16.11.1992

TheaterDes Teufels General

Das Gerangel um Stuttgarts Generalintendanten Wolfgang Gönnenwein eskalierte letzte Woche zur Farce. Am Ende verzichtete der General auf sein Amt.
Zur allerletzten Premiere im Stuttgarter Kammertheater war geballte Prominenz erschienen: Es galt, an jenem ersten, trüben Freitag im November die Beerdigung dieser fürs Experimentelle zuständigen Spielstätte zu feiern. Generalintendant Gönnenwein höchstselbst hatte die Schließung der Werkstattbühne als sichtbares Zeichen seines Sparwillens angeboten.
Kaum aber hatten die Uraufführungsgestalten des fäkalophilen dramatischen Shooting-Stars Werner Schwab die Bretter verlassen, kaum hatten "Schleimfiguren", "Lebensdrecksäue", Panzerknacker und klobürstengereinigte Ödipusse sich zur Entgegennahme des Schlußapplauses versammelt, enterte Schauspieldirektor Jürgen Bosse zwecks weiterer Katharsis die Bühne. Der als zurückhaltend bekannte Spartenleiter lud das Publikum auf eigene Kosten ("Wir müssen ja sparen") zur Premierenfeier, um im nächsten Atemzug seinen erbleichenden Generalintendanten zum Rücktritt aufzufordern. Gönnenwein habe das Kammertheater geopfert, um so seine eigene Vertragsverlängerung zu erreichen. _(* Als Dirigent bei den Ludwigsburger ) _(Schloßfestspielen. )
Gönnenweins Amtsführung war schon längere Zeit umstritten. Er hatte in den vergangenen Jahren fünf Millionen Mark Schulden gemacht, ohne es zu merken. Erst der vor zwei Jahren angestellte "Geschäftsführende Direktor" Hans Tränkle deckte diese Mißwirtschaft auf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Generalintendanten wegen des Verdachts der vorsätzlichen "Haushaltsuntreue" (Gefängnis bis zu fünf Jahren) und filzte im August sogar sein Büro.
Andererseits konnte Gönnenwein sich lange auf seine Getreuen in der schwäbischen CDU-Kamarilla verlassen: Der von Fernostflieger Lothar Späth ins Amt gehievte Musiklehrer hat sich in der Nähe der politischen Macht immer wohler gefühlt als bei den querdenkenden Künstlern, deren Interessen er doch vertreten sollte. Als Dirigent durfte Gönnenwein sich auf den Ludwigsburger Festspielen üben, mit bescheidenem Erfolg. Zeitweise saß er sogar als "Staatsrat" an Späths Kabinettstisch. Als Intendant war er ein geduldeter Versager. "Bis jetzt hat er nicht gestört", sagt Bosse. "Aber nun langt es."
Die vom Verwaltungsrat genehmigte Theaterschließung setzte bei Bosse ungeahnten Kampfesmut frei. Er habe gehofft, daß seine langfristig an Stuttgart gebundenen Spartenkollegen den Protest unterstützten, sinnierte er nach dem Premiereneklat. Doch die Ballettchefin Marcia Haydee fand Bosses Intervention "auf tiefstem Niveau", und Opernleiter Klaus Zehelein fürchtete zunächst bloß um seinen eigenen Millionenetat.
An den großen Opernproduktionen hatte Staatsmusikant Gönnenwein nämlich kaum zu sparen gewagt, wegen "Regreßforderungen" der Sänger und aus Angst vor dem Aufjaulen der Schwaben-Abonnenten. Vergangenen Montag trat der so alleingelassene Bosse vor die Mikrofone und gab seinen eigenen Rücktritt bekannt. Gehaltsverlust: rund 150 000 Mark.
Dabei hantierte er mit altmodischen Begriffen wie der "Ehre", die Gönnenwein abhanden gekommen sei ("Bevor man als Theaterdirektor ein Theater schließt, muß man selber zurücktreten"), und redete Fraktur: Der Generalintendant stehe in seiner Liste der zehn peinlichsten Figuren an dritter Stelle ("Die Nummer zwei ist Stolpe, den anderen verrate ich nicht"). Gönnenwein sei überflüssig, auf dessen Ideen könne "auch der Pförtner kommen".
