16.11.1992

Schnüppchen am Himmel

Mit seiner ersten Billig-Serie „Sterne des Südens“ senkt das öffentlich-rechtliche TV sein Programm auf Soap-Niveau.
Als die Welt noch in Ordnung und das Fernsehen nicht erfunden war, konnten die alten Griechen am nächtlichen Firmament das Kreuz des Südens ausmachen. Doch eine Taumelbewegung der Erdachse ließ das Sternbild hinter dem Äquator verschwinden und machte es zur exklusiven Attraktion der südlichen Hemisphäre.
Jetzt tauchen die "Sterne des Südens" wieder im Norden auf: als Titel einer neuen Serie**, mit welcher der NDR über 15 Stunden lang das Hauptabendprogramm beschickt. Mit dem Opus des durch die Filmserie "Britta" hervorgetretenen Regisseurs Berengar Pfahl, 46, hat der Sender, von der privaten TV-Konkurrenz in Quoten-Taumel versetzt, auch einen Äquator überschritten, der bisher für öffentlich-rechtliches Fernsehen eine kaum überwindliche Grenze darstellte: die zur Discount-Serie.
Daß ein Projekt wie die "Sterne des Südens" realisiert wurde, liegt am derzeitigen Zustand der ARD: Umdüstert von Werbungs-, Finanz- und Zuschauerschwund (besonders die Jungen fliehen das Erste), suchen die öffentlich-rechtlichen TV-Gewaltigen nach Programmen und Programm-Machern, die weniger kosten und hohe Quoten bringen.
Da bot sich Matthias Esche, 41, an, promovierter Historiker und seit vergangenem Jahr Nachfolger von Fernsehspiel-Chef Dieter Meichsner, der mit ** Sendetermine: Mittwoch, den 18. und 25. _(November um 20.15 Uhr; vom 8. Dezember ) _(an dienstags, 20.15 Uhr. * Mit Caroline ) _(Schröder, Maria Ketikidou, Volker ) _(Lippmann, Mark Keller. ) bulligen Tatort-Kommissaren wie Walter Richter als Trimmel oder Manfred Krug als Stoever und der Zöllnerserie "Schwarz Rot Gold" dem Waterkant-Sender Profil gegeben hatte. Neuerer Esche, nach eigener Einschätzung von Redakteursbürokraten umgeben, "die Fernsehqualität fordern, aber Überstunden aufschreiben", wagte die Abkehr von überkommenen Güte-Rezepten und suchte die Zuschauergunst mit TV-Light ohne teure Mitwirkende.
So heuerten Esche und Pfahl einen unbekannten jungen Mann namens Mark Keller, 27, an. Dem Programm-Verantwortlichen und seinem Produzenten war der sehnige Senior-Jüngling, ein gelernter Automechaniker und Gelegenheitstrainer in Kraftstudios, dem noch kein Schauspielunterricht das Schwäbeln ausgetrieben hat, als Dean-Martin-Imitator bei Rudi Carrell aufgefallen. Getreu dem Tellerwäscher-Mythos erhoben sie den Nobody zum Star unter den Südsternen. Beim Glänzen sollte er es nicht allzuschwer haben, mit Volker Lippmann, Maria Ketikidou und Caroline Schröder wurden Schauspieler verpflichtet, die bisher nur als Schnüppchen am TV-Himmel in Erscheinung getreten waren.
Kostensenkend wirkte, daß Urlauber gegen ein geschenktes T-Shirt (Aufdruck: "Sterne des Südens - Ich war dabei") quasi als Gratis-Statisten mitwirkten. Überdies produzierte die "Berengar Pfahl Film" pro Tag bis zu zehn Programm-Minuten, deutlich mehr als branchenüblich.
Weitere Spareffekte ergaben sich aus der Wahl von Sujet und Schauplätzen der Serie: Sie spielt in der Welt der Ferienklubs und handelt davon, wie vier Animateure von Kreta bis Sri Lanka techtelmechtelnd durch die geschlossenen Anstalten des Ferienglücks ziehen, in denen für Touristen Erlebniswelten inszeniert werden, damit sie sich ungestört fühlen durch Begegnungen mit Fremden anderer Länder.
Den Klubs Aldiana und Robinson, wo die Serie gedreht wurde, kam das NDR-Projekt nicht ungelegen: Zwar verbietet der ARD-Komment, daß die Freizeitstätten in Klarnamen in der Serie genannt werden. Doch der Zuschauer, der schon mal da war, wird zur besten Sendezeit erinnert, wo er schon mal die schönste Zeit des Jahres verbracht hat.
Da die Macher auch brav den Klub-Urlaub von Kritik verschonten (Pfahl: "Wir wollten keine intellektuell überhebliche Persiflage auf Urlaubsklubs"), fiel es den Tourismus-Unternehmen nicht schwer, das Serienprojekt durch günstige Unterbringungskosten der TV-Teams zu unterstützen. So kam es, daß der NDR für 13 Folgen a 50 Minuten nur 7,5 Millionen Mark zu zahlen braucht, ein Drittel weniger als fernsehüblich.
Aber den Billigheimern der ARD gelang nicht nur das kostendämpfende Bandenspiel mit einer Branche, das Klubleben half auch beim Drehbuchschreiben. Ferienklubs, ideologische Erben des Spießerinstituts Gruppensex, halten nämlich mit allerlei Spielchen und Tänzchen jeden Insassen zur Laszivitäts-Darstellung an, auch wenn dicker Bauch, ein Sack voll kleiner Kinder oder die kurze Urlaubshose eine Erfüllung der Wünsche in weite Ferne rückt.
Auch beim Körperkult hat jeder Klub-Robinson mitzuspielen, keine einsame Insel rettet ihn auf Dauer vor Aerobic, Bogenschießen oder einer Kostümshow. Und geht, im wirklichen wie im Serienklub, mal ein Handlungsstrang zu Ende, hopsen Animateure auf die Bühne und imitieren Stars zu Playback-Klängen.
Doch, heilige Dialektik, es kommt gar kein Zorn auf, wenn man dem Treiben unter den "Sternen des Südens" zusieht. Denn mit der Blässe von Darstellern und Drehbuch legt der Mehrteiler die Mechanik der jüngsten Seriengeneration frei.
Munter hüpft der Vielteiler von Urlaubsklub zu Urlaubsklub, heute hier, morgen da. Arbeiten herkömmliche Soaps mit sogenannten Cliffhängern als Spannungsbrücken zwischen den Folgen, einer dramatischen Situation, von der die Zuschauer glauben sollen, daß sie in der nächsten Sendung aufgelöst wird, so zieht die Animateurtruppe der Pfahl-Serie einfach um.
Der Wanderzirkus schleppt selten die alten Probleme mit, sondern schlägt, von der Seriengeschichte unbelastet, seine Zelte auf. Zuschauer könnten leicht die Folge acht vor der Folge vier sehen, ohne den Faden zu verlieren - weil es keinen gibt.
Auch die seriennotwendigen Problem-Prisen - von Liebe, Drama, Leidenschaft über Alkohol und Abtreibung bis zu Heimweh läßt es Pfahl an fast nichts fehlen - erschüttern die schönen jungen Menschen nicht wirklich. Sie spielen keine Charaktere, die innere Wandlungen durchmachen, sondern Typen, die eigentlich immer gut drauf sind und anfallendes Schicksaldräuen wie eine Show-Nummer absolvieren - es geht gleich vorbei.
Standhaft weigert sich die Darstellerschar, zu der sich später auch Kai Maertens als köstliche Bastlercharge gesellt, ein Verhältnis zu den nicht eben von lutherischer Sprachgewalt zeugenden Drehbuch-Dialogen zu finden. Abgehackt und hingenuschelt, unter den oft aufjaulenden Klängen einer Blues-Gitarre kaum hörbar (Musik: Matthias Raue), murmeln die Jungmimen ihr "echt Klasse", "find'' ich Wahnsinn" oder "mußt du einfach verstehen" hin.
Wenn Mark Keller das letzte Geheimnis der von ihm gespielten Serienfigur lüftet - er sei Animateur geworden, weil er einmal in seinem Leben unter dem Kreuz des Südens stehen wollte -, dann schaut er mit Dackelblick gen Himmel, als wolle er sagen: Ich spiele Serie, aber so ernst, wie es gemeint ist, sollten wir es nicht nehmen.
"Sterne des Südens" verweigert sich dem Anspruch des Scheins, wirklich zu wirken. Damit macht die NDR-Kreation ungewollt die geistige Armut vieler Serien sichtbar - und kann wenigstens so zum Leitstern in der trüben Fernsehlandschaft werden.
** Sendetermine: Mittwoch, den 18. und 25. November um 20.15 Uhr; vom 8. Dezember an dienstags, 20.15 Uhr. * Mit Caroline Schröder, Maria Ketikidou, Volker Lippmann, Mark Keller.

DER SPIEGEL 47/1992
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