31.08.1992

„Kombiniere: Schicksal“

Der Quick-Chefredakteur Richard Mahkorn, 49, hatte für seinen Verleger Heinz Bauer, 52, eine gute Nachricht, als er am Montag vergangener Woche zu einem Treffen ins Münchner Hotel Rafael kam. Eine Marktstudie wies Vorteile der Bauer-Illustrierten für Anzeigenkunden nach.
Doch der Verleger war zuerst dran: "Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie. Wir werden die Quick einstellen." Der verdatterte Mahkorn: "Wieso einstellen?"
Der Hamburger Heinrich Bauer Verlag machte das 1948 gegründete Wochenblatt mit der Ausgabe vom letzten Donnerstag dicht, weil sich entgegen Mahkorns guten Werten das Anzeigenaufkommen binnen zwei Jahren praktisch halbiert hatte, auf nur noch gut 1000 Seiten (Konkurrent Stern: 5235 Seiten im letzten Jahr). Quick-Fazit bei Bauer: "Keine realistischen Chancen mehr."
Hauptschuldiger ist für Mahkorn und seine 100 Mitarbeiter, davon 70 Redakteure, das Privatfernsehen, das durch seinen Aufschwung beträchtliche Werbeaufträge aus marktschwächeren Druckmedien absauge. Bauer selbst hat sich jüngst am künftigen TV-Programm RTL 2 beteiligt und konzentriert weitere Mittel auf marktstarke Zeitschriften. Der Verlag erwägt deshalb auch, übernächstes Jahr die deutsche Lizenz des Playboy wegen hoher Anzeigenverluste nicht zu verlängern.
In den Nachkriegsjahren, der Glanzzeit der Illustrierten, war die Quick zunächst das größte deutsche Bilderblatt. Die Redaktionen, erinnert sich Revue-Gründer Helmut Kindler in seinen kürzlich erschienenen Memoiren an die frühe Zeit, "überboten sich bei wichtigen aktuellen Ereignissen in den immer horrender steigenden Preisen für die besten und vor allem die schnellsten Bildreportagen" - schon damals.
Doch mit knapp 700 000 Auflage lag die Quick zuletzt weit hinter dem Stern (knapp 1,3 Millionen Exemplare) und der Bunten. Neben Lesezirkel-, Auslands-, Abo- und Werbeexemplaren wurden im Einzelverkauf des Zeitschriftenhandels nur noch knapp 220 000 Stück abgesetzt.
Schleichende Auflagenverluste machen allen Illustrierten seit Jahren zu schaffen. Die Käufer bevorzugen immer mehr Special-interest-Titel, von Geo, Bravo und Tempo bis zur Frauen- oder Computerpresse.
Vorbei die Zeit, als US-Präsident Harry Truman bei der Unterzeichnung des Marshall-Plans vom ersten Quick-Titel strahlte. Die Erotik gedieh von Persiens Kaiserin Soraya und Schmollmund Brigitte Bardot bis zum Titel-Nudismus späterer Jahre, der die Quick dem Spott über die "TA-Presse" preisgab, dem Branchenkürzel für Titte und Arsch. Politisch hielt Quick meist die Waage, bis Bauer das Blatt, nach dem Kauf 1966, gegen den liberalen Stern nach rechts steuerte.
Die Entspannungspolitik der Sozialliberalen suchte die Redaktion 1972 durch die Veröffentlichung von Geheimprotokollen über Bonns Ostverhandlungen zu sabotieren. Bonner Staatsanwälte und Steuerfahnder sorgten für gewaltige Aufregung, als sie Quick-Material beschlagnahmten. Der Stern riskierte einen Langzeit-Prozeß, als er 1973 berichtete, Quick-Chef Heinz van Nouhuys sei ein Ost-West-Doppelagent gewesen (Deckname: "Nante").
Mahkorn, vor zwei Jahren bestellt, steuerte Quick wieder mehr zur Mitte. Er druckte sogar Brieftexte des einstigen DDR-Devisenschiebers Alexander Schalck-Golodkowski an Stasi-Minister Erich Mielke über persönliche Kontakte zu Franz Josef Strauß. Wütend protestierte die CSU.
Kritikfrei blieb in der 44jährigen Quick-Ära nur einer: Comic-Held und Nonsens-Detektiv Nick Knatterton. "Kombiniere: Das Schicksal griff zu!"

DER SPIEGEL 36/1992
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