16.11.1992

„Arbeit ist für mich Erlösung“

SPIEGEL: Mrs. Streep, ist das Älterwerden ein traumatisches Erlebnis für Sie?
STREEP: Nein, in meinem gesamten Leben habe ich mich nie wie 10 oder 16 gefühlt. Ich war eigentlich immer schon 40 und selten unbefangen. Zumindest habe ich es so empfunden, obgleich die Wirklichkeit sicher eine andere war. Folglich fühlte ich mich in meiner Haut erstmals wohl, als ich 40 Jahre alt wurde, als die Empfindung mit der Realität zusammentraf.
SPIEGEL: Sie stehen also morgens nicht vor dem Spiegel und betrachten betrübt die Falten, die das Alter zeichnet?
STREEP: Aber natürlich. In dem Geschäft, in dem ich tätig bin, hängt mein Marktwert unmittelbar davon ab, wie jung ich aussehe oder wie gut. Das war einer der Gründe, warum mich das Drehbuch zu meinem neuen Film "Der Tod steht ihr gut" interessierte.
SPIEGEL: Ein alternder Broadway-Star, Madeline Ashton, muß erkennen, daß weder Schönheitschirurgen noch Make-up sie vor dem Verwelken bewahren können - ein Zaubertrunk sichert ihr das ewige Leben, aber nicht die _(* Mit SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge im ) _(Pariser Hotel Crillon. ) straffe Haut. Können Sie Frauen wie Madeline Ashton verstehen?
STREEP: Das schon, ich bin nur nicht so völlig verrückt, so absolut besessen wie Madeline Ashton. Dieser Film ist auch eine Art Revanche von mir an der Schönheitsindustrie, die vor allem den jungen Frauen gewisse Ideale vorgaukelt und sie in Depressionen stürzt, weil die von der Werbung suggerierte Vollkommenheit unerreichbar bleibt. Warum suchen so viele Frauen - selbst die, die es sich eigentlich nicht leisten können - Rettung beim Schönheitschirurgen? Weil sie überzeugt sind, daß ihr Wert, ihr Selbstwertgefühl, ihr Platz in der Gesellschaft absolut verknüpft ist mit ihrem Äußeren - und diese Entwicklung ist nicht auf Hollywood begrenzt.
SPIEGEL: Von welcher Ihrer Kolleginnen würden Sie sagen: "Die ist nicht nur schön, sondern auch noch intelligent"?
STREEP: Ich kann Ihnen keinen Namen nennen. Vielleicht Sophia Loren? Was ist Ihre Meinung?
SPIEGEL: Warum nicht Meryl Streep?
STREEP: Sie wollen mir schmeicheln. Ich bin ausreichend selbstkritisch. Allerdings möchte ich hinzufügen, ich bin überhaupt nicht unglücklich darüber, wie ich aussehe.
SPIEGEL: In den Jahren vor Ihrem 40. Geburtstag waren Sie überzeugt: Für Frauen über 40 gibt es in Hollywood keine Rollen als einfühlsame, intelligente Liebhaberin mehr. Fühlen Sie sich drei Jahre nach Ihrem 40. Geburtstag bestätigt?
STREEP: In Liebesszenen werden Sie eine Frau über 40 kaum sehen. Das paßt einfach nicht in das Bild, das sich die Gesellschaft zurechtgebastelt hat. Wenn Sean Connery als 60jähriger im "Rußland-Haus" die 28 Jahre jüngere Michelle Pfeiffer lieben kann, ist das in Ordnung. Und was wäre bei der umgekehrten Situation? Bizarr, würde man sagen, befremdlich.
SPIEGEL: Frauen bleiben also die traditionellen Rollen vorbehalten - liebende Mütter, Prostituierte, Opfer von Vergewaltigungen, Neurotikerinnen?
STREEP: Schlimmer: Ich sehe immer mehr Drehbücher, bei denen Frauen als Ungeheuer dargestellt werden, als Vampire auch. Wer will schon die Geschichte einer glücklichen Mutter sehen?
SPIEGEL: Sind Busen und sexuelle Lust der neue Trend in Hollywood, erkennbar in Madonnas Blößen oder einem Film wie "Basic Instinct"?
