22.02.1993

Straße der Habgier und des Schreckens

Die jungen Männer, die am Straßenrand Steine hauen, bewegen sich langsam. An ihren Beinen hängen Eisenketten. Die Lasten der Maultier-Karawanen sind unter Planen verborgen; die Fuhren transportieren meist Opium oder Heroin. Die Personenwagen, in rote Staubwolken gehüllt, haben keine Nummernschilder. Die Bewohner der Dörfer am Weg schweigen, da ein Wort mit einem Fremden sie Freiheit oder Leben kosten kann.
Ungepflastert schlingt sich die Straße steile Hügel hinauf, schneidet durch dunkle Schluchten, überquert stürzende Bäche und dringt immer tiefer in ein Gebiet, das bis vor kurzem noch von Aufständen heimgesucht und von Kriegsherren beherrscht wurde. Ausländern war es verschlossen: Burmas Goldenes Dreieck, eine Region im Grenzgebiet zwischen Thailand, Laos und China, aus der 60 Prozent des Heroins stammen, das im Westen verkauft wird.
Die Straße ist nur ein paar Meter breit, ein holpriger Stein- und Sandstreifen. Im Oktober 1992 wurde sie freigegeben, und sie ist die erste Landverbindung zwischen Burma und der Außenwelt: 172 Kilometer von der thailändischen Grenzstadt Mae Sai bis zur alten Fabelstadt Kengtung, weitere 90 Kilometer bis zu Chinas Grenzprovinz Yunnan.
Manche nennen sie die "neue Burma-Straße" in Anklang an die berühmte, 1154 Kilometer lange "Burma Road", die während des Zweiten Weltkriegs das von den Engländern regierte Land mit China verband. Über sie wurden damals antijapanische Widerstandskämpfer mit Munition versorgt. Andere nennen sie die "Aids Road", da inzwischen Hunderte burmesischer Mädchen auf diesem Weg in Thailands Bordelle geschafft werden; manche sind bereits wieder heimgekehrt, mit dem tödlichen Virus im Blut.
Für die Generäle der Militärjunta, die sich im September 1988 an die Macht putschten, Tausende von demonstrierenden Studenten massakrierten und die Heldin der demokratischen Bewegung, die spätere Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, immer noch in Rangun unter Hausarrest halten, ist die Straße das Symbol ihrer neuen Öffnungspolitik.
"Wir wollen aus unserer Isolierung herauskommen und endlich in die Zukunft eintreten", sagt ein Beamter am Grenzposten Tatschilek.
Doch Burmas Weg in die Zukunft sieht wie eine Straße der Habgier und des Schreckens aus. Tausende von Gefangenen und Zwangsarbeitern haben sie gebaut; genutzt wird sie hauptsächlich von Gangstern, Schmugglern und Zuhältern. Unter den hageren jungen Männern in Ketten, die sie instand halten, sind viele Studenten, die während der Demonstrationen von 1988 festgenommen wurden. Ihre Familien haben seitdem nichts mehr von ihnen gehört.
Die Militärjunta, die unter dem schönen Namen "State Law and Order Restoration Council" (Rat für die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung) regiert, stand nach ihrer Machtergreifung vor einer schwierigen Situation. Von der internationalen Gemeinschaft geächtet, herrschten die Generäle über ein Land, das durch jahrelange Isolierung eines der ärmsten der Welt geworden war. Die einzige Möglichkeit, zu Geld zu kommen, bestand in der Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe, vor allem der dichten Wälder mit wertvollem Hartholz. Dazu brauchte die Regierung eine Verbindung zu den Märkten Thailands.
Doch bevor sie die neue Burma Road öffnen konnte, mußte das Goldene Dreieck erst einmal befriedet werden. Kein einfaches Unternehmen: Unter den verschiedenen ethnischen Minderheiten, die alle ihren eigenen Unabhängigkeitskampf gegen Rangun fochten, gab es das alte Volk der Schan sowie zähe, von China unterstützte kommunistische Guerilla-Kämpfer, die sich hauptsächlich aus ehemaligen Kopfjägern des Stammes Wa rekrutierten.
Statt zu versuchen, das Problem militärisch zu lösen, machte die Junta den Rebellen einen simplen Vorschlag: "Hört auf zu kämpfen und steigt ins Geschäft ein! Wir werden uns nicht einmischen."
Der Appell wirkte. Binnen kurzem erlosch der kommunistische Widerstand. Die Aufständischen behielten zwar ihre Waffen, aber statt die Regierung zu bekriegen, mehrten sie ihren Reichtum. Die ausgebesserte Straße, nunmehr vor Überfällen sicher, wurde zu Transporten jeder Art benutzt - Opium, Jade, Mädchen, Antiquitäten und Autos.
