16.08.1993

FernsehenIm Schatten des Riesen

Der Programmdirektor von Sat 1, Heinz Klaus Mertes, trimmt den Privatsender zum Superwahljahr 1994 auf totalen Kohl-Kurs.
Auf den Kanzler läßt Heinz Klaus Mertes, 50, nichts kommen. Helmut Kohl sei ein "großer Mann", schwärmt der Programmchef Information des TV-Senders Sat 1. In seiner Jugend hat Mertes den Unionspolitiker sogar als eine Art "Rudi Dutschke der Konservativen" verehrt.
Das einzige, was den Polizistensohn aus der Eifel traurig stimmt, ist die zunehmende politische Einsamkeit seiner Leitfigur. Kohl werde "zum verdrängenden Unikat, in dessen Schatten nicht mehr viele gedeihen können".
Mertes, selbst CSU-Mitglied, hofft, daß sein Idol in Bonn noch lange regiert. An ihm soll es nicht liegen: Der vom konservativen Axel Springer Verlag sowie von Kohl-Freund und Medienmogul Leo Kirch beherrschte Privatsender Sat 1 wird von Mertes rechtzeitig zum Wahljahr auf Kohl-Kurs eingeschworen.
Der schwarze Kanalarbeiter, einst Moderator des ARD-Magazins "Report" aus München und bis Ende 1992 TV-Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, ist dabei, das Informationsprogramm seines Senders umzubauen.
Liebling Kohl wird in Sat 1 mehrmals im Wahljahr exklusiv zu erleben sein. "Zur Sache, Kanzler" ist der Titel der Show, in der Helmut Kohl schon viermal aufgetreten ist, zuletzt in einer Bauernstube in St. Gilgen am Wolfgangsee, seinem Urlaubsort. "Zur Sache, Schätzchen" heißt die Gesprächsrunde, bei der verschreckte Journalisten Stichworte geben, im Branchenspott.
Von Jahresende an strahlt Hofberichterstatter Mertes zudem jeden Sonntag um elf ein Magazin aus. Der konservative Katholik glaubt: "Nach der Kirche wird in Deutschland politisiert - im Wirtshaus und anderswo. Das gehört zum Biorhythmus der Gesellschaft."
Mit dem neuen Magazin, parallel zur "Sendung mit der Maus" im Ersten, verstößt Mertes gegen den geheiligten TV-Komment. 1994 wird in der Bundesrepublik 19mal gewählt. ARD und ZDF verzichten seit jeher an Wahlwochenenden auf Polit-Sendungen, um sich nicht dem Vorwurf unlauterer Wählerbeeinflussung auszusetzen.
Doch von solcher Ehrpusseligkeit hält Mertes so wenig wie von der ARD-Initiative, Wahlwerbung im Fernsehen zu verbieten, um rechtsextremen Parteien keine Plattform zu geben. Die Spots, sagt Mertes, würden doch zu einer höheren Wahlbeteiligung führen.
Im Gerangel um Einfluß und Einschaltquoten leistet sich der TV-Karrierist nun aber ein Debakel. Der tollkühne Plan, das ZDF (Mertes: "Riese auf tönernen Füßen") bei den Nachrichten zu attackieren, zerplatzt. Das von 18.30 auf 19.00 Uhr verlegte, aufgepeppte Sat-1"Newsmagazin" verlor in direkter Konkurrenz zu "heute" eine Million Zuschauer.
Das Sendungsbewußtsein von Mertes imponiert Kirch, dem Sat-1-Eigner, dennoch. Der Filmhändler mag den CSU-Mann auch menschlich, seit er weiß, daß Mertes wie er am 21. Oktober geboren ist. Leo Kirch hält das für ein gutes Omen.
Beim Bayerischen Rundfunk hatte Mertes weniger Glück. Nach nur 16 Monaten neutralisierte der Sender den TV-Chefredakteur wegen seines brachialen Umgangs mit politisch mißliebigen Zeitgenossen. Rundfunkräte wie der Karikaturist Ernst Maria Lang empfanden die Art, wie Mertes in "Report" dem Stasibelasteten brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) den Rücktritt empfahl ("Ihnen in die Augen gesagt"), als "inquisitorisch".