STREEP: Nacktheit lockt den Mann. Man kann in einem Film ganz genau erkennen, wann der Regisseur fand: Und jetzt, um die Leute wieder wach zu kriegen, muß ein nackter Körper her. Hollywood ist ein Markt. Der bietet an, was die Leute sehen wollen und kaufen. Die meisten dieser Filme werden für Männer von 18 bis 25 produziert. Das ist der Markt, für den die Nacktheit gedacht ist. Es ist äußerst selten, daß man mal einen nackten Mann zeigt.
SPIEGEL: Wer ist von diesem Anblick schon hingerissen?
STREEP: Das ist doch auch eine Art Puritanismus - niemals nackte Männer, Männer, die als liebende, menschliche Wesen gezeigt werden. Statt dessen ein Haufen nackter Frauen und sexuelle Gewalt.
SPIEGEL: Sind Sie bereit, Nacktszenen zu spielen?
STREEP: Heute nicht mehr.
SPIEGEL: Warum das nicht?
STREEP: Weil ich inzwischen vier Kinder zur Welt gebracht habe.
SPIEGEL: Nicht auch, weil Sie schüchtern sind?
STREEP: Wer hat Ihnen diese Märchen erzählt? Nein, ich fühle mich bei Nacktszenen nicht unwohl. Was mich vielmehr stört bei der Arbeit, ist der technologische Kram. Der bringt mich aus dem Konzept und aus der Konzentration.
SPIEGEL: Beispielsweise?
STREEP: Beispielsweise Madeline Ashton. Die Szene, in der mir der Hals so verdreht wird, daß mein Kopf nach hinten zeigt, ist mit einem Computer vorgezeichnet worden. Ich wurde für die Aufnahme auf einem Stuhl festgeschnallt und mußte lediglich meinen Kopf bewegen, und zwar so oft, bis er mit den auf einem Videomonitor gezeigten Konturen übereinstimmte. Dieses Computerbild wurde dann auf meinen Rumpf aufgesetzt. Das war in der Tat eine ermüdende Arbeit. Eine Liebesszene oder Nacktheit generell sind nicht so anstrengend.
SPIEGEL: Aber möglicherweise anstößig. Verbieten Sie ihren Kindern eigentlich das Fersehen?
STREEP: Die dürfen sich die "Simpsons" ansehen, eine Familien-Show, in der ein ungezogener Junge die Hauptrolle spielt.
SPIEGEL: Sonst nichts?
STREEP: In der Woche nichts. Die sollen Schularbeiten machen.
SPIEGEL: Für eine amerikanische Familie ist das doch eher ungewöhnlich, oder?
STREEP: Die meisten Leute, die ich im Film- oder TV-Geschäft kenne, verhalten sich wie ich: kein Fernsehen für ihre Kinder an Wochentagen.
SPIEGEL: Doch wohl deshalb, weil sie erkannt haben, welche Wirkungen Film und Fernsehen auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen haben.
STREEP: Natürlich hat das Folgen. Wer behauptet, daß es anders sei, muß nicht ganz klar im Kopf sein. Diese Gewalt, vor allem diese sexuelle Gewalt, im Kino empört mich. Ich möchte nicht, daß meine Mädchen mit dem Gefühl aufwachsen, daß das die Liebe und Zärtlichkeit ist, auf die sie sich in ihrem Leben einstellen müssen.
SPIEGEL: Und was tun Sie dagegen?
STREEP: Zunächst einmal versuche ich zu verhindern, daß meine Kinder sich diesen Kram ansehen. Es ist für mich ein permanenter Kampf mit den Kindern, die immer wieder fordern: "Wir wollen das sehen." Einmal bin ich am Sonntag morgen ins Kinderzimmer gegangen, sonntags dürfen sie sich Cartoons angucken, und welchen Film hatten sie eingeschaltet? "Das Schweigen der Lämmer" . . .
SPIEGEL: . . . das Drama von einem intelligenten Psychopathen, für den Menschenfleisch ein Leckerbissen ist . . .
STREEP: . . . ja, am Sonntag morgen um 10 Uhr im Kabelprogramm, stellen Sie sich das vor. Das ist denen einfach egal, diesen TV-Gesellschaften, welche Folgen das hat. Was tun? Da ich nicht mit dem Gewehr vor dem Fernsehgerät stehen kann, habe ich das Abonnement des Kabelsenders abbestellt.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich zuweilen mit verantwortlich für manche Produkte, die Hollywood vermarktet?