Jeden Tag überquert ein Konvoi nagelneuer Toyota-Coronas ohne Nummernschilder den thailändischen Grenzort Mae Sai und strebt der chinesischen Grenze zu. Die Fahrer zahlen 1200 Dollar Schmiergeld für jedes Auto an das burmesische Militär. Der Erlös für jedes abgelieferte Auto in China beträgt 10 000 Dollar. Auf der Rückreise bringen sie chinesische Konsumgüter mit und schmuggeln burmesische Waren nach Thailand.
Westlich von Tatschilek befindet sich ein ungewöhnliches Dorf, in dem die meisten Männer mit Sprechfunkgeräten ausgerüstet sind. Es ist der Sammelort für das Heroin, das von dort nach Thailand weitergeschleust wird.
Der Frieden brachte das Opiumgeschäft zum Blühen. 1988, vor dem Pakt zwischen Ranguns Generälen und den Rebellen, waren 90 000 Hektar mit weißen und roten Mohnblumen bepflanzt. Dieses Jahr sind es 160 000 Hektar geworden. 1988 betrug die Gesamtproduktion an Rohopium 300 Tonnen. Die neue Ernte wird mindestens das Dreifache erbringen.
Neben Opium wirft der Mädchenhandel die besten Gewinne ab. "In jedem Dorf sieht man sofort, welche Familie eine Tochter in Thailand hat", sagt ein Missionar. "Ihr Haus ist vergrößert und erneuert."
Thailändische Banden erklären den Eltern, sie brauchten junge Arbeitskräfte für Thailands Fabriken; sie holen sich Mädchen, die manchmal nicht älter als 13 Jahre sind. Mit Hilfe des burmesischen Militärs, das dafür bezahlt wird, überqueren sie ohne Dokumente die Grenze - Nachschub für Thailands weitverzweigte Sexindustrie.
Als Mitte vorigen Jahres eine Gruppe burmesischer Prostituierter aus Thailand ausgewiesen wurde, weil sie HIV-positiv waren, ging in Bangkok das Gerücht um, das Militär habe die Heimkehrerinnen mit Cyanid-Spritzen umgebracht.
Die Generäle haben den neuen Frieden benutzt, um ihre militärische Präsenz im Goldenen Dreieck mächtig zu verstärken. Kasernen wurden entlang der neuen Straße gebaut, Stützpunkte der Armee beherrschen die Hügel rund um Kengtung.
Vor zwei Jahren beschloß die Junta, dem Nationalismus der widerspenstigen Volksstämme im Goldenen Dreieck einen symbolischen Schlag zu versetzen. Kengtung war seit Jahrhunderten ein Kulturzentrum der Schan gewesen. Ihr König, "Sawbaw" genannt, war auch zur britischen Kolonialzeit als selbständiger Herrscher anerkannt.
Im Herzen Kengtungs stand noch immer der Traumpalast, den der damalige Sawbaw sich zu Anfang des Jahrhunderts nach dem Modell einer indischen Maharadscha-Residenz hatte bauen lassen - ein Symbol der verlorenen Unabhängigkeit und der untergegangenen Dynastie, die über 650 Jahre regiert hatte. Im Januar 1991 rückten Soldaten an und walzten den Palast mit Bulldozern platt.
Die königlichen Kunstgegenstände tauchten später in Thailands Antiquitätenläden wieder auf. Auf den Trümmern des Palastes soll bald ein Touristenhotel mit 200 Zimmern entstehen.
Als letztes Andenken an die alten Zeiten sind nur noch fünf Königsgräber übrig, von hohen Mauern umgeben und dem Publikum verschlossen. Die Militärregierung will sie ebenfalls einebnen. "Wir leben in Angst vor der Armee. Niemand wagt zu protestieren", flüstert eine Frau in einem kleinen Laden.
Wie überall in Burma hatte bei den Wahlen vom Mai 1990 auch in Kengtung die National League for Democracy der Nationalheldin Aung San Suu Kyi, heute 47, die absolute Mehrheit gewonnen. Die Militärs ignorierten das Ergebnis. Seitdem ist die Oppositionsführerin offiziell eine Nichtperson. Für ihre Freiheit demonstrierten in der vergangenen Woche im benachbarten Thailand acht Friedensnobelpreisträger, unter ihnen der Dalai Lama und Südafrikas Erzbischof Desmond Tutu.
Burmas Militärjunta hält die Fiktion aufrecht, daß die Oppositionspartei noch am Leben sei. Auf einem zweistöckigen Gebäude in der Nähe des Markts von Kengtung steht: National League for Democracy. Wer durch das Eisentor geht, gelangt wie zum Hohn in ein Porno-Kino. Der Verkäufer der Eintrittskarten behauptet, er sei der lokale Parteisekretär. Die Leute in der Nachbarschaft dagegen sagen, er sei ein Spitzel.
