16.11.1992

„Ihr Stolz ist hart wie Stein“

Vorbei an den einsamen Gehöften des Vran-Gebirges zieht die Karawane zur Front. Mit Wolldecken, Konserven und Kaminrohren tonnenschwer beladen, quälen sich die Schlepper aus Split durch die bosnischen Berge. Sie tränken die Luft am Fuß der Zweitausender mit verbranntem Diesel und jagen dicke Staubwolken über das Weideland und den goldfarbenen Mischwald. Vor Einbruch der Dunkelheit müssen sie Travnik erreichen.
Am Wegrand winken Schulbuben und spreizen die Finger zum Zeichen des Sieges. Starr stehen die Alten in schwarz-weißer Tracht. Noch liegt die Sonne wärmend über dem Land, krallen sich Schafe in die Steilhänge. Die scheuen Gebirgler schlagen ihr Brennholz. In wenigen Tagen werden die schweren Laster in Schlamm und Schnee versinken. Bosnien steht vor einem schlimmen Winter.
Auf ausgewaschenen Maultierpfaden kämpft sich der Konvoi hinab nach Prozor, in die Provinzstadt am märchenhaften Ramsko-See. Hier sind die Moslems in der Mehrzahl, hier beginnt das Land der Lilien - jener Zipfel Zentralbosniens, wo das Staatswappen mit den Blüten auf blauem Grund zeigen soll, daß die Republikführung noch die Hausmacht hat.
Im Norden, Osten und Westen haben Tschetniks längst die serbische Trikolore gepflanzt; im Süden ziehen die kroatischen Truppen, offiziell mit den moslemischen Kämpfern verbunden, ungeniert ihr Schachbrett-Banner auf. Nur wo noch Lilien sind, können die Moslems im bosnischen Vaterland ruhig sein.
Von Woche zu Woche werden sie tiefer in den zentralbosnischen Kessel getrieben. In Prozor leben sie noch mit den Kroaten zusammen. Tür an Tür, Kirchturm an Minarett. Die meisten von ihnen sind westlich geprägt, mit der Welt der Sunniten verbindet sie nichts als der Name. In der Straße gleichen sie den Kroaten wie Brüder und waren bisher auch einig mit ihnen im Kampf gegen die Serben. Seit wenigen Tagen erst ist klar, wer von den Waffenbrüdern skrupelloser zieht.
Die Cevapcici-Buden der moslemischen Händler entlang der Hauptstraße sind zertrümmert, die Häuserfassaden verrußt, einzelne Gebäude ausgebrannt. Zerbrochene Limonadenflaschen stehen auf den Theken der moslemischen Cafes. Läden wurden geplündert. Vor dem einzigen unversehrten Lokal lümmeln sich kroatische Kämpfer breit in den Sesseln. Sie grinsen, dreckig und dreist. In Prozor werden die Moslems künftig ganz stillhalten müssen.
Auf dem Ortsschild haben Schmierer die Stadt schon in Tudjmangrad umbenannt, dem Präsidenten Kroatiens zu Ehren. In den Straßen wehen die Fahnen des HVO, der von Zagreb gestützten Miliz überwiegend kroatischer Bosnier. Die offizielle Armee mit den Lilien am Ärmel kann den Moslems nicht helfen. Sie kämpft an der anderen Front gegen die Serben.
Mit Panzern seien die Kroaten aus ihrem Stammland in der Herzegowina angerückt, sagt der Cevapcici-Verkäufer am Stadtplatz. Ortsansässige Kroaten hätten ihnen den Weg zu den Häusern der Moslems gewiesen. Es hat Tote gegeben. Angst habe er nicht, sagt er, zieht den Kopf ein und kehrt schweigend die Scherben zusammen. Schon morgen will sein Nachbar wieder "kava turska" ausschenken, türkischen Kaffee aus vergoldeten Kännchen.
Wer die besseren Waffen hat, zieht die neue Fahne auf - in Bosnien-Herzegowina herrscht Faustrecht. Die Republik, die von der Adria bis zur Drina an der serbischen Grenze reicht, wird nur noch auf einem Zehntel ihrer Fläche von der Regierung in Sarajevo kontrolliert. Jeder nimmt sich jetzt, was er kriegen kann, schnell, bevor der Winter kommt. Verträge und Versprechen zählen wenig. An den Straßensperren zeigt sich, wer im bosnischen Karst das Sagen hat.