Den politisch von der Landesregierung dominierten Verwaltungsrat des Stuttgarter Theater-Tollhauses beflügelte diese Anklagerede gleichentags zu einer historischen Entscheidung: Man verlängerte Gönnenweins Vertrag bis Januar 1997, und zwar gegen den Willen der SPD-Kunstministerin Brigitte Unger-Soyka - sie weigerte sich noch am Freitag, den Vertrag zu unterzeichnen. CDU-Finanzminister und Weinkenner Gerhard Mayer-Vorfelder soll als Anführer der schwäbischen Männerriege, zu der auch Ministerpräsident Teufel gehört, Gönnenweins größter Fürsprecher gegen die SPD-Frau gewesen sein. Dies alles trotz ungeklärter Finanzierung der Staatstheater - die Stadt Stuttgart will ihre Zuschüsse um ein Drittel "herunterfahren".
Obergeschäftsführer Hans Tränkle, sonst immer loyal zum "General", konnte sich in solcher Lage Schöneres vorstellen als "die Verwaltung des Notstands". Das Schauspielensemble sprach Gönnenwein das Mißtrauen aus und drohte: "Wir wollen im Kammertheater spielen. Machen Sie das möglich, sonst machen wir es selber."
Stuttgarts begnadetsten Hohltöner schreckte indes all dies sehr lange nicht. Gönnenwein igelte sich ein. Erst, als er einen Brief seines designierten Schauspieldirektors Friedrich Schirmer aus Freiburg erhielt, der Bosse im Sommer nächsten Jahres nachfolgen sollte, griff er wieder zum Telefon. Schirmer schrieb von "Führungslosigkeit" und "wild wuchernden Kräften", die das "Gesamtkunstwerk Staatstheater" bedrohten. Er wolle unter diesen Umständen in Stuttgart nicht antreten. Die Schließung der Experimentierbühne und die Etatkürzungen empfinde er als "demütigend". Er könne schlecht den Rücktritt des Generalintendanten fordern, der ihn berufen habe. Aber "da einzusteigen, ist öffentlicher Selbstmord".
Schirmer hatte diverse Telegramme erhalten, die ihn zum Widerstand gegen Gönnenwein ermunterten. Die Intendanten Flimm, Peymann, Steckel und Krämer machten mobil, der Schauspieler Bernhard Minetti schloß sich an. Ihro Peinlichkeit Wolfgang Gönnenwein aber traf sich zur Besprechung einer Abwehrstrategie mit CDU-Honoratioren in seinem Dienstzimmer. Vor zwei Jahren wollten die christlichen Postenschieber den früheren Chorleiter noch zum Kultusminister in Biedenkopfs sächsischem Kabinett machen, unter Beibehaltung der baden-württembergischen Staatstheaterpfründen. Jetzt waren auch sie ratlos - ohne Schauspieldirektor, wußten sie, wäre selbst ein Gönnenwein nicht überlebensfähig.
Die große Koalition im Landtag geriet ins Wanken: SPD-Fraktionschef Ulrich Maurer sah in Gönnenweins Vertragsverlängerung plötzlich einen "förmlichen Koalitionsbruch". Und die von einer Art 68er-Rebellion befallenen Schauspieler begannen am Donnerstag abend, konkrete Aktionen zu planen: Wäre Gönnenwein bis zu diesem Montag nicht zurückgetreten, hätten sie ihm den Zugang zum Theater verwehrt.
Am späten Freitag abend endlich warf der Generalintendant entnervt das Handtuch. Er wird sich zeitlebens an die letzte Kammertheaterpremiere erinnern: In Werner Schwabs Komödie trat dem Zuschauer Gönnenwein auf der Bühne ein klumpfüßiges Künstler-Alter-Ego entgegen, gekleidet in eine etwas schlabbrige Schiesser-Doppelripp-Unterhose. Dienstfertig durfte dieser Mensch namens Wurm der Mäzenatin "Cosima Grollfeuer" den Fuß "anschleimen und ablecken". Am Ende schlüpfte er in den mütterlichen Uterus zurück. "Der Charme der Idiotie ist verdampft", hieß es bei Schwab. Prophetische Worte.
* Als Dirigent bei den Ludwigsburger Schloßfestspielen.

DER SPIEGEL 47/1992
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