Porno-Kinos sind nicht die einzige Neuerung in Kengtung. Obwohl die Stadt nur alle zwei Tage drei Stunden lang Strom hat, gehören Videokassetten aus Thailand zur begehrtesten Ware. In kleinen Läden, die Videospiele anbieten, drängen sich Kinder - darunter auch manch junger Mönch, der aus einem der 32 uralten buddhistischen Klöster der Stadt kommt.
Die prominentesten Bürger unter Kengtungs 30 000 Einwohnern sind Chinesen. Als der Diktator Ne Win 1962 die Macht an sich riß, den Handel verstaatlichte und das Land der Tempel und Pagoden auf den "burmesischen Weg zum Sozialismus" zwang, flohen viele Chinesen ins Ausland. Seit 1988 sind sie, mit Hilfe der Putschgeneräle, wieder da. Ihnen gehören heute alle wichtigen Läden.
Auch das Drogenmonopol der Kengtung-Region ist in der Hand von zwei Chinesen. Sie waren einst als Rotgardisten nach Burma gekommen, um mit der maoistischen Guerilla-Bewegung gegen Rangun zu kämpfen. Nach dem Friedenspakt wurden sie zu den einflußreichsten Geschäftsleuten Kengtungs.
Burmas Machthaber haben in Peking ihren besten Verbündeten: China liefert Waffen im Wert von 1,2 Milliarden Dollar; Burma bietet den Chinesen die Möglichkeit, ihren Drang nach Süden zu verwirklichen. Chinesische Ingenieure setzen zwei burmesische Häfen am Golf von Bengalen instand. Sie könnten Pekings Marine bald als Versorgungsbasis dienen.
Die neue Burma-Straße dient ebenfalls chinesischen Interessen. Deren Konsumgüterindustrie braucht neue Märkte. Peking möchte deshalb die staubige Straße in eine Autobahn verwandeln.
Die Thai sind am Ausbau der Straße genauso interessiert. Sie wollen ihr Land zum Kreuzpunkt einer neuen südostasiatischen Wirtschaftsregion machen, die Südchina, Laos, Kambodscha und Vietnam umfaßt. Schon bauen sie eifrig an eigenen Autobahnen, die in Richtung Burma und Laos führen.
Das so lange abgeschottete Burma wird dabei zum Vorposten eines zügellos expandierenden Kapitalismus - und die Grenze nach Thailand zum Schauplatz für alle möglichen dubiosen Geschäfte. Vor einem Monat kam Burmas starker Mann, Geheimdienstchef General Khin Njunt, über die Grenze nach Mae Sai und traf sich mit einem japanischen Händler. Gegen zwei Taschen voll Dollar übergab er eine Jadelieferung. Etwa 30 Kilometer weiter östlich bauen Ranguns Generäle zusammen mit ihren thailändischen Kollegen am Ufer des Mekong, wo sich die Grenzen von Thailand, Burma und Laos berühren, ein riesiges Spielkasino.
Fast drei Jahrzehnte lang hatte Burma unter der Diktatur von Ne Win in völliger Abgeschiedenheit gelebt. Die Absage an Demokratie und Modernisierung führte das an Bodenschätzen reiche Land in Ruin und Barbarei. Dafür versprach der Diktator, Burmas Seele vor den Übeln der modernen Zeit zu retten, die traditionelle burmesische Kultur unversehrt zu erhalten - wie ein in der Zeit eingefrorenes Kleinod.
Mit der Eröffnung der neuen Burma-Straße haben die Nachfolger das Land jetzt auf einen Kurs gebracht, dessen Folge vorhersehbar ist: der Ausverkauf an die reicheren Nachbarn.
Tatschilek, der erste Flecken Burmas nach der Brücke über den Mae-Sai-Fluß, ist dafür ein Spiegel. Die kleine Grenzstadt hat bereits 14 Spielkasinos; Heroin ist leicht zu haben. Die Händler nehmen keine burmesische Währung. Nur Thai-Baht sind gültig. Eine riesige Diskothek mit kleinen Privatzimmern ist in Bau. Die Besitzer sind Thailänder.
"Wir sind fest entschlossen, unsere Unabhängigkeit zu verteidigen", verkündet die Junta auf einem Poster im Stadtzentrum. Das alte Fußballfeld daneben ist schon an thailändische Geschäftsleute verkauft - sie wollen einen Supermarkt darauf errichten.
*VITA-KASTEN-2 *
Drei Jahrzehnte lang hatte sich Burma, das Land der Pagoden und buddhistischen Mönche, gegen Fortschritt und Modernisierung abgeriegelt. Jetzt will die Militärdiktatur den verarmten Staat in die kapitalistische Zukunft führen - mit Spielkasinos, Mädchenhandel und Heroin. SPIEGEL-Redakteur Tiziano Terzani beschreibt Burmas Weg aus der Isolation.
[Grafiktext]
_166_ Grenze Burma-Laos
_____ Neue Burma-Straße
[GrafiktextEnde]
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 8/1993
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