10.05.1993

Liebesgrüße aus Pullach

Jahrelang wurde im Westen gerätselt, warum DDR-Spionagechef Markus Wolf 1986 plötzlich aus dem Amt schied. Er sei damals, so behauptet er selbst, aus politischen Gründen gegangen. Aktenfunde belegen jetzt aber: Meisterspion Wolf überwarf sich mit Stasi-Minister Erich Mielke vor allem wegen privater Affären.
Über der bulgarischen Schwarzmeerküste flimmert die Hitze. Der Frühstücksraum im Grandhotel des Badeortes Warna ist so gut wie leer. Die meisten Touristen liegen in der Sonne am Strand, den die Reisebranche als "Goldküste" rühmt. Allein mit ihrem acht Jahre alten Sohn frühstückt die Ost-Berlinerin Christa Wolf, damals 42, an einem der vielen Tische.
Ein charmanter Geschäftsmann aus dem Schwäbischen, Vorname Klaus-Volker, bittet, Platz nehmen zu dürfen - "einer Intuition folgend" sei er nach Warna gefahren, sagt er später.
Er hat einen guten Riecher: Die wohlaussehende Blondine leidet gerade an Liebeskummer, ihr Ehemann hat sich ausgerechnet in ihre beste Freundin verliebt, Trost kommt gerade recht. Klaus-Volker ist ein Mann für solche Fälle: weitgereist, ein gewandter Erzähler, vermögend.
Aus den beiden wird ein Paar. Bevor Christa Wolf zurück nach Berlin-Ost reist, hält der West-Geschäftsmann um ihre Hand an.
Der Flirt an der Goldküste im August 1986, so belegen jetzt aufgetauchte Stasi-Akten, führt zu einem Krieg der Geheimdienste: Späher des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) wittern ihre große Chance, das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vorzuführen. DDR-Staatschef Erich Honecker erhält böse Briefe, sein Stasi-Chef Erich Mielke tobt.
Denn Christa ist Frau Generaloberst, verheiratet mit dem legendären DDR-Oberspion Markus Wolf, heute 70. Kurz nach der Urlaubsturtelei seiner zweiten Frau Christa bittet Wolf - der seit voriger Woche in Düsseldorf vor Gericht steht - Mielke schriftlich um die Entlassung: "Werter Genosse Minister, ich bin überzeugt, daß sich die Aufklärung des MfS bei meinem Ausscheiden in guten und zuverlässigen Händen befinden wird."
Das muß sie auch. Denn die aktiven Kollegen des DDR-Geheimdienstes Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) schlagen sich noch jahrelang mit den Spätfolgen von Wolfs Liebesleben herum. Über derlei Petitessen, die sich rund um seinen Abschied ranken, redet der Veteran nur ungern.
Wolf bestreitet bis heute gar jeden Zusammenhang: Schon 1983, zu seinem 60. Geburtstag, habe er den Job aufgeben wollen, doch Mielke habe seinen Abschied immer wieder hinausgezögert. Zunehmend sei er dann mit dem Ministerium, für das er 34 Jahre lang den Spionagedienst leitete, wegen seiner Liebe zu Glasnost und Perestroika politisch über Kreuz geraten.
Kann sein. Sicher ist: Auch die Liebe zu den Frauen brachte den Charmeur um seinen Posten. Mielke deutete schon vor mehreren Monaten im SPIEGEL-Gespräch (36/1992) an, Wolf habe "das Ministerium durch private Geschichten in eine sehr komplizierte Lage" gebracht. Mielke: "Das führte zu einem großen Krach zwischen ihm und mir."
Vergangene Woche antwortete Wolf seinem einstigen Vorgesetzten via SPIEGEL, ebenfalls noch verklausuliert: "Die Moralvorstellungen in den sozialistischen Staaten haben sich nicht so sehr von den katholischen unterschieden."
Christa und der Wolf lernen sich in Karl-Marx-Stadt kennen. Die Schneiderin, geborene Heinrich, verliebt sich heftig in den Herrn mit Manieren. Erst nach der Heirat 1976 weiht er sie in seine Tätigkeit ein. Christa sind derlei Aufgaben nicht fremd: Als Zuträgerin (Deckname: "Sylke Müller") dient sie dem MfS schon seit Jahren.
Sie genießt das Leben als Frau Generaloberst, mit Privilegien und Valuta-Einkauf. Das Glück endet jäh im Frühjahr _(* Mit Kollegen bei einer Stasi-Party. ) 1986. Wolf läßt seine Frau wissen, er habe sich in Andrea Stingl, damals 39, verliebt - ausgerechnet ihre beste Freundin.
Christa schreit und tobt, vermerken die Stasi-Dokumente über das Wolfsche Familiendrama. Sie sei "als Frau verletzt, gekränkt, diskriminiert". Voller Kummer nimmt sie gar vor Mielke, der als fanatischer Anhänger der militärischen wie moralischen Disziplin gilt, im Dienstzimmer Platz.
Wolfs Affären sind dem steifen General ein Greuel. Er hatte nie verstanden, daß sein Chefaufklärer sich von seiner ersten Frau Emmi, einer Ikone der sozialistischen Literaturwissenschaft, hatte scheiden lassen. Die dritte Kandidatin war zudem schon unangenehm aufgefallen: Andrea Stingl, heute Frau Wolf, saß wegen versuchter Republikflucht vier Monate in Stasi-Haft.
Mielke läßt den Vize antreten: "Wenn du eine solche Funktion bekleidest, mußt du dich im Privatleben auch entsprechend verhalten", wütet er, "das schadet dem Ministerium." Genosse Mielke sollte recht behalten.
Als Christa Wolf aus dem Sommerurlaub an der Goldküste heimkehrt, muß sie nicht lange auf Post von ihrer Urlaubsliebe Klaus-Volker warten. Der gehobene Vertreter einer Firma für Heimwerkerbedarf hat erkannt, daß Liebesgeschichten dieser Art spezielles Know-how benötigen: "Ich habe die Sache in die Hände von Profis gelegt", schreibt er. Bei derlei deutsch-deutschen Romanzen ist der Bundesnachrichtendienst in Pullach gern behilflich.
Auf 21 eng beschriebenen Seiten teilt der West-Geheimdienst der Wolf-Ehefrau mit, wie sie aus der DDR ausgeschleust werden soll. Für eilige Vorab-Mitteilungen über Ehemann Markus stecken in dem Umschlag noch zwei Seiten Geheimschreibpapier blanko. Bei allem Verständnis für den fiebernden Liebhaber denkt der BND auch an sich und gibt Weisung: "Ehescheidung bis Ausschleusung verzögern." Wenn schon, dann soll im Westen die amtierende Frau Generaloberst vorgeführt werden.
Diese Zukunftsplanung ist mit Christa Wolf nicht abgesprochen. Die Liebesgrüße aus Pullach landen bei der Stasi. Die Ausschleusung scheitert, lobt ein MfS-Vermerk, am "korrekten Verhalten" der Umworbenen.
Die komplizierte Dreiecksgeschichte wird ordentlich auf Akten verteilt, einfühlsam werden die Decknamen ausgewählt: Christa Wolf wird "Hase", Ehemann Wolf der "Fuchs". Für Klaus-Volker bleibt der "Igel". Alles wird zur Chefsache erklärt.
Schließlich hat Christa Wolf im ehelichen Zusammenleben allerlei Staatsgeheimnisse aufgeschnappt. "Hase kennt persönlich alle bedeutsamen Residenten und Agenturen der HVA im Operationsgebiet", notiert das MfS, ihre Flucht würde tiefe "Verunsicherung im Kundschafternetz" auslösen.
