31.08.1992

„Guden Tach, Meier mein Name . . .“

In den frühen Morgenstunden des 12. Oktober 1991 fahren die Polizeiobermeister Jörg Lorkowski, 30, und Andreas Wilkending, 34, aus dem Polizeiabschnitt Holzminden in Südniedersachsen mit dem Dienstfahrzeug "Hilde 10-35", einem maronenroten VW Passat mit dem Kennzeichen HOL - J 172, den letzten Einsatz ihres Lebens.
Routinesachen waren in dieser Nacht angefallen, das Übliche, eine Blutprobe, ein betrunkener Radfahrer, die Überprüfung der Personalien einer in Hildesheim festgenommenen Ghanesin. Um 2.35 Uhr meldete sich Lorkowski bei der Dienststelle. Sie seien wieder einsatzbereit und kehrten jetzt zur Dienststelle zurück.
Fünf Minuten zuvor, um 2.30 Uhr, war bei der Polizeistation Höxter ein Anruf eingegangen: "Guden Tach, Meier mein Name, ich hab . . . eh . . . n' Wildunfall gehabt. Könnten Sie wohl jemand vorbeischicken. Is keiner verletzt, nur n' bißchen an der Stoßstange."
Ein Wildunfall im waldreichen Weserbergland ist nichts Ungewöhnliches. Daß sich ein Autofahrer deswegen nachts über Notruf meldet, ist auch nicht ungewöhnlich. Schäden am Auto müssen von der Polizei aufgenommen werden, die Versicherungen verlangen das.
Der Anrufer muß nicht lange erklären, wo er sich befindet, nämlich auf einem Parkplatz im Staatsforst Solling, wo es eine Notrufsäule gibt. Der diensthabende Polizist kennt sich dort aus: "Alles klar, ich sag den Holzmindener Kollegen Bescheid, die kommen gleich dahin, ne."
Lorkowski und Wilkending hören das Funkgespräch zwischen der Polizeistation Höxter und dem Revier Holzminden mit. Der gemeldete Wildunfall liegt fast auf ihrer Strecke. Sie wollen an der angegebenen Stelle nachsehen. Von da an meldet sich "Hilde 10-35" nicht mehr.
Erst sorgt sich noch niemand. Die Beamten seien wohl außerhalb des Fahrzeugs mit der Aufnahme des Unfalls beschäftigt, denken die Kollegen. Außerdem liegt der Unfallort im Rottmündetal, da gibt es Funkschatten, und die Beamten können vielleicht die Funksprüche gar nicht hören.
Um halb vier Uhr aber macht sich dann doch eine Streife auf zu dem Waldparkplatz zwischen den Ortschaften Neuhaus und Boffzen an der Landesstraße 549. Keine Menschenseele weit und breit. Auf dem festgefahrenen Sand-Kies-Belag zeichnen sich in der Mitte Blutlachen ab.
Die Polizisten fahren weiter bis zum nächsten Ort, wenden und sehen sich nochmals auf dem Parkplatz um. Es fällt ihnen jetzt nicht nur Blut auf, sondern auch Glassplitter, Reifenspuren und Patronenhülsen.
Im Blut schwimmt Gehirn. Knochensplitter, Teile von Zahnkronen, ein zerborstener Zahn, Geschoßhülsen, Schleifspuren, Schuhprofile, Splitter einer Autoscheibe, die Plastikabdeckung einer Autofenster-Kurbel, Haare.
Stunden später, gegen 10 Uhr vormittags, wird der vermißte maronenrote VW Passat - leer, ausgebrannt, zerschossen, nur noch auf den Felgen stehend und mit verschlossenen Türen - auf einer Wiese des Truppenübungsplatzes Sennelager gefunden, 50 Kilometer von dem Waldparkplatz Rottmündetal entfernt. Auf der hinteren Rückbank des Autowracks liegt eine Zahnprothese, eine Brücke mit vier Zähnen, wie sie Wilkending trug. Draußen findet die Polizei "in Wurfweite" das Handfunkgerät der weiterhin Vermißten.
Die auf Band aufgezeichnete Stimme des unbekannten Anrufers "Meier", über die Medien verbreitet, lenkt die Aufmerksamkeit der Fahnder erstmals auf die Familie Jüschke im Dorf Bredenborn. Der älteste Sohn, der Dietmar, rede so wie der Anrufer, heißt es von vielen Seiten. Eine sprachwissenschaftliche und phonetische Analyse des Bundeskriminalamts bestätigt den Verdacht "mit hoher Wahrscheinlichkeit".
Dietmar, gelernter Maschinenschlosser, galt in der Gegend als ein eigenbrötlerischer Waffennarr, der Gewehre streichelt wie andere junge Männer eine Geliebte, als einer, der nur eines im Kopf hat: die Jagd. Mit der Polizei geriet er immer wieder in Händel. Jagdschein, Fahrerlaubnis, Waffenbesitzkarte wurden ihm entzogen, Munition und Waffen ihm weggenommen. Wegen Wilderei, unerlaubten Führens einer Schußwaffe und ähnlichen Delikten wurde er mehrfach verurteilt.
