16.11.1992

KernkraftNicht mal geschenkt

Der Umweltminister möchte eine gefährliche Fracht mit Flugzeugen nach Schottland schaffen - hochgiftiges Plutonium.
Fernsehen und Zeitungslektüre machten Klaus Töpfer in der vergangenen Woche keine Freude. Er sah Gendarmen, die 400 Umweltschützer von einer Kreuzung zerrten, las von 2000 Polizisten, die 1,5 Tonnen hochgiftiges Plutoniumdioxid in Cherbourg auf den japanischen Frachter "Akatsuki Maru" verluden, und von Kriegschiffen als Begleitschutz.
Das Spektakel ließ den Bonner Umweltminister kurzfristig an der Weisheit eigener Pläne zweifeln. Auch Töpfer hat Transportprobleme: Unauffällig möchte der Minister in den nächsten Wochen 1,2 Tonnen des strahlenden Atomgiftes aus dem Plutoniumbunker in Hanau ins schottische Dounreay schaffen.
Töpfer hat sich einen riskanten Frachtweg ausgesucht. In Flugzeugen will er Fracht in sieben Schüben nach Schottland bringen. Die Bilder von Militärgewalt und Greenpeace-Aktivität in Cherbourg lassen den Bonner Minister befürchten, daß er seine Giftladung nicht so elegant los wird, wie er gehofft hatte. Aber weg muß der Bombenstoff, und eilig ist die Sache auch.
Die Plutoniumfahrt der "Akatsuki Maru" von der Normandie nach Japan und Töpfers Frachtpläne führen der Welt einmal mehr den Wahnsinn der Atomwirtschaft vor Augen. Beide gefährlich-gespenstischen Transporte sind das Ergebnis einer Politik, die beim Start nicht auf das Ende gesehen hat. Nirgendwo gibt es bislang Endlager für den Atomabfall. Selbst die Nuklearindustrie weiß nicht, wie der Stoff über Jahrtausende sicher verwahrt werden kann. Deshalb muß der strahlende Müll mit hohem Risiko über See und durch die Lüfte, über Straßen und Schienen von Zwischenlager zu Zwischenlager geschafft werden.
Töpfers Problem mit dem Hanauer Plutonium ist besonders bizarr. Sein Atomabfall, fast soviel wie der in Cherbourg verladene Stoff, ist fabrikneu und dennoch nichts wert. Er besteht aus 123 ungebrauchten Brennelementen.
Die jetzt so lästige Ware hat vor vielen Jahren die Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft (SBK), eine Tochtergesellschaft des Stromkonzerns RWE und einiger anderer Energieunternehmen bestellt. Die Brennstäbe wurden von Siemens in Hanau gefertigt und sollten als erste Kernladung den Schnellen Brüter in Kalkar mit ewigem atomaren Feuer versorgen.
Der fast zehn Milliarden Mark teure Brutreaktor, eine der größten Investitionsruinen der Wirtschaftsgeschichte, wurde nie vollendet, der gefährliche Plutoniumbrennstoff nicht gebraucht. Doch irgendwo mußte er hin.
Im Hanauer Plutoniumbunker der Firma Siemens hat der Bund für radioaktive Brennstoffe ein Stück Lager gepachtet, das nur durch ein gelbes Klebeband auf dem Fußboden vom übrigen Lagerraum getrennt ist. Dort durfte die SBK ihren überflüssig gewordenen Brüterbrennstoff vorläufig verstauen, für 250 000 Mark Miete pro Monat.
Seit Jahren liegen die Brüterbrennelemente dort. Doch jetzt will Siemens die Untermieter los sein, das Unternehmen braucht das Lager dringend selbst, weil sonst der hessische Umweltminister Joschka Fischer die Wiederaufnahme der Brennelementeproduktion für Leichtwasserreaktoren nicht gestattet.
Siemens hat der SBK zusätzlich zur Miete mit millionenschweren Schadensersatzforderungen gedroht. Die Brüter-Abwicklungsgesellschaft wandte sich postwendend an den Bonner Umweltminister und verlangt Ersatz dieser Kosten.
Töpfer soll nun entscheiden, unter welchen Bedingungen die Räumung des Lagers möglich ist. Und vor allem soll er sagen, wohin mit dem Zeug - im Inland gibt es kein anderes Lager mit Plutoniumgenehmigung.
Die Firma sah sich jenseits der Grenzen um, und so kam das schottische Dounreay ins Gespräch. Dort arbeitet ein Prototype Fast Reactor (PFR). Die RWE-Manager boten ihre Brennelemente den britischen Atomkollegen zum Kauf an. Die waren auch interessiert. Rasch entschlossen, erwarb die SBK in Dounreay ein altes Gebäude und gestaltete es zu einem Plutoniumlager um.
