16.11.1992

SchiffahrtÜber die Bordwand

Auf hoher See brachte eine russische Schiffsbesatzung acht blinde Passagiere um - nur ein spektakulärer Einzelfall?
Als der afrikanische Hafenarbeiter Kingsley Ofosu, 22, nach tagelanger Überfahrt endlich Land sah, glaubte er, den Zielhafen Hamburg erreicht zu haben. Der Mann aus Ghana sprang von Bord des Frachters, auf dem er sich heimlich eingeschifft hatte, und rannte um sein Leben - bis er eine Polizeiwache fand.
In Wahrheit war der junge Schwarze in der nordfranzösischen Hafenstadt Le Havre angelandet. Dort präsentierte der blinde Passagier vorige Woche der Gendarmerie eine Geschichte, die den Beamten zunächst so "abenteuerlich" erschien, daß es ihnen fast den Atem verschlug: Das Schiff, von dem der Afrikaner getürmt war, hatte zwar nicht die Pest an Bord, vermutlich aber ein halbes Dutzend Totschläger.
Ofosu beschuldigt die Besatzung des unter Bahama-Flagge fahrenden Containerschiffes "MC Ruby", acht blinde Passagiere auf hoher See einfach über Bord geworfen und brutal ums Leben gebracht zu haben. Er habe sich als einziger vor den Seeleuten, überwiegend Russen und Ukrainer, verstecken und auf diese Weise retten können.
Die neun jungen Männer, acht aus Ghana und einer aus Kamerun, waren am 24. Oktober, während der Ladearbeiten, im ghanaischen Hafen Takoradi an Bord gegangen und hatten sich dort, in Ladeluke 3, zwischen Kaffee und Kakao versteckt. Zwei Tage nach Auslaufen des Schiffes seien sie von einem Crewmitglied entdeckt und in einen kleinen Raum gesperrt worden.
"Dann kamen die Männer", berichtet Ofosu. Mit Eisenstangen prügelten sie auf die "Stowaways" ein, wie die Illegalen in der internationalen Schiffahrt heißen. Sie gaben Schüsse auf die ungebetenen Passagiere ab und warfen die Verletzten, irgendwo vor der iberischen Küste, über Bord. Er selbst habe sich in einem Container und später in einem Luftschacht verbergen können, erzählt Ofosu: "Sie haben nach mir gesucht, mich aber nicht gefunden."
Die Bluttat auf der "MC Ruby", von der Besatzung inzwischen eingestanden, sei eine der "scheußlichsten" Episoden "in der Geschichte der blinden Passagiere", urteilte die Pariser Tageszeitung Le Figaro.
Womöglich räumt das Massaker auf mit den romantischen Legenden, in denen junge, wagemutige Gesellen als blinde Passagiere über die Weltmeere schippern und sich, falls sie überhaupt entdeckt werden, erfolgreich als Smutje oder Decksjunge durchschlagen. In der rauhen Realität ist der Versuch, als Schwarzfahrer Kurs auf ein neues, vermeintlich besseres Leben zu nehmen, wie eh und je mit lebensgefährlichen Risiken verbunden.
Dennoch geraten die blinden Passagiere der Seeschiffahrt zu einem "wachsenden internationalen Problem", wie das britische Nautical Institute in einem soeben erschienenen Handbuch klagt. An die 8000 Stowaways werden nach Recherchen von Behörden und Schifffahrtsversicherern, den sogenannten Protecting & Indemnity (P&I) Clubs, jährlich weltweit aufgebracht - Tendenz steigend.
Jeder der "Einschleicher", wie sie im Amtsdeutsch heißen, kostet Reederei oder Versicherer zwischen 10 000 und 20 000 Mark für Kost, Logis, Amtsgebühren und Rückführung. "Kommerziell ein Riesenproblem", sagt Wolf-Peter Rabitz, zuständiger Fachmann einer P&I-Agentur in Bremen.
Die meisten blinden Passagiere stammen nach Feststellungen der internationalen Schiffahrtsorganisationen aus afrikanischen Ländern wie Nigeria, Ghana, Äthiopien und Tansania oder aus Südostasien. In der Hoffnung auf ein Leben ohne materielle Not, selten nur auf der Flucht vor politischer Verfolgung, zieht es sie vor allem in die als liberal geltenden europäischen Häfen Rotterdam, Antwerpen, Southampton und Hamburg.
Immerhin 151 blinde Passagiere wurden voriges Jahr in der Elbstadt von der Wasserschutzpolizei registriert, in Bremen waren es 70, in Kiel 31. Doch nach den politischen Umwälzungen in Osteuropa erwarten Experten wie Rabitz "ganz neue Dimensionen" des Problems. So warnte der Verband Deutscher Reeder seine Mitglieder in einem Rundbrief bereits vor der "zunehmenden Gefahr von Flüchtlingen aus dem östlichen Europa", deren Hauptziel zur Zeit, noch, "Nordamerika (USA, Kanada)" sei.
Wo auch immer der Törn eines "Blinden" endet - am Ziel seiner Wünsche ist er oft nicht mal dann, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Als beispielsweise drei junge Tansanier im nordfriesischen Husum von Bord des griechischen Frachters "Lucky Wave" gehen wollten, verließ sie das Glück.
Weil der deutsche Zoll mangels amtlicher Papiere die Identität der Afrikaner nicht zweifelsfrei feststellen konnte, kamen sie in Abschiebehaft - bis das Schiff den Hafen wieder verließ, samt seiner ungebetenen Passagiere. Ähnlich war es den Afrikanern zuvor schon in Schottland ergangen.
