeder Jude hier hat Angehörige verloren, die von Deutschen ermordet wurden. Dennoch findet sich in den Büchern von Juden aus Deutschland kein Wort des Zorns oder gar des Hasses gegen die Deutschen.
In den Werken ausländischer Juden dagegen ist die wütende Auseinandersetzung mit Deutschen ein bestimmendes Element, etwa bei Primo Levi, Cordelia Edvardson, immerhin einer geborenen Deutschen, Samuel Pisar und anderen. Niemand soll aber glauben, daß diesseits von Rhein und Alpen der jüdische "Übermensch" lebt, allzeit gütig, stets verzeihend.
Was empfanden die Juden Deutschlands, die mit ansehen mußten, wie ihre Eltern, Ehepartner, Kinder, Freunde ermordet wurden, ehe sie verzeihen konnten - oder vorgaben, dies zu können? Hat sich keiner der zahlreichen Fachleute und Liebhaber von Gegenwartsliteratur, jüdischer zumal, die Frage gestellt, warum Deutschlands jüdische Schreiber darüber kaum berichten? Und wenn, dann nur in stiller Trauer - nie aber mit bebendem Zorn.
Hat sich niemand gewundert, weshalb es mehr als vier Jahrzehnte dauerte, ehe jüdische Gegenwartsromane in Deutschland geschrieben werden konnten?
Dies geschah nicht, wie der jüdische Kritiker Marcel Reich-Ranicki glauben machen möchte, weil es keine jüdischen Schriftsteller mehr in Deutschland und Österreich gegeben hätte, die das Zeug zum Romanschreiben hatten. Friedrich Torberg, Hilde Spiel, Hans Weigel, ja selbst Ralph Giordano wären, wie ihre Bücher deutlich machen, sehr wohl dazu in der Lage gewesen. Dennoch haben sie nie einen Roman veröffentlicht, der sich mit dem Leben von Juden in Deutschland nach Hitler auseinandersetzt. Der Grund ist Angst.
Ein glaubwürdiger Gegenwartsroman lebt von den Emotionen des Schreibers und seiner Umwelt. Wie aber würden die "Judenfreunde" reagieren, wenn sie entdeckten, daß ihre Schutzbefohlenen nicht vor allumfassender Güte bersten, sondern auch "häßliche" Gefühle hegen können?
Würde nicht zwangsläufig die Frage folgen: Wie kannst du als Jude in Deutschland leben? Sie hängt wie ein dreifaches Gewicht an jedem hiesigen Juden, gestellt von mehr oder minder wohlwollenden Nichtjuden, der jüdischen Mischpoke außerhalb Deutschlands und dem eigenen Gewissen.
Diese Ängste zu begreifen ist keineswegs unmöglich. Man muß dazu lediglich die Schimäre des weisen Nathan aufgeben und sich die Mühe machen, die Nöte der real existierenden Juden in Deutschland wahrzunehmen. Die wenigsten wagen dies. Nicht aus bösem Willen, sondern ebenfalls aus Angst, die geschundenen Seelen der Juden unnötig zu verletzen.
Beklommenes Schweigen ist aber allemal schlimmer, denn es läßt die Juden weiterhin allein im Ghetto ihrer Angst. Da hilft ihnen schon eher einer, der provoziert - wie der selige Rainer Werner Fassbinder mit seinem Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod". Auf diese Weise erhalten Juden wie Nichtjuden endlich Gelegenheit, gegen-, unter- und miteinander über die Rolle der Juden in Deutschland zu streiten.
Diese Auseinandersetzung wird mitunter zwangsläufig schrill geführt werden. Sie bleibt unabdingbare Voraussetzung, will man die isolierte jüdische Existenz im Nachkriegsdeutschland überwinden. Knapp ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Dritten Reiches sollten die Nichtjuden endlich begreifen, daß sie es trotz vergangenem Mord und Totschlag nicht mehr ausschließlich mit toten Märtyrern und Heiligen zu tun haben, sondern mit lebenden Juden.
Seit tausend Jahren sind Juden Teil der deutschen Gesellschaft. Es ist höchste Zeit, daß Juden wie Nichtjuden dieses endlich akzeptieren. _(Rafael Seligmann, 1947 in Israel ) _(geboren, 1957 mit seinen Eltern nach ) _(Deutschland zurückgekehrt, lebt als ) _(Autor ("Rubinsteins Versteigerung", "Mit ) _(beschränkter Hoffnung") in München. )
Die "Freunde" rauben den Juden den seelischen Atem
Rafael Seligmann, 1947 in Israel geboren, 1957 mit seinen Eltern nach Deutschland zurückgekehrt, lebt als Autor ("Rubinsteins Versteigerung", "Mit beschränkter Hoffnung") in München.
Von Rafael Seligmann

DER SPIEGEL 47/1992
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