09.08.1993

„Das ist ein Witz“

Der Biochemiker Donike, 59, ist Leiter des Kölner Dopinglabors.
SPIEGEL: Allein in diesem Jahr wurden 33 Leichtathleten des Dopings überführt. Wird geschluckt wie nie zuvor?
Donike: Es wird mehr kontrolliert. Der Internationale Leichtathletikverband hat den Etat von 300 000 Dollar für Dopingtests nochmals aufgestockt, damit die Fahnder reisen können.
SPIEGEL: Warum wurden zuletzt vor allem Russen überführt?
Donike: Jahrelang wurden die Dopingfahnder aus politischen Gründen ausgetrickst und dumm gehalten. Jetzt fehlt dort das Geld und damit die Logistik zum Betrügen. Die Athleten fallen deshalb scharenweise auf.
SPIEGEL: Im Westen haben sich die Doper besser auf die neuen Kontrollen eingestellt?
Donike: Auch hier beginnt das Kontrollprogramm zu greifen. Allerdings fummeln immer mehr Athleten mit Substanzen wie Testosteron herum, die eine kurze Ausscheidungszeit haben. Wenn sie es per Hodenpflaster oder Nasenspray nehmen, kommen wir ihnen mit unserer Analytik nur schwer bei.
SPIEGEL: Da hilft nur ein überraschender Besuch des Kontrolleurs?
Donike: Die Vorwarnzeit muß gleich Null sein. Denn jede Manipulation, ob mit Katheter oder Frauenkondom, braucht Zeit zur Vorbereitung. Aber in den USA wissen die Athleten drei Tage vorher Bescheid, das ist ein Witz.
SPIEGEL: Nur die Deutschen sind vorbildlich?
Donike: In Deutschland wurden im letzten Jahr über 4000 Trainingskontrollen vorgenommen, immerhin 80 Prozent hatten eine Vorwarnzeit von weniger als 24 Stunden. Doch der Kontrolleur kommt noch zu häufig zur falschen Zeit.
SPIEGEL: Trauen Sie denn den Kontrolleuren von German Control, der TÜV-Tochter aus Ost-Berlin?
Donike: Ersparen Sie mir einen Kommentar. Weiß ich, ob da nicht noch alte Seilschaften arbeiten? Ich trau' keinem aus dem Osten.
SPIEGEL: Im vorigen Jahr haben Sie 9713 Proben analysiert. Welcher Aufwand muß denn noch getrieben werden?
Donike: Wir geben in Deutschland gerade einmal 2,5 Millionen Mark für Dopingkontrollen aus. Nach außen hin geben sich die Funktionäre immer als arme Mäuse - doch dieser Betrag ist gerade mal ein Promille der Ausgaben für den gesamten Sport. Die unselige Dreieinigkeit Trainer-Arzt-Sportler nach unserem westdeutschen Vorbild beginnt im Osten jetzt erst richtig zu wirken. Ich glaube, daß es dort noch einige Dopingnester gibt - so wie in Neubrandenburg.
SPIEGEL: Deutsche Funktionäre wollen aber einen Sinneswandel bei Athleten und Trainern festgestellt haben.
Donike: Vor kurzem hat mich einer der bekanntesten deutschen Trainer gebeten, ich möge eine neue Substanz analysieren. Die wolle er in Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft einsetzen - er erhoffe sich davon eine Leistungssteigerung. Wenn solches Denken nicht ausgeschaltet wird, sehe ich schwarz.
SPIEGEL: Die Suche nach neuen Mitteln geht also immer weiter?
Donike: Das Hase-und-Igel-Spiel, in dem die Fahnder hinterherhecheln, ist Athleten und Trainern wohl ein natürliches Bedürfnis. Deshalb plädiere ich für eine neue Dopingdefinition: Es muß alles verboten werden, was der Leistungssteigerung dient, sofern ein Medikament nicht ärztlich verordnet ist.

DER SPIEGEL 32/1993
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DER SPIEGEL 32/1993
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