16.11.1992

Die Zeit der Parasiten

Der Tag, an dem der Ladykiller starb, muß ein schöner Tag gewesen sein, und die Stunde seines Todes war vielleicht die stillste und die heiterste.
Es war Sommer in Paris, der Morgen hatte eben erst begonnen, und jener Mann, der seinen Ferrari viel zu schnell durch den Bois de Boulogne jagte, kam aus einer Nacht voller Ausschweifung und Alkohol. Womöglich hatte er den Baum, der im Weg stand, zielstrebig angesteuert. Womöglich fuhr er so beschwingt, daß er nicht aus dem Rhythmus kommen wollte, nur wegen eines banalen Ausweichmanövers. Der Baum jedenfalls wich auch nicht aus, und der Mann mußte nicht lang leiden.
Am 6. Juli 1965 verschied der Diplomat Porfirio Rubirosa genau so, wie er gelebt hatte: sehr heftig und sehr schnell. Er hinterließ eine trauernde Witwe, vier Ex-Gattinnen und eine unbekannte Zahl von Geliebten. Ein Lebenswerk hinterließ er nicht. Die Nachrufer nannten ihn den letzten seiner Art, und durch ihre Sätze schwang wenig Bedauern: Die Zeit der Parasiten und Verschwender war endlich vorbei.
Der Münchner Schriftsteller und Rechtsanwalt Andreas Zielcke hat nun trotzdem übers Leben Rubirosas ein Buch geschrieben, das sich manchmal wie ein Essay und manchmal wie eine Reportage liest - und das doch so nutzlos wäre wie sein Gegenstand, wenn es nur das hielte, was der Titel verspricht: Es heißt "Der letzte Playboy", doch es beschreibt den ersten Bewohner der Postmoderne*.
In Santo Domingo war, als Rubirosas Karriere begann, noch nicht einmal die Moderne angebrochen, und was ein Playboy sei, davon hatte der junge Mann damals nicht die kleinste Ahnung. Er war nur ein schneidiger Offizier mit einer Schwäche für schöne Frauen und keiner Angst vor sittenstrengen Männern.
Der Diktator Trujillo war so ein Mann, seine Tochter Flor de Oro war so eine Frau - Rubirosa warb um sie, sie gab nach, wofür der Schlächter Trujillo seinen Soldaten erst verfolgen ließ, dann aber zu seinem Schwiegersohn machte und, damit die junge Familie ein Auskommen habe, zum Diplomaten ernannte, der in der großen Welt zum Wohl des kleinen Karibik-Staates wirken sollte. So kam der Ladykiller nach Europa.
Er diente seinem Herrn in Berlin und Paris, in Rom und später in Buenos Aires und Havanna, und weil er diesen Job nicht besonders ernst nahm, fand er viel Zeit, nebenbei "die lokalen Talente zu testen", wie Rubirosa seine Lieblingsbeschäftigung nannte. Flor de _(* Andreas Zielcke: "Der letzte Playboy". ) _(Steidl Verlag, Göttingen; 112 Seiten; 24 ) _(Mark. ) Oro war auch nicht treu, die beiden wurden bald geschieden - was Rubirosa aber nicht am Sinn der Ehe zweifeln ließ. Er heiratete Danielle Darrieux, Frankreichs schönste Schauspielerin. Er wurde der Gatte von Doris Duke, Amerikas reichster Frau. Er feierte Hochzeit mit der Woolworth-Erbin Barbara Hutton. Und als er selbst schon alterte, nahm er die 19 Jahre junge Odile Rodin zur Frau.
"Solange ich verheiratet war, war ich ziemlich treu", verriet Rubirosa in einem Interview mit Oriana Fallaci - und dieses "ziemlich" hat er immer großzügig interpretiert: Man sagte ihm Affären mit Evita Peron und Rita Hayworth nach, mit Zsa Zsa Gabor, Ava Gardner und ungezählten weniger berühmten Damen. In den Pausen spielte der Playboy passabel Polo, fuhr Autorennen und feierte Feste, womit seine wichtigsten Erlebnisse schon beschrieben sind.
Mindestens ebenso bedeutend aber wie die Taten dieses Mannes sind seine Unterlassungen: Als die Nazis schon Juden jagten und zum Krieg rüsteten, war er in Berlin und interessierte sich nur für die Frauen. Als die Deutschen in Frankreich einmarschierten, genoß er das Nachtleben von Paris und erregte nur manchmal den Neid der Besatzer, weil er stets fescher war als sie. Und als in der Silvesternacht des Jahres 1958 die Truppen Castros das alte Regime vertrieben, feierte Rubirosa in Havanna mit viel Champagner bloß den Abschied vom alten Jahr.
Er hat offenbar gar nicht wahrgenommen, was jenseits seiner Spielplätze vor sich ging - und was er sah, das nahm er nicht so schwer. Er fand eben einen französischen Filmstar interessanter als einen deutschen Führer, was ihn als Mann von Geschmack ausweist. Er zog die Schlafzimmer den Schützengräben vor und die Parties den Partisanen, und wenn Männer unbedingt ihre Kräfte messen wollten, dann fand es Rubirosa entschieden eleganter, wenn sie das auf dem Sportplatz taten. So trotzte der Playboy den Zwängen der herrschenden Wirklichkeit und pflegte einen zukunftsweisenden Lebensstil dabei.
"Er war ein paar Jahrhunderte zu früh dran", meinte Barbara Hutton - und hatte recht, wenngleich sie chronologisch leicht daneben lag. Rubirosa probte, ganz allein auf sich gestellt, eine Haltung, die erst in den achtziger Jahren eine nennenswerte Zahl von Anhängern fand: Da befreite sich die postmoderne Popkultur aus den alten ideologischen und intellektuellen Hierarchien, indem sie die Egalität aller Dinge und Phänomene behauptete - so dreist und entschieden, wie die Linke einst von der Gleichheit aller Menschen gesprochen hatte.
Auch Rubirosa fühlte sich frei genug, unter den Erscheinungen der Welt nur jene auszuwählen, die ihm Vergnügen verhießen: "Anything Goes" - die Parole stammt nicht zufällig von Cole Porter, der vor allem ein Playboy und dann erst Komponist und Texter war.
Der Autor Zielcke aber ist kein Apologet der Achtziger - vielmehr weist gerade Rubirosas Beispiel auf die Grenzen dieser postmodernen Weltsicht hin, die den Ernstfall als solchen nicht erkennen kann: Hitler verschwand nicht dadurch, daß Rubirosa sich weigerte, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Und sein Gehalt bezog der Playboy von Rafael Trujillo, der ein Gangster und ein Massenmörder war.
Rubirosa leistete sich nicht ganz so schlimme Verbrechen: Er erschlich sich immer wieder Geld, das ihm gar nicht gehörte. Er überschritt die Geschwindigkeit, und er brach die Ehe - wobei, wenn man Zielcke folgen mag, niemals eindeutig entschieden werden kann, ob der Playboy wirklich Täter oder ob er bloß das Opfer war.
Der Mann sah gut aus, dafür konnte er nichts, und wenn die Frauen das bemerkten, rannten sie bei ihm stets offene Hosentüren ein, was man auch als Zeichen von Schwäche deuten kann. Zum Image des Herzensbrechers sei er eher zufällig gekommen - und habe sich dann an diesem Image orientiert, weil er keinen besseren Karriereplan kannte.
So offenbarte sich schon in diesem Leben, das auch hier seiner Zeit weit voraus war, die Krise des handelnden Subjekts, das Verschwinden des Ichs, das Auseinanderfallen von Ursachen und Wirkungen. Rubirosa sei gar kein so großer Verführer gewesen, vermutet Zielcke: Es war vielmehr das Verbotene und Geheimnisvolle am Ehebruch, was die Frauen verlockte. Es war die Vorstellung von der Verführung an sich, die sich den Playboy nur als Objekt und Medium wählte.
Schon deshalb täuschen sich auch alle, die im Playboy nur den renovierten Dandy sehen, die trivialisierte Version von Männern wie Oscar Wilde oder Charles Baudelaire: Die Dandies des anbrechenden Industriezeitalters stritten wider ihre kunstferne Gegenwart, indem sie sich selbst zu Kunstwerken erklärten. Und weil sie nichts so fürchteten wie Egalität und Gleichmacherei, setzten sie dieses Kunstwerk aus den geheimen Zeichen der Mode zusammen, die nur der Kenner deuten konnte: Der Schnitt der Kleider, die Bedeutung einer Frisur und die sublimen Umgangsformen blieben für Uneingeweihte so rätselhaft wie Verse von Baudelaire.
Wenn auch der Playboy zum Kunstwerk taugt (wofür viel spricht in Zielckes Buch), dann verhält er sich zum Dandy wie der Film zur Literatur. Rubirosa war ein Werk der populären Kultur, er richtete sich an ein viel größeres Publikum - und er wurde zu dem, was er war, erst durch die Blicke und die Träume seiner Fans. Insofern muß der Vorwurf, daß Rubirosa ein Nichtsnutz gewesen sei, streng zurückgewiesen werden: Es mag schon sein, daß er die Liebe und den Sex, ja sein ganzes Leben konsumierte. Doch was er fleißig produzierte, das waren Wünsche und Gelüste.
Als die Karriere des letzten Playboys langsam zu Ende ging, erschien in Amerika der erste Playboy, der diese Gelüste industriell herstellte. In der alten prüden Zeit war Rubirosa die Ausnahme gewesen, welche die Regel nicht einfach nur bestätigte, sondern auch einen Fluchtweg zeigte, einen Notausgang zumindest für die Phantasie. Nun wurde die Ausnahme zur Regel erhoben, und die Lust wich dem Leistungsdruck - welchem sich der Playboy durch seinen Autounfall erfolgreich entzog.
Es steckte Stoff für einen dicken Roman im Leben Porfirio Rubirosas, und es spricht für Andreas Zielcke, daß er diesen Roman nicht geschrieben hat. Auch in seinem Buch sind die Auslassungen ebenso interessant wie das, was darin geschrieben steht - und richtig spannend wird es erst, wenn der Leser die knappen und distanzierten Betrachtungen des Autors mit eigenen Projektionen und Gedanken ausmalt.
Und wenn man neben der Lektüre des "Letzten Playboys" auch mal im letzten Playboy blättert, dann liest das Buch sich wie ein Abgesang. Selbst jenes Blatt, das einst viel Platz bot für das Überflüssige und das Vergnügen jenseits aller Verwertbarkeit, selbst jene Zeitschrift ist nun voll mit Fitneßtips, Karriere-Ratschlägen und anderen Hilfen für den Überlebenskampf.
Auch dieser Playboy ist schon lange tot: Die Zeiten sind zu ernst für Verschwender und Genießer.
* Andreas Zielcke: "Der letzte Playboy". Steidl Verlag, Göttingen; 112 Seiten; 24 Mark.
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 47/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Zeit der Parasiten

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind