31.08.1992

„Ich sterbe in diesem Kasten“

SPIEGEL: Herr Mielke, im Herbst 1989 ist das SED-Regime fast lautlos zerbrochen, obwohl die DDR einen der besten Geheimdienste der Welt hatte. Was ist Ihnen da entgangen?
MIELKE: Ich glaube nicht, daß uns etwas entgangen ist. Wir wußten um die dramatische Lage der Wirtschaft und auch von der wachsenden Unzufriedenheit über die beschränkten Reisemöglichkeiten. Es ist nur versäumt worden, die richtigen politischen Konsequenzen aus den Informationen zu ziehen, die wir hatten und die wir auch an das Politbüro und an die zuständigen Funktionäre weitergegeben haben. Honecker hat den Einfluß der Partei auf die Menschen im Land überschätzt. Es gab ja zum Schluß selbst in der Partei viele kritische _(* Mit Redakteuren Georg Mascolo, Norbert ) _(F. Pötzl, Ulrich Schwarz. ) Stimmen gegenüber seiner Politik, die aber nicht ernst genommen wurden.
SPIEGEL: Welches war denn der entscheidende politische Fehler der SED-Führung?
MIELKE: Daß man seit Mitte der achtziger Jahre keine richtige Linie hatte in bezug auf die Wirtschaft. Ich habe mal dem Genossen Honecker gesagt, sag mal, Erich, entschuldige, daß ich so lästere, vielleicht ist das ja nicht richtig, aber sag mir doch mal, wie machen det denn die Österreicher, die sind doch noch viel kleiner als wir und deren Wirtschaft funktioniert trotzdem gut. Warum sind wir nicht in der Lage, das auch so zu machen?
SPIEGEL: Das Ministerium für Staatssicherheit war Schild und Schwert der Partei. Als es darauf ankam, dies zu beweisen, im Herbst ''89, da konnten Sie mit Ihren 100 000 Mitarbeitern nichts verhindern. Wieso?
MIELKE: Ganz einfach. Ich war nicht berechtigt, Maßnahmen anzuordnen, die gegen die Linie der Partei gehen. Hätte die Partei mir den Auftrag gegeben, dann gäbe es die DDR vielleicht noch heute. Darauf können Sie sich verlassen. Aber wir haben uns der Linie der Parteiführung untergeordnet. Das ist es, was mir auch noch immer schwer im Herzen liegt: Wie kommt es eigentlich, daß wir einfach so unsere DDR aufgegeben haben?
SPIEGEL: Sie meinen, die Parteiführung hat einfach alles laufen lassen, die Demos in Leipzig und Berlin, die Ausreisewelle?
MIELKE: Ein Teil der Parteiführung, es gab auch andere.
SPIEGEL: Hätten Sie lieber schießen lassen in Leipzig oder am Abend des 7. Oktober vor dem Palast der Republik in Berlin?
MIELKE: Auf keinen Fall. Wenn da 10 000 oder 100 000 Menschen sind, da kann man doch nicht schießen. Übrigens: Bei der Demonstration am 7. Oktober in Berlin war ich auch dabei, mitten unter den Leuten. Ich wollte mich selbst überzeugen an Ort und Stelle, was da los war vor dem Palast und was die Menschen da wollten.
SPIEGEL: Wie weit wären Sie denn gegangen? Es soll 1989 noch Pläne für Internierungslager gegeben haben.
MIELKE: Die Internierungslager, das ist eine alte Kamelle. Diese Pläne gehörten zu den Maßnahmen, die jeder normale Staat für Notfälle und Krieg bereit hat. Wenn Krieg ist, dann muß man wissen, wer muß festgenommen werden, wer muß isoliert werden.
SPIEGEL: Das andere, noch größere Problem der DDR im Herbst ''89 war die Ausreisewelle. Hatte das Ministerium für Staatssicherheit eine Idee, wie die DDR dieses Problem in den Griff kriegen könnte?
MIELKE: Es gab im MfS Ansätze, das Problem der fehlenden Reisefreiheit zu lösen. Wir hatten einen Entwurf für ein Reisegesetz entwickelt, vielleicht kam er zu spät. Ich hatte den Entwurf, während Erich Honecker krank war, dem Genossen Günter Mittag gegeben, der ihn seinerzeit vertrat. Ob er ihn an Honecker weitergegeben hat, weiß ich nicht. Die vorbereitenden Überlegungen hierzu liefen von seiten des MfS schon seit Mitte der achtziger Jahre.
SPIEGEL: Sie waren, so behaupten ehemalige Genossen von Ihnen, im Herbst ''89 für eine härtere Gangart. Sie waren dagegen, Flüchtlinge über die Bonner Botschaften in Prag, Budapest oder Warschau oder über die Ständige Vertretung in Ost-Berlin rauszulassen.
MIELKE: Nein, das ist nicht richtig. Die Sache ist viel komplizierter, man hat manchmal ausreisen lassen, und manchmal mußten die Antragsteller zurück in die Wohnorte und dort ihren Antrag einreichen.
