16.11.1992

UnternehmerMit Herz und Schmerz

Ein Italiener ärgert in Bitterfeld mit einem Enthüllungsblättchen Stadtväter und alte SED-Genossen.
Was Dominico Di Marco, 33, an Bitterfeld gefällt, ist nicht so leicht zu erklären. Die Pizza schmeckt dem Sizilianer dort wie "Unterlage mit Auflage", das "Gulasch vom Feinsten mit garantierter Übelkeit" mag er nicht, und der "chlorwassergebrühte Kaffee" muntert ihn auch nicht auf.
Das südländische Temperament paßt in den dunkelsten Flecken des östlichen Chemie-Dreiecks wie Prosecco zu Plaste. "Punkt 5.30 Uhr abends werden die Bürgersteige hochgeklappt", klagt Di Marco. Die Bitterfelder "mit chemieverfärbten Haaren, fahlem Teint und dem typisch ostdeutschen Beutel in der Hand" verkröchen sich vor ihre Fernseher mit 18 Programmen.
Doch Di Marco hat in dem verrufenen Ort, der vielen sogar zum Geldverdienen zu unattraktiv ist, eine reizvolle Marktnische gefunden. Seit fast zwei Jahren gibt der Italiener in Bitterfeld ein "Anti-Kommunistenblatt" heraus. Jeden Freitag erscheint sein echo mit Enthüllungen über "rote Brüder" und "rote Wölfe", über eine "rote Zora" und - unvermeidlich - "rote Socken".
Vom Landrat Reinhardt Thiel (CDU), der eine "dunkelrote Kaderleiterin" sowohl in seinem Bett als auch in seinem Amt beschäftigt, bis zu den roten Bonzen in den Ex-Kombinaten Chemie AG und Mibrag bleibt im echo niemand verschont. Aber auch die "Samariter aus dem Westen", die "gescheiterten Existenzen, die drüben keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen" und "den Ostdeutschen natürlich im Rahmen der Entwicklungshilfe die letzte Mark aus dem Hemd ziehen", sind vor Di Marcos Wortgewalt nicht sicher.
Das Kampfblatt ist ohne Beispiel in den jungen Bundesländern. Die 7000 Exemplare für 90 Pfennig das Stück gehen weg wie einst die Bückware in den HO-Läden. Die verbreitete Auflage liegt noch weit über dem Druck. In Ämtern, Parteien und in den Firmen zirkuliert das echo in ungezählten Raubkopien.
Ein Zufall führte den angriffslustigen Sizilianer auf den Weg nach Bitterfeld. Ein Freund, der dort für eine Versicherung Kurse abhielt, hatte ihn auf den von Westdeutschen gemiedenen Ort des Schreckens aufmerksam gemacht. Der gelernte Marketing-Mann Di Marco, der als Kind mit seinen Eltern ins oberbayerische Rosenheim gekommen war, entdeckte in Bitterfeld eine Marktlücke für ein modernes Anzeigenblatt.
Den redaktionellen Teil wollte der junge Blattmacher wie üblich mit amtlichen Pressemitteilungen auffüllen. Doch da erlebte Di Marco seine erste Überraschung. In guter sozialistischer Manier beschied ihn die Pressedame des Landratsamtes: "Welche Mitteilung Sie wann bekommen, das entscheiden wir."
Das echo bekam überhaupt keine Pressemitteilungen. So setzte der Redaktionsleiter in die erste Ausgabe "eine simple, mit viel Herz, Schmerz geschriebene Geschichte über einen nicht ganz sauberen Hausverkauf" (Di Marco). Die harmlose Enthüllung über eine politische Altlast erwies sich als fatal für das Anzeigenaufkommen. Doch dafür liefen bald Informationen frei Haus über die sozialistischen Fußwärmer ein.
"Die Hüter des gepeinigten Volkes", eine Sonderausgabe über die politische Vergangenheit von Mitarbeitern des Landratsamtes, war schnell gemacht. Das echo durchforstete die Lokalzeitung aus der Vorwendezeit nach Namen, Auszeichnungen und Kandidatenlisten und hatte eine stattliche "rote Ahnengalerie" beisammen.
Trotz steigender Auflage und geringer Kosten kam der Bitterfelder Verleger nur mühsam aus den roten Zahlen. Mit seiner Freundin Natalie John, 27, die zuvor als Nachrichtenredakteurin beim Münchner Fernsehsender Pro 7 gearbeitet hatte, bastelt Di Marco sein Blättchen auf einem Heimcomputer.
Für die finanzielle Unabhängigkeit des Unternehmers sorgt inzwischen ein Mini-Warenhaus. Sein "Kauf-Paradies", das fast alles vom Body bis zur Banane bietet, betreibt der rastlose Sizilianer locker neben der Socken-Jagd.
Mittlerweile hat sich Di Marco mit allen angelegt, die in Bitterfeld Rang und Namen haben. Die Bürgermeisterin Edelgard Kauf (CDU) ärgerte er mit Geschichten über ihren angeblichen Versuch, sich das Haus eines West-Flüchtlings "unter den Nagel zu reißen". Ihrem Stellvertreter, dem Baudezernenten Josef Maur, der zuvor in Düren Mülltransporteur gewesen war, präsentierte er im echo eine angebliche "Skandalquittung" über 12 000 Mark mit der Frage: "Handelt es sich hier um einen schlimmen Fall der Korruption?"
Die Skandalstory brachte ihm eine gerichtliche Unterlassungsverfügung ein. Mit allen Mitteln versuchen die echo-Opfer, das Blatt stillzustellen. Im vergangenen Monat stellte der Bitterfelder Rechtsamtsleiter vor dem Kreisgericht den schlichten Antrag: "Das echo ist einzuziehen." Mit einem Befangenheitsantrag stoppte Di Marco vorerst das Verfahren.
Vergebens hatten seine Gegner schon vorher versucht, das Blatt auszuschalten. So wurde an einem Freitag morgen die gesamte Auflage auf einen Schlag aufgekauft. Ein Unbekannter bot Di Marco im Auftrag "kapitalkräftiger Personen" 200 000 Mark für seinen Verlag. Nach einigen Monaten gab seine ostdeutsche Druckerei den Auftrag ohne Begründung zurück - das Blatt wird nun in Bamberg hergestellt.

DER SPIEGEL 47/1992
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