16.11.1992

New YorkHäßliche Obsession

Skandal in der allerfeinsten Gesellschaft: New Yorks oberster Richter steht wegen Erpressung unter Hausarrest.
Die FBI-Agenten hatten ihn seit langem im Blick. Auf dem Express way nach Long Island griffen sie zu. Sie sahen, daß kleine Papierschnipsel aus der Limousine des Verdächtigen flatterten - er war dabei, so die Mutmaßung, Beweismaterial zu vernichten. Kurz darauf unterbrachen die Lokalnachrichten ihre Programme und meldeten eine Sensation: Sol Wachtler, der oberste Richter des Staates New York, war in Haft genommen worden.
Nach und nach sickerten die aberwitzigen Details dieser Jagd an die Öffentlichkeit; und die Schlagzeilen lasen sich wie Titel von Groschenromanen: "Sex, Geld und Macht".
Über Monate hinweg hatte Richter Wachtler, 62, seine frühere Geliebte Joy Silverman mit anonymen Telefonanrufen tyrannisiert, weil sie mit ihm gebrochen hatte. Während Wachtler im Talar seinen Dienst an der Gerechtigkeit tat und als Vorbild an Tugendhaftigkeit galt, bedrohte er - ein haltlos Verzweifelter - seine Ex-Geliebte mit Entführung der Tochter, verlangte Geldbeträge von 20 000 Dollar und schickte ein Kondom mit der Post.
Am Ende stand ein Höllensturz, der selbst den des Börsenmaklers Sherman McCoy aus Tom Wolfes Achtziger-Jahre-Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" übertraf. Hier ging es nicht um einen jungen windigen Zocker, der sich an der Wall Street hochgepokert hatte. Nein, der erste große Gesellschaftsskandal der neunziger Jahre spielt im feinsten New Yorker East-Side-Adel, wo Vermögen und Karrieren über Jahrzehnte wachsen, hinter dunklen Backsteinfassaden Senatoren und Präsidenten dinieren.
Der Richter, seit 40 Jahren verheiratet und Vater von vier Kindern, galt als unbestechlicher Jurist, der in den Korridoren der Macht nicht ohne Erfolgsaussichten für einen Sitz im Supreme Court antichambrierte. Auch andere Optionen schienen möglich, etwa eine Kandidatur bei den Gouverneurswahlen.
Der plötzliche, fast anarchische Einsturz dieser tadellosen Lebensfassade, die Folge einer häßlichen Obsession, konnte im meinungs- und staatstragenden New Yorker Establishment nur Bestürzung auslösen: Gouverneur Mario Cuomo sprach von "Tragik", und die New York Times ersparte ihren Lesern die unappetitlichen Details der Geschichte - sie kommentierte die "schockierende Festnahme" mit Nachrufen auf eine "glänzende Karriere".
Hemmungsloser verfuhr die Boulevardpresse, und sie nahm sich gleich auch das Objekt der richterlichen Begierde vor: Joy Silverman, reich geschieden und von ihrem zweiten Ehemann getrennt lebend, hatte sich mit erfolgreichen Wahlkampfspenden-Partys in die innersten Kreise der Republikanischen Partei hochgearbeitet. Daß Präsident Bush ihr dafür mit einem Botschafterposten auf Barbados zu danken beabsichtigte, wurde in letzter Minute von einem Senatskomitee verhindert - außer ihrem Talent, Geld aufzutreiben, habe die Auserkorene keine weiteren Qualifikationen hinzuzufügen, meinten die Senatoren, und das sei selbst für Barbados zu wenig.
Die verhängnisvolle Affäre zwischen Wachtler und Silverman war eine unendliche Geschichte. Die beiden kannten sich seit über 20 Jahren und halfen einander bei ihren ehrgeizigen Karriereplänen. Weder die beiden Ehen der einen noch die eine dauerhafte des anderen konnten sie zunächst trennen.
Nachdem Joy Silverman doch gebrochen hatte, ahnte sie zunächst nicht, daß sich hinter den anonymen Drohungen ihr einstiger Geliebter verbarg. Womöglich hätte sie sonst den Anruf bei einem ihrer einflußreichsten Freunde unterlassen: FBI-Chef William S. Sessions.
Der führte seiner Freundin vor, wie mächtig er ist: 80 Agenten wurden eingesetzt, um ihr die Belästigung vom Halse zu schaffen. Daß sich in diesem Netz aus Beschattungen, Telefonüberwachungen und Geldpaketen, die unter Treppenstufen deponiert wurden, schließlich Sol Wachtler als Übeltäter verfing, soll Joy Silverman am meisten überrascht haben.
Schon jetzt wird spekuliert, daß es zu einem Prozeß nicht kommt. Wachtler begab sich in psychiatrische Behandlung und trat von seinem Amt zurück - ein Schritt, den die New York Times "würdevoll" fand.
Gegen die Auflage, ein elektronisches Überwachungsgerät zu tragen und einen Kontrolldienst zu bezahlen, blieb ihm die Untersuchungshaft erspart - er verbringt seinen Hausarrest in seinem Domizil auf Long Island.
Das Schlimmste hat er hinter sich: Als Wachtler zur Anhörung in Manhattans Federal Court vorgeführt wurde, stand da ein gutaussehender Mann im grauen Maßanzug im Scheinwerferlicht. Er stand in den Scherben einer glanzvollen Karriere. Um Haltung bemüht, sah er zu dem hohen Ledersessel hinauf - in einem ähnlichen hatte er noch kurz zuvor selber gesessen - und antwortete leise der Richterin.
Auf den Geschworenenbänken war, wegen Überfüllung des Saales, die Presse untergebracht worden - jene New Yorker Meute mit den zerknitterten Trenchcoats, die so symbolisch zur Jury wurde. Ein Höllensturz vor den Augen der Öffentlichkeit: kein besonders schönes Schauspiel, aber ein gnadenlos demokratisches.

DER SPIEGEL 47/1992
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