Manch einer schippert so um die halbe Welt, bis er am Ende wieder dort landet, wo er in See gestochen war. Der Rotterdamer Hafenpolizei kamen erst kürzlich zwei Chinesen unter, die sich in Hongkong an Bord eines Schiffes geschlichen hatten, Reiseziel Japan. Doch dort durften sie ebensowenig an Land gehen wie in Rotterdam und, Wochen später, in Hamburg. Hier mußten sie umsteigen - zum Direktflug zurück in die Heimat.
Viele blinde Passagiere, die sich in Ankerkettenkästen, auf Zwischendecks oder in Containern verbergen, überleben die Seereise nicht. Immer wieder werden in den großen Häfen beim Entladen Leichen von Menschen entdeckt, die in dicht an dicht gestauten Containern erstickten oder durch Insektizide zur Getreidebehandlung vergiftet wurden.
Andere verdursten qualvoll, weil sie die Dauer der Überfahrt unterschätzen und niemand ihre Hilfeschreie hört. In Bremerhaven wurden von einem Bananendampfer vier junge Männer aus Nicaragua tot geborgen, deren Ziel New Orleans gewesen war. Doch statt an die US-Ostküste führte der Trip über den Atlantik, statt 4 dauerte er 14 Tage.
Unberechenbar ist das Risiko, das ungebetene Passagiere eingehen, auch dann, wenn sie sich dem Kapitän stellen oder von der Besatzung entdeckt werden. Zwar ist es oberstes Gebot in der internationalen Schiffahrt, blinde Passagiere "formal, aber human" zu behandeln, wie es im Handbuch des Nautical Institute heißt, und sie "angemessen" zu verpflegen.
Doch trotz aller Appelle an "gesetzliche sowie moralische, humanitäre Pflichten" (Handbuchtext) entledigen sich Schiffsbesatzungen des Problems immer wieder "auf dem kürzesten Weg, über die Bordwand", wie Rainer Wolff von der Hamburger Reederei Ahrenkiel weiß.
Vorigen Monat erst wurde im Ärmelkanal, rund zehn Meilen vor Dover, ein Algerier mit zusammengebundenen Händen aus dem Wasser gefischt. Er war von der Besatzung eines Öltankers in seinem Versteck aufgespürt und anschließend, immerhin mit Rettungsweste, über Bord geworfen worden.
Glück hatten auch vier Illegale, die sich unerlaubt an Bord des unter Singapur-Flagge fahrenden Frachters MS "Billesborg" eingecheckt hatten. Sie wurden vor der Elfenbeinküste auf einem provisorischen Floß aus Ölfässern ausgesetzt und von einem zufällig kreuzenden Schiff aus Zaire gerettet.
Daß der kurze Prozeß auf hoher See entgegen jedem schiffsmännischen Verhaltenskodex womöglich gar "etwas Gewöhnliches" sein könnte - dieser Eindruck drängte sich vorige Woche den französischen Ermittlern im Fall der "MC Ruby" schnell auf. Bei seinen Verhören gewann Staatsanwalt Marc Gaubert den schauerlichen Eindruck, die Bluttaten seien für Mannschaft und Offiziere "weder außerordentlich noch schlimm" gewesen.
Darauf deuten auch die wenigen Fälle hin, die durch Gerichtsprozesse oder Seeamtsverhandlungen aktenkundig werden. Spektakulärster Fall: Vor gut acht Jahren wurde der Kapitän des griechischen Frachtschiffes "Garifalia", Antony Plintzanopoulos, zu zehn Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte elf blinden Passagieren aus Kenia die Haut aufschlitzen und sie danach in den haiverseuchten Ozean vor Madagaskar werfen lassen - nur sechs konnten gerettet werden.
Zur Rechtfertigung weisen die Täter in solchen Fällen oft auf den immensen Kosten- und Zeitdruck hin, der in der internationalen Schiffahrt herrscht - Umwege sind teuer. "So ein Schiff verdient am Tag etwa 16 000 Mark", sagt Reederei-Experte Wolff. Da werden blinde Passagiere schnell zum unkalkulierbaren Kostenfaktor.
In den USA und in Kanada müsse ein Kapitän, der illegale Einwanderer an Land läßt, außerdem 5000 Dollar Strafe zahlen. Und anderswo, etwa in den Arabischen Emiraten oder in Libyen, laufe der Kapitän in solchen Fällen sogar Gefahr, im Gefängnis zu landen.
Angst vor finanziellen Einbußen könnte auch das Motiv von "MC Ruby"-Kapitän Vladimir Illinitsky und seinen sechs Besatzungsmitgliedern gewesen sein, denen die französische Staatsanwaltschaft nun unter anderem Mord und Mordversuch vorwirft. Schon einmal nämlich waren der Besatzung sieben blinde Passagiere untergekommen, damals wurden die Aufgegriffenen den Behörden in Rotterdam ordnungsgemäß überstellt.
Allerdings hatte die Reederei daraufhin den Seeleuten einen Teil der Strafgelder kurzerhand von der Heuer abgezogen. Vielleicht hätten Mannschaft und Offiziere nun aus diesem Grund, so spekuliert Staatsanwalt Gaubert, "entschieden, daß es diesmal einfach keine blinden Passagiere gegeben hat".

DER SPIEGEL 47/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schiffahrt:
Über die Bordwand