Auf "Hase", vom "Fuchs" schwer gebeutelt, ist zudem kein Verlaß mehr: "Grundfragen der Klassenauseinandersetzung kann sie nicht richtig werten." Ständig nörgelt sie an der miesen Versorgungslage in der DDR herum.
"Hase" sei, fürchtet die Stasi, leichte Beute für den BND und Romeo "Igel": Sie "bietet keine Gewähr für ihre Unangreifbarkeit durch feindliche Organe".
Privilegierte mit mangelndem Klassenbewußtsein sind ein Fall für die Stasi-Hauptabteilung Kader und Schulung (KuSch). Die MfS-Offiziere helfen und drohen zugleich. Sie verschaffen Christa Wolf psychologische Betreuung und eine neue Wohnung, verbieten aber jeden Kontakt mit "BND-Agent" Klaus-Volker. Gegen den ermittelt der Militär-Oberstaatsanwalt der DDR.
Deshalb darf "Hase" auch "Igels" feurige Liebesbriefe nicht mehr lesen, in denen Klaus-Volker das gemeinsame Leben in bunten Farben ausmalt. Solche Post verschwindet in den Akten. Mittels Wanzen in Wand und Telefon erkunden die Stasi-Spezialisten ganztägig Christa Wolfs Gemütsverfassung.
Für diese Obhut sind die Kundschafter im Westen dankbar: Bei der HVA fragt schon der erste irritiert an, was denn los sei. Klaus Kuron, von Markus Wolf persönlich rekrutierter Agentenführer im Bundesamt für Verfassungsschutz, hatte von der geplanten Ausschleusungsoperation des BND erfahren. Was, wenn sein Name gefallen war, als "Fuchs" und "Hase" sich gute Nacht sagten? Im Bett, weiß der erfahrene Nachrichtendienstler, plaudert jeder.
Am 3. Oktober 1986 wird Markus Wolf von Christa geschieden. Nur Tage später, am 8. Oktober, reicht er seinen Rücktritt ein. Offizielle Begründung im Abschiedsbrief: Es dränge ihn, "die Erfahrungen meines Lebens und der Arbeit schöpferisch zu verarbeiten und festzuhalten. Unter Berücksichtigung dieser kraftfordernden Pläne und gesundheitlicher Probleme bitte ich, mich von meiner Funktion zu entbinden".
Am 14. November 1986 endet die Dienstzeit. Zum Abschied hat alles anzutreten, was Rang und Namen im Ministerium hat. "Mischa", spricht Mielke, "es sind nicht nur die offiziellen Beziehungen, die uns einander so nahe führten." Für "ehrenvolle Pflichterfüllung", so die Stasi-Schriftstücke, erhält der Entlassene noch einen "Generalsdolch mit Gravur" und das "Reservistenabzeichen in Gold" mit auf den Weg.
Artig applaudieren die Gäste, dabei hat mancher eigentlich kaum Zeit zum Feiern. Vorgang "Hase" gilt immer noch als kritisch.
Oberst Klaus Kynast, damals Leiter der Arbeitsgruppe Führungskader und zuständig für Wolfs Entlassung, erinnert sich fünf Jahre später an Hintergründe des Wolf-Rausschmisses: In seiner Abteilung sei bekannt gewesen, daß "Mielke wegen Frauengeschichten des Wolf dessen Abschied verlangte". Trotz allem verliert Liebhaber Klaus-Volker nicht das Interesse an Christa Wolf. Beharrlich _(* Aus einer Sammlung von Karikaturen, ) _(die Mitarbeiter der HVA fertigten und ) _(ihrem Chef Wolf zum 60. Geburtstag ) _(schenkten. ) schreibt er weiter Briefe, die ihr Ziel nie erreichen. "Hase" hält still, sie klammert sich an den gemeinsamen Sohn Alexander: Obwohl der Scheidungsrichter Markus Wolf formell das Sorgerecht zugesprochen hat, vereinbaren die Eltern, daß der Sohn bei der Mutter aufwachsen soll.