Da an den Ermittlungen jeweils ein bestimmter Kriminalbeamter aus Höxter namens Bögehold beteiligt war, über den Dietmar Jüschke offenbar gesagt hatte, dieser habe es besonders auf ihn abgesehen, gebar sich ein Allerwelts-Mordmotiv selbst: Haß auf die Polizei.
Denn das Hineinlocken in eine tödliche Falle, das blinde Morden aus dem Hinterhalt, so wurde spekuliert, könne nur aus Haß geschehen sein. Aus Haß gegen alles, was mit Polizei zu tun hat. Haß gegen alle Bögeholds.
Vier Tage nach dem Verschwinden der zwei Streifenpolizisten, am 16. Oktober 1991 gegen 21.30 Uhr, im Fernsehen lief gerade das Fußballspiel Deutschland-Wales, stürmte die Polizei das Haus der Jüschkes "Im Ort 1" in Bredenborn. Alle drei Brüder - Dietmar, 29, Manfred, 26, und Ludwig, 25 - wurden festgenommen, sogar die 65 Jahre alte Mutter Cäcilie Jüschke.
In der Nacht zum 18. Oktober zeigte Dietmar Jüschke der Polizei die Stelle, wo die toten Polizisten begraben waren, am Anfang einer dicht bewachsenen Nadelbaumschonung, mit Zweigen abgedeckt, im Nordosten des Truppenübungplatzes "Senne", in einer 1,30 mal 0,70 Meter großen und 1,30 bis 1,60 Meter tiefen Grube.
In einem Hohlraum unter dem Dachboden des Wohnhauses "Im Ort 1" finden sich zwei Maschinenpistolen, diverse Munition und das Schnellfeuergewehr G 3 HK 212252 Bw1/63 samt Zielfernrohr, mit dem Lorkowski und Wilkending getötet wurden.
Dieses Gewehr, das gestanden die Brüder, hätten sie am 15. Mai 1988 bei einem Überfall zu dritt auf die Yorck-Kaserne in Stadtoldendorf erbeutet: Sie hätten einen Metallzaun durchschnitten, und während Ludwig mit einem Knüppel davor wartete, habe Manfred einen Streife gehenden Soldaten mit einem Knüppel niedergeschlagen. Dietmar habe dem Stürzenden die Waffe nebst Munition entrissen. Als ein zweiter Soldat einen Warnschuß abgab, habe Dietmar zurückgeschossen, ohne jedoch zu treffen.
Wegen der Tötung der beiden Polizeibeamten und des Überfalls auf die Kaserne in Stadtoldendorf müssen sich die Jüschke-Brüder vom 9. September an vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hildesheim verantworten.
Der haßerfüllte Dietmar, der auf Straßenschilder zielte und im Wald herumballerte, in Jagdhütten einbrach und Hochstände demolierte, als er nicht mehr jagen durfte; der rothaarige jüngste, Ludwig, geistig und körperlich zurückgeblieben; der mittlere, Manfred, der sich vor der Festnahme ein Jagdmesser zweimal in die Brust und ein feststehendes Stiefelmesser zweimal in den Hals sticht; der Vater, ein kriegsversehrter Frührentner aus Kattowitz, jähzornig, oft unbeherrscht, ewig im Streit mit Frau und Söhnen, sparsam bis zum Exzeß, der nach 20 Ehejahren ins nächste Dorf zog - wenn Mordverdacht auf so eine Familie fällt, wandelt sich jedes Mitglied im Nu zu einem Sonderling. Absonderlich, abgesondert, Verschworene untereinander und gegeneinander, vor allem gegen den Rest der Welt.
Bemüht, die Tat als die dreier Brüder zu betrachten, hat die Staatsanwaltschaft Dietmar und Manfred Jüschke wegen Mordes angeklagt, Ludwig wegen Beihilfe dazu. Die Beschuldigten hatten unterschiedliche und sich immer wieder verändernde Geständnisse abgelegt, sie hatten Versionen des Tatablaufs gegeben, die nicht zueinander passen, die mit den Spuren, mit den Sachbeweisen nicht übereinstimmen. Die Irritation der Staatsanwaltschaft schlägt sich auch in dem Bestreben nieder, gleich mehrere Motive für die Tat anzubieten - "heimtückisch, aus Habgier und aus sonst niedrigen Beweggründen".
Die Brüder werden verteidigt von den Rechtsanwälten Friedrich-Eckart Klawitter, Hannover, Steffen Stern, Göttingen, und Uwe Maeffert, Hamburg. Sie sind erfahrene, unbeirrbare, unbedingte Strafverteidiger. Der Versuchung, gegeneinander zu verteidigen, Vorteile für den eigenen Mandanten auf Kosten der anderen Angeklagten herauszuholen, wird keiner von ihnen so leicht erliegen.
Uwe Maeffert hat schon vor der Hauptverhandlung einen beachtlichen Verschonungsbeschluß erkämpft. Sein Mandant Ludwig Jüschke befindet sich seit Februar dieses Jahres auf freiem Fuß. Der Haftbefehl war immerhin zunächst wegen dringenden Mordverdachts ergangen.
