16.11.1992

„Unmündig wie früher“

Ihre Karriere galt als mustergültige Planerfüllung: Mit 14 Jahren belegte Anke Möhring den dritten Platz bei der Spartakiade. Vier Jahre später schwamm die Magdeburgerin über 800 Meter Weltrekord; noch im August 1989 wurde die Kraulschwimmerin gefeiert, als sie drei Titel bei den Europameisterschaften in Bonn gewann.
Anke Möhring, 23, schwimmt nicht mehr. Sie arbeitet jetzt - zunächst hinter der Theke einer Magdeburger Nachtbar, inzwischen als Garderobiere in einer Diskothek. Deshalb gilt sie in Sportlerkreisen, wie die Ehefrau ihres Ex-Trainers spitz urteilt, als ein Mädchen, "das völlig aus der Bahn geraten ist".
Doch die Athletin hat nur die Konsequenzen aus der Erkenntnis gezogen, daß zwischen sozialistischer Plandiktatur und kapitalistischer Erfolgsorientierung kaum Unterschiede bestehen. Anke Möhring erkannte, daß ihre Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg nach der Wende die gleiche geblieben war: "Wir waren unmündig - wie früher."
Auch Ankes Trainingsfreundin Kathleen Nord, 26, konnte den "immensen Druck" nicht mehr ertragen. Als ihre Zeiten wegen einer Atemwegerkrankung schlechter wurden, habe sich, so die Delphin-Olympiasiegerin von 1988, "keiner um mich gekümmert". Von der Klubleitung sei sie jedoch immer wieder zum Weitermachen aufgefordert worden, "mit der Drohung, sonst keinen Studienplatz zu bekommen".
"Um sich über Wasser zu halten", hatte Anke Möhring vor eineinhalb Jahren noch einen Vertrag beim SC Magdeburg unterschrieben, der ihr zwar 400 Mark im Monat, aber auch weiterhin "totale Überwachung" einbrachte. Als dann Zusagen des Klubs nicht eingehalten wurden, traten Möhring und Nord spontan in einen Schwimmstreik. Da der ohne Resonanz blieb, beendeten beide ihre Karriere; Kathleen Nord siedelte in die USA über.
Ihr ehemaliger Verein tut derweil alles, um den Vorfall als harmlosen Betriebsunfall darzustellen. Doch es ist mehr: Unter dem Mantel der Marktwirtschaft wird beim SC Magdeburg die Produktion von sportlicher Höchstleistung mit Methoden verfolgt, als habe es die Wende nie gegeben.
Besonders auffällig ist, daß viele Sportlerinnen sich "unterdrückt" fühlen (Nord), öffentlich die "Knebelverträge" geißeln (Möhring) oder wie die Hochspringerin Heike Balck den Verein "menschlich enttäuscht" verlassen.
Verantwortlich für das rauhe Klima beim SC Magdeburg ist Geschäftsführer Bernd-Uwe Hildebrandt, 34. Als Organisationsleiter lernte er vor dem Mauerfall noch von den SED-Genossen. Wie im Westen Siege gemacht und Gelder kassiert werden, schaute sich der forsche Selbstdarsteller ("Magdeburg ist das Aushängeschild des Ostens") von dem Fecht-Bundestrainer und Multi-Funktionär Emil Beck ab. Mit seinen "knüppelharten Methoden und Tricks", so ein Mitarbeiter, habe Hildebrandt seinen Lehrmeister "schnell rechts überholt".
Wie Beck in Tauberbischofsheim spannte auch Hildebrandt in Magdeburg profilsüchtige Politiker vor seinen Karren. Seit einem halben Jahr ist Werner Schreiber, der Minister für Arbeit, Soziales und Sport des Landes Sachsen-Anhalt, Präsident des Klubs. Bei jeder Gelegenheit lobt Schreiber "das Modell Magdeburg". Kommt der Verein, wie beim Fall der des Doping überführten Schwimmerin Astrid Strauß, in die Schlagzeilen, geißelt der Sozialminister auch schon mal öffentlich die Dopingjäger.
Die Botschaft der neuen Klubführung haben die untergebenen Angestellten schnell begriffen. "Es muß Leistung gemacht werden", sagt Bernd Henneberg, Trainer von Nord, Möhring und der Kraul-Olympiasiegerin Dagmar Hase, "das fordern doch jetzt die Sponsoren von uns."
Aus "Existenzangst", berichtet der Psychologieprofessor Konrad Ludwig, würden sich die Athletinnen der Tortur unterwerfen. Sie seien deshalb "nicht mündiger als vor der Wende", das Klima sei noch rauher geworden. Heute dürfe zwar jeder "Bundeskanzler Kohl beleidigen", sagt Ludwig, der auch Vizepräsident des SC Magdeburg ist, doch keiner kritisiere "aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes seinen unmittelbaren Vorgesetzten".
So haben die Leistungsfetischisten in Magdeburg weiter leichtes Spiel. Die Sportler müssen sich in ihren Verträgen verpflichten, "sich den Maßnahmen, die durch den vom Verein benannten Arzt angeordnet werden, zu unterziehen". Für alle gilt "strengste Schweigepflicht".
Kritiker des SC Magdeburg werden dann auf subtile Weise öffentlich denunziert. So wurde der Hochspringerin Balck, die frustriert wieder nach Schwerin zog, vieldeutig nachgesagt, in Magdeburg habe sie "das Leben kennengelernt", was der Leistung geschadet hätte.
Schlimmer noch erging es Anke Möhring. Zwei Tage nachdem sie in der Lokalpresse "die Praktiken von Geschäftsführer Hildebrandt" angeprangert hatte, berichteten Boulevardzeitungen, aus Vereinskreisen informiert, daß der einstige Schwimmstar ins "Rotlichtmilieu abgerutscht" sei und heute als "Bardame im Bordell" arbeite. Was den Lesern nicht mitgeteilt wurde: Als die Berichte erschienen, war die Bar schon seit über drei Monaten geschlossen.

DER SPIEGEL 47/1992
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