16.11.1992

Enthemmte Sirene

Neue Rolle für die Kanzlergattin: Hannelore Kohl spielt Hillary Clinton.
Der Plan muß in einer dieser einsamen pfälzischen Nächte gereift sein: Der Gatte weilte wieder einmal außer Haus, alle Spendenaufrufe waren unterschrieben und sämtliche Leibwächter beim Mau-Mau besiegt. Hausfrauenschicksal. Durch die Oggersheimer Villa schlich Melancholie.
Da beschloß Hannelore Renner, verheiratete Kohl, offensichtlich, das letzte Viertel ihrer besten Jahre nicht länger im Schatten ihres Kanzlers zu verbringen. Und tatsächlich: Mit Hilfe zweier TV-Lakaien - des Dampfplauderers Gottschalk und der lahmen Lippe Lippert - glückte der Frau des Schwarzen Riesen ein spätes Coming out als Fernsehsternchen. Eilfertig bejubelte Bild ihren "Wetten, daß . . .?"-Auftritt: "Frisch, frech, witzig, aufgedreht."
Was sich vor dem erstaunten Wählervolk auf dem Bildschirm vollzog, wirkte allerdings wie die hilflose Anmache eines beschwipsten Backfisches. Die Blondine, 59, sonst an der Breitseite des Kanzlers tätig, zum bestürzten Wolfgang Lippert: "Sie sind ein toller Mann." Und zu ihren Träumen befragt, flötete sie: "Schwer zu haben, wenn man Ihnen in die Augen blickt, weil sie dann schon erfüllt sind." Selbst Intim-Kontakten _(* Thomas Gottschalk in der RTL-Sendung ) _("Gottschalk". ) schien sie nicht abgeneigt. Zum Stichwort "Schmusen" vertröstete sie den Showmaster: "Nicht vor der Kamera. Reden wir nachher."
Dabei hatte sich Helmuts Hannelore bereits zuvor von Lippert-Vorgänger Thomas Gottschalk in der gleichnamigen Talk-Stunde eine Abfuhr eingehandelt. Der befand zwar freundlich: "Ich halte sie für fernsehtauglich", zerstörte aber alle Glamour-Träume durch brüske Outfit-Kritik: "Könnten Sie nicht mal die Klammern aus dem Haar nehmen?"
Selbst handfeste Schmeicheleien der Barbie aus der Pfalz konnten dem Gaudimax nicht den Blondschopf verdrehen. Allzugern hätte sie ihn einmal als Tanzpartner bei einer Gala. "Wenn der Thommy käme", lockte Hannelore, "das wäre ein dickes Ding."
Doch vielleicht steckt hinter der Mutation der biederen Schirmherrin zur enthemmten TV-Sirene mehr als unbefriedigte Sehnsucht: ausgetüftelte Strategie. Deutschlands erstes Paar hat wohl auch die TV-Bilder aus dem amerikanischen Wahlkampf gesehen - und eines Abends muß dann diese Idee gekommen sein: Lernen von Hillary!
Schließlich ist Hannelore Kohl ebenso blond wie Hillary Clinton, und offenbar hält sie sich auch für ebenso clever wie Amerikas künftige First Lady. Die hatte selbst schwerste Polit- und Ehekrisen bravourös gemeistert und mit souveränem Medienhandling ihren Billy ins höchste US-Amt gehievt.
Der deutsche Vorvorwahlkampf indessen geriet zum Desaster. Als habe ein Beraterstab sie vor der Sendung auf Lockerheit getrimmt, verfiel die übermotivierte Gemahlin in jene Beharrlichkeit, die auch ihrem Ehemann nachgesagt wird. Sie grinste alle aus. Die Jovialität der gelernten Dolmetscherin glitt ins Hemmungslose ab, die Vertrauensseligkeit schwappte ein ums andere Mal über die Schamgrenze ("Ich bin in der Lage, in zehn Sekunden ein Hotelzimmer zu verwüsten"), und die Logik streikte: "Ich stamme aus Berlin und Leipzig."
Selbst die Figurprobleme des Kanzlers blieben bei der diffusen RTL-Darbietung nicht unbehandelt. "Nerven", lobte sie mit gespitztem Kußmund die gewichtige Statur ihres Staats-Mannes, "haben auch immer etwas mit eingebetteten Nerven zu tun."
Bei der zweiten Medienattacke der Kanzlergattin waren zumindest die äußerlichen Patzer repariert. Keine Klammern hinderten die Dauerwelle am freien Fall, und das Kostüm war so Hillaryblau wie jenes, welches das US-Idol am Wahlabend getragen hatte.
Doch wieder manövrierte sich die Glücklose ins Abseits. Neben einer erstaunlichen Interpretation des Grundgesetzes ("Die Würde des Menschen ist untastbar") verriet die Christdemokratin eklatante Schwächen bei der Einschätzung ostdeutscher Realitäten. Als sie dem Wettkandidaten Rufus wie selbstverständlich ihre frisch erschienene Benefiz-CD unterjubeln wollte, beschied der Ost-Berliner Steppke sie trotzig: "Ich habe aber keinen CD-Player."
Da machte Moderator Lippert dem Spiel ein Ende - vielleicht, weil er noch Schlimmeres befürchtete. Schließlich hatte Hannelore Kohl schon vor einem Jahr bekannt, was sie außer Saumagen noch alles anrichten kann: "Ich habe ja immer die Chance, mit jedem Wort, das ich sage, gleich zwei Leute zu blamieren."
* Thomas Gottschalk in der RTL-Sendung "Gottschalk".

DER SPIEGEL 47/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Enthemmte Sirene

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind