16.11.1992

FilmAuf und davon

„Gestohlene Kinder“. Spielfilm von Gianni Amelio. Italien, 1992.
Ein kleiner Junge sitzt im Treppenhaus eines tristen Mailänder Trabantenstadt-Wohnsilos und wartet. Seine Mutter hat ihm Geld in die Hand gedrückt, um ihn loszuwerden, aber vielleicht hat er damit kein Eis gekauft, sondern telefoniert. Er weiß, der Mann, der ihm beim Hinaufgehen freundlich über den Kopf gestrichen hat, besucht nicht die Mutter, vielmehr seine kleine Schwester. Als Polizeisirenen aufheulen, springt er hoch: Vielleicht hat er darauf gewartet.
So sind, in einer Bildfolge von behutsamster Lakonik, die Voraussetzungen der Geschichte erklärt, die erzählt werden soll, und sie beginnt ohne Umweg. Die Justiz in ihrer tiefen Weisheit steckt die Mutter, die seit Jahren ihr Kind prostituierte, ins Gefängnis und läßt das elfjährige Mädchen mit seinem neunjährigen Bruder in ein Heim überstellen - im mittelitalienischen Civitavecchia.
Zwei Polizisten sollen die Bahnfracht, die beiden Kinder, bewachen, doch der ältere macht sich schon beim ersten Zwischenhalt aus dem Staub, weil er wohl ahnt, daß ein solcher Transport nur Ärger bringt. In Wahrheit, das weiß man doch, interessiert sich der Staat einen Dreck für diese Kinder; am besten würde man sie auf einem Müllhaufen ausgesetzt ihrem Schicksal überlassen.
Der Carabiniere, an dem die Sache also allein hängen bleibt, ist leider zu jung, um hinreichend korrupt und abgebrüht und zynisch dafür zu sein. Er nimmt seine Aufgabe ernst, er will helfen, auch als ihm der christliche Heimleiter in Civitavecchia klarmacht, er werde die kleine Sünderin keinesfalls in den Kreis seiner Engelchen aufnehmen.
Weiter also, woanders hin, und da die Familie aus Sizilien stammt, heißt es nun, die richtige Adresse sei eine Verwahranstalt für kriminelle Kinder in Sizilien: Aus der lästigen Dienstfahrt entwickelt sich eine italienische Reise von recht ungewöhnlicher, beunruhigender und bewegender Abenteuerlichkeit.
Gianni Amelio, 47, gehört zu jener mittleren Generation italienischer Filmemacher, die hierzulande nur selten zur Kenntnis genommen werden. Fast immer bleiben sie ungeliebt. Als Amelios "Offene Türen" 1990 als bester europäischer Film des Jahres den "Felix" erhielt, hat ihm das nicht die Türen deutscher Kinos geöffnet. Daß es diesmal, bei "Gestohlene Kinder", anders aussieht, hat mit den verschlungenen Wegen der Euro-Filmförderung zu tun: Es gibt Subventionen dafür.
Was der Film zu erzählen hat, Episode um Episode südwärts unterwegs, ist von schmerzender Banalität: Da der tumbe junge Polizist es nicht übers Herz bringt, das Transportgut mit gebührender Gleichgültigkeit zu behandeln, ist er verloren. Er schlägt sich innerlich auf die Seite der Kinder, er verfällt dem Wahn, sie hätten, für einen Augenblick wenigstens, Anspruch auf Glück.
Er liefert die beiden, als man Sizilien endlich erreicht hat, nicht schnurstracks dort ab, wo sie kaserniert werden sollen, sondern gönnt ihnen ein Aufatmen, einen Nachmittag am Strand. Als die Sonne untergeht, schnappt die Falle zu: Der Polizist steht als Abweichler vom kürzesten Dienstweg da, als Kidnapper, der die Kinder gestohlen hat. Die Ordnung wird wiederhergestellt, und vielleicht, so hofft der kleine Junge am Schluß, gibt es in der Anstalt sogar einen Fußballplatz.
Das ganze Geheimnis, der ganze innere Reichtum dieses Films liegt darin, daß Amelio sich bedingungslos den Figuren und ihrer Geschichte anvertraut: So entdeckt er darin eine Schönheit, die weh tut. Im Dezember, bei der nächsten "Felix"-Verleihung in Berlin, ist "Gestohlene Kinder" einer der drei Kandidaten für die Auszeichnung als bester europäischer Film dieses Jahres.

DER SPIEGEL 47/1992
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