16.11.1992

BundestagHeulend im Bett

Die jungen SPD-Abgeordneten wollen im Parlament stärker mitmischen.
Wenn Hans Martin Bury, 26, etwas nicht mag, dann sind es Abgeordnete, die nur auf Posten und Funktionen schielen. Das eitle Streben nach Geltung sei ihm schon beim Einzug in den Bundestag vor knapp zwei Jahren übel aufgestoßen, sagt der jüngste aller 662 Parlamentarier in Bonn. Jetzt hat er selbst ein Amt.
Bury wurde Sprecher der "Gruppe junger Abgeordneter in der SPD-Bundestagsfraktion". Die 10 Parlamentarier im Juso-Alter taten es den 24 christdemokratischen Abgeordneten unter 35 Jahren nach, die sich nach der letzten Wahl 1990 zur "Jungen Gruppe" zusammengefunden hatten. Alle gehorchen sie der Not: "Es ist eine Art Überlebensstrategie in diesen sehr verkrusteten Strukturen", meint Betriebswirt Bury.
Noch nie saßen so junge Abgeordnete im Bundestag. Zwar liegt das Durchschnittsalter der Parlamentarier insgesamt mit 48,8 Jahren nur vier Monate unter dem der vergangenen Legislaturperiode. Erstmals wurden 1990 jedoch 43 Volksvertreter unter 35 Jahren nach Bonn geschickt.
Ein Gruppenstatus macht es leichter, in den Fraktionen Laut zu geben, Anträge einzubringen und sogar mal auf eine Rednerliste gesetzt zu werden. "Unsere Aufgabe ist es, Themen anzusprechen, die nicht besonders populär sind", sagt SPD-Youngster Bury.
Schwerpunkte ihres Wirkens sehen die sozialdemokratischen Nachwuchsparlamentarier in der Drogenpolitik, der Ausländerfeindlichkeit und vor allem in der Entwicklungshilfe. Die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, die Verringerung der Armut und die Bekämpfung von Fluchtursachen zählten zu den bedeutendsten Aufgaben dieses Jahrzehnts, so stellen die Youngsters fest: "Ihre Bewältigung muß nicht immer wieder angekündigt, sondern endlich in Angriff genommen werden."
Wie schwierig das ist, wissen die Junggenossen inzwischen selbst. Ein zunächst mit der "Jungen Gruppe" der CDU/CSU geplantes gemeinsames Vorgehen scheiterte. Parteiübergreifend hatten die Volksvertreter einen Antrag ausgearbeitet, in dem die stufenweise Anhebung der Entwicklungshilfe-Leistungen von derzeit knapp 0,4 Prozent des Bruttosozialproduktes auf 0,7 Prozent bis zum Jahr 2000 gefordert wird. "Doch als es ans Unterschreiben ging, hat die Junge Gruppe gekniffen", bedauert Bury. Die SPD-Youngsters brachten den Antrag jetzt allein im Bundestag ein, aber kaum jemand rechnet mit einem Erfolg: "Die Haushaltspolitiker werden sich sperren."
Noch läßt sich der Polit-Nachwuchs nicht entmutigen. "Als Sozialarbeiter habe ich eine sehr hohe Frustrationstoleranz", sagt Ralf Walter, 34, der vor seinem Eintritt ins Parlament sechs Jahre straffällige Jugendliche betreute. In Bonn lauert der Frust überall.
"Die Arbeit ist ein wahnsinnig zäher Prozeß", klagt die thüringische Abgeordnete Iris Gleicke, 28. "Es gibt keinen Spielraum für Spontaneität, alles ist so eingefahren."
Die Youngster-Gruppe gilt den Junggenossen als Hort emotionaler Geborgenheit, ein "Raum ohne Platzhirschgehabe", wie Elke Ferner, 34, erleichtert feststellt. "Hier habe ich weniger Hemmungen, auch mal Verständnisfragen zu stellen. Vor der Fraktion traut sich das doch niemand."
Wenn die Programmiererin aus Saarbrücken an ihre ersten Wochen im Bundeshaus denkt, überkommt sie noch heute das Grauen. "Abends habe ich nur heulend im Bett gelegen. Ich kannte keinen, wußte nicht, in welchen Ausschuß ich sollte, und ertrank in Informationen, die ich nicht einordnen konnte."
Das hat Ferner inzwischen gelernt, jetzt leidet sie unter dem schlechten Ansehen der Politiker: "Ich fühle mich ungerecht _(* Ulrike Mehl, Iris Gleicke, Hans Bury, ) _(Rolf Schwanitz, Elke Ferner, Ralf ) _(Walter. ) behandelt." In ihrem Beruf gab es geregelte Arbeitszeiten und Wochenenden, "in Bonn hat man die 38,5 Stunden-Woche schon allein am Montag".
Auch Sozialarbeiter Walter ist geschockt: "Bei dem, was ich mir manchmal als Politiker anhören muß, frag ich mich schon mal, ob ich weitermachen will."
Mut besorgen sich die Bonn-Enttäuschten an der Basis daheim. Die Anbindung an ihre Wahlkreise ist den Abgeordneten besonders wichtig, dort lassen sich auch Erfolgserlebnisse sammeln.
Rund 100 Petitionen hat Walter in seinem Wahlkreis schon bearbeitet, von der verzwickten Rentenangelegenheit bis zum unsinnigen Backverbot für einen Konditor. Kollegin Ferner konnte helfen, daß ein Fußballspieler trotz Einberufung zur Bundeswehr weiter im heimischen Klub kicken darf.
Mit frischer Kraft will der SPD-Nachwuchs nun ein neues Projekt im Bonner Polit-Dschungel angehen: Der Fahrdienst des Bundestages soll auf seine Umweltverträglichkeit überprüft und neu organisiert werden. Die 98 wuchtigen Staatskarossen müßten umweltfreundlicheren Fahrzeugen weichen, "weil das persönliche Vorbild der Abgeordneten bei der schwierigen Umgestaltung der Verkehrspolitik wichtig ist".
Natürlich formiert sich schon Widerstand: "Alle sind erschrocken", hat Ober-Youngster Bury erfahren. Vor allem die Fahrer der Dienstwagen fürchten, sie müßten sich in Zukunft mit Akten und Abgeordneten in enge Öko-Autos zwängen.
* Ulrike Mehl, Iris Gleicke, Hans Bury, Rolf Schwanitz, Elke Ferner, Ralf Walter.

DER SPIEGEL 47/1992
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