16.11.1992

GESTORBENGiulio Carlo Argan

83. Es sollte ein Signal gegen Stadtzerstörung und Bauspekulation sein, als der Kunsthistoriker Argan 1976 an der Spitze einer Linkskoalition römischer Bürgermeister wurde. Nach drei Jahren "großer Sorge und unendlicher Mühe" schied er aus dem Amt, ohne Wesentliches bewegt zu haben. Seine Sphäre waren die Kunst und deren Erforschung, die der bis zuletzt bekennende Kommunist aber stets im Zusammenhang mit historischen und politischen Entwicklungen sah. Argan, in Turin geboren, war als Universitätslehrer und schon vor dem Zweiten Weltkrieg auch in der staatlichen Verwaltung für Denkmalpflege und Museen tätig. Sein in zahllosen Publikationen erschlossenes Forschungsgebiet erstreckte sich von der Romanik bis ins 20. Jahrhundert, seine persönlichen Kontakte bezogen Gropius, Picasso und Moore ein. Der gelegentlich etwas glatte Fortschrittsbegriff, den er verfocht, geriet vor allem ins Zwielicht, als Argan 1977 sogar in Moskau gegen eine venezianische Biennale von Ost-Block-Dissidenten polemisierte. Energisch setzte sich der Forscher-Politiker gegen die Abwanderung italienischer Kunstschätze ein - so noch neun Tage vor seinem Tod in einem SPIEGEL-Interview (Nr. 46/1992). Giulio Carlo Argan starb am vergangenen Mittwoch in Rom an einem Herzinfarkt. *ÜBERSCHRIFT: URTEIL

DER SPIEGEL 47/1992
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