16.11.1992

KonzerneAllzulange freie Hand

In der Medizintechnik kommt der Daimler-Konzern nicht voran, die Nierensteinzertrümmerer bringen nur Verluste.
Mit Kleinkram und Kleckerbeträgen gibt sich Jürgen Schrempp, 48, nur ungern ab. "Geschäftsbereiche, die weniger als eine Milliarde Mark Umsatz pro Jahr machen", sagt der Chef der Daimler-Benz-Tochter Deutsche Aerospace (Dasa), "interessieren mich nicht."
Es waren die großen Projekte, die Schrempp vor allem beschäftigten. Der Jäger 90, der ursprünglich lukrative Staatsaufträge versprach, oder die Neuorganisation des Daimler-Konzerns müssen einen ehrgeizigen Mann wie den Dasa-Chef in der Tat gut auslasten. Aber das Denken in großen Kategorien kostet im wirklichen Leben bisweilen ärgerlich viel Geld.
Das zeigt sich deutlich bei einem kleinen, aber feinen Dasa-Ableger, der bei Schrempp bislang nur mäßiges Interesse weckte, der Dornier Medizintechnik (DMT).
Die Firma stellt Nieren- und Gallensteinzertrümmerer für Ärzte und Krankenhäuser her. Die Geräte waren begehrt, doch Geld verdient die Firma damit schon lange nicht mehr.
Das war nicht immer so. Noch Mitte der achtziger Jahre erwirtschafteten die früheren Eigentümer, die Erben des Dornier-Gründers mit dem Verkauf der komplizierten Maschinen gute Gewinne. "Das Ding war eine Goldgrube", erinnert sich die ehemalige Testamentsvollstreckerin der Dorniers, Martine Dornier-Tiefenthaler.
Nach langen Auseinandersetzungen mit den Familieneigentümern wurde Dornier 1985 vom Daimler-Benz-Konzern übernommen; die Medizintechnik wurde Schrempps Dasa zugeschlagen. Seitdem geht es mit dem einst florierenden Unternehmen steil bergab.
Allein im vergangenen Jahr überraschte die DMT den Konzern bei rund 270 Millionen Mark Umsatz mit einem Verlust von weit über 100 Millionen Mark. Auch 1992 muß die Dasa die mißratene Tochter kräftig alimentieren.
Schrempp kann sich solche Großzügigkeit eigentlich nicht leisten. Die Verteidigungstechnik bringt derzeit ebenfalls nichts ein, in der Raumfahrt machen der Dasa die Sparprogramme der Regierung zu schaffen.
Schrempp zeigt gern auf die früheren Eigentümer. Die hätten sich zu spät um neue Produkte gekümmert und die schwierige Lage der DMT verursacht.
Die Dorniers dagegen wollen den Dasa-Chef nicht so leicht aus seiner Verantwortung entlassen. "Nicht wir, sondern Sie haben es versäumt, die DMT mit Erfolg weiterzuführen", schrieb Gründerenkel Conrado Dornier kürzlich wutentbrannt an Schrempp.
Der weiß längst, daß er sich der kleinen Firma im großen Konzern doch mehr hätte widmen müssen. Allzulange hat Schrempp dem früheren DMT-Chef Eugen Watter freie Hand gelassen, und der hat seinen Spielraum nicht so genutzt, wie Schrempp erwartet hatte.
Watter und seine Kollegen wollten für die Medizintechnik neue Absatzmärkte erschließen. Sie entwickelten ein weiteres Produkt, einen Gallensteinzertrümmerer. Auch er sollte den Patienten eine blutige Operation ersparen.
Vor allem in Amerika wollte Watter das große Geschäft beginnen. Der US-Markt bietet weltweit die besten Absatzchancen für medizinisches Gerät.
Doch die Münchner kamen zunächst mit ihrer teuren Erfindung nicht an. Die amerikanische Bürokratie weigerte sich lange, die Apparate für den Verkauf freizugeben. Als die begehrte Genehmigung endlich da war, tauchten neue Schwierigkeiten auf.
Die Behandlung mit den neuen Apparaten war nur erfolgreich, wenn die Patienten ein spezielles Medikament schluckten. Das aber wollen die US-Behörden bis heute nicht zulassen.
In ihrer Not begingen die DMT-Manager einen weiteren Fehler. Watter und seine Kollegen beschlossen, künftig auch Ultraschallgeräte anzubieten. Das nötige technische Wissen sollte ein neuer Partner einbringen, die Acoustic Imaging Corporation in Phoenix (Arizona).
Mit Billigung des Dasa-Vorstandes kauften die DMT-Manager für rund 100 Millionen Mark die Mehrheit an dem erst seit kurzer Zeit bestehenden Unternehmen. Schrempps Leute hätten sich die Firma besser genauer angesehen.
Die US-Techniker behaupteten, sie besäßen ein Verfahren, das eine genauere Analyse von Tumoren zuläßt. Wie sich später herausstellte, hatten die Amerikaner maßlos übertrieben, das Verfahren war noch nicht ausgereift. Im vergangenen Jahr mußte die DMT den Wert ihrer Neuerwerbung auf fast die Hälfte zusammenstreichen.
Nun schien es Schrempp und seinem Finanzvorstand Manfred Bischoff doch an der Zeit, sich um ihre Medizintechnik zu kümmern. Sie feuerten das alte Management und setzten einen neuen Geschäftsführer ein, den früheren US-Beauftragten der DMT, Eckhard Polzer, 48. Der Diplom-Ingenieur soll die marode Firma sanieren.
Die Aufgabe ist schwer genug. Doch Schrempp und Bischoff halsten dem neuen Kollegen, der als feinfühliger Manager gilt, gleich noch einen weiteren Problemfall auf, die Medizinsparte einer anderen Dasa-Firma, der Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB).
Der MBB-Ableger wurde erst kürzlich der DMT zugeschlagen. Auch er schreibt tiefrote Zahlen. "Mir ist schleierhaft", meint Martine Dornier-Tiefenthaler, "wie jemand auf die Idee kommen kann, zwei derart marode Betriebsteile zusammenzulegen."
Der neue DMT-Chef läßt sich durch solche Einwände nicht beirren. Er versucht ebenfalls, wie seine Vorgänger, mit neuen Produkten den Ärger vergessen zu machen.
Polzer möchte künftig auch endoskopische Geräte anbieten; die Mediziner nutzen sie für Eingriffe, die durch die Bauchdecke erfolgen. Diese sanfte Operationstechnik findet immer mehr Anhänger und verspricht gute Gewinne.
Auch auf dem umkämpften Markt für Röntgengeräte will Polzer dabeisein. Einen Partner hat er schon gefunden, den japanischen Elektronikgiganten Fujitsu.
Branchenkenner bezweifeln allerdings, daß die ehrgeizigen Projekte jemals verwirklicht werden. Ihrer Ansicht nach will Schrempp vor allem Zeit gewinnen.
Polzer soll, so meinen Daimler-Insider, die Belegschaft nur bei Laune halten, bis die DMT aus dem Gröbsten raus ist - dann kann sie verkauft werden.

DER SPIEGEL 47/1992
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