Ludwig Jüschke hatte kurz nach seiner Festnahme zugegeben, mit seinem Bruder Manfred hinter Dietmar hergefahren zu sein; sie hätten gesehen, wie dieser an der Notrufsäule stand und wie er, als der Streifenwagen kam, die Polizeibeamten mit seinem Sturmgewehr niedermähte. Bei einem Beamten, der nicht gleich tot war, habe Dietmar zusätzlich einen Kopfschuß gesetzt.
Zum Abschluß der Vernehmung aber widerrief Ludwig das meiste von dem, was er eben gesagt hatte. Bruder Manfred dagegen, gesundheitlich schwer angeschlagen aufgrund der schweren Verletzungen, die er sich selbst beibrachte, blieb in diesem Punkt immer fest. Ludwig sei nicht dabei, sondern zu Hause im Bett gewesen.
Eine Beschwerde Maefferts, daß Ludwig sich noch immer in Haft befinde, beschied die Schwurgerichtskammer in Hildesheim zunächst ablehnend. Sie vermochte keine plausible Erklärung dafür zu finden, warum sich der Beschuldigte selbst zu Unrecht belastet und ein Schuldgefühl entwickelt haben sollte.
Maeffert kritisierte in einer weiteren Haftbeschwerde unter anderem, daß es die Vernehmungsbeamten trotz seines anwaltlichen Rates an den Mandanten, keine Angaben mehr zu machen, verstanden hätten, ihn zu einer Vernehmung zur Sache, beachtliche 54 Seiten lang, zu bewegen.
Ludwig wurde weiter vernommen, obwohl Maeffert bei der Staatsanwaltschaft protestierte. Bis zu einer Akteneinsicht durch ihn werde Ludwig Jüschke auf seinen anwaltlichen Rat hin keine weiteren Angaben zur Sache machen. Maeffert bat darum, die ermittelnden Beamten anzuweisen, weitere Vernehmungsbemühungen einzustellen.
Was die Polizei später ermittelte: Wie etwa die Autos auf dem Parkplatz gestanden haben, wo sich Schütze und Opfer befunden haben müssen entsprechend der Einschüsse und Schußkanäle, wie und wo die Toten weggebracht worden sein müssen, wo die Tatwaffe zu finden sei - es paßte kaum etwas zu Ludwigs Aussage.
Maeffert trug der Schwurgerichtskammer vor, bei einem solchen Vorwurf dürfte der Verdächtige überhaupt nicht zur Sache vernommen werden, ohne daß ihm vorher ein Rechtsbeistand zur Seite gestellt werde. Im späteren Gerichtsverfahren sei die anwaltliche Präsenz ohnehin vom Gesetz vorgeschrieben, doch die Weichen würden bei der Polizei und zumeist am Anfang gestellt. Was könnte denn auch Beschuldigte, besonders wenn sie leicht beeinflußbar und intellektuell unterlegen sind, aber auch Vernehmungsbeamte, wenn sie - wie hier verständlicherweise - gefühlsmäßig stark beteiligt sind, vor falschen Geständnissen besser schützen als die Anwesenheit eines Rechtsbeistands?
Dietmar Jüschke, deutet sein Verteidiger Klawitter an, wird vor Gericht schweigen. Da der Ablauf des Geschehens im dunkeln liege, seien eindeutige Schuldzuweisungen zunächst nicht möglich. War es ein Unglücksfall? Die Sache mit der Notrufsäule ein ungeplanter, harmlos-übler Scherz, der plötzlich zu einer Katastrophe wurde? Oder doch eine geplante, vorsätzliche Mordtat?
Manfred Jüschke bezichtigt seinen älteren Bruder massiv. Auf den ersten, raschen Blick rundet sich ein Bild: hie der Dominierende, Unruhige, Haßerfüllte - dort der mittlere Bruder, ruhig, weich, fürsorglich, den es im Spannungsfeld dieser Familie fast zerreißt.
Doch indem er den großen Bruder belastet, entlastet er sich selbst. Manfred sagt, er dachte, der Große wolle wieder einmal zum Wildern. Er sei nur mitgefahren, weil Dietmar keinen Führerschein hatte, auch um ein wenig aufzupassen. Was dann geschah, sei nicht mehr aufzuhalten gewesen.
Auch diese Aussage kann von Interessen geleitet sein. Auch Manfred können Dinge abgerungen worden oder herausgerutscht sein, die angezweifelt werden müssen. Muß es unbedingt, wenn nicht die Tat dreier böser Brüder, dann die Tat eines Ober-Bösewichts sein? Maefferts Kritik an der eingeschliffenen Praxis der Vernehmung Beschuldigter trifft auf Manfred gleichermaßen zu.
Manfred Jüschke könnte allerdings zum wichtigsten Zeugen in dem Prozeß um die Tötung der beiden Polizisten Lorkowski und Wilkending werden - wenn zwischen seiner Aussage und den Sachbeweisen keine erheblichen Widersprüche auftreten. Die Sachverständigen werden in dieser Hauptverhandlung besonders wichtig sein. Nichts ist klar vorerst.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 36/1992
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