16.11.1992

Der Geruch von Leichen

verpestet die Luft über Gardnersville. In dem Vorort der liberianischen Hauptstadt Monrovia verwesen gefallene Soldaten aus Nigeria und dem Senegal. Sie starben, weil sie als Mitglieder einer multinationalen Friedenstruppe im liberianischen Bürgerkrieg einen Waffenstillstand durchsetzen und den Übergangspräsidenten Amos Sawyer schützen wollten.
Das Interventionskorps, von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas entsandt, geriet dabei selbst in den Krieg. 12 000 Ecowas-Soldaten aus sieben Staaten müssen Monrovia gegen 50 000 Kämpfer des Rebellenführers Charles Taylor verteidigen. Dessen Nationale Patriotische Front (NPF) ist so weit vorgestoßen, daß sie die Hauptstadt mit Mörsern und Raketen beschießen kann. NPF-Vorposten in Gardnersville erkennen Monrovias Zentrum mit bloßem Auge. Die Straße dorthin heißt "Somali Drive".
Wie in Somalia gibt es auch im westafrikanischen Liberia - im 19. Jahrhundert als Heimstatt freigelassener US-Sklaven gegründet - keine staatliche Autorität mehr. Über ein Drittel der 2,3 Millionen Liberianer floh vor dem Chaos in die Nachbarstaaten. Mindestens 60 000 Menschen fielen im Kampf, wurden ermordet oder verhungerten, seit Taylor im Dezember 1989 mit seiner Guerillatruppe von der Elfenbeinküste aus in Liberia eindrang.
Taylor kam aus dem Exil in den USA, wo er wegen illegaler Waffengeschäfte verurteilt worden war und später aus der Haft entfloh. In seiner buntscheckigen "Rock'n'Roll Army" (Eigenbezeichnung) kämpfen schießwütige Burschen, die oft nicht älter als zwölf sind.
Die Aufständischen beherrschen fast ganz Liberia. Auf dem Caldwell-Stützpunkt der nicht mehr existierenden liberianischen Armee nördlich von Monrovia erbeuteten sie Unmengen von Waffen und Munition, dazu 15 000 Tonnen Reis, die internationale Hilfsorganisationen für die Bevölkerung gespendet hatten - und den kugelsicheren Mercedes des ermordeten Präsidenten Samuel Doe.
Die Ecowas-Streitmacht wollte die Rebellion mit einem Streich niederschlagen: Ende Oktober attackierten vier nigerianische Jagdbomber die Kautschuk-Plantage des US-Konzerns Firestone in Harbel, auf der sich zu jenem Zeitpunkt Taylor mit seinem Stab aufhielt. Doch statt des Rebellenchefs und seiner Kumpane trafen die Bomben und MG-Garben Zivilisten; es gab ein Blutbad: 38 Tote, 127 Schwerverletzte. Taylor prangert nun die westafrikanischen Friedenssoldaten als Schlächter an.
Weil die Ecowas-Soldaten die Lage nicht unter Kontrolle bekommen, forderten die Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche, daß Uno-Truppen in Liberia eingreifen sollten. Die Amerikaner wollen sich nach dem Ende des Kalten Krieges aus dem Chaos-Land heraushalten, das über Jahrzehnte ihr Stützpunkt in Afrika war.
Abmachungen über einen Waffenstillstand wurden in der vergangenen Woche - wieder einmal - gebrochen. Aber Taylors Vormarsch könnte ins Stocken geraten:
Die Elfenbeinküste, die bislang die Rebellen nicht behinderte, verpflichtete sich, den Nachschub für die Buschkrieger zu unterbinden. Der katholische Präsident und Kathedralen-Erbauer Felix Houphouet-Boigny will damit Taylor für die Ermordung von fünf amerikanischen Nonnen in Gardnersville bestrafen.

DER SPIEGEL 47/1992
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