24.02.1992

„In ganz kurzer Zeit tot“

Die Dopingsünden der Sprinterin Katrin Krabbe bedeuten mehr als einen Betriebsunfall. Die Weltmeisterin gilt als Symbol des kommerzialisierten Sports. Die Sponsoren haben Angst, mit den betrügerischen Manipulationen identifiziert zu werden, und fordern Konsequenzen. Dazu ist die überalterte Funktionärsriege nicht fähig.
Die Nachricht vom Doping des Sprint-Olympiasiegers war gerade ein paar Stunden alt. In sich gekehrt stand Willi Daume, der oberste Hüter des deutschen Sports, 1988 auf der Tartanbahn von Seoul und glaubte an das Urteil einer höheren Macht. "Gott straft sie alle", seufzte der alte Herr - und legte so den Dopingfall Ben Johnson ad acta.
Jetzt hat der Herrgott Daume und die Deutschen erwischt.
Die Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe, das Idol der vereinten deutschen Sportfreunde, wurde bei Manipulationen mit Dopingproben ertappt und mußte, den Regeln entsprechend, für vier Jahre gesperrt werden.
Diesmal wollte Daume, 78, den Richterspruch nicht so ohne weiteres akzeptieren. Er fand es "grenzenlos dumm, daß ausgerechnet während Olympia so lumpenmäßiges Verhalten aufgedeckt wird" - wo doch die Deutschen bei den Winterspielen in Albertville gerade so schön siegten.
Es ist, als ob sich die Geschichte wiederhole. Vor drei Jahren, nach Olympia in Seoul, leugnete der Weltmeister aus Kanada jegliches Dopen. Trainer und Manager beklagten eine finstere Verschwörung von Feinden.
Als nun Analysen ergaben, daß Urinproben, die Krabbe und ihre Sprintkolleginnen Grit Breuer und Silke Möller in Südafrika abgegeben hatten, identisch waren, konnte sich Krabbe das nur so erklären: "Es wurde manipuliert, aber nicht von uns." Und eilig wurde wieder die Komplott-Theorie gestrickt. Vom PDS-Bundestagsabgeordneten Hans Modrow bis zum Heimatredakteur des Neubrandenburger Nordkuriers glaubten viele, daß die blonde Katrin stellvertretend für alle Ossis "plattgemacht werden soll".
Angesichts der millionenschweren Werbeverträge wurden mal mißgünstige Konkurrenten des Klubsponsors Nike als Drahtzieher verdächtigt, mal die Deutsche Bank, weil auch die Sparkasse Neubrandenburg ihr Scherflein in die Vereinskasse gespendet hatte.
Die Wahrheitsfindung kann dauern. Ben Johnson ließ sich sieben Monate Zeit, ehe er vor einem Untersuchungsrichter seine Anabolikasünden zugab. Womöglich braucht es ebenso lange, ehe der Rechtsstreit um die Krabbe-Sperre entschieden ist - am vergangenen Freitag eröffnete der Dortmunder Verteidiger Reinhard Rauball mit seinem Einspruch beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) die erste Prozeßrunde.
Doch die juristische Kleinkrämerei um Verfahrensfehler hat allenfalls noch für die Sprinterinnen Bedeutung. Die deutsche Vereins-Herrlichkeit, von ihren Vertretern stets als Idealweg zwischen dem sozialistischen Staatssport und dem sponsorabhängigen US-System gepriesen, ist in ihren Grundfesten erschüttert.
Die Ansprüche der Geldgeber erschrecken die Verbandsführer. Die Funktionäre verlangen Leistung von den Athleten. Die Sportler suchen Unterstützung bei den Trainern, die Betreuer erwarten Hilfe von den Ärzten. Das ist der direkte Weg in den Drogenkonsum - aber "schmutzigen Sport", verkündet Mercedes-Sprecher Matthias Kleinert, mag der Geldgeber auch nicht. Leistungssport in Deutschland, das hat der Fall Krabbe klargemacht, verlangt nach der Quadratur des Kreises.
In die ausweglose Situation haben sich die Sportführer selbst gebracht. Über Jahrzehnte hinweg haben sie in einem Geflecht von Trink-, Duz- und Interessenbrüderschaften als Leistungsfetischisten gewirkt. Das hat zu jener Betriebsblindheit geführt, die alle Warnsignale im Fall Krabbe ausgeschaltet hat.
Leichtathletik-Präsident Helmut Meyer, 65, erkannte in der Sprinterin vor allem ein Medium, mit dem der durch Mißerfolge ramponierte Ruf seiner Sportart aufpoliert werden konnte. Katrins lange Beine lockten Sponsoren wie Mercedes-Benz, IBM, Fuji und die deutsche Agrarwirtschaft, die in diesem Jahr zusammen rund acht Millionen Mark in die Kassen des Verbandes zahlen. Vor drei Jahren noch standen die Leichtathleten vor dem Konkurs.
Die Fernsehanstalten kehrten aus den Schmollwinkeln zurück: ARD und ZDF übertrugen im letzten Jahr laut media control 80 Stunden Leichtathletik. Und die Bild-Zeitung, Leib- und Magenblatt der konservativen Sportverwalter, bejubelte ein neues "Fräulein-Wunder".