SPIEGEL: Sie wollten im September 1989, wie aus einem von Ihnen unterzeichneten Befehl hervorgeht, den DDR-Bürgern generell Reisen etwa nach Ungarn verbieten.
MIELKE: Das ist richtig. Ich wollte verhindern, daß die Entwicklung uns über den Kopf wächst.
SPIEGEL: Dazu war es längst zu spät, es waren schon zu viele draußen. Als Honecker aus dem Krankheitsurlaub zurückkam, hat er entschieden: Wir machen auf. Haben Sie diese Entscheidung mitgetragen?
MIELKE: Es war natürlich so: Wenn er sagt, wir machen auf, dann habe ich das auch mitgetragen.
SPIEGEL: War Erich Honecker für Sie tatsächlich der unbestrittene Chef? Nach einem Geheimplan aus dem Jahre 1980, den der ehemalige Pressesprecher des DDR-Generalstaatsanwalts, Peter Przybylski, enthüllt hat, wollten Sie 1980 mit Willi Stoph gegen Erich Honecker putschen.
MIELKE: Das trifft nicht zu. Es gab unter den Mitgliedern des Politbüros zu einigen Fragen Auffassungen, die sich von denen Honeckers unterschieden. Wir wollten versuchen, ihn von diesen divergierenden Standpunkten zu überzeugen. Probleme bereitete uns die Öffnung nach Westen, für die Honecker eintrat. Mir war klar, daß die ständige Zunahme von Besuchen aus der BRD - von Politikern ebenso wie von Privaten - zersetzend wirken mußte.
Die Frage der Abwahl Honeckers wurde damals nicht gestellt. Hierfür hätte es auch keine Mehrheit im Politbüro gegeben. Einen Geheimplan oder Putschabsichten hat es nie gegeben. Das ist alles Blödsinn.
SPIEGEL: Haben Sie Honecker damals - oder auch später - abhören lassen?
MIELKE: Honecker ist nicht abgehört worden, vom MfS nicht und auch nicht von fremden Geheimdiensten.
SPIEGEL: Ist es richtig, daß Sie und Stoph Honeckers Politik als "abenteuerlichen Kurs" bezeichnet haben?
MIELKE: Die Notiz über das Gespräch zwischen Stoph und mir, in dem dieses Wort angeblich gefallen ist, stammt von Werner Krolikowski, der an diesem Gespräch nicht teilgenommen hat. Sie muß auf einen Bericht von Stoph zurückgehen. Wir haben nicht von einem "abenteuerlichen Kurs" gesprochen. Wir waren uns aber einig in der Kritik an Honeckers politischem Kurs.
SPIEGEL: Wer gehörte noch zur Mielke/Stoph-Fraktion?
MIELKE: Es gab keine Fraktion. Allerdings gab es einige Mitglieder des Politbüros, die mit Honeckers Politik und mit seinem Führungsstil unzufrieden waren. Hierzu gehörten außer Stoph und mir der Verteidigungsminister Heinz Hoffmann sowie die Genossen Krolikowski, Werner Jarowinsky, Gerhard Schürer, Egon Krenz und andere.
SPIEGEL: Ist die Kritik an Honecker auch im Politbüro artikuliert worden?
MIELKE: Natürlich hat es dort auch eine kritische Auseinandersetzung gegeben. Aber vielen Mitgliedern fehlte der Mut, die Probleme, von denen sie aus ihren Arbeitsbereichen wußten, vorzutragen. Und die Fragen zu stellen, die eine wirkliche Aussprache möglich gemacht hätten.
SPIEGEL: Was waren Ihre Gründe, 1989 die Ablösung Honeckers zu unterstützen?
MIELKE: Die Ablösung war notwendig, weil Honecker nicht mehr in der Lage war, seine Entscheidungen im Kollektiv zu treffen oder auch nur zu diskutieren. Wir mußten jedoch zunächst die Mehrheit im Politbüro gewinnen.
SPIEGEL: Und in den Jahren zwischen 1980 und 1989 hatten Sie sich mit Erich Honecker arrangiert?
MIELKE: Mein Verhältnis zu ihm war ein gutes. Alles andere ist Gequatsche. Auch Ende der siebziger Jahre ging es nicht um persönliche Bindungen, sondern um politische Fragen. Wenn jetzt versucht wird, den Eindruck zu erwecken, ich hätte gegenüber Honecker ein Doppelspiel gespielt oder "Kübel von Schmutz" hinter seinem Rücken über ihn ausgeschüttet, entbehrt das jeder tatsächlichen Grundlage. Natürlich habe ich den entscheidenden Leuten unter unseren Verbündeten, zum Beispiel in Moskau, die bedrohliche Lage geschildert, in die die DDR Ende der siebziger Jahre durch das Drosseln der Erdöllieferungen aus der Sowjetunion zu geraten drohte. Mir ging es darum zu erreichen, daß die bestehenden Vereinbarungen eingehalten werden. Darin kann man doch keine Diffamierung des Generalsekretärs sehen.
SPIEGEL: Und was war mit dem roten Koffer, in dem Sie die Dokumente über Erich Honeckers Haftzeit während der Nazizeit im Zuchthaus Brandenburg unter Verschluß hielten, aus denen angeblich hervorging, daß Honecker seine Genossen verraten hat? Es gibt Leute, die behaupten, Sie hätten Honecker damit erpreßt.
MIELKE: Ach, das ist doch Unsinn. Auf solche Gedanken würde ich nie kommen. Meine Haltung ist immer gewesen, den Generalsekretär und die verantwortlichen Funktionäre zu schützen. Und alles abzuwenden, was ihr Ansehen und das der Partei hätte schädigen können.
SPIEGEL: Haben Sie deshalb die Honecker-Unterlagen persönlich verwahrt, damit sie niemand gegen ihn verwenden konnte?
MIELKE: Das ist richtig, damit keiner da rankommt. Honecker wußte, daß wir diese Akte haben. Wir haben sie ihm gezeigt. Er hat volles Vertrauen gehabt zu uns.
SPIEGEL: Andere Mitglieder des Politbüros haben nach dem Zusammenbruch der DDR ausgesagt, es habe so etwas wie eine Achse zwischen Ihnen und Honecker gegeben. Die entscheidenden Fragen seien nicht im Politbüro besprochen worden, sondern zwischen Ihnen beiden.
MIELKE: Warum haben die, die jetzt so daherreden, die Fragen nicht gestellt? Das hätte mir ja geholfen. Ich habe mit Genosse Honecker tatsächlich viele brisante Fragen besprochen, das stimmt. Aber er hat entschieden, nicht ich.
SPIEGEL: Haben Sie auch Maßnahmen Ihres Ministeriums mit Erich Honecker abgesprochen?
MIELKE: Sicher. So was gab es.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
MIELKE: Ich könnte Beispiele nennen, will es aber nicht.
SPIEGEL: 200 Kilometer Stasi-Akten sind überliefert. Die zeigen, wie fest das MfS die DDR und ihre Bürger im Griff hatte. War so ein gigantischer Sicherheitsapparat im Sinne seiner Erfinder überhaupt handhabbar? Erstickte er nicht an seiner eigenen Größe?
MIELKE: Die zugespitzte Lage in der DDR machte einen zunehmenden Ausbau des MfS erforderlich. Wir waren aber stets in der Lage, die gesammelten Informationen auszuwerten. Das System, das wir hierzu entwickelt haben, war so gut, daß wir sehr schnell bemerkt haben, wenn jemand versuchte, uns an der Nase herumzuführen. Das Ministerium ist immer beherrschbar geblieben. Ich will aber eine Gegenfrage stellen: Wie anders als mit einem gut funktionierenden Sicherheitsapparat hätten wir uns gegen die Angriffe von Geheimdiensten, Untergrundorganisationen und politischen Parteien wehren beziehungsweise militärischen Bedrohungen vorbeugen können, die bis zum Ende gegen den Bestand der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der DDR gerichtet waren.
SPIEGEL: Der größere Teil Ihrer 100 000 hauptamtlichen Mitarbeiter, erst recht das mehrere hunderttausend Spitzel starke Heer Ihrer Inoffiziellen Mitarbeiter hat sich nicht mit der Bedrohung durch den Klassenfeind, sondern mit der Überwachung der eigenen Bürger beschäftigt.
MIELKE: Das ist zu einfach dargestellt von Ihnen, es gab eine Verquickung von äußeren und inneren Feinden. Im Kopf der Menschen ging etwas vor. Wir mußten ergründen: Wie ist die wahre politische Einstellung, wie ist die Stimmung? Diese Stimmungsberichte gaben uns die Möglichkeit zu analysieren, sich darüber klarzuwerden, was zu tun ist.
SPIEGEL: Brauchten Sie dafür Hunderttausende von Spitzeln?
MIELKE: Das Wichtigste war, Sicherheit, Ruhe und Ordnung zu garantieren, irgendwie. Sie sehen ja, wie beides jetzt in Deutschland garantiert ist. Sie können sich darauf verlassen, wenn wir noch wären, wären keine Geschichten wie die Krawalle gegen das Asylantenheim in Rostock passiert.
Sie sprechen von "Hunderttausenden von Spitzeln". Ich frage Sie: Wären so viele bereit gewesen, mit uns zusammenzuarbeiten, wenn uns die Leute nicht vertraut hätten?
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, die Opposition in der DDR war vom Westen gesteuert?
MIELKE: Ja. Diese Steuerung hat es gegeben. Wissen Sie, da gibt es Leute, die sich heute außerordentlich stark machen und glauben, Sie können auf Stolpe mit dem Finger zeigen; sie selber sitzen dabei viel tiefer in der Tinte. Die haben natürlich ihre Verbindungen gehabt. Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Dieses wunderbare Goethe-Zitat haben einige dieser Herren, die sich so aufspielen, vergessen.
SPIEGEL: Wer zum Beispiel?
MIELKE: Keine Namen.
SPIEGEL: Meinen Sie den Pfarrer Rainer Eppelmann, den die Stasi immer verdächtigt hat, für westliche Geheimdienste zu arbeiten?
MIELKE: Vielleicht, wenn Sie das sagen. Es gibt ja jetzt einige, die so tun, als ob sie nicht wußten, mit wem sie es zu tun hatten.
SPIEGEL: War das Bild, das Sie mit Hilfe Ihrer Kundschafter von der Lage der DDR bekamen, wirklich realistisch? Oder haben sich die Informationen auf dem Dienstweg nach oben immer mehr von der Wirklichkeit entfernt, um den Vorgesetzten, zuletzt also auch Ihnen, Erfolge der operativen Arbeit vorzugaukeln?
MIELKE: Daß Informationen "geschönt" worden wären, ist eine Legende. Im Gegenteil: Die Informationen waren kritisch und objektiv. Aus diesem Grund waren wir ja in der Lage, das Politbüro ständig auf dem laufenden über die Zustände im Land - und außerhalb - zu halten. Es blieben nur die richtigen politischen Konsequenzen aus, weil keine Schlußfolgerungen gezogen wurden, die eine Veränderung hätten herbeiführen können. Es war keine politische Linie mehr vorhanden.
SPIEGEL: Die DDR-Opposition wurde verfolgt, drangsaliert und bespitzelt. Trotzdem bekamen Sie sie nicht in den Griff. Gab es keine politischen Alternativen, diese Opposition einzubinden?
MIELKE: Ich bin nie der Meinung gewesen, daß sich oppositionelle Bewegungen durch Repression bewältigen lassen. Deswegen habe ich vorgeschlagen, mit den führenden Personen der Bürgerrechtsbewegung Gespräche zu führen. Das habe ich sowohl gegenüber dem Generalsekretär und dem Politbüro als auch bei der mittleren Ebene der Parteihierarchie getan. Das Ministerium hat allen Kreissekretären und den Ersten Sekretären der Partei auf Bezirksebene die Namen und Adressen derjenigen gegeben, die nach unserer Auffassung die einflußreichen Personen waren. Mit denen sollte gesprochen werden. Es ist aber nicht geschehen, obwohl seitens des MfS immer wieder, unter anderem von mir selbst, darauf gedrungen wurde, die Informationen ernster zu nehmen und wirklich auszuwerten. Die Mitarbeiter des MfS waren darüber regelrecht verbittert. Die meinten, ihre Arbeit hätte gar keinen Zweck. Die Geheimdienste, die haben nicht versagt.
SPIEGEL: Ab wann haben Sie denn das Gespräch mit der Opposition gesucht?
MIELKE: Das war ein Erkenntnisprozeß, der über Jahre ging. Unser Ziel war es, die Opposition einzubinden, konkrete Daten kann man da nicht nennen.
SPIEGEL: Und wer hat es verhindert?
MIELKE: Nicht Honecker, insofern muß ich ihn verteidigen. Vom Parteiapparat wurden diese Anregungen nicht umgesetzt.
SPIEGEL: Aber der Widerstand des Apparates entsprach der Linie der Partei. Die hat den Dialog mit Oppositionellen doch strikt abgelehnt, weil sie fürchtete, solche Gespräche bedeuteten automatisch Anerkennung der Opposition.
MIELKE: Nein, das ist nicht so.
SPIEGEL: Wie war es denn?
MIELKE: Das wurde unterschiedlich in der Republik gehandhabt. Der Umgang mit oppositionellen Kräften hing von der Qualität der Funktionäre ab.
SPIEGEL: Ein entscheidendes Datum war die Kommunalwahl im Mai 1989. Gegen das Wahlergebnis haben erstmals Oppositionsgruppen landesweit und in Absprache untereinander öffentlich protestiert. Haben Sie an die 98,85 Prozent Zustimmung geglaubt?
MIELKE: Ich hatte eine ganz andere Einstellung, auch wenn Sie mir das nicht glauben: 65 Prozent wären völlig genug gewesen, dann hätten wir doch auch die Mehrheit gehabt! Es hätte anders ausgesehen, det Leben. Wozu mußte man diese Manipulation machen? Vielleicht haben Sie andere Vorstellungen vom Minister für Staatssicherheit, aber ich habe Zeugen dafür, daß ich dieser Meinung war.
SPIEGEL: Eine hypothetische Frage: Wenn Sie morgen hier raus dürften, und die DDR gäbe es noch, und Sie gingen zurück an Ihren Schreibtisch im MfS - gibt es etwas, was Sie ganz anders machen würden?