STREEP: Ich weiß, was ich tue und welche Rollen ich akzeptieren kann. Allerdings ist manchen Produzenten völlig egal, was sie verkaufen. Sie verbieten ihren eigenen Kindern das Fernsehen, und am Tag darauf gehen sie wieder in die Studios und produzieren solche Filme.
Ich habe eben gehört, daß Harrison Ford 40 Millionen Dollar für die Hauptrolle in einem Film abgelehnt hat, in dem es ungeheuer viele Morde geben soll. Seine Frage war: "Was bringt das den Leuten im derzeitigen Zustand Amerikas?" Wenn diese Geschichte zutrifft, kann ich nur sagen: Hut ab, ich bin stolz auf seine Haltung!
SPIEGEL: Sind Sie besorgt über den sozialen Verfall Amerikas?
STREEP: Irgendwie ist das Land außer Kontrolle geraten, mit Sicherheit ist es in den Großstädten so. In Chicago müssen die Kinder Toilettenpapier mit in die Schule bringen, weil das Geld dafür fehlt. Reagan war eine Katastrophe. Verzweiflung und ein Mangel an Optimismus sind allerorts erkennbar.
SPIEGEL: Warum engagieren Sie sich nicht in der Politik?
STREEP: Ich will nicht als Senatorin Streep herumlaufen, das ist nicht meine Sache. Aber ich habe meinen Teil getan. Ich habe junge Menschen vor den Präsidentschaftswahlen dazu gebracht, sich in die Wählerlisten einzutragen, sie davon überzeugt, daß sie sich engagieren müssen.
SPIEGEL: War Ihr Film "Silkwood", in dem Sie eine Frau spielten, die gegen die Schlamperei der Atomindustrie protestierte und unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, nicht auch ein politisches Statement?
STREEP: Allerdings. Es ist leider selten, daß man ein derart gutes Drehbuch findet.
SPIEGEL: Ihre Kampagne gegen Pestizide haben Sie offenbar aufgegeben. Warum?
STREEP: Ich bin nicht mehr öffentlich aktiv, das trifft zu. Ich fühle mich nicht wohl in einer öffentlichen Auseinandersetzung, das entspricht nicht meinem Temperament. Die Belastung war einfach zu groß, sogar meine Familie hat darunter gelitten: nächtliche Anrufe, Auftritte in Washington. Ich erhielt eine Menge böser Briefe von Bauern, die mir vorhielten, meine Kampagne habe sie in den Bankrott getrieben. Einige Vorfälle in dieser Auseinandersetzung haben mich tief verletzt. Ich bin nämlich nicht so stark im Nehmen.
SPIEGEL: Manche Regisseure, die mit Ihnen gearbeitet haben, sind ganz anderer Meinung und behaupten: Laßt euch nicht vom lieblichen Äußeren täuschen - die Lady hat einen harten Kern.
STREEP: Das ist typisch: Die wollen der Boß sein, ich lasse mir einfach nicht alles sagen - und schon hat man so ein Image.
SPIEGEL: In Wirklichkeit sind Sie also zerbrechlich und empfindsam?
STREEP: Ich muß fragil sein. Deshalb erwarte ich auch soviel vom Regisseur. Ich muß mich vor der Kamera öffnen, muß die geheimsten und verletzbarsten Punkte meines Inneren offenbaren, und das kann ich nur, wenn ich dem Regisseur oder der Regisseurin absolut vertraue. Deshalb müssen die Regisseure gut sein, exzellent. Ich will mit niemandem arbeiten, der einfach nur seinen Job macht.
SPIEGEL: Vor drei Jahren haben Sie beklagt, daß Hollywood immer weniger lohnende Rollen für Schauspielerinnen biete, und gewarnt: Wenn die derzeitige Entwicklung andauert, werden im Jahr 2000 nur noch 13 Prozent aller Rollen von Frauen besetzt und "in 20 Jahren werden wir aus den Filmen vollkommen verschwunden sein".
STREEP: Damals sind 17 Filme auf den Markt gekommen, und nur in einem oder zwei hatten Frauen Hauptrollen. Inzwischen hat es sich wieder geändert. Plötzlich gewinnt "Miss Daisy und ihr Chauffeur" alle Auszeichnungen, wollen Millionen "Thelma und Louise" sehen, und schon ist Geld vorhanden, sogar für einen Film über Frauen und Baseball. Gott sei Dank gibt es für uns Frauen auch gute Nachrichten. Sonst könnten wir uns die Pulsadern aufschneiden.