Um das Betriebskapital zu erhalten, war jedes Mittel recht. Dopingbelastete Trainer aus Ost und West durften nicht nur weitermachen, sondern erhielten offen Unterstützung. Selbst nachdem das Heidelberger Landgericht den letzten Cheftrainer des DDR-Verbandes als "ausgewiesenen Fachdoper" einstufte, bekam Bernd Schubert einen Trainervertrag. Krabbe-Trainer Thomas Springstein, der erklärte, nach "alten DDR-Methoden" weiterzuarbeiten, wurde als Paradebeispiel eines erfolgreichen Medaillenbeschaffers demonstrativ mit 8400 Mark Monatslohn verwöhnt.
Kritische West-Athleten wie die Hochspringerin Heike Henkel oder Langstreckenläufer Dieter Baumann wurden als Nestbeschmutzer abgekanzelt. Ein Konzept des ehemaligen Stabhochspringers Günther Lohre, der jetzt als DLV-Vermarkter arbeitet, zur Lösung des Dopingproblems verschwand ungelesen in den Schubladen.
Auch als am 30. Juni vorigen Jahres der Kölner Dopingfahnder Manfred Donike deutliche Hinweise auf Manipulationen der Springstein-Truppe gab, blieb die DLV-Welt heil. Seite an Seite kämpften Bild und Meyer gegen die "Hetzjagd" auf die blonde Doppel-Weltmeisterin. Und DLV-Sportwart Manfred Steinbach, über die zahlreichen Pannen bei den Dopingtests stets informiert, erklärte Katrin Krabbe zur "bestkontrollierten Athletin" des Jahres.
So erreichten die deutschen Dopingvertuscher internationales Niveau. Juan Antonio Samaranch, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, zeigte, wie der durchkommerzialisierte Sport Dopingprobleme zu ignorieren versteht. Er ließ in Albertville ex cathedra verkünden, es sei "eine Bewußtseinsveränderung zu registrieren".
Zur selben Zeit hatte der russische Biathlet Sergej Tarasow im Krankenhaus von Chambery gerade seinen Kampf gegen den Tod gewonnen. Eine schwere Niereninfektion hatte ihn kurz vor Olympia überfallen - die gilt bei Fachleuten als deutliches Indiz für Blutdoping. Diese Variante der Leistungssteigerung ist in Italien sehr beliebt. Seit bei Weltcuprennen auch nach Blutdoping gefahndet wird, verzeichnen die italienischen Langläufer einen Leistungsschwund. Doch bei Olympia, wo nur der Urin auf Dopingspuren untersucht wird, liefen die Italiener plötzlich wieder auf Medaillenplätze.
Das entspricht exakt Samaranchs Geschäftsprinzip, das er einem deutschen Sportmediziner, der ihn über den Dopingsumpf aufklären wollte, so umschrieb: "Kümmern Sie sich lieber darum, daß die Leistung der Athleten stimmt."
Auch der nationale Olympia-Chef Daume bevorzugt systemkonforme Ärzte. Unverbrüchlich hielt er dem Freiburger Professor Arnim Klümper die Treue. Noch nach dem Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel, als Details aus der Spritzenpraxis publik wurden, wollte Daume den Erfinder des "Klümper-Cocktails" zum Olympiaarzt berufen.
Klümpers Rolle hat inzwischen ein Doktor übernommen, den seine vielen Berufungen als Saubermann ausweisen: Professor Joseph Keul ist Anti-Doping-Beauftragter des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), des Deutschen Sportbundes (DSB) und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft. Im vorigen Jahr allerdings sprachen zwei Herren bei Daume vor und äußerten dringenden Tatverdacht. Manfred von Richthofen und Harm Beyer, die in einer DSB-Kommission die Dopingpraktiken des vereinten Deutschland aufarbeiteten, berichteten in dem vertraulichen Gespräch, daß Professor Joseph Keul bei Vernehmungen von Zeugen des öfteren belastet worden sei. Beide baten den NOK-Präsidenten, Keul nicht zum Olympiaarzt von Albertville zu machen. Daume schwieg, nominierte Keul - und der Mediziner drohte den Anklägern über seine Rechtsanwälte wegen Verleumdung.
So wurde in den letzten Monaten ein Klima geschaffen, in dem absurde Verhaltensmuster wie selbstverständlich akzeptiert werden. Als die deutsche Biathlon-Staffel Gold gewann, wurde im Zielraum ein Mann auf Schultern getragen - es war Kurt Hinze, der ehemalige DDR-Cheftrainer. Seinen Job im bundesdeutschen Verband hatte Hinze wenige Wochen vor Olympia quittieren müssen, als die Beweise für seine Verwicklungen in das Dopingsystem erdrückend geworden waren.
Als die Dopingdiskussion in Albertville allzu laut wurde, gelobten die aufgescheuchten Funktionäre Besserung. Besonders unangenehm: Der in der DDR ausgebootete Trainer Henner Misersky, Vater der Olympiasiegerin Antje Misersky, wiederholte im ARD-Olympiastudio ("Sonst hört uns doch keiner zu") öffentlich seinen Vorwurf, der Deutsche Skiverband (DSV) beschäftige unbeirrt Mittäter der Dopingpraktiken (SPIEGEL 3/1992). Eilig signalisierte DSV-Sportdirektor Helmut Weinbuch Handlungsbereitschaft. Am nächsten Tag bereits wurde mit Ulrich Wehling ein Opfer präsentiert.
Der jetzt im Osten als Koordinator tätige dreimalige Olympiasieger in der Nordischen Kombination ist entbehrlich, der vor Olympia ebenfalls belastete Biathlon-Trainer Frank Ullrich darf dagegen weitermachen, er hatte schließlich Erfolg. Über diese Ungerechtigkeit wurden die Miserskys mit einer subtilen Auszeichnung hinweggetäuscht: Antje durfte bei der Schlußzeremonie in Albertville die deutsche Fahne tragen.
Soviel Heuchelei der Funktionärsclique rief in der vorigen Woche ehemalige Weltklasseathletinnen auf den Plan. Die früheren Diskusmeisterinnen Liesel Westermann und Brigitte Berendonk, Weitsprung-Weltrekordlerin Heide Rosendahl, Hürdenläuferin Heidi Schüller und Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth forderten als Konsequenz des Falls Krabbe auch Rücktritte der Funktionäre.
Alle Sportlerinnen erinnern sich an die Dopingmentalität und die doppelbödige Moral der Verbandsherren, fast alle hätten von den Anabolika-Kuren der Athleten gewußt. Die Medizinerin Schüller hatte Daume vor Jahren sogar in einem einstündigen Privatissimum auf den neuesten Wissensstand gebracht - was der nur mit Achselzucken quittierte. _(* Bei der Gratulation für den ) _(Silbermedaillengewinner Ricco Groß in ) _(Albertville. )
Die fehlende Bereitschaft zur Kehrtwende verblüffte auch die DSB-Aufklärer. Beyer hatte bei der Vorlage des Kommissionsberichts eine Rücktrittswelle unter den Funktionären erwartet, doch alle blieben in ihren Ämtern. Weil es im heutigen Spitzensport um Millionenbeträge gehe, würden sich die "mittelmäßigen Funktionäre" vor jeder Verantwortung drücken. "Reinemachen tut weh", hat Beyer festgestellt, deshalb "haben alle die Hosen voll".
Der Kölner Dopingjäger Professor Manfred Donike glaubt, das Grundübel des deutschen Sports sei nur "auf biologischem Wege" zu lösen - durch Generationswechsel (siehe Interview Seite 248).
Möglichlicherweise aber greifen die Mechanismen der Marktwirtschaft früher. Während sich am vergangenen Donnerstag 5,12 Millionen Bundesbürger vor den Fernsehern über die Affäre Krabbe informierten, hatten nur 4,38 Millionen TV-Seher den deutschen Eishockeysieg über Frankreich miterleben wollen. Nur noch fünf Prozent der Deutschen glauben, so eine Umfrage, Siege würden auch ohne Doping erzielt. Das Zuschauerverhalten hat die Sponsoren aufgeschreckt. "Das häßliche Gesicht" des Sports, klagt Adidas-PR-Direktor Günter Pfau, könne sich kein Geldgeber leisten. Der Fall Krabbe sei deshalb "ein Riesen-Schlag".
Lutz Schilling vom Ski-Sponsor Audi hofft, daß die Funktionäre schon bald so sensibilisiert seien, "daß sie aufpassen, daß richtig Pippi gemacht wird". Bei Daimler-Benz, mit jährlich rund 60 Millionen Mark der größte Zahlmeister des deutschen Sports, wird bereits überlegt, so Sprecher Uwe Brodbeck, sich ganz aus dem Sport zurückzuziehen und "das Geld zum Beispiel in kulturelle Aktivitäten zu investieren".
Auch Hans Wilhelm Gäb, Vizepräsident von General Motors Europa, warnt: "Wenn die Verantwortlichen den Kampf gegen Doping aufgeben, ist der Spitzensport in ganz kurzer Zeit tot."
Die Gefahr ist größer denn je, womöglich führt sogar der Fall der gesperrten Katrin Krabbe zur endgültigen Kapitulation. Aus der DLV-Zentrale in Darmstadt wird bereits kolportiert, die zahlreichen Verfahrensfehler seien den Funktionären ganz bewußt unterlaufen. So habe die nächste Instanz die Möglichkeit, den Sperr-Beschluß des Präsidiums wieder aufzuheben - ein Weg, der schon bei den ersten Dopingvorwürfen vor 15 Jahren erfolgreich beschritten wurde.
Krabbe-Anwalt Rauball ist denn auch zuversichtlich. Er habe die Mitglieder des Rechtsausschusses, die nun über seinen Einspruch zu befinden haben, "positiv kennengelernt".
* Bei der Gratulation für den Silbermedaillengewinner Ricco Groß in Albertville.

DER SPIEGEL 9/1992
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