Mit Hilfe alter Beziehungen, so legen MfS-Akten nahe, nimmt Markus Wolf der Ex-Frau auch noch den letzten Halt. Am 1. Juli 1988 trifft er sich mit zwei hohen Stasi-Offizieren. Er erklärt "seine Bereitschaft zur konsequenten Beanspruchung seines ihm zugesprochenen" Sohnes. Vorsorglich plant die Stasi, "eventuellen negativen oder unkontrollierbaren Reaktionen" der schwer getroffenen Mutter "vorzubeugen". Als Wolf seinen Sohn zu sich nimmt, ist für die Mutter "eine stationäre Aufnahme im Krankenhaus des MfS in Buch" vorbereitet.
Die schmuddelige Affäre bleibt geheim, Wolf macht wieder Karriere. Seine Familiensaga "Die Troika" ist in Ost wie West ein Bestseller. Der Aufklärer a. D. avanciert gar zum Liberalen. "Ganz nach Gorbis Geschmack", schreibt der Rheinische Merkur, streite er mit dem Buch für Glasnost in der DDR.
Da fühlt sich Wolf - jedenfalls damals - offenbar falsch verstanden. "Um dem Mißbrauch meines Namens in westlichen Medien entgegenzuwirken", schlägt er dem MfS im Frühjahr 1989 ein Interview im DDR-Fernsehen vor - Frage und Antwort liefert er gleich mit. So _(* Mit seinen Anwälten Wolf Römmig und ) _(Johann Schwenn, am Mittwoch vergangener ) _(Woche vor dem Oberlandesgericht ) _(Düsseldorf. ) soll sich der Interviewer etwa erkundigen, ob Wolf zu den "oppositionellen Vorreitern in der DDR" gehöre - Wolf-Antwort: "Dafür eigne ich mich genausowenig wie das Buch ,Die Troika''."
Als Christa Wolf ihren Geschiedenen wenig später im West-Fernsehen schwadronieren sieht, vergißt sie alle Versprechen, die sie der Stasi gegeben hat. Aufgebracht ruft sie spät in der Nacht ihren Romeo Klaus-Volker an. Der verspricht "weiterzukämpfen". "Intensiv und raffiniert", registriert die Stasi, versuche er, sie doch noch in den Westen zu holen.
Der "Igel" schreibt an Honecker; in "ultimativer Form" (Stasi-Vermerk) fordert er Christa Wolfs Ausreise. Auch Walter Priesnitz, Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, soll helfen. Doch dessen Gesprächspartner, DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel, blockt rüde ab. Nach Auffassung der Stasi führt immer noch der BND Regie: Honecker persönlich stimmt jetzt harten Strafen für Christa Wolf zu, falls sie nicht endlich die Finger von ihrem Verehrer läßt. Ausreise bleibt ausgeschlossen.
Mit dem Zusammenbruch der DDR wird auch Christa Wolfs Drang nach Westen immer stärker. Bisweilen brüllt sie ihre Stasi-Betreuer so an, daß die Mitschnitte aus der verwanzten Wohnung nicht mehr abgeschrieben werden können. "Ich halte es nicht mehr aus, ihr . . . (Rest unverständlich)", notieren die Lauscher.
Am 8. November 1989 bittet sie zum letztenmal um ihre Ausreise, am Tag darauf fällt die Mauer. Aus Christa Wolf und ihrem vom BND gestützten Romeo ist trotzdem kein Paar geworden. Beide haben sich inzwischen anderweitig umgetan.
* Mit Kollegen bei einer Stasi-Party. * Aus einer Sammlung von Karikaturen, die Mitarbeiter der HVA fertigten und ihrem Chef Wolf zum 60. Geburtstag schenkten. * Mit seinen Anwälten Wolf Römmig und Johann Schwenn, am Mittwoch vergangener Woche vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

DER SPIEGEL 19/1993
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