02.03.1992

TreuhandAlles ganz einfach

Eineinhalb Jahre verhandelte Bahlsen über den Kauf einer sächsischen Waffelfabrik. Jetzt gab der Investor entnervt auf.
Die deutsche Vereinigung hat Werner Gliem, 63, einige bittere Erfahrungen beschert. Der Bahlsen-Manager fühlt sich vorgeführt, "wie ein Bär, den man an einem Nasenring durch die Manege zieht".
Deutschlands größte Keksfirma wollte in Dresden eine Waffelfabrik kaufen. Gliem führte die Verhandlungen, eineinhalb Jahre lang. Nun hat der Keks-Manager genug. Bahlsen, sagte er den Dresdner Treuhändern definitiv, sei "nicht mehr interessiert".
Für die Treuhand ist das eine schwere Schlappe. Die Privatisierungsagentur bemüht sich schon lange um ein positives Image, weltweit wirbt sie mit großen Anzeigen um Investoren.
Die Anzeigen sind teuer, die Schlagzeilen im Fall Bahlsen gibt es kostenlos. Zwar klagen immer wieder Investoren über Ärger mit der Treuhand. Aber Konsequenzen wie Bahlsen hat eine bekannte Firma noch nie gezogen.
Die Treuhand hat nicht nur den Spott, sondern auch den Schaden. Nun muß sie sich wieder selbst um die Dresdner Dauerbackwaren GmbH, ehemals Wörmann AG, und ihre 120 Beschäftigten kümmern. Und all das ist eine Folge dilettanischer Verhandlungen.
Eigentlich wollte die Dresdner Treuhand-Filiale die marode Keksfabrik unbedingt loswerden. Die Produktion ist nur zu einem Drittel ausgelastet, einziger Abnehmer: Bahlsen. Statt der notwendigen 20 Millionen Mark Umsatz schaffte die Firma im vergangenen Jahr gerade 2,5 Millionen. Verlust allein im letzten Jahr: rund 5 Millionen Mark.
Bahlsen wollte sich dort dennoch engagieren, vor allem wegen der gut ausgebildeten Bäcker. In Radeberg bei Dresden wollen die Hannoveraner nämlich für rund 85 Millionen Mark eine neue Keksfabrik bauen. Bis die Produktion anläuft, voraussichtlich Anfang 1995, sollte die Belegschaft bei der Dauerbackwaren GmbH gehalten werden.
Doch dann begannen die endlosen Verhandlungen mit der Treuhand. Immer wieder tauchten neue Schwierigkeiten auf, und alte Abmachungen zählten nicht mehr.
Die Treuhand, damals noch in Halle, signalisierte zunächst Interesse an einer Vermietung des Betriebs. Die Hannoveraner machten sich ans Werk. Bahlsen ersetzte alte Maschinen, schulte Mitarbeiter, kümmerte sich um die Bilanzen, übernahm das Marketing. Nur ein rechtsgültiger Mietvertrag mit der Treuhand fehlte noch.
Die Akten waren inzwischen von Halle zur neuen Treuhand-Filiale nach Dresden gewandert. Und damit änderte sich alles. Otto Oechsner, Privatisierungsdirektor in Dresden, wollte das 23 500 Quadratmeter große Areal nicht mehr vermieten, sondern verkaufen.
Bahlsen hatte daran wenig Interesse. "Schließlich", sagt Gliem, "sind wir Keksbäcker und keine Immobilienmakler." Bei einem geselligen Abendessen im Dresdner Hotel Bellevue kam jedoch eine Einigung zustande. Die Hannoveraner wähnten sich am Ziel.
Da wechselte der Treuhand-Direktor in die freie Wirtschaft, und mit ihm verschwanden die Protokolle der Verhandlungen. Sein Nachfolger Reiner Wilke, 30, hatte ganz andere Vorstellungen. Einen großen Teil der Altlast-Sanierung sollten die Westler selbst tragen.
Die Bahlsen-Vertreter stimmten zu, "zähneknirschend", wie sie sagen. Doch nun wollte der Treuhand-Direktor nicht mehr verkaufen, sondern nur noch vermieten. Mitte Oktober, nach über einem Jahr, waren die Verhandlungen wieder am Anfang angekommen.
Nach Ansicht der Treuhand gab es nämlich ein neues Problem: die Alteigentümer. Die Kaiser's-Kaffee-Geschäft AG war vor dem Krieg Mehrheitsaktionär bei Wörmann.
Aber Kaiser's ist eine hundertprozentige Tochter der Tengelmann-Gruppe, und die wiederum einer der größten Abnehmer von Bahlsen. Deshalb hatten sich die beiden Geschäftspartner schon im Herbst geeinigt, Tengelmann wollte das Grundstück nun der Treuhand verkaufen.
Zum Vertrag kam es dennoch nicht. Gemeinsam machten Bahlsen und Tengelmann Druck. Am 2. Februar begann in Köln die Süßwarenmesse, dort wollte Bahlsen die Waffeln aus Dresden den Einkäufern präsentieren.
Endlich, am 28. Januar, sollte der fertige Vertrag im Treuhand-Ausschuß verabschiedet werden. Warum auch das schiefging, weiß niemand so recht.
Da hatte Bahlsen endgültig genug. Und die Treuhand rätselt noch immer, warum. Immerhin räumt Wilke ein, "daß der Fall hier nicht unbedingt eins a gelaufen ist". o

DER SPIEGEL 10/1992
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