16.11.1992

SüdafrikaOhne Hosen

Die Rivalität zwischen Zulu-Chef Buthelezi und Nelson Mandela gefährdet den friedlichen Wandel.
Eingehüllt in eine rötliche Staubwolke, schaukelt der Autobus über die Sandpiste seinem Ziel entgegen. Da er schon von weitem zu sehen ist, können die Akteure im "Shaka-Dorf" Aufstellung nehmen, noch ehe die Besucher angekommen sind.
Zwei Frauen in farbigen Gewändern fangen an, mit hölzernen Mörsern Maiskörner zu stampfen. Andere setzen sich vor die Rundhütten und flechten Bastkörbe. Ein weißhaariger Alter schnitzt eine Waffe. Eine Gruppe muskulöser Burschen und schlanker Mädchen in kurzen Röcken aus Perlenschnüren formiert sich zum Tanz.
Touristen aus Kanada, England, Holland und der Schweiz steigen aus dem Bus und wollen "das wahre Leben der Zulus" (Prospekt) kennenlernen.
Rafael Mbeyele ist zuständig für die Show: "Sanibona, ich begrüße euch", ruft er und schwingt Speer und Stock. "Kunjani, wie geht es euch?" Die Gäste fotografieren und filmen. "Sagt Yebo, yebo injikona, ja, mir geht es gut", drängt Mbeyele. "Yebo", murmeln die Fremden ein wenig verlegen.
Das Dorf im Herzen Natals zwischen Eshowe und der KwaZulu-Hauptstadt Ulundi ist bekannt für seine angeblich unverfälschte Darstellung der Zulu-Kultur. Der nachgebaute Kral diente als Kulisse für die zehnteilige TV-Serie "Shaka Zulu", die 1986 unter Beteiligung des staatlichen südafrikanischen Fernsehens entstand - ein blutig-pompöses Sittenepos über das Leben des berühmten Zulu-Königs Shaka.
Doch was die Besucher zu sehen und zu hören bekommen, hat wenig zu tun mit der Wirklichkeit der etwa sieben Millionen Zulus. Sie bilden Südafrikas größtes Volk. Im vorigen Jahrhundert hatten die Zulu-Krieger ihr Territorium gegen Buren und Engländer verteidigt, Hunderte von schwarzen Stämmen unterworfen und 1879 bei Isandhlwana ein britisches Bataillon besiegt. Noch immer bewahren die Zulus die Erinnerung an ihr mächtiges Reich - und leiden an der trostlosen Gegenwart.
Heute terrorisieren vermummte Killer mit Handgranaten und nächtliche Meuchelmörder mit AK-47-Sturmgewehren das Land. Die grünen Hügel Natals sind Schauplatz eines Machtkampfes zwischen Anhängern des Zulu-Häuptlings Mangosuthu Buthelezi, 64, und des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) unter Nelson Mandela, 74.
Der schleichende Bürgerkrieg der Schwarzen in Natal und KwaZulu, dem nach der Apartheiddoktrin geschaffenen Homeland für die Zulus, hat allein in diesem Jahr mehr als 1100 Menschen das Leben gekostet; etwa 200 000 sind aus ihren Townships geflohen und suchen in den Städten Schutz.
Buthelezi, Chiefminister von KwaZulu und Präsident der Inkatha-Freiheitspartei, fühlt sich im Ringen um die Zukunft Südafrikas an den Rand gedrängt. Seine Getreuen reagieren mit Gewalt, um ihren Anteil an der Macht zu reklamieren.
Ende Oktober brachte ein Todeskommando den ANC-Funktionär Reggie Hadebe um, als der von einem Treffen des Friedenskomitees der Region Pietermaritzburg nach Hause fuhr.
Politische Neutralität bietet keinen Schutz, denn die Killer schlagen oft wahllos zu, zuletzt bei einer traditionellen Zeremonie. Der Familienklan der Sabelo hatte sich in Mpushini bei Durban versammelt. Etwa 200 Frauen, Männer und Kinder feierten die Geschlechtsreife der Tochter Nakeni.
Die Familie hatte zwei Ochsen geschlachtet; als das Fest gegen elf Uhr nachts seinen Höhepunkt erreichte, stürmten Bewaffnete in den Familienkral und feuerten in die Gästeschar. Dem Massaker fielen 22 Menschen, darunter Kinder, zum Opfer. "Warum gerade wir?" klagte das überlebende Familienoberhaupt Mbonwana Sabelo, "wir sind in keiner Partei."
Wie immer wiesen sich die verfeindeten Gruppen gegenseitig die Schuld zu. Inkatha beschuldigte "Umkhonto we Sizwe" (Speer der Nation), die militärische Organisation des ANC, für die Bluttat verantwortlich zu sein. Der Afrikanische Nationalkongreß klagte Buthelezis Inkatha an, gemeinsam mit Teilen der Sicherheitskräfte ANC-Aktivisten und -Sympathisanten zu jagen.
Im Natal Witness, der ältesten Zeitung der Provinz, erscheint täglich ein Kasten, in dem säuberlich getrennt die Opfer beider Seiten aufgezählt werden.
Selbst die Toten wurden noch zum Gezänk. "Sie waren eingeschriebene Mitglieder bei uns, wir werden sie beerdigen", beanspruchte Inkatha-Sprecher Ed Tillet die Leichen des Sabelo-Klans. "Einige der Gäste waren unsere Leute, sie wagten nur nicht, das offen zu zeigen", entgegnete Jeff Radebe, ANC-Vorsitzender von Süd-Natal. Womöglich haben beide recht: Manche Schwarze gehören sowohl der Inkatha wie auch dem ANC an - ein verzweifelter Versuch, sich aus den politischen Fehden herauszuhalten.
Die stadtnahen Vororte sind fast ausschließlich in der Hand des ANC. In den ländlichen Gebieten KwaZulus dagegen herrscht Inkatha, oft im Bündnis mit den "indunas", traditionellen Häuptlingen.
Manchmal verläuft die Front mitten durch die schwarzen Ghettos, wie im Township Imbali bei Pietermaritzburg. Dort markiert die Mbabazane-Straße die Grenze zwischen ANC- und Inkatha-Land. Das Township wirkt schon gegen fünf Uhr nachmittags wie ausgestorben; viele Häuser stehen leer, sind abgebrannt, mit Parolen beschmiert: "Rache" oder "No phansi" (Wir weichen nicht). Manche Bewohner verbarrikadieren sich, sobald es dunkel wird. Andere verlassen nachts das Township und schlafen im Busch, auf der nahen Müllkippe oder bei Verwandten.
Das Haus der Familie Khumalo ist von Kugeln zernarbt. "Die Killer vom ANC schießen von drüben", sagt Temba; er gehört der Inkatha an. Die jungen Burschen, die sich in Khumalos Haus zum wiederholten Male die Videokassetten mit der Shaka-Serie zur inneren Aufrüstung anschauen, glauben schon lange nicht mehr an eine friedliche Lösung: "Wir müssen es auskämpfen, den ANC aus Imbali vertreiben."
Dabei waren Mandela und Buthelezi, der in seiner Jugend selbst dem damals noch nicht verbotenen ANC angehörte, keineswegs immer Feinde. Anders als Homelandführer wie Lucas Mangope von Bophuthatswana oder der ehemalige Chef der Transkei, Kaiser Mantanzima, war Chiefminister Buthelezi nie ein gefügiges Werkzeug der weißen Regierung in Pretoria. Er verweigerte die "Unabhängigkeit" für KwaZulu und setzte sich für die Freilassung Mandelas aus der Haft ein.
Mit Billigung des ANC gründete der Zulu-Häuptling seine Inkatha-Bewegung zunächst als "kulturelle" Organisation. Er übernahm sogar die Farben der Befreiungsbewegung - Schwarz, Grün, Gold.
Der ANC, 1961 verboten, ins Exil getrieben und innerhalb Südafrikas so gut wie zerschlagen, glaubte die Inkatha als trojanisches Pferd für seinen Kampf gegen das Apartheidregime nutzen zu können. Aber der ehrgeizige, im Westen als Verfechter von Demokratie und Marktwirtschaft hochgelobte Buthelezi griff selbst nach der Macht.
Nach der Freilassung Nelson Mandelas und der Wiederzulassung des ANC im Februar 1990 brach der Konkurrenzkampf voll aus. "Buthelezi ist ein wichtiger regionaler Politiker, er möchte aber gern ein nationaler Führer sein. Das ist sein Dilemma", meint John Wright, Historiker an der Universität Pietermaritzburg und Autor verschiedener Bücher über die Zulus. "Wer auch immer die Gewalt hier schürt, ganz sicher nützt sie Inkatha: Buthelezi beweist damit, daß ohne ihn in Südafrika nichts geht." Einen Plan Mandelas zur Befriedung der Natal-Provinz lehnte der Zulu-Chef in der vorigen Woche ab.
Im vergangenen Jahr war Buthelezi, der sich gern als direkter Nachkomme des Siegers über die Briten, König Cetshwayos, ausgibt, in eine schwere Krise geraten: Südafrikanische Journalisten enthüllten, daß Inkatha und die ihr nahestehende Gewerkschaft Uwusa große Summen, 1,7 Millionen Rand, vom südafrikanischen Staat erhalten hatten. Buthelezi stand als Kollaborateur des Apartheidregimes da. Aber er überstand "Inkathagate", indem er behauptete, er habe von der Unterstützung durch Pretoria nichts gewußt. Einen Teil des Geldes zahlte er zurück.
Vor kurzem machte ein abtrünniger Inkatha-Funktionär, der Weiße Bruce Anderson, neue Schlagzeilen: Er sagte aus, Inkatha beziehe AK-47-Gewehre von den Renamo-Rebellen aus dem benachbarten Mosambik. Er selbst habe 1989 mit einem hohen Offizier des militärischen Geheimdienstes Pläne zur Destabilisierung des ANC ausgearbeitet - um allgemeine Wahlen so lange wie möglich hinauszuschieben. Anderson soll jetzt von der Goldstone-Kommission, Südafrikas neutraler Untersuchungsinstanz, vernommen werden.
Das Verhältnis zwischen Buthelezi und der Regierung verschlechterte sich dramatisch, als Präsident Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela im September eine Vereinbarung schlossen, die unter anderem das Tragen "gefährlicher" Waffen wie Speere und Keulen verbot.
Das traf die Zulu-Traditionalisten ins Herz. Buthelezi verglich die Vereinbarung mit dem Hitler-Stalin-Pakt und bezeichnete das Waffenverbot als "kulturelle Kastration". Bei seiner traditionellen Rede am Shaka-Tag beschwor er die vergangene Größe: "Ihr Volk, Eure Majestät", so sprach er zum neben ihm stehenden Zulu-König Goodwill Zwelithini, "ist bereit zu sterben, wenn es darum geht, sein Erbe zu schützen."
20 000 Zulus in Kriegsmontur, mit Schilden, Stöcken und Speeren, ließ Buthelezi zum Protest durch Johannesburg und Durban marschieren. "Ich fühle mich als Zulu in meiner Ehre getroffen", ereiferte sich der Inkatha-Funktionär Temba Ndulini, "ein Zulu ohne Speer ist wie ein Mann ohne Hosen."
[Grafiktext]
_219_ Südafrika: Natal
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DER SPIEGEL 47/1992
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