Inzwischen aber ist dieses neue Lager nicht mehr leer. Unbemerkt von der Öffentlichkeit wurden 80 Brennstäbe aus dem belgischen Dessel mit Bahn und Schiff nach Dounreay gebracht.
Töpfer will möglichst schnell auch die Hanauer Brennstäbe nach Dounreay schaffen lassen. Bei Abwägung der Risiken zwischen einer Land- und Seereise des Plutoniums oder sieben Frachtflügen wählte Töpfer den Luftweg. Selbst Lothar Hahn, Atomexperte des Darmstädter Öko-Instituts, räumte ein: "Die Entscheidung ist nicht leicht." Auf dem Land- und Seeweg, das ergaben Gutachten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, ist die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls oder die Möglichkeit einer terroristischen Attacke höher, die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß einer Vergiftung von Umwelt und Menschen aber geringer.
Das Flugzeug ist im Prinzip sicherer, bei einem Absturz aber wäre die Katastrophe groß. Die Brennstäbe sind in Stahlbehälter verpackt. Sie halten einen Aufprall aus neun Metern Höhe auf ein starres Hindernis oder 30 Minuten in 800 Grad heißer Feuerglut aus. Bei einem Flugzeugabsturz dagegen würden die Behälter in vielen Fällen geknackt.
Da es zudem in 50 Prozent aller Flugzeugabstürze zu einem Kerosinbrand kommt, würde wahrscheinlich das Plutonium zu "lungengängigen" Partikeln zerbröselt. Das hochwirksame Gift würde weitflächig alles Leben bedrohen. Für Töpfer hat jedoch der Luftweg einen besonderen Charme: Der zivile Bombenstoff könnte mit britischen Militärmaschinen unauffällig außer Landes geschafft werden - Soldaten wird Schweigen befohlen.
Bei einem Transport mit Bahn oder Lastern dagegen müßte Töpfer mit Protesten rechnen. Die Mitglieder der Internationalen Transportarbeiter-Föderation sind eng mit Greenpeace verbandelt. Sie haben ein waches Auge auf ungewöhnliche Atomtransporte.
Daß die Hanauer Brennstäbe nach Schottland befördert werden, ist sicher. Doch die Hoffnung, in Dounreay für die ungebrauchte Ware noch ein paar Pfund erlösen zu können, hat sich vorerst zerschlagen. Die britische Regierung entschied, ihren Testbrüter stillzulegen - auch in Großbritannien gibt es keine Nachfrage mehr nach Brüterbrennelementen.
Der Lagerort Dounreay macht für SBK-Chef Werner Koop dennoch Sinn. In dem Forschungszentrum können die Brennelemente so verändert werden, daß sie in jeden anderen Brutreaktor passen.
Die deutschen Plutoniumeigner hatten sich zunächst als Abnehmer die Fast Flux Test Facility (FFTF) im amerikanischen Hanford ausgeguckt. Doch die FFTF brütet zur Zeit ebenfalls nicht. Ob sie je wieder angefahren wird, ist unwahrscheinlich. Selbst in Frankreich stehen die Brüter "Phenix" und "Superphenix" inzwischen still oder dürfen nicht mit Vollast fahren.
Die Zukunft der Brütertechnik sieht düster aus. Lediglich die Japaner bauen noch an einem Plutoniummeiler. Auch dort sucht die SBK ihren Bombenstoff loszuwerden, bisher ohne Erfolg.
SBK-Chef Koop würde die Brennelemente sogar verschenken, aber er findet keine Abnehmer. Jeder in der Branche weiß, daß die SBK die heiße Ware dringend abbrennen muß. Koop: "Die wissen genau, in welcher Zwangslage wir sind. Das kostet uns jetzt noch Geld."
Richtig teuer aber wird es erst, wenn die SBK das Plutonium wirklich nicht los wird. Dann muß sie die Brennelemente in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mit viel Aufwand und für viele Millionen endlagerfähig machen lassen. Soviel Geld aber hat die SBK nicht.
Der Ausweg ist klar: Die SBK meldet Konkurs an. Die Eigentümer, also die beteiligten Energieunternehmen, haben in einem Risikobeteiligungsvertrag mit dem Forschungsministerium jede Nachschußpflicht ausgeschlossen.
Bleibt als letzter Bürge nur der Staat: Der hat zur "Gefahrenabwehr" für die sichere Lagerfähigkeit des Plutoniums zu sorgen.
[Grafiktext]
_158_ Aufbau eines Brennelements
_____ Stoffverteilung in den Pellets eines Brennstabes
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 47/1992
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