Von Prozor zieht sich die Straße in Serpentinen zum Makljen-Paß hinauf. Auf der Paßhöhe prüfen offizielle bosnische Milizen und kroatische HVO-Kämpfer die Papiere. Das ist für bosnische Verhältnisse ein beinahe hoheitlicher Akt. 80 Kilometer östlich von Kroatien weht zum erstenmal die Lilienflagge.
Eine provisorische Sandpiste führt auf die Stadt Travnik zu, die von Serben umstellt ist. 150 Jahre war sie Sitz der türkischen Wesire und somit Zentrum der osmanischen Machthaber in Bosnien. Wo, wenn nicht hier, sollte der moslemische Widerstand wurzeln? Die Travniker "Türken", schrieb der Nobelpreisträger Ivo Andric, der hier vor 100 Jahren geboren wurde, "sind Männer, die in ihrem Glauben nie wanken, ihr Stolz ist hart wie Stein, sie wüten wie ein Wildbach und sind geduldig wie die Erde".
Fünf Kilometer vor der Stadtgrenze sind die ersten der Männer mit dem steinernen Stolz auf der Flucht. Auf Pferdefuhrwerken, Handkarren oder einfach auf dem gekrümmten Rücken schleppen sie ihre armselige Habe durch den Vorort Novi Travnik.
Unter den Blicken feixender kroatischer Burschen, die sich durch schmucke Faschisten-Uniformen als Ordnungsmacht ausweisen, überqueren die Moslems die sinnloseste Demarkationslinie, die seit dem Fall der Berliner Mauer gezogen wurde - mitten durch die Marschall-Tito-Straße verläuft nun die Grenze zwischen den beiden Volksgruppen, die offiziell noch immer gemeinsam gegen die Serben kämpfen.
"Die Serben sind Götter", sagen die jungen Krieger, die den großkroatischen Führerfiguren Dobroslav Paraga und Mate Boban Treue geschworen haben, "sie sind christliche Kämpfer wie wir." Der Türke, fügen sie erklärend hinzu und meinen damit ihre moslemischen Nachbarn, "kommt von hinten - der Serbe kämpft frontal".
Sieben Tage lang haben sich in Novi Travnik Kroaten und Moslems einen unerbittlichen Häuserkrieg geliefert, während 100 Kilometer weiter die Serben sich die alte Königsstadt Jajce griffen. Sieben Tage lang haben beide Seiten den zwischen ihren Stellungen liegenden Häuserblock in der Marschall-Tito-Straße 2 löchrig geschossen, bis die Wohnungen in Flammen aufgingen und kroatische, moslemische und serbische Zivilisten auf Knien ins Freie krochen.
Im zweiten Stock des ausgebrannten Blocks steht der Kroate Berislav Uzelas und gräbt mit den Händen im Schutt. Seine Wohnung gleicht einer Lavahalde; der Hausrat ist schwarz, verschmort und zu Klumpen verschmolzen. Durch die Decke rieselt Regenwasser. Uzelas war 37 Jahre lang Fernfahrer auf der Bagdad-Route. Er besaß zwei Farbfernseher, Kühlschrank, Hifi-Anlage und 80 Kilo Mehl. Bis zum Juli erhielt er 7000 bosnische Dinar Rente. Soviel kostet heute ein Ei in Novi Travnik.
Uzelas ist nun im kroatischen Südbezirk untergekommen und Kostgänger der Caritas geworden. Sein langjähriger Nachbar und Freund, der Moslem Hamdija Chalep, dessen Vorfahren einst aus Syrien kamen, steht neben ihm im Schutt und schüttelt schweigend den Kopf. Er muß im nördlichen Bezirk bleiben.
Die Serben wurden ins kroatische Viertel verschickt. Täglich werden neue Koffer gepackt, Pferde angeschirrt und Menschen über die Grenze mit der blauen Lilienflagge getrieben, so lange, bis beide Hälften des Orts ethnisch rein sind. In Novi Travnik ist der bosnische Alptraum auf kleinstmöglicher Fläche wahr geworden.
Endlich taucht zwischen den Felsen die Frontstadt auf. Im Schatten der alten Festung von Travnik und der 14 Moscheen in der finsteren Lasva-Schlucht lebten zu Friedenszeiten 45 Prozent Moslems und 37 Prozent Kroaten. Nun steht das Verhältnis zwei zu eins - 22 000 Flüchtlinge sind hinzugekommen, ausschließlich Moslems. Sie haben sich aus den von Serben eingenommenen Gebieten Nordbosniens hierher gerettet. Seit Jajce, die Grabstätte des letzten bosnischen Königs, an die Serben gefallen ist, führt aus Travnik kein Weg mehr nach Westen.
