16.11.1992

AffärenKraut und Rüben

Familienkrach in dem Hamburger Mischkonzern Wünsche: Ein Großaktionär warf den anderen aus dem Vorstand.
Seinen jüngeren Bruder Frank hatte Kai Wünsche schnell aus der Firma gedrückt. Das war nicht schwer, Frank ist der sensibelste der drei Söhne des Unternehmensgründers Ludwig Wünsche.
Schwerer fiel es Kai Wünsche, 53, nach dem Tod seines Vaters 1985 seinen zwei Jahre älteren Bruder Wolf-Jürgen loszuwerden. Jahrelang stritten sich die beiden im Vorstand des Hamburger Mischkonzerns Wünsche AG, bis Kai seinen Aufsichtsrat überzeugte, daß einer der beiden Brüder gehen müsse. Wolf-Jürgen wurde gefeuert.
"Streit kommt in den besten Familien vor", kommentiert der Sieger kühl den Abgang seines Bruders. Der hatte vergangenen Monat den Vorwand zu seinem Rauswurf geliefert: Er soll Insider-Kenntnisse ausgenutzt und im Sommer massiv Wünsche-Aktien aus seinem Privatbesitz verkauft haben - ehe publik wurde, daß sich in diesem Jahr die Ertragslage des Konzerns merklich verschlechterte.
"Vollkommener Blödsinn", tut Wolf-Jürgen Wünsche die Vorwürfe ab, mehr mag er dazu nicht sagen. Seit vergangener Woche geht die Insider-Prüfungskommission an der Hamburgischen Wertpapier-Börse den Anschuldigungen nach.
Zweifellos hat Vorstandsmitglied Wolf-Jürgen Wünsche über 200 000 Aktien abgestoßen. Das Familienunternehmen war Anfang 1989 in eine AG umgewandelt worden und ging schon wenige Monate später an die Börse. Die beiden Brüder blieben mit jeweils einem Drittel Großaktionäre.
Derzeit sind etwa 30 Prozent des Aktienkapitals breit gestreut; Wolf-Jürgen hat seinen Anteil auf gut 25 Prozent verringert, sein Bruder sein Aktienpaket auf 44 Prozent aufgestockt.
Der Kurs der Wünsche-Aktie, vor drei Jahren zu 210 Mark emittiert, ist seit Anfang März von 240 bis auf einen Tiefststand von 131 gefallen. Das ist nicht sonderlich bemerkenswert: Die Kurse vieler Unternehmen sind in diesem Sommer ähnlich steil abgestürzt.
Vielleicht wäre die Wünsche-Aktie - sie notiert derzeit um 150 Mark - tiefer gefallen, wenn nicht der starke Mann im Vorstand aufgekauft hätte. Der hat nun preiswert seinen Aktienbestand vergrößert und vor allem endlich seinen Bruder aus der Firma vertrieben.
Nun herrscht Frieden auf der Vorstandsetage im Firmenpalais an der Hamburger Palmaille. Der Dauerstreit zwischen den beiden Großaktionären, begleitet von persönlichen Animositäten, ging um die Expansionspolitik von Kai.
Aus der väterlichen Getreide- und Viehfutter-Firma hat der, kaum gebremst von seinem Bruder, einen bunten Gemischtwaren-Konzern gemacht. Die Wünsche AG liefert Käse und Dosenerbsen, Marke "Lorado", an Aldi. Sie verdient an der Umwandlung von Altbauten in Eigentumswohnungen, betreibt eine Reederei, verleast Maschinen, verkauft Textilien, importiert Unterhaltungselektronik aus Fernost.
"Kraut und Rüben", urteilte das Manager Magazin über das zusammengewürfelte Firmenimperium mit einem Umsatz von 2,2 Milliarden Mark. In seinem Drang nach Größe hat der Vorstandsvorsitzende ziemlich wahllos zugegriffen. Wolf-Jürgen hat denn auch stets über den teuren Einkaufsrausch seines Bruders genörgelt, durchsetzen konnte er sich nur selten.
Kai Wünsche, ein chronischer Junggeselle, ist zwar ein feinsinniger Ästhet mit einem Faible für kühles Italo-Design. Vor allem aber ist er ein knüppelharter Geschäftsmann mit einem ausgeprägten Machtinstinkt.
Schon in den achtziger Jahren hatte Wünsche mit seiner Firma Urania Mieter aus Altbauwohnungen vertrieben. 1990 kaufte er den einst gemeinnützigen Bau-Verein zu Hamburg mit 5300 Wohnungen; den verschreckten Sozialmietern versprach er, die Wohnungen nicht zu veräußern. Im vergangenen Jahr stieß er knapp 1700 Wohnungen ab, in diesem Jahr beantragte er für viele Mietshäuser Abgeschlossenheitserklärungen - Voraussetzung für die Umwandlung in teure Eigentumswohnungen.
Mit Immobilien verdient Wünsche seit geraumer Zeit das meiste Geld - und er braucht Geld, um seine zuweilen verlustreichen Firmenkäufe zu finanzieren. Mit dem Einkaufen, versichert Wünsche, sei es nun vorbei, seine "Hauptaufgabe" sehe er darin, jetzt "zu straffen und zu konsolidieren".
Genau das hatte sein Bruder Wolf-Jürgen immer wieder gefordert - bis er wegen seiner ständigen Mäkelei über die "idiotische Expansion" aus der Firma flog.

DER SPIEGEL 47/1992
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