16.11.1992

ZeitgeschichteLebender Leichnam

Die Weltmacht Sowjetunion war acht Jahre lang führungslos - zur Zeit von Nato-Nachrüstung, Solidarnosc und der Afghanistan-Invasion.
Der Zeuge stand vor Rußlands Verfassungsgericht, es ging um das Verbot der KPdSU. Eigentlich sollte er nur erzählen, wie die Staatspartei mit Dollarmillionen ausländische Genossen finanziert hatte: Woher kamen die Devisen - aus dem Staatshaushalt?
Und wieso hatten sich 600 000 Dollar in bar im Safe des Zeugen befunden? Der Sachkundige hieß Walentin Falin, 66, war einst Sowjetbotschafter in Bonn und in der KPdSU, der er seit 1953 gedient hatte, bis zuletzt ZK-Sekretär für Internationales, mithin Außenminister der Partei.
Längst genießt der Großrusse bei den alten Widersachern, den Deutschen, eine Art Asyl und hält an der Hamburger Uni Vorlesungen. Er braucht ein Zubrot, denn: "Ich bin ein One-Dollar-Man." Mehr sei seine Rubelrente für Sowjetverdienste nicht wert.
Die Richter suchten Klarheit, auf welche Weise sich die KPdSU des Staates und seiner Ressourcen bemächtigt hatte. Dazu wollten sie auch noch erfahren, wer die Invasion der Sowjettruppen in Afghanistan 1979 beschlossen hatte: das Politbüro der Partei oder doch ein Staatsorgan?
Weder noch, enthüllte Falin. Eine schriftliche Unterlage gebe es ohnehin nicht, weil die Sache im engsten Kreis ausgebrütet worden sei; der mächtigste Mann der Sowjetunion von 1979, Leonid Breschnew, habe wahrscheinlich nicht dazugehört. Eine förmliche Entscheidung sei gar nicht getroffen worden, das Politbüro nicht zusammengetreten.
Dann gab er das höchste Staatsgeheimnis der Breschnew-Ära preis: "Breschnew war zu jener Zeit ein politischer Leichnam, genauer: ein physischer Leichnam."
Stand an der Spitze der Sowjetunion auf dem Gipfelpunkt ihrer Machtfülle, nach der sich manche Russen zurücksehnen, ein Zombie?
So drastisch hatte das noch kein Insider erklärt, wenn auch der frühere Provinzsekretär Boris Jelzin schon einmal berichtet hatte, wie er dem Parteichef die Baugenehmigung für eine U-Bahn in Swerdlowsk diktierte, weil der "überhaupt nicht mehr verstand, was er sagte, unterschrieb und tat". Berater Georgij Arbatow urteilte, daß "Breschnew gegen Ende der siebziger Jahre nicht einmal eine Viertelstunde ein vernünftiges Gespräch führen konnte". _(* Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt in ) _(Bonn 1978. )
Körperliche und geistige Verfallserscheinungen waren auch im Ausland unübersehbar. Wenn Generalsekretär Leonid Breschnew, der nach sowjetischen Pensionsgesetzen schon 1966, mit 60 Jahren, in den Ruhestand hätte treten können, in seinen letzten Lebensjahren vor fremde Zuschauer trat, tappte er sichtbar gehbehindert daher, las stotternd Reden ab, bediente sich eines Hörgeräts (das aus den offiziellen Fotos wegretuschiert wurde).
In direkt vom Fernsehen übertragenen Ansprachen verwechselte er die Blätter, von denen er ablas. Als Assistent Alexandrow ihm einmal das richtige Blatt reichte, kritisierte Breschnew: "Das war nicht mein Fehler, Genossen." Die Szene beobachtete ein Millionenpublikum am Fernseher.
In seinem Triumphjahr 1975, dem Jahr des Europa-Gipfels in Helsinki, blieb er 96 Tage lang verborgen. Als ihn Amerikas Außenminister Henry Kissinger auf die kommunistische Machtübernahme in Angola ansprach, erwiderte Breschnew: "Ich weiß nicht, wo Angola liegt" - was Kissinger als Ausflucht verstand.
Beim Staatsbesuch in Westdeutschland 1978 offenbarte sich die Hinfälligkeit: Außenminister Andrej Gromyko, 68, mußte seinem Chef aus dem Sessel helfen und beim Gehen unter den Arm fassen. Bei einem Abendessen auf Schloß Brühl redete er den Kanzler Helmut Schmidt stets mit "Herr Brandt" an. Rut Brandt, mit der Breschnew fünf Jahre zuvor nach übertriebenem Handkuß auf dem Kanapee gesessen hatte, berichtet in ihren Memoiren ("Freundesland") über das Wiedersehen:
"Man sagte meinen Namen, er legte seine Hand schwer in meine und sah mir in die Augen ohne das geringste Zeichen, daß er mich wiedererkannte. Er sagte kein Wort. Es war, als ob er durch mich hindurchsah."
Ihr Tischnachbar Alexandrow befand: "Es geht ihm gut. Er ist ja ein alter Mann." Am Nebentisch saßen vorsorglich drei russische Krankenschwestern.