Unheimliche Stille liegt über dieser Stadt. Bleichgefroren stehen im Morgengrauen die Flüchtlingskinder in dünnen Pullovern um eine Tasse Tee vor der Tür von Merhamet an, der islamischen Hilfsorganisation. Dumpf brüten die Alten über Kaffeetassen und Likörgläsern, während die serbischen Granaten fast in ihre Vorgärten fallen. Und wenn der Tonband-Muezzin zum dritten Gebet ruft, binden sich die Mädchen wie immer den Hidschab zurecht, bis keine Haarspitze mehr zu sehen ist. Sie gehen zum Koran-Unterricht in die Suleiman-Moschee.
Keiner scheint hier wirklich wissen zu wollen, warum die Nachbarstadt Jajce so plötzlich gefallen ist, warum die moslemischen Häuser in Prozor brennen und wer die Karten im bosnischen Poker zinkt. "Verrat", murmeln düster die Travniker. Doch sie wehren sich nicht. "Hohe Politik" sei das, sagen sie matt, als ginge es nicht um ihr eigenes Leben.
Wer die bosnische Tragödie begreifen will, muß an die Türen der alten Häuser klopfen. Zweistöckig sind sie, mit flachen Dächern und Gärten hinter mannshohen Mauern. Hier schlägt das Herz der stolzen bosnischen Städter. Hier leben Moslems, aber auch Serben und Kroaten, oder, wie sie selbst sagen, moslemische, orthodoxe und katholische Bosnier. Sie haben unter dem türkischen Sultan wie unter dem österreichischen Kaiser, dem jugoslawischen König und dem kommunistischen Marschall jene bosnische Kultur entwickelt und gepflegt, die nun untergeht.
"Für meine Stadt", sagt der junge Irfan, "hätte ich mein Leben gegeben." Drei Monate hat er im benachbarten Jajce gekämpft. Als der Befehl zur Kapitulation kam, lief er mit seinem alten Vater 70 Kilometer zu Fuß bis nach Travnik. Im Hotel Orijent angekommen, teilten ihm kroatische Soldaten mit, für Moslems sei hier kein Platz mehr. "Da habe ich verstanden, daß wir betrogen wurden", sagt der junge Bosnier.
In einem der alten Travniker Häuser wohnt die schöne Alma Alihodzic. Sie ist hochgewachsen, hat volle Lippen und dichtes schwarzes Haar. Sie war 23, Studentin der Medizin in der Republikhauptstadt Sarajevo, und sie stand kurz vor dem Examen, als die Serben begannen, von den Hügeln aus die Alt- und Neustadt mit Granaten einzudecken. Alma ist nach Travnik zurückgekehrt, zu Suleiman und Hafiza, ins Haus ihrer Eltern.
Sie hat Europa bereist und Englisch gelernt. Doch sobald sie zu Hause ist, die Füße auf dem Kelim, im Rücken blattgolden und dunkel gerahmt die Koran-Suren, taucht sie mühelos ab in die Welt ihrer Eltern. Sie rollt den Gebetsteppich mit der stilisierten Moschee Richtung Mekka, bindet die Haare unter ein blauseidenes Tuch und tauscht die Jeans gegen ein weites Gewand.
"Our grandy was a Hodscha", sagt sie beiläufig, was heißen soll, daß der Vater ihres Vaters die 114 Suren, die der Koran kennt, fehlerfrei beten konnte. "Grandy" besaß Land und Geld in Travnik, bevor die Kommunisten kamen. Stolz trug er den Fez und trat, beinahe 80jährig, noch den weiten Weg an zum Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka. Sein Sohn Suleiman, Almas Vater, kann die erste Moslempflicht nicht mehr erfüllen.
Mit seinem kroatischen Nachbarn beschwört der alte Suleiman an diesem Abend den Völkerfrieden in der Lasva-Schlucht. Wenn die Moslems ihren Bajram feiern, dürfe er den Hammel schlachten, sagt der Kroate - die höchste erreichbare Ehre für einen Christen. Er wiederum bekomme bemalte Ostereier, erwidert Suleiman höflich.
In Travnik sei alles anders, sagen sie, hier werde der Haß nicht siegen. Sie wollen nicht wissen, daß die Menschen in Mostar, Sarajevo und Jajce genauso sprachen, bevor die Bomben fielen und die Moslems zwischen die Fronten gerieten. Draußen in der Travniker Nacht melden die Sirenen Fliegeralarm. "All das passiert, weil wir Moslems nicht glauben wollten, daß es passieren würde", sagt Alma leise. Sie würde noch heute gehen, wenn sie könnte. Doch sie käme nicht mehr weit.
Alma kennt die Gesichter des Kriegs. Sie weiß, wie andernorts die Moslems vom Pöbel aus der Stadt getrieben worden sind und daß nur noch ein Wunder sie in Travnik vor demselben Schicksal bewahren kann. Von morgens um sieben bis nachmittags sieht sie die bleichen, aufgedunsenen Gesichter der Flüchtlingskinder. Sie hat sich zum freiwilligen Dienst in der medizinischen Ambulanz gemeldet.
Um nicht tatenlos zu warten, bis die Serben in der Stadt sind oder kroatische Rollkommandos den Krieg auch nach Travnik tragen, gibt sie Spritzen, verteilt Rezepte und gute Worte. Die Kinder, die seit Monaten mit einer täglichen Mahlzeit Reis oder Makkaroni auskommen müssen, sind unterernährt. Viele haben Durchfall. Läuse und Krätze kommen hinzu.
Seit die Nächte kalt geworden sind im ehemaligen Jesuiten-Gymnasium, wo die Flüchtlinge auf dem Boden kampieren, häufen sich die Lungenentzündungen. Es fehlt an Antibiotika. "Wir haben nicht einmal mehr Seife", sagt Alma.
Nebenan, in der psychiatrischen Abteilung bei Dr. Murat Halilovic, liegen jene, die der Krieg um Zukunft und Verstand gebracht hat. Da sind die Männer mit den wahnsinnigen Augen aus Jajce, die vor den Serben geflohen sind. "Ja, die Stadt ist verkauft worden, ich kann es nicht beweisen, und doch weiß ich es", leiert einer von ihnen. Da ist das Mädchen, das im Aufzug gefunden wurde und von dem keiner weiß, woher es kommt und was es gesehen hat. Und da ist Omer Merhadzic aus einem Dorf bei Prijedor.
Der Mann mit der gestreiften Pyjama-Jacke über dem dicken Strickpullover ist 34, doch er geht greisenhaft gebückt und schleppend. Auch er weiß nicht, wie er hierher gekommen ist, nur daß in seinem Dorf die Häuser brannten.
"Es war taghell", sagt er, "mitten in der Nacht, und da war dieser Geruch von verbranntem Menschenfleisch. Ich werde diesen Geruch nie vergessen." Er floh mit Frau und Kindern im Bus, den die Serben zum Abtransport der Moslems bereitstellten.
"Im Vlasic-Gebirge haben sie uns ausgesetzt. Sie sagten: Wenn es euch in Travnik nicht gefällt, könnt ihr ja zurückkommen, und sie lachten dabei. Dann weiß ich nichts mehr. Nur Angst."
Ein Lastwagen hat Omer Merhagic mitgenommen und in die Turnhalle von Travnik gebracht. Seine Frau und zwei Kinder durften nach Deutschland ausreisen. Er mußte bleiben, weil er wehrpflichtig ist. "Die wollen mich einziehen", sagt er, "das ist sinnlos. Wenn ich eine Waffe sehe, werde ich verrückt. Man kann doch keine Toten an die Front tragen."
Länger als zwei bis drei Tage können Omer und die anderen Patienten nicht bleiben. Es gibt nur 40 Plätze für Hunderte von psychisch Kranken. 40 weitere Betten mußten geräumt werden, weil Gefahr durch Artilleriebeschuß drohte. "Wirklich schlimm wird es, wenn der Krieg vorbei ist", sagt Dr. Halilovic. "Jetzt stehen die Menschen unter Spannung. Die Neurosen kommen später."
Mit einer Langmut, die schon nicht mehr diesseitig zu nennen ist, sehen die Travniker Moslems zu, wie die Falle auch in ihrer Schlucht langsam zuschnappt. Vielleicht aber sehen sie, auch das ist in den bosnischen Bergen möglich, ihr Schicksal nur mit anderen Augen.
"Was willst du, Pascha", spricht weise Resim Beg, das Travniker Stadtoberhaupt, in einem der Romane von Ivo Andric, "du weißt, wie es im Volksmund heißt: Wir alle sind längst tot, nur daß wir uns der Reihe nach beerdigen."
[Grafiktext]
_204_ Bosnien-Herzegowina: Serbisch kontrollierte Gebiete
[GrafiktextEnde]
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 47/1992
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