Ihnen mißfiel auch, daß der Scharfzüngler seinen Lieblingsfeind, den Enthüllungsautor Günter Wallraff, in einem harschen ARD-Kommentar der "Tagesthemen" als Ex-Stasi-Agenten abmeierte. Mertes' einziger Beleg: eine haltlose Story des mittlerweile eingestellten Ost-Schmuddelblatts Super aus dem Burda-Verlag.
Die Schatten seiner Laufbahn holen Mertes hin und wieder ein. Vor kurzem stellte ihm das Amtsgericht München wegen eidesstattlicher Falschaussage einen Strafbefehl über 18 000 Mark zu.
Journalist Mertes hatte einen Prozeß gegen die SPD, die ihm Nachrichtenfälschung vorwarf, zwar teilweise gewonnen, dabei aber womöglich gelogen. Nun will Mertes nicht zahlen, sondern lieber ein Gerichtsverfahren durchstehen.
Daß er aneckt, stört den Mann mit der Mecki-Frisur wenig. Mertes locker: "Ich bin nun mal kein Konvergenzmodell." Nichtachtung trifft ihn härter. Etwa der Flop seines Anti-Wallraff-Buches "Ali - Phänomene um einen Bestseller". Das Werk fand nur 20 000 Käufer. Mertes hatte auf 400 000 gehofft.
Im "Nahkampfmedium Fernsehen" (Mertes) half dem TV-Mann stets sein CSU-Parteibuch. Er hat es seit 1968. Damals veranlaßten ihn Münchner Apo-Krawalle, den Christsozialen beizutreten.
In seinem Wohnort Tutzing am Starnberger See bekämpfte der Überzeugungstäter lange Zeit den allgewaltigen CSU-Bürgermeister, weil der für eine liberale Asylpolitik ist. Mertes konnte den Mann zwar nicht kippen, gewann aber eine wertvolle Erfahrung: Der Amateurpolitiker lernte den steigenden Adrenalinspiegel eines Redners zu genießen, der vor 300 Leuten spricht und nicht weiß, wo die Mehrheit ist: "Einen Saal zu sich rüberzuziehen, das ist schöner als alles andere."
Außer der CSU fühlt sich Mertes vor allem der Kirche verbunden. Als "Alter Herr" unterstützt er den Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV), einen Interessenklüngel, dem die Spitzen des Bayerischen Rundfunks angehören, Intendant Albert Scharf etwa und der Chef des Rundfunkrats, Wilhelm Fritz.
Mit einem CV-Kommilitonen allerdings hat es sich Mertes gründlich verdorben. Der Firma Arena Aktuell des TV-Produzenten Otto Erich Kress, die zu einem katholischen Firmenverbund gehört, entzog der Sat-1-Manager den Auftrag für die Sendung "Akut".
Das Politmagazin war Sat 1 zu teuer geworden und hatte sich bei Mertes verdächtig gemacht: Bei einer Befragung der Redakteure stellte der Sat-1-Aufseher wertkonservative Defizite fest. Da half auch nicht, daß ihm CVer Kress 1976 im Westdeutschen Rundfunk zu seinem ersten Auftrag, einem Film über religiöse Manager, verholfen hatte. Titel: "Haben Sie je gebetet, Boß?"
Bei der Abwicklung des Magazins kam Mertes zupaß, daß die "Akut"-Macher in ihrer letzten Sendung ihren Ruf mit einem miserablen Beitrag über Thomas Gottschalk ruinierten. "Akut" outete den Showmaster als angeblichen Fan des Sektenkonzerns Scientology - ohne einen handfesten Beweis.
Politmagazine, verfügte Mertes postwendend, werden bei Sat 1 künftig nur noch im eigenen Haus produziert.
Mit Gottschalk hat sich Mertes schnell ausgesöhnt: Er schrieb einen Entschuldigungsbrief, Sat 1 spendete 50 000 Mark für die Kinderstiftung des TV-Stars. Die Harmonie kommt nicht von ungefähr: Auch Gottschalk ist "Alter Herr" im katholischen Cartellverband. Y

DER SPIEGEL 33/1993
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