Woran litt Breschnew? Er mußte das Rauchen aufgeben, schnupperte gierig den Qualm aus der Papirossa eines Wachpostens. Doch niemand hatte ihm die landeseigenen Trinksitten, unabdingbar für die machterobernde und -bewahrende Kommunikation, abgewöhnt.
Auf seinen Reisen versahen russische Kammerdiener in den Gästehäusern Toilettenflaschen für Parfüm, Mund- und Rasierwasser mit großen Aufschriften, damit er sie nicht zweckentfremdete. Die Heilerin Dschuna Dawitaschwili, die Moskaus Altherrenriege therapierte, nannte seine Krankheit schlicht unheilbar: Alkoholismus.
Das Leiden trat sporadisch auf. Zwischendurch schien Breschnew ganz gesund; nach längerem Verschwinden aus dem Blickfeld seines Volkes kehrte er jeweils nicht nur erfrischt, sondern auch politisch gefestigt zurück. Mag sein, daß Breschnews seltsame Absenzen die Machtkämpfe in Moskau widerspiegelten. Jedenfalls war der Generalsekretär nur höchst bedingt einsatzbereit.
Falin, der zu jener Zeit im ZK als Vize-Chef für Auslandspropaganda fungierte, nannte vor Gericht die letzten acht Breschnew-Jahre eine Zeit der "Herrschaftslosigkeit": "Nachdem Breschnew erkrankt war, erledigten verschiedene Gruppen um vier Personen herum im Namen des Generalsekretärs alles, was sie für nötig hielten. Eine wirklich ordnungsgemäße Verwaltung des Landes fand nicht statt."
Das war immerhin jener Zeitraum, in dem die UdSSR mit den Folgen der KSZE, der Verbannung des Dissidenten Sacharow, dem Rückgang der sowjetischen Industrieproduktion zu ringen hatte. SS-20-Stationierung und Nato-Nachrüstungsbeschluß, Solidarnosc samt Kriegsrecht in Polen und schließlich der Afghanistanfeldzug bedrohten die Koexistenz.
Die Weltmacht Sowjetunion aber taumelte führungslos dahin. Das oberste Entscheidungszentrum, die 14 Greise im Politbüro der KPdSU - seit 1980 aufgefrischt durch den Benjamin Michail Gorbatschow -, hatte nichts zu sagen. Falin: "Die Politbüro-Sitzungen waren eine reine Formalität. Man versammelte sich für 15 bis 20 Minuten, nur so, um sich zu treffen, irgendwelche Besprechungen gab es nicht. Von 1976 bis zu Breschnews Tod 1982 kann man von einer Existenz des Politbüros nur mit äußersten Vorbehalten sprechen."
Wer aber waren die vier, die anstelle Breschnews die UdSSR regierten? Oder, wie Falin sagte, "die aus dem Land zusammenrafften, was sie konnten, jeder für seine Diözese, für sein Wohnquartier" - und zwar mit "sehr schweren Konsequenzen für die Interessen unseres Landes ebenso wie für die friedliche Entwicklung in ganz Europa".
Falin nannte als heimliche Machthaber den Außenminister Gromyko, den KGB-Chef Andropow, den Verteidigungsminister Ustinow, den Chefideologen Suslow. Der erste, Architekt der Teilung Europas nach 1945 und noch von Stalin für höhere Weihen ausgesucht, wollte nach dem Scheitern der Kampagne gegen die Nato-Nachrüstung zum Konfrontationskurs zurückkehren. Der zweite unterdrückte die Opposition und warf das Netz seiner Geheimpolizisten immer enger über die ganze Gesellschaft.
Der dritte, ein Rüstungsingenieur und Marschall, hatte die SS-20-Raketen aufstellen lassen (deren Bedeutung Breschnew nicht mehr begriff). Der vierte trommelte zur Expansion der UdSSR, die er als "weltrevolutionären Prozeß" ausgab.
Die vier waren es denn auch, die den Einmarsch in Afghanistan beschlossen. Falin äußerte, anstelle Suslows könnte, wenn auch "schwer vorstellbar", der kaputte Breschnew beteiligt gewesen sein. Mittäter Gromyko, geübt im falschen Zeugnis, hatte kurz vor seinem Tod 1989 dem SPIEGEL erzählt, das Politbüro habe den Beschluß gefaßt und das ZK habe später zugestimmt.
Andropow sei dagegen gewesen, hatte Falin damals gehört und per Telefon ein Argument zugeliefert: Die Engländer seien nach 38 Jahren in Afghanistan "leer ausgegangen". Andropow war bestürzt über Falins Herrschaftswissen. "Woher weißt du das? Das ist nur vier Politbüro-Mitgliedern bekannt."
Als Andropow 1982 Breschnew beerbte und Parteichef wurde, verlor Falin bald seinen Posten und wurde auf vier Jahre zum Iswestija-Kolumnisten degradiert. Er wußte zuviel.
* Mit Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn 1978.

DER SPIEGEL 47/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
Lebender Leichnam

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind