16.11.1992

„Wa is Boris?“

Im Frühsommer des Jahres 1982 kommt es an der deutsch-deutschen Grenze in Herleshausen zu einem spektakulären Ost-West-Agententausch. Der Westen liefert den in Südafrika verhafteten KGB-Major Alexej Koslow; der Osten rückt im Gegenzug sieben westdeutsche Agenten, darunter den BND-Mann Horst Hering, und einen Südafrikaner heraus.
Um diesen Austausch rankt sich eine besondere Geschichte. Sie hat nichts mit Baumann oder Kinkel zu tun, auch finstere Stasi-Agenten oder leuchtende Freiheitskämpfer spielen keine Rolle. Es geht um deutsch-deutsches Dickicht und einen korrupten Beamten.
Beim Menschenhandel dieser Art ist stets das Innerdeutsche Ministerium dabei. In Egon Franke hat die Behörde zu jener Zeit einen Minister, der die ganz lange Leine bevorzugt. Die Arbeit erledigt ein Ministerialdirektor namens Edgar Hirt. Und der wiederum ist ein Gauner, der zuweilen in die eigene Tasche wirtschaftet.
Die innerdeutschen Geschäfte eignen sich dafür besonders. Es liegt ein gewisser Schleier über der Buchhaltung. Hier, im Mai 1982, bedient sich Hirt auf geradezu märchenhafte Weise.
Dem Austausch sind monatelange Verhandlungen vorausgegangen. Die Südafrikaner haben mit den Russen verabredet, daß in Herleshausen ein Generalmajor namens Boris auf östlicher Seite warten wird. KGB-Offizier Boris soll Koslow identifizieren.
Doch als es soweit ist, ist der Anführer der Südafrikaner enttäuscht: "Wa is Boris?" fragt er auf Africaans in die Runde, als lediglich der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel erscheint. Rothmann, so heißt der Südafrikaner, ist ein korrekter Mann und entsprechend unsicher. Falls die Russen später reklamieren, daß er Koslow nicht übergeben hat, kann er Ärger kriegen. Schließlich aber gelingt es Vogel, den Südafrikaner zu besänftigen. Der Austausch geht wie geplant vonstatten.
Die kurzfristige Verwirrung von Rothmann dient Hirt für eine absonderliche Geschichte. Er behauptet, der Südafrikaner sei durch Boris' Abwesenheit völlig aus dem Häuschen geraten. Die Austauschaktion sei gefährdet gewesen. Für die Südafrikaner hätte die Anwesenheit des Sowjetoffiziers ein Politikum, die Quasi-Anerkennung des Apartheid-Staates, bedeutet. Er, Hirt, sei gewissermaßen zum Äußersten gezwungen gewesen, um Rothmann zu beruhigen. Er habe dem Südafrikaner die "völkerrechtliche Aufwertung" abkaufen müssen. Und das habe, leider, 460 000 Mark gekostet.
Alles Unfug. Die 460 000 Mark landeten in der schwarzen Kasse des Ministerialdirektors, der für diese und ähnliche Geschichten aus Tausendundeiner Nacht zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

DER SPIEGEL 47/1992
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