MIELKE: Eins würde ich machen: Ich würde den anderen nicht die Möglichkeit geben, uns alle Verantwortung zu überlassen. Staatssicherheit, Staatssicherheit! Was glauben Sie, mit welchen Nebensächlichkeiten wir uns befassen mußten? Wenn etwas in der Versorgung nicht funktionierte, wenn es zum Beispiel in einem Krankenhaus durchs Dach regnete, Jahr für Jahr, dann hat man uns bemüht. Und wir haben versucht abzuhelfen. Obwohl wir gar nicht zuständig waren. Wir konnten doch nicht zusehen, wenn die anderen sich um nichts kümmerten. Wir waren die Mädchen für alles, so, wie wir jetzt für alles die Prügelknaben sind.
SPIEGEL: Herr Mielke, 1989 hat die Opposition begonnen, sich politisch zu formieren. Und Ihr Ministerium war immer dabei. Etwa mit dem IM Wolfgang Schnur bei der Gründung des Demokratischen Aufbruchs, etwa mit dem IM Ibrahim Böhme bei der Gründung der Ost-SPD. Warum waren Sie eigentlich trotzdem nicht in der Lage, die Bewegung zu steuern?
MIELKE: Sie überschätzen das Ministerium, schließlich sind wir nicht die politische Kraft, die Partei. Wir können nur machen, was die Partei sagt. Vieles haben wir gemacht, was die Partei sagte, wo man heute vielleicht sagt, das hätte man vielleicht anders machen sollen.
SPIEGEL: Wie mächtig war denn das MfS? Waren Sie irgendeiner Kontrolle unterworfen?
MIELKE: Das Bild vom Schild und Schwert der Partei ist kein bloßes Wunschbild. Das MfS unterlag bis zum Schluß der Kontrolle der Partei. Wir waren dem Generalsekretär, dem Nationalen Verteidigungsrat und auch dem Ministerrat gegenüber rechenschaftspflichtig. Beschlüsse der Partei und der Regierung wurden beachtet. Wir blieben im Kollektiv, sind nicht ausgeschert. Es ist schlechterdings falsch zu behaupten, wir hätten uns den in der Verfassung vorgesehenen Kontrollen entzogen.
Sie sehen ja auch an dem, was ich zuvor sagte, daß ich nach meiner Überzeugung, die auch der der meisten meiner engeren Mitarbeiter entsprach, gegenüber der Opposition eine andere Politik für richtig gehalten hätte. Ich habe mich aber den Weisungen der Partei gebeugt.
SPIEGEL: Erich Honecker schildert das anders. Er behauptet, er sei über die Größe und den Umfang der Tätigkeit des MfS nicht informiert gewesen.
MIELKE: Honecker war über die Anzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter informiert. Er erhielt die Zahlen für die Wiener Verhandlungen über die konventionelle Abrüstung. Es mag sein, daß ihm die genauen Zahlen über die Anzahl der Inoffiziellen Mitarbeiter nicht bekannt waren. Grundsätzlich war ihm allerdings auch hier der Umfang der Aktivitäten des Ministeriums bekannt. Es war sogar so: Wenn etwas im Land passierte, was die Kritik des Generalsekretärs hervorrief, dann hieß es: Und die Staatssicherheit hat auch nichts gemeldet.
SPIEGEL: Honecker und andere Mitglieder des Politbüros haben aber ausgesagt, das MfS habe ein Eigenleben geführt.
MIELKE: Dieses Eigenleben hat es nicht gegeben. Das MfS war kein Staat im Staate. Alle Mitglieder des Politbüros waren über Methode und Umfang der Arbeit des MfS informiert. Die gegenüber der Opposition eingeschlagene Linie war die des Generalsekretärs und der Mehrheit des Politbüros.
SPIEGEL: Sie haben sich selbst aber in einem Interview mit der Berliner Zeitung am 29. Februar dieses Jahres gebrüstet: "Es gibt keinen, der besser informiert war als ich."
MIELKE: Ich war gut informiert, der Rest ist übertrieben.
SPIEGEL: Eine der Hinterlassenschaften Ihres Ministeriums, die derzeit viel böses Blut macht, ist das Heer der Inoffiziellen Mitarbeiter. Hat es Menschen gegeben, die als IM geführt wurden, ohne es zu wissen?
MIELKE: Es ist nicht auszuschließen, daß auch jemand geführt wurde, der kein Inoffizieller Mitarbeiter war. In einem solchen Riesenapparat kann auch die eine oder andere Panne passieren. Aber auf eines können Sie sich verlassen: Sauberkeit war bei uns, wir haben nichts, wogegen verstoßen wurde. Wer über die Gesetze wachen will, der muß auch die Gesetze verteidigen und selbst rein sein.
SPIEGEL: Es geht nicht um Sauberkeit . . .
MIELKE: . . . nein, nein, das System war in Ordnung: Wenn einer Mitarbeiter war, dann wurde er registriert. Aber es gab Ausnahmen.