SPIEGEL: Würden Sie sich als pessimistisch bezeichnen?
STREEP: Nein, wie kann jemand mit vier Kindern Pessimist sein? Ich glaube nicht daran, daß Menschen grundsätzlich schlecht sind. Ich bin in dieser Überzeugung sehr amerikanisch. Wir haben sehr viel Herz, wie man sagt, und versuchen stets, unser Herz mit dem Kopf in Einklang zu bringen. Schließlich hat man uns das Gehirn ja aus irgendeinem Grund gegeben.
SPIEGEL: Sie haben sich einmal öffentlich darüber beklagt, daß Sie als Star im Grunde genommen jedwede Bürgerrechte verlieren und Freiwild werden für die Presse, für die Fans, die Sie nicht mehr in Ruhe leben lassen. Wie schützen Sie sich vor soviel Zudringlichkeit?
STREEP: Mein Privatleben bleibt privat. Ich gehe nicht zu Premieren, nicht zu irgendwelchen Vernissagen, weil ich einfach keinen Spaß daran habe. Meine Mutter sagt mir immer: "Du bist ein großer Star, genieße es doch." Ich wünschte, ich wäre diese Person, die das genießen kann. Ich bin es nicht. Ich kann es nicht ertragen, unter Beobachtung _(* Bei der Oscar-Verleihung 1989 in ) _(Hollywood. ) zu stehen, ich beobachte lieber selbst.
SPIEGEL: Sie hocken anonym im Museum of Modern Art und studieren Gesichter?
STREEP: Genau das. Ich gehe ins Kino, weil ich dort im Dunkeln unerkannt sitzen und Leute beobachten kann. Ich liebe es, Gesichter zu studieren, das ist einfach faszinierend.
SPIEGEL: Also kann ein Hollywood-Star auch abseits der Schlagzeilen normal leben?
STREEP: Man muß einfach wissen, was man will, und man muß wissen, wo die Grenzen sind. Meine Kinder würden ungemein gern Disneyland besuchen, aber der Gedanke daran ist für mich ein Alptraum, das wäre für mich wirklich eine Belastung. Sicher, ich würde nicht belästigt werden, aber ich weiß, daß man mich ständig beobachten würde. Und das ist unangenehm. Ich denke nicht gern darüber nach, wie ich aussehe, was ich tue: Schreie ich mein Kind an, esse ich zu viel, zu schnell, beobachtet mich jemand dabei? Das macht mich nervös.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, daß Sie mit 60 noch vor der Kamera stehen?
STREEP: Das hoffe ich sehr.
SPIEGEL: Und wenn das Make-up die Falten nicht mehr kaschieren kann wie bei Madeline Ashton, machen Sie sich dann auf zum Schönheitschirurgen?
STREEP: Ich hoffe, daß es dazu nicht kommen muß, daß meine Kinder mich im Alter verehren und mein Mann mich trotz der Falten liebt. Ich verurteile jedoch niemanden, der beim Chirurgen Hilfe sucht. Der Druck ist groß in diesem Geschäft. Vielleicht muß ich eines Tages zum Chirurgen, um Arbeit zu finden, aber es wäre mir lieber, wenn mir das erspart bliebe.
SPIEGEL: Lockt Sie das Geld, der Egotrip, oder warum wollen Sie von diesem Job bis ins Alter nicht lassen?
STREEP: Die Arbeit ist für mich eine Art Befreiung, nennen wir es Erlösung. Manche suchen ihr Gleichgewicht im Gespräch mit einem Psychoanalytiker. Meine Phantasien, meine Gefühle lösen sich vor der Kamera. Ich bin nicht sehr erfindungsreich, ich bin keine gute Köchin . . .
SPIEGEL: Ihr Psychoanalytiker ist also Hollywood.
STREEP: Ja, die Geschichtenerzähler, die Regisseure und all die Leute, die zu einem Film beitragen. Es ist einfach wunderbar für mich, daß ich meinen ganzen inneren Sturm und Drang in die Arbeit umsetzen kann. Wenn ich das nicht hätte, würde ich wahrscheinlich meine Kinder verprügeln, Rauschgift nehmen oder so etwas Ähnliches tun.
SPIEGEL: Mrs. Streep, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge im Pariser Hotel Crillon. * Bei der Oscar-Verleihung 1989 in Hollywood.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 47/1992
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