08.11.1993

Schnuppern und Schmusen

Soviel Zustimmung hatte Franz Röhrs, 48, schon lange nicht mehr bekommen. Mit donnerndem Tischklopfen begrüßten die Delegierten des Republikaner-Parteitages in Rastatt am vorvergangenen Wochenende den niedersächsischen CDU-Abgeordneten als ihren Gast. Rep-Chef Franz Schönhuber nahm sich sogar Zeit für ein "persönliches Gespräch" mit dem Unionschristen "über die Grundlagen deutscher Politik".
Tags drauf war Schluß mit lustig: Die Niedersachsen-CDU kündigte den Parteiausschluß von Röhrs an. "Ein Schmusekurs mit den Republikanern", so Fraktionschef Jürgen Gansäuer, könne nicht hingenommen werden. Röhrs mimte den Naiven. Er habe nur "ein Schnupperangebot" der Republikaner angenommen, um zu prüfen, ob die Rechtsaußenpartei "tatsächlich so radikal ist wie immer behauptet". Seinem Rauswurf aus der CDU kam Röhrs durch Austritt zuvor, an seinem Mandat hielt er fest, als Parteiloser.
Seine CDU-Karriere war ohnehin am Ende. Röhrs war für die Wahl im kommenden März nicht mehr nominiert worden, außerdem wird gegen den Viehhändler wegen des Verdachts auf Tierquälerei und Subventionsbetrug ermittelt.
Mit der raschen Trennung von Rep-Freund Röhrs zeigt die Führung der Niedersachsen-CDU, daß sie ein Ausfransen am rechten Rand befürchtet - nicht ohne Grund. Parteichef Josef Stock, 55, und Spitzenkandidat Christian Wulff, 34, beide im liberalen Flügel der Union angesiedelt, stehen einer schwarzbraunen Landespartei vor. Schon vor vier Jahren war der damalige CDU-Abgeordnete "Knobel"-Kurt Vajen zu den Republikanern übergelaufen. Auf dem platten Lande haben Politiker vom Schlage Röhrs und Vajens viele Sympathien.
Bei Unionschristen in hohem Ansehen steht immer noch der Ehrenvorsitzende und Oberst der Reserve Wilfried Hasselmann, 69. Der kernige Landmann, der gern erwähnt, seinen Schliff bei Hitlerjugend und Wehrmacht bekommen zu haben, rödelt immer noch im rechten Spektrum. Unlängst verwandte er sich, zusammen mit Ex-ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal, 70, für den "Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis" (VPM), eine rechte Psycho-Sekte, die im Bonner Jugend-Ministerium mittlerweile auf dem Index steht.
Rechtslastig sind in Niedersachsen nicht nur die alten Kameraden. Vergangene Woche erklärte etwa Hermann Eppers, 27, CDU-Landtagskandidat aus Salzgitter, Deutschland höre nicht an Oder und Neiße auf, eine Vereinigung habe es bisher nur mit Mitteldeutschland gegeben.
Auch Rep-Freund Röhrs fühlte sich auf seinem politischen Standort in der Niedersachsen-Union nicht einsam: "Zwischen mir und den Reps stehen in der CDU noch eine ganze Menge."

DER SPIEGEL 45/1993
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