15.02.1993

GeschlechterFernsehen ist wahr

Um sich und ihre Bücher zu vermarkten, schreckt die Kulturkritikerin Camille Paglia vor keiner Provokation zurück.
Die Welt, das weiß sie, hat auf sie gewartet. "Unsere Kultur", sagt Camille Paglia, "sucht wieder nach einem geistigen Zentrum. Die Leute wollen wissen, wo die westliche Kultur im Moment steht. Und wer hat die Antwort? Ich!"
"I''m the first rock''n''roll intellectual", sagt sie außerdem. Die amerikanische Geisteswissenschaftlerin Paglia, 45, raunt düstere Botschaften über Männer und Frauen und den Krieg, der zwischen ihnen tobt; über moderne Medien und antike Mythen; über alles, was nach Sex und Blut und Gewalt klingt. Und die Welt hört zu.
Zerhackte Töne, hämmernde Rhythmen, im Bild eine hagere Frau mit stechendem Blick; ein Gesicht, das sich auflöst, vervielfacht und dann wieder zur starren Maske versteift. Dazu Wortkaskaden im Akademiker-Rap: "Ich bin die erste Intellektuelle, die erste Intellektuelle, ich bin die erste Intellektuelle, die ein tiefes Wissen hat, ein tiefes Wissen hat über die Antike, über Seifenopern und die Rolling Stones. Mein Geschmack geht mit der Masse, Fernsehen ist wahr. Ist wahr." Der englische Sender "Super Channel" hat Bruchstücke aus Interviews mit Paglia zum Videoclip montiert - und es paßt.
Paglia live spricht genauso. "Ich bin gebildet und weiß, was ich sage, und wenn du keine Angst hast, dann wirst du verfolgt. Aber ich gehöre zu den Kämpfern dieser Welt, und wer das nicht mag, hat Pech!" So redet sie auf Vorträgen und in Interviews, sie provoziert und rappt und schreibt in einer Art, "daß jeder Satz wie eine Nadel sticht", wie der Schriftsteller Anthony Burgess sagt.
Paglia ist Professorin und Pop-Queen zugleich, ihr Idol heißt Madonna ("wir haben viel gemeinsam"), nur daß sie besser reden kann und sich selber interpretiert. Seit ihrem ersten Buch, das 1991 erschien und in den USA für Aufruhr und Auflagen sorgte (SPIEGEL 29/1991), hat sie trainiert und ihren Ton perfektioniert. Sie giert nach Kameras und Mikrofonen und will sich und ihre Welt erklären, und nun, da ihr zweites Buch auf deutsch erscheint, wird sie mit Verspätung auch von deutschen Blättern entdeckt, als "Kultfigur" (Stern)*.
Nur was sie sagt, hat meist mehr Rhythmus als Sinn. Drastische Wörter, düstere Obsessionen: Sie kennt "das schmutzige Geheimnis des Westens", das "Dämonische der dionysischen Natur". Das Schicksal des Menschen ist seine Biologie, und die verlangt, daß die Geschlechter sich bekriegen. Da ist die Frau, dieses dunkle, erotische, triebhafte Wesen, mit kosmischen Kräften begabt, dieser Sumpf der Weiblichkeit, der alles Maskuline zu verschlingen droht: Frau essen Männer auf.
Armer Mann. Er muß (Paglia hat Freud gelesen) sich von diesem Monster Weib befreien, dem er damals, im Mutterschoß, "mit Mühe entkroch". Er will dem "Drachen Natur", der Frau also, _(* Camille Paglia: "Die Masken der ) _(Sexualität". Byblos Verlag, Berlin, ) _(1992; 58 Mark. - "Der Krieg der ) _(Geschlechter: Sex, Kunst und Medienkult ) _(in den USA". Byblos Verlag, Berlin; 38 ) _(Mark. Erscheint im April 1993. ) entkommen, und so schafft er die Kultur. Er ist der Schöpfer schöner Dinge, denn er kann mehr als das Weib, was sich schon täglich auf der Toilette zeigt: Er bringt dort ein kleines Kunstwerk, einen "Bogen der Transzendenz", zustande. Sie dagegen "gießt bloß den Boden, auf dem sie steht".
So weit, so transzendent. Doch Paglia, die außer Freud auch Nietzsche und Darwin und Schopenhauer verschlungen hat, auch ein bißchen Goethe und Godzilla, und die aus all dem ihre amüsanten, wenn auch überholten Theorien destilliert, glaubt ernsthaft, daß ihre Thesen als Verhaltenstips für die moderne Zeit taugten.
Schlimmes droht, wenn sich Paglia nicht mehr mit Kunstfiguren befaßt, sondern mit echten Menschen aus der wirklichen Welt. Leider tut sie das ausführlich in ihrem zweiten Buch. Sie weiß wohl, daß der "Krieg der Geschlechter" auch mit brutalen Mitteln gekämpft wird, mit Prügeln und Vergewaltigungen oder gar Mord.
Doch ihr schlichtes Credo heißt: Männer sind eben so. Männer müssen sich beweisen, und "keine Frau kann die Lust und die Erotik verstehen, die mit einer Vergewaltigung verbunden ist". "Wir werden die Männer niemals ganz zähmen können", sagt sie, "und das ist gut so." Ein Vergewaltigungsopfer soll halt "überlegen, welchen Fehler sie gemacht hat, und denselben Fehler nicht wieder machen", dann ist alles gut.
Wenn Frauen zu Hause mißhandelt werden, dann ist auch das noch lang kein Grund, Krach zu schlagen. Wo doch alle Welt weiß, "daß es in vielen dieser Verhältnisse im Arbeitermilieu, wo die Frau Prügel bezieht, sexuell bestens klappt. Da wird gefragt, warum die ihre Männer nicht verlassen? Vielleicht deshalb nicht, weil es bei ihnen sexuell läuft".
Das klingt, als habe sie 20mal "Endstation Sehnsucht" gesehen und niemals Zeitung gelesen, nie wirklich nachgedacht in den vergangenen Jahren. Ihr Weltbild hat sie aus Büchern und Filmen übernommen, die komplizierte Wirklichkeit ist nicht ihr Ding.
Und wenn das bißchen Realität, das sie kennt, nicht zu den Ideen paßt - um so schlimmer für die Realität. Paglia ist ohnehin viel mehr Mediengeschöpf als wirkliches Wesen, sie besteht nur aus Show und Schlagfertigkeit, und sie muß sich ständig steigern. Eine Sensation, die aus dem Tabubruch lebt, kann nur weiterleben, wenn sie immer schärfere Reize bietet.
Sie paßt in diese Zeit, da in Amerika der Kampf um liberale Grundsätze und Toleranz ausgefochten wird, um alles, das in USA als "PC" gilt, als "politically correct". Professor Camille Paglia nutzt die Gunst der Stunde auf ihre Art: CP ist das Gegenteil von PC.
* Camille Paglia: "Die Masken der Sexualität". Byblos Verlag, Berlin, 1992; 58 Mark. - "Der Krieg der Geschlechter: Sex, Kunst und Medienkult in den USA". Byblos Verlag, Berlin; 38 Mark. Erscheint im April 1993.

DER SPIEGEL 7/1993
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