SPIEGEL: Der Leiter der Kirchenabteilung, Oberst Wiegand, hat ausgesagt, er habe für seine Abteilung eine Ausnahmegenehmigung gehabt, hohe Kirchenrepräsentanten zu führen, ohne sie als IM zu verpflichten.
MIELKE: Wenn er das sagt, nehme ich ihm das ab.
SPIEGEL: Hat er die Genehmigung von Ihnen gehabt?
MIELKE: Es kann sein, daß er sie von einem meiner Stellvertreter bekommen hat.
SPIEGEL: Der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe steht im Verdacht, als Kirchenfunktionär für Ihr Ministerium gearbeitet zu haben. Hat er?
MIELKE: Stolpe hat nicht für das MfS gearbeitet. Zwischen der Kirche und uns hat es natürlich Gespräche gegeben, die unter anderen Stolpe für die Kirche führte. Aber er war meines Wissens kein Mitarbeiter. Und ich hätte es bei einer Person seiner Bedeutung wissen müssen.
SPIEGEL: Sie sind wegen der Todesschüsse an der Mauer angeklagt, weil Sie an der Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates 1974 teilgenommen haben, bei der Honecker davon gesprochen hat, daß weiterhin die Pflicht zum "rücksichtslosen" Gebrauch der Schußwaffe an der Grenze gelte. Haben Sie die Äußerung des Generalsekretärs als verbindliche Anordung, als Schießbefehl verstanden?
MIELKE: Zu dem angeblichen Schießbefehl will ich mich mit Rücksicht auf das laufende Strafverfahren nicht äußern.
SPIEGEL: Warum vertuschte das MfS Todesfälle an der Grenze, wenn die Soldaten legal gehandelt haben?
MIELKE: Wir haben die Todesfälle an der Grenze nicht aus schlechtem Gewissen oder weil wir meinten, hier werde illegal gehandelt, gegenüber der Öffentlichkeit geheimzuhalten versucht. Uns ging es darum zu verhindern, daß um die Todesfälle ein großes öffentliches Geschrei gemacht würde, daß der Umstand, daß Menschen zu Tode gekommen waren, propagandistisch gegen die DDR ausgeschlachtet wurde.
SPIEGEL: Welche Motive hatten Sie für die Aufnahme der Ex-RAF-Mitglieder in der DDR?
MIELKE: Es gab im wesentlichen zwei Beweggründe für unser Handeln: Die ehemaligen Mitglieder der RAF wandten sich an uns mit der Bitte, ihnen Aufnahme zu gewähren. Es waren Menschen, deren politische Methoden wir nicht gebilligt haben. Aber sie verfolgten Ziele, die unseren nahestanden. Ihre Haltung zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung, ihre Orientierung an der sozialistischen Idee stand unseren Auffassungen nahe. Deshalb wollten wir ihnen helfen.
Der zweite Gesichtspunkt war der: Wir wollten verhindern, daß sich in der DDR eine terroristische Szene entwickelt. Sämtliche Staaten des Warschauer Vertrages einschließlich der Sowjetunion hatten hiermit Probleme. Wir hatten sie nie. Bedingung für die Aufnahme der RAF-Mitglieder war allerdings, daß sie sich verpflichteten, vom Boden der DDR keine terroristischen Aktivitäten zu entfalten. Daran haben sie sich gehalten. Eine Unterstützung des aktiven Teils der RAF hat es nicht gegeben. Auch andere terroristische Gruppen durften von unserem Territorium keine Aktivitäten entwickeln.
SPIEGEL: Der Anschlag libyscher Terroristen gegen die Disco "La Belle" in West-Berlin erfolgte von Ost-Berlin aus.
MIELKE: Das haben wir erst hinterher erfahren.
SPIEGEL: Haben Sie jemals einen der RAF-Terroristen kennengelernt?
MIELKE: Nee, habe ich nicht.
SPIEGEL: Hatten Sie keine Sorge, die Aufnahme von RAF-Terroristen könnte das Verhältnis der DDR zur Bundesrepublik belasten?
MIELKE: Ich bin der Überzeugung, daß wir damit auch der BRD einen großen Dienst erwiesen haben. Deshalb habe ich auch nicht befürchtet, das Verhältnis zur BRD könne dadurch belastet werden.
SPIEGEL: Waren nach Ihren Erkenntnissen die westlichen Nachrichtendienste so ahnungslos, wie sie heute behaupten?
MIELKE: Dazu sage ich nur soviel: Ich glaube es nicht.
SPIEGEL: Sie stehen zur Zeit wegen der Tötung zweier Polizisten im Jahr 1931 vor Gericht.
MIELKE: Ich mache in dem Prozeß von meinem Recht zu schweigen Gebrauch. Da will ich es auch hier so halten.
SPIEGEL: Herr Mielke, wie war eigentlich Ihr Verhältnis zu dem langjährigen Chef Ihrer Hauptverwaltung Aufklärung, Markus Wolf? Wolf erklärt heute, er sei bereits seit Anfang der achtziger Jahre auf Distanz zu Ihnen gegangen.
