31.08.1992

Die Drohne der Schöpfung

Das Urteil des Feminats ist längst gesprochen, der Prozeß geht trotzdem weiter. Verurteilt: der Mann wegen unverbesserlichen Mannseins. Die Strafe: lebenslänglich Objekt feministischer Beziehungsliteratur zu bleiben. Die Aussicht auf Bewährung: gegen Null.
Soweit die Lage im groben und ganzen. Trotzdem kann es für den Mann nützlich sein, die feministischen Strafpredigten genau zu verfolgen. Denn auch wenn Frau den Stab gebrochen hat: Der Trieb treibt trotzdem. Der fortschrittliche Mann muß wissen, wie er, den alten Adam unterm lila Büßergewand versteckt, frauenbewegungsmäßig am besten durchkommt. Die Zeiten, da er sich mit der demütigen Hocke beim Pinkeln als praktizierender Feminist meinte ausweisen zu können, sind vorbei. Frauen sind nicht nur penibel, sie sind sensibel.
Busen wogen gern für Büßer, fortschrittliche Frauenherzen erliegen, wenn überhaupt, männlicher Zerknirschtheitsdarstellung. Der moderne Don Juan sollte zeigen, wie schwer er an seiner Geschlechtsrolle trägt: "Reich mir die Hand, mein Leben" - vergiß es, Alter. "Ich glaube, du könntest mir helfen, mein Authentizitätsproblem zu verstehen", summt der moderne Don Giovanni.
Wer genau wissen will, wie Männer (sich) aufspielen sollten, um von feministischen Frauen erhört oder wenigstens gehört zu werden, wird nirgends besser bedient als bei den österreichischen Soziologinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer. Zwar hieß deren Erfolgsbuch auf dem unersättlichen Markt für Beziehungsliteratur "Laßt endlich die Männer in Ruhe" - doch die beiden geschliffen formulierenden Scharfzungen taten das Gegenteil. Unerbittlich setzten sie den Schwächen des sogenannten starken Geschlechtes nach.
In ihrem jüngsten Buch stellt das Autoren-Duo den Mann als Beziehungsmissetäter an den Pranger*: Vom Backlash, der frauenfeindlichen Identitätssuche der neuen Männerbewegung, um den letzten Rest von Verstand gebracht, präsentiere er sich in der Partnerschaft als verhaltensgestörtes Vorzeitwesen. Statt sich um die praktischen Belange _(* Cheryl Benard/Edit Schlaffer: "Ohne ) _(uns seid ihr nichts". Wilhelm Heyne ) _(Verlag, München; 240 Seiten; 29,80 Mark. ) des Zusammenlebens zu kümmern, terrorisiere die Drohne jede Frau mit Passivität und Gefühlsambivalenz. Hin- und hergerissen zwischen Sucht nach und Flucht vor Nähe, ziehe der Mann seine feige Spur und lasse enttäuschte Frauen und zerstörte Familien hinter sich.
Die besondere Finesse der Österreicherinnen besteht darin, daß sie in ihrem Bestiarium virorum, ihrer Sammlung von Interviews mit geständigen Männern, nur solche Kerle präsentieren, die es der Frauenbewegung so recht wie möglich machen wollen. Einer in dieser Sammlung, ein Joe aus Essen, gibt sich alle erdenkliche Mühe, den kleinen Unterschied vergessen zu machen.
Unstet war seine Jugend, unglücklich die Beziehung zum weiblichen Geschlecht, bis Joe in der Uni Arabella erblickte und sich sofort in sie verliebte.
Irgendwann kam ein Kind, dann kamen die Wäscheberge und schließlich Joes Versagen: Er wollte sich drücken vor dem Wäschewaschen, was Arabella nicht gefiel. Joe war verzweifelt über sich und darüber, daß "sie nicht an ihn" herankam. Doch er bekam noch einmal eine Chance: "Ich seh'' doch, daß du einen anderen Kern hast", sprach Arabella. Der gute Kern im bösen Mann - Joe hatte kräftig zu schälen.
Verständlich, daß Joe ausbüchste, aber die Reue über sein defizitäres Mannsein holte den braven Feministen ein: "Ich konnte nicht verdrängen, daß sie recht hatte."
Der Bußfertige bekam von Arabella ein Selbsterfahrungswochenende und unschätzbaren Rat geschenkt: "Ich glaube, was sie vor allem von mir möchte, ist, daß ich authentisch bin."
Armer Joe. Hast brav dein Mater, peccavi aufgesagt, hast paradoxe Aufforderungen wie "Sei authentisch" (was so idiotisch klingt wie das Sponti-Geheiß "Sei spontan") ertragen, warst ein Mann unter 1000 Befehlen und bist doch durchgefallen: "Er ist nicht authentisch, nicht für sich selber und nicht für andere, weil er ständig einem Bild von sich selbst als Mann nachjagt", lautet das unbarmherzige Urteil der Soziologinnen.
Wehe den Männern, die sich alle Frauenschelte so stark zu Herzen nehmen: Sie werden überrollt. Wie kleine Jungen müssen sie sich ducken, so ungehalten kanzeln die strengen Mütter Benard/Schlaffer die Männer ab. Die Strafpredigt bezieht in der Tat ihren bestechenden rhetorischen Schwung aus der Ungeduld, die sich angesichts der verstockten, lernunfähigen Männer einstellt. Den Frauen reicht''s.