MIELKE: Ich empfehle Wolf, einmal die volle Wahrheit zu sagen. Was er erzählt, ist nämlich nur die halbe. Er weiß sehr genau, warum es zu Differenzen zwischen ihm und mir gekommen ist, nicht aus politischen Gründen, sondern weil er das Ministerium durch private Geschichten in eine sehr komplizierte Lage brachte. Das führte zu einem großen Krach zwischen ihm und mir, und nur die Rücksicht auf seine besonderen Verdienste, vielleicht auch auf seinen Namen, hat mich veranlaßt, ihn nicht rauszuschmeißen. Seither war unser Verhältnis sehr abgekühlt. Das hatte übrigens nichts mit meiner Einstellung zu seiner Lebensführung zu tun, wie jetzt behauptet wird. Die war mir egal. Sondern damit, wie er das Ministerium benutzte, um seine privaten Angelegenheiten zu befördern.
Er zog sich daraufhin selbst immer mehr aus der Arbeit in der HVA zurück und betätigte sich schriftstellerisch. Schließlich mußten wir klare Verhältnisse schaffen und haben ihn aufgefordert zu gehen. Er erhielt von uns eine Sekretärin für seine Tätigkeit als Schriftsteller bezahlt und ging in den Ruhestand.
SPIEGEL: Ist Wolf freiwillig gegangen?
MIELKE: Die verantwortlichen Mitarbeiter der HVA sind zu mir gekommen - ich nenne jetzt keine Namen - und haben gesagt, Genosse Minister, so geht es nicht mehr weiter. Genosse Wolf ist nicht an seinem Arbeitsplatz, er arbeitet nicht regulär und so, wie es notwendig wäre, er hält die Dienstzeiten nicht ein, man muß endlich klare Verhältnisse schaffen, wer die HVA leitet. Das brachte die Entscheidung, und er ging freiwillig. Es wäre besser, wenn der Genosse Wolf mehr schweigen würde. Und wenn er schon redet, dann soll er bei der Wahrheit bleiben.
SPIEGEL: Gab es auch Differenzen in ideologischen Fragen oder über die politische Richtung?
MIELKE: Nein, es gab unterschiedliche Auffassungen, aber das war nicht die Hauptfrage. Es ging um andere Dinge. Bei uns herrschte Ordnung in jeder Beziehung, moralisch, kadermäßig und auch in finanziellen Sachen. Das Wichtigste war, niemals das Ansehen des Ministeriums zu schädigen. So, wie er sich verhalten hat, war Wolf nicht mehr tragbar fürs Ministerium. Mich hat das damals sehr mitgenommen, und andere auch.
SPIEGEL: Worum ging es denn konkret?
MIELKE: Das will ich jetzt nicht sagen. Dann müßte ich Ihnen das letzte sagen. Wolf hat einen sehr großen Fehler gemacht, der einfach unverzeihbar ist: Er hat einen Untergebenen angestiftet, in einer bestimmten Sache zu schweigen und nicht dem Minister Meldung zu machen. Das ist Zersetzung des Ministeriums, die Auflösung des MfS, unmoralisch in jeder Beziehung.
SPIEGEL: Ging es um eine bestimmte Inoffizielle Mitarbeiterin?
MIELKE: Woher haben Sie das? Sind Sie mit Gauck gut in Verbindung? Der ist ja glücklich, daß wir immer noch da sind, die Stasi.
SPIEGEL: Wurmt es Sie, daß dem Stasi-Nachlaßverwalter Joachim Gauck so viele schöne Akten aus dem MfS in die Hände gefallen sind?
MIELKE: Na ja, es ist schon bitter, daß ich nicht mehr da war. Wäre ich noch dagewesen, hätte ich alles rechtzeitig liquidieren lassen.
SPIEGEL: Herr Mielke, wie ist Ihr Verhältnis zur Sowjetunion? Fühlten Sie sich von der SU im Stich gelassen?
MIELKE: Mein ganzes Leben lang ist die Sowjetunion für mich die führende sozialistische Macht gewesen. Ihr Zusammenbruch hat mich persönlich tief erschüttert. Insbesondere, daß sie nach 74 Jahren so sang- und klanglos ihre Machtposition verlor. Diese Entwicklung ist für mich unvorstellbar gewesen. Insofern ist Ihre Frage, ob ich mich im Stich gelassen fühlte, richtig.
SPIEGEL: Was hielten Sie von Michail Gorbatschow? Sympathisierten Sie mit ihm?
MIELKE: Ich hielt Gorbatschows Politik im Grunde für richtig, hatte aber nicht gedacht, daß ihm die Verhältnisse so außer Kontrolle geraten sind, wie es sich jetzt darstellt.
SPIEGEL: Sahen Sie die Gefahren seiner Reformpolitik für die DDR?
MIELKE: Wesentliche Prinzipien seiner Politik, beispielsweise die Zulassung von Meinungsfreiheit und gewisser unabhängiger politischer Organisationen, wurden auch in der DDR von den oppositionellen Kräften, aber auch von Mitgliedern der Partei als nachahmenswert aufgegriffen. Diese Entwicklung wurde dann von gegnerischen Kräften, wie ich sie schon aufgezählt habe, aufgegriffen und versucht, gegen die DDR einzusetzen.
SPIEGEL: Herr Mielke, wie sehen Sie sich heute selber? Wie, glauben Sie, wird die Nachwelt über Sie denken und reden?
MIELKE: Das kann ich mir noch nicht vorstellen. Ich bin jetzt hier im Knast, da ist das eigene Vorstellungsvermögen schon etwas eingeengt. Ich muß erst einmal hier raus, damit ich den Kopf frei bekomme.
Für mich ist es so: Meine Ideale sind zerstört worden. Ich habe mein ganzes Leben nur der Frage gewidmet, daß es den Menschen bessergehen soll. Vor der Volkskammer habe ich zum Abschied gesagt: "Ich liebe alle." Aber das war nur die Hälfte dessen, was ich eigentlich sagen wollte. Der Satz sollte weitergehen: "Alle, die für den Sozialismus und für den Frieden sind", die beiden Worte gehören dazu. Ich habe mein ganzes Leben eingesetzt für die Menschen, damit sie besser leben. Und ich habe mich nicht gescheut, zuerst mein persönliches Ich zu opfern und selbst, wenn notwendig, in den Tod zu gehen.
SPIEGEL: Warum waren Sie dann der am meisten gefürchtete Mann der DDR?
MIELKE: Also, ich habe ein anderes Gefühl. Ich habe mal gesagt: Ich kann meinen Kopf in den Schoß meiner Untertanen legen. Ich habe keine Angst vor den Menschen gehabt, so wie am 40. Jahrestag der DDR, als ich mich unter die Demonstranten gemischt habe.
SPIEGEL: Es muß Ihnen doch klargewesen sein, daß das MfS im Volk als die Instanz verhaßt war, die mit allen Mitteln für sozialistische Zucht und Ordnung sorgte.
MIELKE: Das ergibt sich aus unserer Arbeit. Auch die Polizei wird als Bullen und so weiter beschimpft. Der Staatsapparat, der Gewalt ausüben muß aufgrund der Gesetze, hat natürlich kein gutes Renommee in der Bevölkerung. Das ist kein Geheimnis.
SPIEGEL: Die Erfahrung vieler DDR-Bürger war, daß das MfS die Gesetze nicht geschützt, sondern massenhaft gebrochen hat. Zum Beispiel das Post- und Fernmeldegeheimnis.
MIELKE: Wir haben kein Recht gebrochen, wir hatten ja Rechte.
SPIEGEL: Die kannte aber niemand.
MIELKE: Bekannt waren die nicht, aber sollte ich sie etwa populär machen? Ich habe nur gesehen, was ich für Möglichkeiten hatte. Sie haben recht, heute sehe ich auch, die Vollmachten des MfS hätten wir bekannt machen und gesetzlich verankern müssen.
Ich will meine Verantwortung und meine Schuld nicht abwälzen auf and ere. Wo ich verantwortlich bin, nehme ich Verantwortung auf mich und werde mich verteidigen.
SPIEGEL: Auch gegen Erich Honecker? Der hat sich in seinem Buch "Der Sturz" sehr abfällig über Sie geäußert.
MIELKE: Lassen Sie ihn in Ruhe, es geht ihm nicht gut. Schreiben Sie ihm eine Geburtstagskarte und sagen Sie ihm, Sie hätten mir diese Frage gestellt.
SPIEGEL: Die Sowjets haben Ihnen nach der Wende geraten, nach Moskau zu gehen. Weshalb haben Sie das eigentlich nicht getan?
MIELKE: Ja, ich hätte die Möglichkeit gehabt, und zwar bessere Möglichkeiten als Honecker. Ich hätte nicht in die chilenische Botschaft ausweichen müssen. Aber ich habe mir die Frage gestellt: Wie sieht es mit meinen Mitarbeitern aus? Ich haue ab, rette meine Haut, und sie müssen hierbleiben und müssen ihre Haut zu Markte tragen. Da habe ich mich entschieden zu bleiben.
SPIEGEL: Denken Sie eigentlich daran, Ihre Memoiren zu schreiben?
MIELKE: Wenn ich Memoiren schreibe, dann müssen alle anderen schon gestorben sein, damit sie sich nicht so sehr ärgern. Aber ich werde wohl vorher sterben in diesem Kasten.
SPIEGEL: Herr Mielke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteuren Georg Mascolo, Norbert F. Pötzl, Ulrich Schwarz.
Von Mascolo, Pötzl und Schwarz

DER SPIEGEL 36/1992
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