Aber das reicht nicht jedem. Gegen die Art, wie die Wiener Wissenschaftlerinnen ihre vorgefaßten Ansichten mit Interviews belegen, wie sie aus Meinung und jeweils passender Authentizität ihre Bücher zusammenbauen, gibt es Protest. So moniert der Hamburger Psychologe Peter Hofstätter anläßlich der Benard/Schlafferschen Väter-Studie: "Alle Achtung vor soviel Fleiß, aber für die kühne Behauptung, daß sich ,das Denken der Frauen seit dem Paläolithikum weit mehr verändert hat'' als das der Männer, sind die ,unzähligen'' Interviews, die vielleicht nur einige Dutzend waren, arg wenig."
Allerdings gibt es gegen diesen Einwand ein berechtigtes Argument: Die Mühlen der Wissenschaft mahlen so langsam, daß es wahrscheinlich wieder Steinzeit würde, bis die Wissenschaft überhaupt definiert hätte, was das Geschlecht sei, ganz zu schweigen von empirisch sauber belegten Beziehungsbilanzen.
Widerspruch läßt sich aber gegen die einseitige Aufteilung der Täter- und Opferrollen in dieser Beziehungsanalyse erheben. Das ist - bei aller Sympathie für Polemik - dann doch ein bißchen schlicht, daß es hie die Frau als einzige Besitzerin der Normalität geben soll und dort den chaotischen Mann. Diese Sicht schafft eine Mengenlehre, deren Aufteilung zwar sauber ist, aber trotzdem falsch. Im Dunkel der Beziehungskiste mit all den Projektionen und Unsicherheiten, den symbiotischen Überlagerungen wird die Schuldzuweisung nach Geschlecht problematisch.
Für Benard/Schlaffer hat die Frau ihre Gründe, wenn sie fremdgeht. Der Mann hingegen ist ein Feuerleger. Sie holt sich, was sie von ihrem Partner nicht bekommt. Er schädigt "unter dem bunten Banner der Freiheit" die Seele seiner Frau und seiner Kinder. Nicht, daß es ihm um Sex mit der anderen ginge; er ist untreu, weil hilflos seiner Selbstdestruktion ausgeliefert: "Er ist der Handelnde im Sinne eines bösen kleinen Kindes, das Spielsachen zertrümmert und insgeheim wartet, von seiner Mutter gehindert zu werden."
Doch nicht nur das moralische Hantieren mit Schuld (das an alte christliche Sittenlehre erinnert) stört; unangenehm ist auch die Besserwisserei. Hegel sagt, daß die Philosophie ihr Grau in Grau malt, wenn die Gestalt des Lebens alt geworden ist. Für den Benard/Schlafferschen Feminismus gilt, daß er sein lila Schauergemälde vom bösen Mann malt, wenn die Liebe und der Rausch der Sinne verflogen sind.
In einer Affäre, die nur das Jetzt kennt, in der Männer und Frauen ineinander verschmelzen wollen, bis sie nicht mehr wissen, wer sie sind, ist die Frage, wer wie seine Geschlechtsrolle behauptet, vielleicht ein unbewußtes Moment - aber keine Maxime fürs richtige Handeln.
Klar: Unter Emanzipationsgesichtspunkten war Fontanes Effi Briest bescheuert, sich als verheiratete Frau in die heillose Affäre mit einem Offizier zu verstricken. Und Madame Bovary hätte in der Frauengruppe heftig klagen können gegen den luschigen Kavalier, der sie sitzenließ. Hinterher ist Frau schlauer.
Doch die Leidenschaft funktioniert, wenn sie tobt, nicht nach den Regeln der Normalität. Wer wie ein gestrenges Burgfräulein von den Zinnen der Geschlechtertürme auf die Liebe blickt, hat zwar die Draufsicht der höheren Perspektive. Doch von unten, wo die Gefühle herrschen, sieht sich alles anders an.
Benard/Schlaffers Sichtweise erzeugt blinde Flecken. Sind es denn nur verschrobene Psychonanalytiker, die in der Angst der Männer vor zu großer Nähe keine pathologische Flucht vor Gefühlen, sondern viel eher einen notgedrungenen Weg männlicher Sozialisation sehen? Weil der Knabe wegen seines störenden Penis schon früh aus der Symbiose mit der Mutter geworfen wird, macht er sich bald selbständig. Verschmelzung bleibt lebenslange Sehnsucht, die Angst, aus einer engen Gefühlsverbindung fortgeschickt zu werden, bedrängende Gefahr. Und umgekehrt: Auch die Wünsche der Frau nach Nähe mit dem Mann könnten nicht so rein sein, wie Benard/Schlaffer sie beschreiben, sondern latent aggressiv.
Dafür sprechen schon die Grundforderung des Buches, daß Männer mit Haut und Haaren auf die Gefühle der Frauen eingehen sollen, sowie die Drohung des Titels: "Ohne uns seid ihr nichts". Im Klartext heißt die Botschaft: Männer, kommt zu uns und löst euch auf.
So gesehen könnte der wohl versöhnlich gemeinte Schluß des Buches bange machen. Die Autorinnen meinen, wenn heute Michelangelo noch einmal den Mann zu malen hätte, würde er nicht mehr den heroischen Halbgott auf die Leinwand pinseln, der sich mit ausgestreckten Armen dem Weltall hingibt, sondern "den zögernden Badegast, der für alle Ewigkeit am Rand des Beckens stehenbleibt".
"Spring doch", rufen die Bademeisterinnen Benard/Schlaffer dem Zögernden zu. Das Wasser sei lau und gar nicht so schrecklich tief.
Das ist ja das Problem: Wer in seichtes Wasser springt, kann sich leicht blaue Flecken holen. Oder Schlimmeres.
* Cheryl Benard/Edit Schlaffer: "Ohne uns seid ihr nichts". Wilhelm Heyne Verlag, München; 240 Seiten; 29,80 Mark.
Von Nikolaus v. Festenberg

DER SPIEGEL 36/1992
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